P. Erwin Immekus

 

Heinrich Michael Knechten

 

 

 

Geboren wurde Erwin Immekus am 8. September 1924 in Hohl. Dieser Ort befindet sich nördlich des Stadtzentrums von Olpe und hat heute 75 Einwohner. Er war eines von fünf Kindern einer Bauernfamilie. Der Name "Hohl" weist auf ein Wasservorkommen hin. Die Wurzel -al / -el / -ol (fließen, strömen) lebt in Wörtern der baltischen Sprachen, zum Beispiel im lettischen aluots (Quelle) und im litauischen almeti (unaufhörlich strömen). Der Name "Immekus" wird vom Ort Imminghausen abgeleitet, der jetzt vom Biggesee überflutet ist. Imme bedeutet Biene und -us geht auf Hus, Haus zurück. Eine andere Ableitung bringt diesen Familiennamen mit dem Bach Immecke zusammen, der ein rechter Zufluss der Volme in Meinerzhagen ist. Die latinisierte Form Immekus wiese dann auf einen Hof an der Immecke hin.

 

Im April 1943 wurde Erwin Immekus als Soldat eingesetzt und geriet im Februar 1944 im Kessel von Čerkassy (Korsun’-Ševčenkovskaja operacija) in Kriegsgefangenschaft. Da er seine guten Schuhe mit den löcherigen eines russischen Soldaten tauschen musste, zog er sich Erfrierungen an den Füßen zu, die ihn aber vor der lebensgefährlichen Arbeit in den Bergwerken bewahrten. Als seine Füße wieder geheilt waren, zwang man ihn, barfuß auf blankem Eis zu stehen. Ein mitleidiger Soldat reichte ihm Schuhe. Der diensthabende Offizier schlug deswegen diesem Soldaten mit der Faust ins Gesicht, sodass das Blut nur so spritzte. Obwohl die Bevölkerung kaum das Notwendige für den eigenen Lebensunterhalt hatte, unterstützte sie doch die Kriegsgefangenen mit Nahrungsmitteln und Kleidung. Menschen riskierten sogar, dafür verhaftet zu werden. Im September 1945 entlassen, gelobte er, sein Lebenswerk russischsprachigen Menschen zu weihen.

 

Nach dem Abitur (1947) suchte er eine Gemeinschaft, die bereit war, ihn unter der Bedingung aufzunehmen, dass er sein Leben der Russenseelsorge widmen konnte. Er studierte an der Theologischen Hochschule der Gesellschaft des Katholischen Apostolates (Societas Apostolatus Catholici, Pallottiner) in Vallendar. Am 25. Juli 1954 wurde er zum Priester geweiht. Im gleichen Jahr setzte er seine Studien am Päpstlichen Collegium Russicum in Rom fort und schloss sie 1960 mit einer Dissertation über die russisch-orthodoxe Landpfarrei zu Beginn des 20. Jahrhunderts ab. Sein Doktorvater war der Kirchengeschichtler Prof. Dr. Joseph Olšr SJ. Wenn in einer Gemeinde ein guter Priester war, so führte er aus, stellte er eine kulturelle Kraft dar und war ein Ratgeber für Menschen in Not. Handelte es sich um einen gleichgültigen, habgierigen oder anstößig lebenden Geistlichen, so trug er zum Zerfall der Pfarrei bei.

 

P. Erwin suchte ab 1955 russischsprachige Familien. Dazu zog er eines Tages seinen schwarzen Talar an, setzte sich auf sein Moped und fuhr nach Bonn. Er bat um ein Gespräch mit dem Innenminister und stand nach einer Viertelstunde vor ihm. Er erhielt die Erlaubnis, bei den Kreisämtern Adressen zu suchen, und stellte fest, dass im Ruhrgebiet eine größere Anzahl von ihnen beheimatet ist. Im Juli 1960 begannen Vr. Alexander Jermolenko und P. Erwin die Seelsorge für Gläubige russischer Sprache in Essen. Von 1961 bis 1969 stand die Siechenkapelle in Essen-Rüttenscheid für Gottesdienste zur Verfügung. Vom Juli 1960 bis zum Januar 1961 hatten die Geistlichen je ein kleines Zimmer im Frauenbundhaus am Hedwig-Dransfeld-Platz in Essen als Wohnraum. Vom Januar 1961 bis zum Oktober 1966 wohnten sie in der Kaplanei der Pfarre St. Ludgerus in Essen-Rüttenscheid, Wegenerstraße 15. Sie waren zuständig für Russischsprachige in den Diözesen von Nordrhein-Westfalen.

 

P. Erwin wurde Russenseelsorger in den Bistümern Münster und Paderborn. Er richtete eine große Bibliothek mit russischer Literatur ein, um Lektüre bereitzustellen. Ab 1966 fuhr er jährlich für sechs Wochen nach Russland und für fünf Wochen in die Ukraine. Er besuchte Einrichtungen und hielt den Kontakt zwischen den Angehörigen dort und in Deutschland. Er überbrachte Geschenke und Gegengeschenke. In Russland besuchte er meist St. Petersburg, Tver', Moskau, Rostov Velikij, Syktyvkar, Volgograd und das Kuban'-Gebiet. In der Ukraine fuhr er nach Kiev, Čerkassy, Doneck, Lugansk, Charkov' und Mariupol'. Häufig war er in Minsk und im Baltikum.

 

Am 15.3.1964 wurde der Grundstein für den Bau der Neuen Kirche in Horneburg gelegt. Pater Erwin besuchte häufig russischsprachige Familien in Oer-Erkenschwick und kam auf der Fahrt dorthin an Horneburg vorbei. Er sagte sich: "Wo eine neue Kirche gebaut wird, dort wird eine alte frei." Zu dieser Zeit gab es ja kaum ungenutzte Kirchengebäude. Er nahm Kontakt zu Pfarrer August Liedmeier (1913-1995) auf und erreichte das Einverständnis des Kirchenvorstandes und der Denkmalschutzbehörde, die Alte Kirche in Horneburg nutzen zu dürfen. Das Innere der Kirche wurde in der Folgezeit für die Feier Byzantinischer Liturgie umgestaltet. 1967 wurde eine Ikonostase eingebaut. 1968 wurde diese Kirche unter dem Patronat der heiligen russischen Erstmartyrer Boris und Gleb zum Zentrum der Russenseelsorge. Zur gleichen Zeit wurde der Kirchenchor der hll. Boris und Gleb gegründet.

 

Im 19. Jahrhundert hatte es so viele Russen in Deutschland gegeben, dass für sie russische Kirchen erbaut wurden. Bekannt ist zum Beispiel der Aufenthalt von Gogol', Turgenev und Dostoevskij in Baden-Baden. Nach 1917 strömten vermehrt Flüchtlinge nach Deutschland. Während des Zweiten Weltkriegs mussten hier so genannte Ostarbeiter Zwangsarbeit verrichten. Nach 1990 kam die größte Zahl Russischsprachiger nach Deutschland.

 

 

P. Erwin Immekus am 1.2.2009 (vierzigjähriges Jubiläum des Chores und der Gemeinde) und der Journalist Jürgen Rottmann im Hintergrund. Photographie: Rudolf Grabowski.

Im Hintergrund steht Jürgen Rottmann, der am 5.10.2015 im Alter von 72 Jahren starb.

 

 

P. Erwin kümmerte sich jahrzehntelang, und ohne sich je zu schonen, um die geistlichen und leiblichen Nöte der ihm Anvertrauten. Die Idee, durch den Verkauf von Schrott Leprakranken zu helfen, kam seinem Mitarbeiter Egon Winkler während der Zeit, als er zur See fuhr. P. Erwin verkaufte auf seine Anregung hin Metall, um Mittel für das Deutsche Aussätzigenhilfswerk und für die Russlandhilfe zu erzielen. Daher wurde er manchmal als Schrottpater bezeichnet, in Anlehnung an Pater Werenfried van Straaten OPraem (1913-2003), der nach dem Krieg als Speckpater bekannt wurde. Jährlich konnte Pater Erwin 20.000 Deutsche Mark für das Aussätzigenhilfswerk überweisen.

 

P. Erwin sammelte Kleidung, Schuhe, Spielzeug, Brillen, Rollstühle, Rollatoren, Gehhilfen, Krücken, medizinische Geräte, Krankenbetten, Zubehör für Operationssäle, Fahrräder und unterstützte viele Menschen mit Geld sowie mit Beratung. Er brachte unzählige Hilfstransporte auf den Weg.

 

P. Erwin Immekus unterstützte bedürftige und kranke Menschen in der Ukraine, und zwar in dem Ort Lisitschansk, der 120.000 Einwohner hat. Dies ist eine Bergbau-Region, die unter Zechenschließungen leidet. Die arbeitslosen Bergleute waren nur schlecht gegen das soziale Elend abgesichert.

 

Seit 2008 unterstützte ihn der Verein: "Kinder helfen Kindern", Bismarckstr. 13, 45657 Recklinghausen. Vorsitzender ist Udo Hollmann.

 

Für seine Verdienste wurde P. Immekus zum Hegumen ernannt. Der Rotary-Club Datteln-Lippe zeichnete ihn mit dem Preis aus, der nach dem Chicagoer Rechtsanwalt Paul Harris benannt ist. Die UN-Kommission für Freiheit und Menschenrechte würdigte seine humanitäre Hilfe. Das Innenministerium der Ukraine dankte ihm für die Hilfe in Lisičansk, durch die 1.650 Menschen den Weg zurück in die Gesellschaft fanden. Am 31. März 2016 wurde Pater Dr. Erwin Immekus durch Regierungspräsident Prof. Dr. Reinhard Klenke in Münster mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Das Ereignis ist in dieser Photographie festgehalten.

 

Verweise

 

o       Film über P. Erwin Immekus

o       P. Erwin Immekus 1974-1994

 

Veröffentlichungen von Hegumen P. Dr. Erwin Immekus SAC

 

o       Ein zu wenig beachtetes Gebet für Rußland, in: Der christliche Osten 8 (1953), Heft 1, 14.

o       Die Russisch-Orthodoxe Landpfarrei zu Beginn des XX. Jahrhunderts nach den Gutachten der Diözesanbischöfe, Das östliche Christentum, Neue Folge, Band 30, Würzburg 1978.

o       Ökumenische Einsichten: Schlechter Dienst, in: Kirche und Leben, 26.1.1997.

 

Weiterführende Literatur

 

o      Scholz, Eberhard, Russen-Pater sägt in Jeans für Kranke. In der Kriegsgefangenschaft entdeckt er die Liebe zu Land und Leuten. Eine eigene Philosophie entwickelt. Alte Horneburger Schloßkirche erlebt manch feierlichen Gottesdienst. Inmitten von Schrott fühlt sich Pater Dr. Immekus wohl, in: WAZ, 30.9.1978.

o       "Ich wollte Menschen helfen, die uns damals geholfen haben". Pater Erwin Immekus betreut russische Christen / Ostern das "Fest der Feste", in: Westfalenpost, Ostern 1988.

o       Pater mahnt an Sowjetgräbern: "Nun Schwerter zu Pflugscharen", in: WAZ, November 1988.

o       Russenseelsorger: Weil ich die Menschen liebe. Pater Erwin Immekus hilft Lepra-Kranken jährlich mit 50.000 DM durch Schrott. Die Idee, durch den Verkauf von Schrott Leprakranken zu helfen, kam Egon Winkler während der Zeit, als er zur See fuhr. Pater Immekus zu Gast bei der KAB Speckhorn / UdSSR-Referat, in: RZ, 8.8.1990, Nr. 182.

o       "Ich bin glücklich, weil ich helfen kann!" Pater Immekus wird heute 70. Seelsorge in russischer Sprache besteht seit 25 Jahren. "Schrottpater", in: DM, 8.9.1994, Nr. 210.

o       Fridrih, Elena, Svet bol'šoj duši, in: Kontakt, Nr. 16 (59), 31.8.1997, 15.

o       Erwin Immekus: Kein Gedanke an den Ruhestand. Seelsorger wird 75 Jahre alt, in: WAZ, 8.9.1999, Nr. 209.

o       Gemeinde feiert mit Pater Goldenes Priesterjubiläum. Dr. Erwin Immekus kam 1967 nach Horneburg. Hilfprojekte, in: WAZ, 24.7.2004.

o       Salle, Hartmut, Selbst aus Kasachstan reisen Gratulanten an. Horneburg: Empfang zum 80. Geburtstag von Pater Dr. Erwin Immekus, in: DM, 9.9.2004.

o       Hildebrand, Gustav, Bei uns im Revier. Bildreportagen aus drei Jahrzehnten, Erfurt 2007, 72-79 („Für ihn ist jeder Mensch sein Nächster“. Schrott-Pater Erwin).

o       Sein Herz schlägt für Russland. P. Dr. Erwin Immekus vollendet sein 85. Lebensjahr. Dank von der UN-Kommission, in: DM, 8.9.2009, Nr. 209, S. 3.

o       Greta Ionkis, Otec Ėrvin: "Tuda duša moja stremitsja...", in: Dies., Evrei i nemcy v kontekste istorii i kul'tury, St. Petersburg 22009, 387-392.

o      Zurück in die Gesellschaft. Das Innenministerium der Ukraine dankt Pater Immekus für die Hilfe, in: DM, 13.2.2010, Nr. 37, 4.

o     Helfer brauchen Hilfe. Pater Dr. Erwin Immekus bittet um Geldspenden. Rollstühle, Krücken und Gehhilfen für Lugansk, in: DM 13.11.2010, Nr. 265, 3.

 

 

Außer diesen Quellen wurden dankbar mündliche Auskünfte von P. Erwin Immekus verwendet sowie ein Bericht über die Russische Gemeinde vom Schutze der Gottesmutter in Essen des byzantinischen Diakons Ekkehard Wegener.

 

 

 

 

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