Gabel

 

Samstag, 11.8.1990

In Maria Laach war die Buchhandlung noch geschlossen, da wir wieder früh aufgebrochen und schnell gefahren waren; die Bekannten in der Nähe waren wenig einladend, so fuhren wir wieder zurück nach Maria Laach, ich betete Brevier in der renovierten Kirche: Außer in der Anbetungskapelle hatte man alle Kniebänke abgeschraubt. Als ich das Gebet beendigt hatte, zeigte die Klosteruhr noch immer 8.10 Uhr an, da merkte ich, dass sie stehengeblieben war. In Schönstatt waren wir im Missionshaus untergebracht. Im Garten war das Heiligtum. Ich sagte, dass kirchliche und gesellschaftliche Erneuerung das Gebet braucht. Vierzigjähriges Jubiläum der Gebetsgemeinschaft, Vorabend des Thaborfestes, das auch die Vergöttlichung (theíōsis) des Menschen im Blick hat. Abend mit Liedern und Diapositiven. Als ich kein Eis nahm, fragte mich die Schwester, ob ich vielleicht eine Gurke wollte.

Sonntag, 12.8.1990

Beginn mit Liedern, Texten und Bildern, vorgeführt von den Anbetungsschwestern. 11.00 Uhr Eucharistieferier in der Anbetungskirche, die von den Türmen her an Dachau erinnert; dort war P. Josef Kentenich. Die Dreizahl erinnert an die Dreieinigkeit. In Marktheidenfeld Besuch des Lehrhauses. In Regensburg Panichida für Monsignore Klaus Gamber († 2.6.1989), in Rjasa, Epitrachil, Rukavnicy, Felon und mit Weihrauch. In der Walhalla vermisste ich eine Büste von Rainer Maria Rilke, der offensichtlich im Ausland höher geschätzt wird.

Montag, 13.8.1990

In Passau sah ich in einer Wohnung ein Kreuz aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor dem eine Bekannte beten gelernt hatte. In Thyrnau gab es bayerisches Weizenbier.

Dienstag, 14.8.1990

Morgens Terz und lateinisches Hochamt. Die Augen einer bekannten Schwester leuchteten wie eh und je, obwohl sie schon lange krank ist. Eine andere Schwester, ebenfalls krank, arbeitete an einem Monumentalgemälde „Tod und Leben“. In einem anderen Kloster Harmoniumspiel. Die beiden großen Bernhardiner des Hofes geleiteten uns zu unserer Freude heim.

Mittwoch, 15.8.1990

Morgens Konzelebration mit einem Indonesienmissionar. In Wien Besuch einer Gemeindereferentin, die demnächst in einer großen Schule als Lehrerin tätig sein wird. Beim Stephansdom statteten wir einem Gulaschmuseum einen informativen Besuch ab. Es gab Kartoffelgulasch, Gemüsegulasch, Rindfleischgulasch, Paprikagulasch und Schweinefleischgulasch.  Wir gönnten uns ein Fiakergulasch, das die Droschkenkutscher zu sich nehmen und das aus Brocken von Schweinefleisch, Rindfleisch, einem Spiegelei, einer Gurke (endlich!), Kartoffeln, Soße und einem Kipferl besteht. Im Hundertwasserhaus genossen wir das Café. Am Maurer Hauptplatz war Jiřina nicht da.

Donnerstag, 16.8.1990

In Spielberg wurde die Wirtschaft renoviert. Der Hund war den Fleischhauern nachgelaufen. Gastliche Aufnahme in Pernthon. Der Gastwirt war vor kurzem vom Speicher gestürzt, als ein Stützbalken brach; er konnte aber beim Sturz dem Balken und der Kornschubkarre ausweichen, die mit ihm hinunterstürzten. Beim Pfarrer in Kirchbach gab es Hollermost: Holunder, Zitronen und Zucker werden aufgesetzt und der Sonne ausgesetzt, dadurch erfolgt eine leichte Gärung. Bei der lustigen Verwandten in Lichtenau, die ihre Zuckerkrankheit mit Sauerkraut kuriert, gab es ausgezeichnetes Ksölchts (Geselchtes, gekochtes und gepökeltes Schweinefleisch). In Reizenorth spielte ein Bekannter auf der stairischen diatonischen Ziehharmonika.

Freitag, 17.8.1990

Morgens Konzelebration in Maria Taferl, dem zweitgrößten Wallfahrtsort in Österreich (nach Maria Zell, westlich von Wiener Neustadt in der Steiermark). Zunächst war hier ein Opferstein, dann wurden Bildtafeln von Maria und Christus an die Bäume gehängt. Abends Wolkenformationen, die an Bilder von Caspar David Friedrich gemahnten.

Samstag, 18.8.1990

In der Kapelle der Burg Ottenstein gab es Fresken aus dem 12. Jahrhundert, die 1975 freigelegt worden waren. Durbatalsperre, Schloß Krumau mit Talsperre, Ottensteinstausee, 64 m tief. Ruine. Am Hügel war eine Kapelle zum Andenken an die acht Arbeiter, die beim Bau der Talsperre umkamen.

Sonntag, 19.8.1990

In Moravec Gebet am Grab von Onkel Otto († 9.8.1974). Bei den Schwestern im Caritasheim Salzgurken. In Ketzelsburg (Kocliřov) erzählte Sr. Gustava Nĕmečková, dass es bei den Schulschwestern in Mähren einen Neubeginn gebe; in zwei Noviziatshäusern seien neunzig Schwestern.

Montag, 20.8.1990

Heilige Messe in Tschechisch. In Prag gabe es am Pořič ein zentral gelegenes Hotel. Der Veitsdom war ein Museum und daher montags geschlossen. Die Goldene Gasse mit der winzigen Wohnung von Franz Kafka. Ein Student, der sich als Materialist bezeichnete, las begeistert in einer hebräischen Bibel. Die Altneusynagoge aus dem 13. Jahrhundert in der Josefsstadt ist die älteste unzerstörte Synagoge Europas. Im Museum waren Kinderzeichnungen aus Theresienstadt. Jüdischer Friedhof. Am Altstädter Platz das Rathaus mit der astronomischen Uhr. Nepomuk auf der Karlsbrücke. Nun zur Universität! In Bologna wurde 1119 eine Rechtsschule gegründet, aus der die erste Universität Europas erwuchs, die Hochschule in Salerno begann 1050 mit einer Medizinschule, im 12. Jahrhundert folgten Montpellier und Oxford, Cambridge begann 1209, Salamanca vor 1218, Padua 1222, die Sorbonne in Paris 1257 und die Karlsuniversität in Prag 1348.

Dienstag, 21.8.1990

In der Kirche in Niemes (Mimoň) hat die Orgel eine romantische Disposition. Das Heilige Grab soll wieder aufgebaut werden. Es wird viel gestohlen und zerstört. Der Roll (Ralsko) ist 696 m hoch. Bahnstation Groß-Grünau, Post Niemes, Kreis Gabel: In Neuland am Roll (Noviny po Ral) hatte das Holzhaus der Eltern (Nr. 71) salische Bogenfenster. Während des Krieges war es Zufluchtsort der Niederrheiner. Vor 24 Jahren hatte ich noch Ruinen der Pachtgärtnerei Baum (Neuland Nr. 77) gesehen und den 1944 gepflanzten Nußbaum. Jetzt ist an dieser Stelle ein riesiges Maisfeld. Im Jahre 1945 hatte sich die Bevölkerung frühmorgens am Marktplatz zu versammeln. So standen sie im Nieselregen, ihre Habseligkeiten in der Hand, wurden gezählt und dann von bewaffneten Soldaten gezwungen, ihre Heimat zu verlssen, in der sie jahrhundertelang gelebt hatten. Das Land verlor seine frühere wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung. Gabel (Jablonné v Podieštĕdí): Großvaters Häuser und Gärtnerei. Das ältere Haus verfällt, während sich das in den 1930er Jahren erbaute gut gehalten hat, wenn es auch einen stark vernachlässigten Eindruck macht. Von der Gärtnerei war nur ein Teil genutzt. Aus vielen Kästen wuchs Unkraut. Schloß Lämberg (Lemberk): Die Renovierung ist in vollem Gang. Erste und zweite Verteidigungslinie, Turm, großer Saal, Kapelle – dies zeigte die wohlhabende Dynastie Löwenberg an, die 1241 diese Burg als Schutz gegen die Mongolen erbaut hatten. Zdislava († 1252) wurde 1907 selig- und 1995 heiliggesprochen. Ihre Vita hat Anklänge an die Elisabeths von Thuringen. Die Pfarrkirche in Gabel ist dem Petersdom nachempfunden. Als ich vor 24 Jahren hier war, hatte ein Sturm das Dach der riesigen Kuppel abgedeckt. Die Orgel war schutzlos der Witterung ausgesetzt. Jetzt ist alles prächtig hergerichtet: Dominikanerkloster mit Kreuzgang, Zdislavaaltar, Zdislavakrypta mit Szenen aus ihrem Leben, Hochaltar mit Seitenaltären. Abends waren wir im Löwen, früher ein vornehmes Lokal am Marktplatz, jetzt heruntergekommen.

Mittwoch, 22.8.1990

Die Buchstaben der Grabplatten waren abmontiert worden, eingemeißelte Schrift war abgeschlagen worden, Grabsteine umgestürzt und Grabplatten auf der Suche nach Gold verschoben worden Gärtner hatten Unkraut und Gras auf Gräbern angehäuft und verbrannt, sodaß sogar umstehende Bäume angesengt waren. Die Familiengruft war infolgedessen nicht auffindbar. An der Grenze standen Wechsler mit Bündeln von Geldscheinen in der Hand. In Leutersdorf hörten wir, dass es in den Neuen Bundesländern eine Million Kurzarbeiter gäbe, 300.000 Arbeitslose und 80.000 Jugendliche ohne Arbeitsstelle. Die Existenz der Schuhfabrik am Ort war nur noch bis Ende des Jahres gesichert. Manche machten Heimarbeit. In Zittau Grüner Brunnen, Kirche des ehemaligen Franziskanerklosters Petri et Pauli, Johanniskirche, Herkules-, Samariter- und Marsbrunnen, Marstall. In der Weberkirche spiele ich vor dankbaren Zuhörern Klavier. Auf dem Marktplatz stehen Vietnamesen mit Billigprodukten, es gibt eine Pommesbude aus Ulm und einen Textilbus aus Augsburg. Eine Satelittenantenne kostet hier hundert Mark mehr als in den Alten Bundesländern. Eine Familie möchte einen Passat für 11.000 Mark kaufen, der schon 100.000 km gelaufen hatte. In Polen können sie für 50 Pfennige einen Liter Benzin erhalten. „Setzt dein Auto an den Rost, / dann verkaufe es nach Ost!“ Am Tisch waren nur Westwaren: vier Sorten Ketchup, Negerküsse. Milch jedoch wurde am Bauernhof gekauft. Die Villa in Niederoderwitz ist heute ein Behindertenheim. Der Pfleger zeigte voller Stolz eine alte Mangel im Keller, dann den Speisesaal, den Wintergarten, die Gärtnerei, in der Großvater gearbeitet hatte. Sein Klavier war nicht mehr da. Am Friedhof beteten wir an seinem Grab († 7.1.1968). Übernachtung bei Verwandten, die zur Herrnhuter Brüdergemeine gehörten. Diese war aus der Bewegung der Böhmischen Brüder hervorgegangen und von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) gegründet worden. Wir erlebten auch eine Bibelstunde mit.

Donnerstag, 23.8.1990

Wir waren im Heim, in welchem 1948 Großmutter starb. „Denen hat man damals eine Bockwurst gegeben, da fielen die tot um.“ Auf einem Grabstein stand: „Es blühte über den Gräbern euer Herz, / aber vergeßt uns nicht!“ Einen Abwasserkanal hatte man mit Grabplatten gebaut. Lediglich die Russengräber sind gepflegt. Sorbisches Gebiet: Weißwasser – Bĕla Woda, Kubschütz – Kubšicy, Bautzen – Budyšin. Herzlich willkommen – Witajcé k nam. In Bretnig erklärte man uns, dass der Osten die Waren wegen der Einführung der Westmark nicht mehr bezahlen könne, und der Westen wolle sie nicht, so gebe es Fabrikschließungen. In Dresden sah ich einen alten Mann, der Kohlestückchen sammelte, die am Wegrand lagen. Zwinger, Grünes Gewölbe, Gemäldegalerie, vor allem die Sixtinische Madonna. In Leisnig besuchten wir die Gärtnerei Rockmann. Lange Suche nach einem Nachtlager. In Borna kamen wir schließlich im Pfarrhaus unter. „Früher waren unsere Zöllner unfreundlich, jetzt sind sie freundlich. Daß man das Menschen einfach so befehlen kann!“

Freitag 24.8.1990

In der Werktagsmesse waren zwei Gläubige, aber sie kannten alle Lieder. Es sind wenig Christen in der Diaspora, aber sie sind motiviert. Dom in Naumburg, Stifterfiguren: Uta hält ihren Mantel vor ihr Gesicht zum Schutz vor ihrem robusten Ekkehart neben ihr. Lossa an dem Höhenzug Finne: Zuerst fehlte Strom, dann Wasser. Der Putz blätterte von den Häusern ab. Im Leipziger Astoriahotel verlangte man 145 Mark für ein Einzelzimmer, während das Saisonhotel nur 55 verlangte. Auerbachs Keller, Thomaskirche, Nikolaikirche.

Samstag, 25.8.1990

Frühstück am Weststand im Hauptbahnhof, Ost hatte geschlossen. Dom in Halle, Schalldeckel an der Kanzel. Draußen ein streicheldankbarer, alter, aber ansonsten apathischer Hund. Auf dem Hildesheimer Markt sind acht Einbeck-Bierstände. Für Bananen wird pro Kilogramm 1,99 Mark verlangt (das im Westen weit unter einer Mark kostet). Potsdam: Feigen und Weinranken an den Terrassen von Schloß Sanssouci. Das Neue Palais hatte der Alte Fritz nach dem Siebenjährigen Krieg als fanfaronnade (Prahlerei) aufführen lassen, um zu zeigen, daß er noch nicht am Ende war. Ruinen gehörten zum romantischen Ensemble. An der Stelle des Todesstreifens hatte man Platten aus der Berliner Mauer hingelegt, sodaß wir mit dem Auto über sie fahren können. Kladow war ein Einkehrhaus gewesen und wurde wieder zum Altersheim umgestaltet. Nachts singt im Garten am See eine Nachtigall.

Sonntag, 26.8.1990

Der Versuch, einen Besuch in Marzahn zu machen, mißlang. Nach Stunden waren wir erst am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Straßenbahn fuhr durch, weil sie Maschinenschaden hatte, wie die Passanten sagten. Berliner Dom. Am Potsdamer Platz standen Grenzer in Zivil, die noch keine Kündigung erhalten hatten. Heilige Messe mit der Charismatischen Erneuerung.

Montag, 27.8.1990

Hackesche Höfe: Fünf Höfe hintereinander mit Industriebetrieben. Flair des alten Berlins. Brandenburger Tor. Am Reichstag picken die Mauerspechte Graffitti ab und verkaufen sie stückweise. Schiffsrundfahrt über den Landwehrkanal und die Spree im Norden der Stadt und in den Stadtzentren Ost und West. Am Fernsehturm Alexanderplatz ein überdimensionales Reflexionskreuz, das Kreuz des Ostens oder die Rache Gottes. Luisenbrauerei.

Dienstag, 28.8.1990

Heilandskirche am Jungfernsee, vor kurzem noch gesperrt, da im Grenzbereich gelegen. Sacrower See (za krove – hinter’m Busch). Wannsee und Grunewaldturm. Heilige Messe im  Karmel. Domfriedhof St. Hedwig mit dem Grab von P. Delp.

Mittwoch, 29.8.1990

Im Dom zu Magdeburg die fünf klugen und törichten Jungfrauen. Synagoge und Ecclesia. Sitzfigur Kaiser Ottos mit der Kaiserin oder Christus und Kirche.

 

© Heinrich Michael Knechten, Horneburg 2019

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