Gellenbecks Horneburger Chronik 1

 

hg. v. Heinrich Michael Knechten

 

Bernhard Gellenbeck 1900.

Bernhard Gellenbeck 1900

 

Bernhard Gellenbeck wird am 14. November 1858 in Appelhülsen geboren. Er wird Lehrer und steht vom 1. März 1884 bis zum 1. Oktober 1921 der Horneburger Schule vor, zuletzt im Dienstrang eines Hauptlehrers. Er ist in Horneburg der letzte vom Pastor präsentierte und in Eid genommene Lehrer, da unterdessen das Volksschulunterhaltungsgesetz in Kraft trat, dem ein örtliches Recht weichen musste. Vergebens erhebt Pastor Kindermann Anspruch auf die Präsentation eines neuen Lehrers, als Gellenbeck in den Ruhestand tritt. Von der Regierung wird ihm mitgeteilt, dass durch jenes Gesetz alle Präsentationsrechte aufgehoben seien. Das Generalvikariat bestätigt ihm dies (vgl. Pfarrarchiv Horneburg). Die sechs Malter (ein Malter entspricht 4 Scheffeln; die ältere Schreibweise ist: Malder) die von den Pastoratseinkünften an die Schule zu zahlen sind, werden unter Pastor Meyer 1873 durch eine einmalige Zahlung von 1088 Thalern und einigen Groschen abgelöst (vgl. Chronik, 1. Teil, S. 98). Gellenbeck schreibt übrigens, dem Brauch seiner Zeit folgend, das Y in Namen meist mit Trema: Neÿsa, Aloÿs, Sÿlvester, Meÿer, Heÿer und Sÿthen.

 

Am 14.9.1914 fällt sein Sohn, der Lehrer Hermann Gellenbeck, in Frankreich. Diesen Schlag kann Bernhard Gellenbeck jahrelang nicht verwinden. Während des I. Weltkriegs ist er Rendant des Spar- und Darlehenskassen-Vereins (Vgl.Gellenbecks Horneburger Chronik, 2. Teil, 12). Bernhard Gellenbeck wird Vorsitzender des Horneburger Schützenvereins. Es gelingt ihm, das Vereinsleben, das seit dem Jahre 1911 fast zum Erliegen gekommen ist, neu zu beleben. Daher wird er am 20. Juli 1927 zum Ehrenvorsitzenden erwählt. Unter seinem Vorsitz wird am 27. Februar 1926 ein Gemeinnütziger Verkehrsverein gegründet. Er stirbt am 22. August 1934 in Horneburg.

 

Die Königliche Regierung zu Minden verordnet, "in allen Gemeinden des Regierungsbezirks ab dem 1. Januar 1818 ein Chroniken - Buch zu eröffnen und regelmäßig fortzuführen" (Nr. 14870 B, in: Chronik der Stadt Helmern 1813-1984, Helmern 1986). Siehe auch Ortsgeschichte. Im Zuge der Eingliederung des Vestes in die preußische Provinz Westfalen werden auch die Gemeinden des neuen Kreises Recklinghausen angewiesen, Ortschroniken anzulegen, sie regelmäßig der Aufsichtsbehörde vorzulegen und ihre Chroniken laufend fortzuführen. Das Ergebnis der ersten Vorlage ist niederschmetternd. Die meisten Chroniken werden als unzureichend bemängelt, während die Chronik der Gemeinde Horneburg ausdrücklich gelobt wird.

 

Am 11.3.1872 erlässt die preußische Regierung ein "Gesetz betreffend die Beaufsichtigung des Unterrichts- und Erziehungswesens", mit welchem die Aufsicht über die Schulen von den Kirchen und Gutsherren auf den Staat verlagert wird. Am 15.10.1872 werden "Allgemeine Bestimmungen" erlassen, die unter anderem in einer Richtlinie das Führen einer Schulchronik durch den Schulleiter oder den alleinigen Lehrer auf dem Lande anordnen. Da bei einer Darstellung der Schulgeschichte auch die wichtigsten Ereignisse im Ort mit erfaßt werden, kann eine solche damalige Schulchronik als erste geregelte Form der Ortschronik gewertet werden.

 

Gellenbeck legt eine umfassende Chronik an, die zunächst frühere Ereignisse bis zum 15. Dezember 1890 aufarbeitet und danach die weitere Zeit schildert. Seine Hauptquellen sind ein heute verschollenes uraltes Bürger- und Lagerbuch, das Freiheitsarchiv, über dessen Aufbewahrungsort zur Zeit nichts bekannt ist, das Kirchen- und Pfarrarchiv, das heute im Bistumsarchiv Münster einzusehen ist, die "Designation der Freiheit Horneburg" von Pfarrer Johann Werner Krämer sowie das Buch des Pfarrers Anton Jansen (1827-1900), Die Gemeinde Datteln. Ein Beitrag zur Geschichte des Vestes Recklinghausen, Datteln 1881.

 

Es folgt zunächst der erste Teil der Chronik. Heute ungebräuchliche Worte werden erklärt, zum Beispiel Deut, Fourierschützen, Hobsbuch, Leibzucht, Ohm (Hohlmaß), Rauchheller, Scheffel Landes und Stüber. Die Rechtschreibung wird beibehalten, auch bei abweichender Schreibung (Ahrenberg statt Arenberg, Bodelschwing statt Bodelschwingh u.a.) Die Überschriften an der linken Seite wurden hinzugefügt. Die Seitenzahlen in runden Klammern verweisen auf den Ort im Manuskript. Angaben in eckigen Klammern stammen vom Herausgeber.

 

Chronik.

 

Schule zu Horneburg.

 

Abschnitt I.

 

1. Kapitel

 

Die Brukterer

 

(1) Die Gegend von Horneburg gehörte mit dem Veste Recklinghausen in alter Zeit zum Brukterergau, der sich an den Ufern der Lippe u. Emscher bis zum Rheine erstreckte. Bei den römischen Schriftstellern, welche uns die Kämpfe zwischen Deutschen und Römern schildern, geschieht des deutschen Volksstammes der Brukterer mehrmals Erwähnung, schon um die Zeit von 150 bis 100 vor Christi Geburt.

 

Im Jahre 56 vor Ch. Geb. schickten die Brukterer gemeinschaftlich mit einigen benachbarten Stämmen eine Gesandtschaft an den römischen Feldherrn Julius Cäsar, wodurch ein friedliches Verhältnis angebahnt wurde. Infolgedessen blieb der Brukterergau längere Jahre von den Angriffen und Durchzügen der römischen Heere verschont. (2) Der römische Feldherr Drusus konnte sogar im Lande der Brukterer seine Truppen wieder sammeln und sich dahin zurückziehen, wenn er auf seinen Zügen ins Innere Deutschlands in Bedrängnis geriet. Als sie jedoch einsahen, daß es seitens der Römer auf eine bleibende Eroberung angelegt wurde, lösten sie das freundschaftliche Verhältnis und schritten zum Kampfe gemeinsam mit ihren deutschen Brüdern. Ein heftiger Krieg, in welchem der römische Feldherr Tiberius Sieger blieb, machte den Brukterergau zu einer römischen Provinz (4 vor Christi Geburt) bis die Niederlage des Varus in der Hermannsschlacht sie wieder freimachte. Der römische Kaiser Claudius zog endlich im Jahre 47 die sämmtlichen Truppen zurück und gab die errichteten Befestigungen preis.

 

Die Sachsen

 

Gegen das Ende des ersten Jahrhunderts hatten die Brukterer von den Einfällen anderer Stämme viel zu leiden, doch behaupteten sich (3) dieselben in ihren Wohnsitzen, bis im zweiten Jahrhundert der Stamm der Sachsen den Westen Deutschlands überschwemmte und sich dauernd niederließ.

 

Im dritten und vierten Jahrhundert waren sie vielfach Verbündete der Franken, eines deutschen Volksstammes am Niederrhein. Mit diesen beteiligten sie sich an Eroberungen im Westen des Rheines, vergaßen den Feind im Osten und in der Heimat, und dieser führte während dieser Zeit die Auflösung ihres Stammes herbei. Sie verschmolzen nunmehr mit den Sachsen, verloren ihre Selbstständigkeit und ihren Namen und die letzteren sind seitdem die Bewohner des Brukterergaues und der Ursprung der jetzigen Bevölkerung.

 

Die Franken

 

Die Franken, unter welchen sich schon im vierten Jahrhundert das Christentum ausbreitete, kamen bald mit den Sachsen wegen räuberischer Einfälle von beiden Seiten in kriegerische Verwickelungen. Ihr König, Pipin der Kleine, fiel ins Sachsenland ein und lieferte (4) ihnen im Jahre 758 zwischen Haltern und Dülmen, in Sythen, eine Schlacht, welche ihre Niederlage und zeitweilige Unterwerfung zur Folge hatte. Er verpflichtete sie zur Zahlung eines jährlichen Tributs von 300 Pferden. Karl der Große, der Sohn Pipins, machte 8 Kriegszüge gegen die Sachsen. Der Macht seines Schwertes unterlagen dieselben und neigten sich zum Christentume hin. Zu Anfang des neunten Jahrhunderts war unter ihnen das Heidentum gebrochen und das Christentum hatte überall seine Wurzeln geschlagen.

 

Schon im Jahre 776 teilte Karl das eroberte Land in kleinere Bezirke ein, die unter einem Gaugrafen standen. 780 kam alles unter die Herrschaft fränkischer Bischöfe und Äbte. 785 ordnete Karl die Errichtung von Kirchen und Kapellen an und gab diesen Orten den sogenannten Gottesfrieden, auch erklärte er sie für Zufluchtsstätten der Verfolgten. Die Kirchen erhielten Besitz (5) an Grund und Boden, in ihrer Nähe sollten auch die Begräbnisplätze sein. Auf einige Verbrechen wurde die Todesstrafe gesetzt, welche man bis dahin nicht anwendete, und nur durch eine schwere und aufrichtige Buße konnten die Verbrecher derselben entgehen. An Sonn- und Feiertagen durfte keine Versammlung mehr stattfinden. Zum Unterhalte der Kirchen und Priester mußte der Zehnte errichtet werden, zu den außergewöhnlichen Diensten war von je 100 Einwohnern ein Knecht und eine Magd zu stellen. Die Gaugrafen hatten die Befolgung dieser Anordnung mit zu überwachen. Unter diesen waren einige, welche nach dem Tode Karls und unter der immer schwächer werdenden Regierung seiner Nachfolger Kirchen und Klöster ihres Besitzes wieder beraubten und sich im Umkreise ihres Wohnsitzes eine Herrschaft gründeten.

 

Die Zeit der Höfe und die Horneburg

 

Im elften und zwölften Jahrhundert bestanden in hiesiger Gegend zwei große Ober- und Reichshöfe, (6) Oer und Koren [Koren entspricht Körne. Vgl. Luise von Winterfeld, Der Reichshof Körne, in: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 32 (1925), 117-140. Der Ortsname hängt mit dem Begriff Korn zusammen, althochdeutsch kurnen – entkernen, dreschen, vgl. J.Splett, Althochdeutsches Wörterbuch, Bd. I,1, Berlin u. New York 1993, 475]. Ihre Entstehung fällt nicht unwahrscheinlich in die alte sächsische Zeit, da die Vorrechte, welche sie besaßen, sich auf die Sachsen der ersten Jahrhunderte zurückführen lassen.Von den genannten Höfen war Oer der westliche, seine Besitzungen erstreckten sich durch die Gemeinden Horneburg, Datteln und Oer. Der östliche Hof, Koren, hatte seine Besitzungen teilweise in der Gemeinde Datteln, zumeist aber in der Gemeinde Waltrop.

 

Beide Höfe waren unabhängig und bildeten mit den Bauernhöfen und Einwohnern ihres Bezirkes einen eigenen Verband nach Hofesrechten. Wollte Jemand aus dem einen Verbande in den andern übertreten wegen Verheiratung oder Wechsel des Wohnsitzes, so mußte er auf dem Oberhofe einen Freibrief vorlegen, sich vom alten Verbande loslösen und in den neuen durch Handschlag aufnehmen lassen. Der Freibrief, (7) vom Besitzer des Oberhofes ausgestellt, sollte bekunden, daß der Aufzunehmende ehelich geboren sei und von freien Eltern abstamme. Durch den Handschlag wurde gelobt, die Pflichten und Satzungen im neuen Verbande treu beobachten zu wollen. Man unterschied damals drei Stände:

 

  1. Der Stand der Edelinge, vermutlich die Besitzer der Ober- und Reichshöfe.
  2. Die Freien, Besitzer der Bauerngüter, die zwar auf ihren Höfen die Herren waren, aber in der Gerichtsbarkeit und durch jährliche Abgaben und Herrendienste den Oberhöfen unterstanden.
  3. Die Sassen oder die vollständig Abhängigen ohne freien Grundbesitz.

 

Der Besitzer des Oberhofes hatte die inneren Angelegenheiten des Verbandes zu ordnen und zu verwalten. Ihm stand zu die Aufnahme von Testamenten, die Übertragung eines Hofes an einen ganz neuen Besitzer, die Festsetzung der Leibzucht [das vertraglich gesicherte Altenteil bei Hofes- oder Güterübertragung auf die Nachfolgegeneration, meist Wohn-, Nutzungs- und Unterhaltungsrechte auf Lebenszeit; Zucht als angemessener (züchtiger) Teil] und die Abfindung zwischen Eltern und Kinder, (8) die Schlichtung von Streitigkeiten, die Aufnahme in den Verband und die Ausstellung von Frei- und Wechselbriefen. Über die geschehene Verhandlung wurde ein Protokoll aufgenommen und in das Hobs- oder Hofbuch eingetragen. [Der Verband von Bauernhöfen, die von einem Oberhofe abhängig sind, ist der Hobsverband (Hofesverband).] Sie fanden stets auf dem Hofe statt, auf welchem die Beteiligten ansäßig waren. Als Zeugen konnten nur Hofesleute (Freie) gelten. Für die Bemühungen mußte gewöhnlich ein Reichsthaler gezahlt werden. Auf dem Oberhofe Oer erbte der älteste Sohn, auf Koren die älteste Tochter, doch konnte dieses für den Fall, daß nur ein einziger Nachkomme vorhanden war, zugunsten desselben auch umgeändert werden.

 

Diese Einrichtung war beibehalten aus der früheren heidnischen Zeit, in welcher es Richt- oder Schultenhöfe gab, nach denen die ganze Gemeinde benannt wurde, z.B. Schulte Meckinghoven, nur waren die Befugnisse des Oberhofes bedeutend erweitert. (9) Zu einer besonderen Bedeutung und zu großem Besitze kam der Oberhof Oer, wozu die Vererbung in männlicher Linie beigetragen haben mag; der Name des Oberhofes Koren verschwand bald und sein Besitz scheint von an- und umliegenden Edelingen zerrissen worden zu sein. Aus der Umgegend von Horneburg gehörten die Bauernhöfe in Meckinghoven Berger, Luthe, Hauve, Kessen (Wellmann) und Sindern zum Oberhofe Oer. Pathe, Kordt, Wiesmann, Schulte Hubbert gehörten zum Stifte Flaesheim, Hamphoff und Braukmann nach Bodelschwing. Der Hof Schulte Hubbert wird schon im Jahre 1325 erwähnt, Huxel in Beckum 1493, Schlüter in Meckinghoven 1506, Schmidt in Wentrup 1421. Die Zugehörigkeit der drei letzteren ist nicht bestimmt zu ermitteln, es liegt die Vermutung nahe, daß sie nach Koren gehörten und eher, als die anderen aus dem Abhängigkeitsverhältnis (10) ausschieden.

 

Wer in solcher Weise vom Oberhofe abhängig war, hatte sich stets zu den sogenannten Hof-Herrendiensten bereit zu halten. Auf eine vom Oberhofe oder Stifte zugestellte Benachrichtigung mußte der abhängige Bauer sofort oder am nächsten Tage ein oder zwei Pferde nebst Gerät und einem Knechte zu Diensten auf dem Gute und zu sonstigen Fuhren hergeben. Die geistlichen Stifter (Flaesheim, später auch Essen und Deutz) beanspruchten außerdem von ihren abhängigen Höfen eine jährliche nach Maldern festgesetzte Lieferung an Korn. Auch mußte eine Tochter desselben ein Jahr "auf dem Gute" dienen, wenn von dort ein Bote mit dem Mietgroschen erschien. Der Lohn soll einige Stüber und einen Schuh fürs Jahr betragen haben. Zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gehörte es, daß der preußische Minister von Stein zur Zeit der Bedrängnisse von Frankreich her die Leibeigenschaft aufhob und die Ablösung solcher Verpflichtungen möglich machte.

 

Vom Oberhofe Oer entstammt die freiherrliche Familie von Oer (der freie Herr (11) vom Oershofe), welche zur Zeit noch Besitzungen im Münsterlande hat, z.B. die Egelborg bei Legden im Kreise Ahaus.

 

2. Kapitel

 

Die arx Horneburgensis

 

Schon im zwölften und dreizehnten Jahrhundert stand auf dem Platze, wo jetzt das Schloß Horneburg, Besitztum des Herzogs von Ahrenberg, sich befindet, eine Burg Horne. In alten Schriftstücken heißt sie "arx Horneburgensis". Bestimmte und ganz zuverlässige Nachrichten über den Gründer und Erbauer der Burg, sowie über die ersten Besitzer, sind nicht vorhanden. Ein Graf Horn hat in manchen Erzählungen die Rolle eines mächtigen und gewaltthätigen Ritters zu spielen. Man ist zu der Frage berechtigt: Sollten nicht die freien Herren des Hofes Oer die Gründer und Erbauer sein? Oder ist sie einem Sohne des Hauses Oer als Erbteil zugefallen, der nun sein eigenes Wappen, ein Büffelhorn, führte?

 

Margaretha im Verlies

 

(12) Wie so manche Dinge der Vergangenheit, über welche uns eine klare und genügende Gewißheit nicht gegeben ist, so hat sich auch dieses Gegenstandes die Sage bemächtigt. Sie ist folgende: "Zur Zeit der Kreuzzüge erbaute sich der Graf Goddert von Horne eine feste Burg, nach ihm [ist] die Burg Horne oder Hornburg benannt. In seinem Wappen führte er ein Büffelhorn.

 

Der Enkel dieses Grafen und gleichen Namens mit demselben heiratete ein bürgerliches Mädchen, namens Margaretha, die mit ihrer Schwester schon unter seinem Vater auf die Burg gekommen war. Die anfängliche Neigung des Grafen zu seiner Gemahlin erkaltete jedoch bald; er gab sich allen wüsten Gelagen und Lastern hin und wurde der Schrecken aller Menschen, die gezwungen waren, mit ihm in Berührung zu kommen.

 

Gegen die Angriffe seiner Feinde wußte er sich sicher (13) hinter den festen Mauern, hohen Wällen und tiefen Gräben seiner Burg. Die fromme, tugendhafte Margaretha sperrte er in ein enges Verließ unter dem Schindeldache über seinen Wohnräumen. Nur ihm allein war ihr Aufenthalt bekannt.

 

Dreißig Jahre lang hielt er sie so gefangen, ihr jeden Abend einen Krug Wasser und ein Stück Brot selbst hinauftragend. Der kleine Heinz, sein Sohn, war rechtzeitig durch die Fürsorge der Schwester der Margaretha seiner Wut entgangen und in der freiherrlichen Familie von Oer, welche auf der Burg Kackelsbeck [Kakesbeck] zwischen Lüdinghausen und Hiddingsel wohnte, untergebracht.

 

Als eines Tages eine große Jagdgesellschaft auf der Burg anwesend war, warf der Ritter sein Auge auf Beata, die Tochter eines Ritters aus der Umgegend, und ehelichte sie. Aber auch diese vermochte nicht, einen heilsamen Einfluß auf ihn auszuüben.

 

Während Goddert von Horne die ganze Umgegend durch seine Räubereien beunruhigte und alle Besitzungen (14) der Bauern und Landleute an sich riß, war der Freiherr Lambert von Oer die Zuflucht der Bedrückten und Verfolgten. Dafür erntete er den tiefen und unversöhnlichen Haß des Grafen von Horne, der zu einer offenen und bitteren Fehde wurde, als vom Gogerichte dem Lambert ein Gut bei Ascheberg zugesprochen wurde, worauf Goddert dieselben Rechte und Ansprüche zu haben glaubte. Ein Sturm der Horneburger auf die Burg Kackelsbeck vernichtete dieses herrliche Schloß. Lambert floh mit seiner Familie und Heinz zum Bischofe von Münster. Doch ließ Lambert seine Burg mit Hülfe des Bischofes und benachbarter Ritter schöner und fester wieder erstehen, während Heinz gegen seinen ihm unbekannten Vater die Fehde aufs Neue aufgriff und Hülfe anwarb. Auch wußte er sich Kenntnis über geheime Zugänge zur Burg Horne zu verschaffen.

 

Lange widerstand die Hornburg den Angriffen (15) ihrer Feinde, bis endlich in einer Nacht, während Goddert und seine Vasallen sich völlig sicher glaubten und im Weine schwelgten, sie in die Hände des Freiherrn von Oer fiel. Heinz deckte mit Hülfe seiner noch lebenden Tante (Schwester seiner Mutter) manche Geheimnisse der Burg auf und fand nun auch seine Eltern.

 

Sein Vater verzichtete zugunsten des Sohnes auf den ganzen Besitz und führte von nun an ein Leben strenger Buße. Margaretha erholte sich nicht von den ausgestandenen Leiden und Entbehrungen; sie starb bald nach ihrer Befreiung und wurde zu Hamm  begraben. Der nunmehrige Besitzer der Burg, der Graf Heinz, blieb kinderlos und vererbte das ganze Besitztum auf die Familie von Oer, in welcher er einen großen Teil seines Lebens glücklich und zufrieden verlebt hatte."

 

Die Freiheit Horneburg

 

Die von Oer waren thatsächlich um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts (16) im Besitze des Schlosses Horneburg. Das wichtigste Werk jedoch, welches der letzte Graf von Horne vor seinem Tode noch verrichtete, war: Er gab den Bediensteten des Schlosses nicht bloß die Freiheit, sondern auch einen eigenen Herd. Jeder von ihnen, der Burgvogt, der Turmwart, der Thorwächter, der Kellner, der Bäcker u.s.w. erhielt sein Haus und seinen Garten zu eigen, so entstanden die ersten Bürger. Ihre Zahl wird verschiedentlich zwischen 30 und 40 angegeben. Die Bezeichnung des Amtes wurde bei den meisten zum Namen des neuen Bürgers. Die Namen Vogt, Kellner, Jäger, und andere waren zur Zeit des dreißigjährigen Krieges noch vorhanden.

 

Das Ende derer von Horne

 

Eine andere Sage schildert das Ende der Grafen von Horne in folgender Weise: Die letzten Stammhalter der Familie von Horne waren zwei feindliche Brüder. Ihr Vater hatte den Besitz unter sie geteilt, dem (17) ältesten das Schloß gegeben und dem jüngsten das abgetrennte Gut "der Hof zum Berge" (Hofzumberge, seit 3 Jahren ebenfalls im Besitze des Herzogs von Arenberg) zugewiesen. Zwischen ihnen bestand ein alter Haß, die Teilung des Gutes verschärfte noch denselben.

 

Dem jüngeren wurde vom älteren Bruder in einer stürmischen Nacht aufgelauert und er meuchlings ermordet. Dem Einflusse des Erzbischofs von Köln, der in hiesiger Gegend die geistliche Gewalt hatte, gelang es, den Mörder zur ernsten Reue und Buße zu bewegen, so daß er sein weiteres Leben in der Einsamkeit zubrachte.

 

Die Horneburg wurde frei, es entstanden die Bürger, und nur noch das Schloß mit einigen Ländereien wurde insbesondere auf Betreiben des Erzbischofs Eigentum der geachteten und beliebten Familie der Freiherrn von Oer.

 

Das eiserne Halsband

 

Noch eine dritte Sage vom Grafen Horn muß hier angefügt werden, sie betrifft die Feindschaft des Grafen mit dem Freiherrn von Oer. (18) "Graf Goddert suchte nach der Niederlage, die er durch Lambert von Oer erlitten hatte, eine recht boshafte Rache zu üben. Er ritt nach Nürnberg zu einem berühmten Waffenschmiede und ließ sich von demselben ein Halsband aus dem besten Stahl anfertigen. Achteckig, inwendig mit scharfen Stacheln versehen, besaß es noch einen geheimen Mechanismus, der dasselbe verschloß und es unmöglich machte, dasselbe jemals wieder zu öffnen. Keine Feile vermochte dem Stahl etwas anzuhaben.

 

Mit diesem Marterwerkzeuge lauerte Goddert seinem Feinde auf, als letzterer nach Lüdinghausen in der Weihnachtsnacht zur Christmesse fuhr. Plötzlich wurde der Schlitten der Familie von Godderts Leuten überfallen, der Freiherr umzingelt und ihm unter Hohngelächter und Spottreden das Band umgelegt. Kein Künstler und Schmied konnte die böse Last abnehmen. Da es zudem (19) jeden Genuß von Nahrungsmitteln verhinderte, so machte sich Lambert in stiller Ergebung auf ein rasches Ende gefaßt.

 

Doch, noch war nicht alle Hülfe verloren. Ein Schmied bildete das Halsband nach und legte es seinem Hunde an, um alsdann das Öffnen desselben zu erproben. Dieses gelang erst, als der Hund mit dem Halse auf den Amboß gelegt wurde und der Schmied 2 wuchtige Hammerschläge auf das Band führte. Beim zweiten Schlage sprang es auf.

 

Nach einigem Zureden des Schmiedes und des Burggeistlichen unterwarf sich der Freiherr im festen Vertrauen auf Gottes Hülfe demselben Verfahren, welches auch denselben Erfolg hatte. Von Oer gab dem Schmied zum Lohne den Ritterschlag und schenkte ihm ein Gut zwischen Lüdinghausen und der Burg Horne." – Das Halsband wird in Münster im Rathaussaale aufbewahrt und gezeigt.

 

Die erste Burg

 

Die Einrichtung und Bauart der alten Veste  Horneburg, (20) (so kann das Schloß und seine nächste Umgebung mit Rücksicht auf die damalige Zeit genannt werden) läßt sich aus den noch vorhandenen Überresten und der Gestaltung des Bodens, der die Trümmer des alten Bauwerkes bedeckt, feststellen.

 

Die erste Burg bildete ein großes Viereck mit einem inneren Hofe und einer um letzteren laufenden Säulenhalle. Die Zugbrücke befand sich an der Nordwestseite. An der Südwestseite standen die Wohnungen der Burgbediensteten, als Kellner, Jäger, Bäcker u.s.w. jedoch außerhalb des Walles in der jetzigen Wiese, "die alte Freiheit" genannt. Die Mauern der Burg bespülte ein breiter Wassergraben, "die Gräfte", und dahinter befand sich der Wall mit Mauern und Türmchen. Als die Zeiten kriegerischer wurden und eine Feuersbrunst die Häuser der Untergebenen zerstört hatte, ordnete (21) der Graf den Neubau dieser Wohnungen auf der Nordwestseite der Burg an. Das Ganze umgab man mit Wall und Graben und sodann ein Festungswerk, worin die Burg für sich die Citadelle bildete. Zur noch größeren Sicherheit wurde an der Westseite am Hauptwege das Bollwerk vorgeschoben. Es sollte vor einer Überrumpelung schützen, sich dem Feinde als erstes Hindernis entgegenstellen und den Burgbewohnern den heranrückenden Feind melden. (Der Name Bollwerk ist für einen Teil des Dorfes in seiner jetzigen Ausdehnung noch vorhanden.)

 

Im Jahre 1646 brannte die Burg nieder infolge des Bombardements, welches der französische General Turenne gegen dieselbe richtete. Der Erzbischof von Köln suchte dieselbe nach der alten Form wieder aufzubauen, doch kam es nicht zur Vollendung. Zu Anfang unseres Jahrhunderts standen noch von dem zweiten Bau ein südlicher und westlicher Flügel mit einem (22) hohen Turme. Ein Sturmwind zerstörte fast das ganze Dach, nach und nach sank auch das Übrige zusammen. Das jetzige Schloß mit Ökonomiegebäude sind Bauten aus den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts und auf Veranlassung des jetzigen Besitzers aufgeführt. Die Kosten beliefen sich auf 31.000 Thaler.

 

3. Kapitel

 

Die Gemeinde Horneburg bestand im vierzehnten Jahrhundert aus dreißig und einigen Bürgern, einmal waren 42 Haus- oder Herdstellen vorhanden. Die Bürger waren bereits frei und Unterthanen des Freiherrn von Oer, dem das Schloß gehörte. Aus dem Jahre 1382 wird er als Gutsherr von Horneburg erwähnt, in diesem Jahre machte er eine Stiftung an der Pfarrkirche zu Datteln, aus Ländereien "auf dem Dahl" bestehend. Im Jahre 1431 brach zwischen ihm und dem Erzbischof eine Fehde aus, infolge dessen mußte er dem letzteren die Besitzung (23) abtreten, welches jedoch unter der Bedingung geschah, daß die Gemeinde dem Erzstifte und dem Veste Recklinghausen einverleibt würde und dabei verbleiben sollte.

 

Unter dem Kurfürsten von Köln

 

Der Erzbischof wurde nun der Landesherr und garantierte der Gemeinde die Freiheitsrechte. Sie bestanden zunächst darin, daß die Eingesessenen von sämtlichen Abgaben befreit waren, welche der Landesherr in der sonst üblichen Weise als Steuern u.s.w. einfordern konnte. Doch bestand die Verpflichtung, die Lasten für Kriegszwecke mitzutragen. Bei den späteren Kriegskontributionen galt für Horneburg ein Normalsatz von 14 Reichsthalern, nach welchem die Schatzung ähnlich wie jetzt bei den Klassensteuern stattfand. Man unterschied halbe, volle und doppelte Schatzungen, die je nach Bedürfnis gehandhabt wurden. Die Schatzung wurde zweimal im Jahre, zu Ostern und Michaelis, ausgeschlagen und betrug also fürs Jahr das Doppelte des Ansatzes. Ferner durften die Truppen (24) des Landesherrn nicht im Bereiche der Gemeinde ihre Quartiere aufschlagen und etwaige Besatzungen des Schlosses hatte nur der Erzbischof zu unterhalten. Auch galt keine Militairpflicht, doch stand dem Landesherrn das Recht zu, in bedrängten Zeiten Freiwillige anzuwerben. Die Folge war, dass sich Flüchtlinge aus benachbarten preußischen Ländern, in welchen die Werbung scharf betrieben wurde, in der Gemeinde dauernd niederzulassen suchten. Als solche werden noch bezeichnet Schwarzhoff, Borgmann und Wegmann.

 

Ober- und Unterbürgermeister

 

Die Verwaltung der Gemeinde war ebenfalls frei, man war hierüber dem Landesherrn keine Rechenschaft schuldig. Sie ruhte in den Händen zweier Bürgermeister, Ober- und Unterbürgermeister genannt. Der Oberbürgermeister hatte sein Revier in der Umgegend des Schlosses und der Kirche, der Unterbürgermeister im restlichen Teile der Gemeinde. Zwei Parteien in der Gemeinde waren (25) bei dieser Einrichtung nicht selten. Auf dem Schlosse wohnte außerdem der Schloßvogt als Verwalter desselben. Zu Fastnacht wurde den Bürgermeistern vom Bischofe eine Flasche Wein nebst einer Kerze, um Licht beim Trinken zu haben, geliefert, die alten Bürger erhielten zwei Tonnen Galla-Bier. Dafür musste die Gemeinde dem Landesherrn 2 Schinken liefern. Die letztere Verpflichtung ist noch nicht abgelöst, die erstere seitens der herzoglichen Verwaltung auf Geld gesetzt, welches alljährlich an die berechtigten Bürger verteilt wird. Solcher sind 33 und auf jeden fallen 1 Mark 5 Pfennige, außerdem erhalten 6 Kötter jeder 75 Pfennige, 5 Pfennige bleiben als Überschuß jedesmal in der Kasse. Die Summe beträgt demnach 33 x 1 Mark 5 Pfennige 34,65 Mark, 6 x 75 Pfennige 4,50 Mark, als Rest 5 Pfennige, [zusammen] 39,20 Mark. Dafür hat die Gemeinde als Gegenlieferung statt der zwei Schinken an den Herzog jährlich 36 Mark zu zahlen.

 

Verpfändung der Horneburg

 

(26) Der Erzbischof von Köln verpfändete 1438 die Horneburg mit allen dazu gehörenden Liegenschaften wegen Geldverlegenheit an eine adlige Familie von Stecke, löste sie aber im dritten Jahre wieder ein. Eine nochmalige Verpfändung derselben geschah seinerseits im Jahre 1445 und zwar wegen einer bedeutenden Geldsumme, die er dem Ritter Johann von Gemen schuldete. Da sich dieser mit der Horneburg allein nicht begnügte, erhielt er auch das ganze Vest Recklinghausen. Die Ritter von Gemen vererbten das Pfandrecht auf die Grafen von Schauenburg, die nun viele Jahre im Besitze der Burg waren und auf derselben wohnten.

 

1454 stand ein Graf Ernst von Schauenburg im Streite zwischen den Bischöfen von Köln und Münster auf der Seite des Bischofes von Münster, er wurde in der Schlacht bei Koesfeld (1454) von den Kölnern und zwar hauptsächlich durch die Hülfe des Ritters von (27) Gemen gefangen genommen und nach Köln geführt.

 

1477 erneuerte der Bischof von Münster das Bündnis mit dem Grafen Johann von Schauenburg und den Ständen des Vestes. Man versprach sich dauernde Freundschaft und gegenseitige Hülfe, auch beschloß man die Handelsfreiheit für die beteiligten Bezirke.

 

Als im Jahre 1514 der Graf Otto von Tecklenburg von seinem eigenen Sohne Konrad der Regierung entsetzt und ins Gefängnis geworfen wurde, zog der Graf von Schauenburg mit den Bischöfen von Münster und Osnabrück gegen Konrad zu Felde und zwang ihn dazu, dem Vater die Freiheit und Regierung wiederzugeben.

 

1567 war der Graf Jodokus von Schauenburg Besitzer der Horneburg, wie sich aus den Begräbnisplätzen in der Kirche ergab. Die Familie Schauenburg stammte aus der Nähe der Stadt Münster, woraus sich auch die engen Beziehungen (28) der Familie zum Bischofe von Münster erklären lassen.

 

Auslösung der Horneburg

 

Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts löste der Kurfürst und Erzbischof von Köln die Besitzungen wieder ein. Die Schuld, welche er an die Gläubiger abzutragen hatte, war mittlerweile auf 17.550 Goldgulden angewachsen. Nachdem die Sache geregelt war, nahm der Kurfürst für einige Zeit seinen Wohnsitz auf dem Schlosse Horneburg, es war um 1640. Hieran knüpft sich folgende Begebenheit, die später aus einer Gemeinderechnung festgestellt worden ist. Als der Kurfürst auf dem hiesigen Schlosse angekommen war, wollte ihn die Gemeinde des Abends durch Fackelzug und Musik begrüßen. Leider war für diesen Zweck nichts aufzutreiben. Da erinnerte sich Jemand eines Trommlers in dem benachbarten Oer. Man schickte schnell einen Boten hin, der auch denselben mitbrachte. (29) Der Oberbürgermeister einigte sich mit dem Künstler auf vier Stüber [1 Stüber = 4 Pfennige] und freies Unterkommen. Er begann des Abends seine Arbeit auf dem Schloßplatze und schlug auch während der Nacht mit Zwischenpausen seinen Wirbel. Der Kurfürst soll zwar wenig geschlafen, aber sich desto mehr über diese Ovation gefreut haben.

 

Zu dieser Zeit war schon die ganze Verwaltung dem kölnischen Domkapitel übertragen, welches seinerseits wieder einen vestischen Kommissar oder Statthalter ernannte. Um 1630 war es der Pastor Barkhoff [richtige Schreibweise: Barckhoff] von Horneburg. Berger in Meckinghoven war der Domkapitelshof, vielleicht flossen dessen Einkünfte allein dem Domkapitel zu und bildete er das Absteigequartier für den vestischen Kommissar oder einen besonderen Abgesandten des Domkapitels. Auch wird dieser Hof der Platz für etwaige Verhandlungen gewesen sein. (30) Im Jahre 1686 wurde für die bischöfliche Verwaltung in Recklinghausen das Kämmerei-Gebäude gebaut.

 

4. Kapitel

 

Durch Kriegsereignisse hat die Gemeinde schwere und bedrängte Zeiten gehabt. Neben der großen Heerstraße längs der Lippe, die schon von den Römern vielfach benutzt wurde, galt der Weg über Dorsten, Recklinghausen, Horneburg, Waltrop, Lünen u.s.w. als ein ebenfalls günstiger und daher viel gebrauchter. Die Kriege führten Truppen aus aller Herren Länder durch die Gemeinde.

 

Die Truchsessischen Wirren

 

Im Jahre 1583 wurde der Erzbischof Gebhard aus der Familie Truchseß von Waldburg der katholischen Kirche abtrünnig und trat zum Kalvinismus über. Er heiratete eine Agnes von Mansfeld. Hierauf entsetzte der Papst ihn seines Amtes und forderte das Domkapitel zu einer Neuwahl auf. Da er so den erzbischöflichen Stuhl verlor, (31) gedachte er sich danach im Veste Recklinghausen als Landesherrn halten zu können. Die Einführung der Reformation glaubte er im Veste ebenfalls durchsetzen zu können, machte sich aber hierdurch den Ständen des Vestes mißliebig und sah sie zu seinen Gegnern, insbesondere dem kölnischen Domkapitel, übertreten. Doch erhielt er einen Verbündeten an Graf Adolf von Neuenahr, der schnell die kölnischen Besitzungen an der linken Rheinseite besetzte. Gleichzeitig schickte Gebhard an seinen Verwalter Dietrich Knippenberg auf dem Schlosse Horneburg 100 Goldgulden mit dem Ersuchen, diese als vorläufige Unterstützung für Soldatenwerbungen zu benutzen. Von hier aus sollte das Vest Recklinghausen in Schach gehalten werden: Graf Nie von der Lippe, der Quartiermeister des Erzbischofs, erhielt den Auftrag, mit seinen ihm verfügbaren Leuten schnell (32) das Vest zu besetzen. Mit Ausnahme der Stadt Dorsten blieb wirklich alles in den Händen der Freunde Gebhards. Unterdessen wählte das Domkapitel am 22. Mai 1583 den Herzog Ernst von Baiern zum Erzbischofe. Ferdinand, der Bruder des Neugewählten, kam mit einem Heere zu Hülfe und von Dorsten aus wurden die Truchsessianer aus dem ganzen Veste vertrieben. Gebhard flüchtete nach Holland.

 

Der dreißigjährige Krieg

 

Ein Krieg, der sich an diese Wirren anschloß, führte 1586 die Holländer, 1587 die Spanier, 1587 und 89 abermals Holländer durch die Gemeinde Horneburg. Von beiden Seiten wurde nach Willkür gehaust und gebrandschatzt. So ging es fort bis zum Jahre 1609. Doch litt Horneburg insofern weniger, als es nur zu außerordentlichen Schatzungen herangezogen werden konnte. Viel schlimmere Schicksale brachte der dreißigjährige Krieg. Die Horneburger sahen während desselben an verschiedenen Truppen (33) Kaiserliche, Liguistische, Holländer, Spanier, Braunschweiger, Hessen, Schweden, Franzosen und Brandenburger. Schwere Kriegskontributionen, Geld und Korn, mußten geliefert werden, Viehzucht und Ackerbau lagen bald gänzlich darnieder und die Gefahren für die Sittlichkeit, für Leib, Leben und den Besitz waren groß.

 

Eines der schlimmsten Jahre für Horneburg war 1633. Der Landgraf Wilhelm von Hessen, im Bunde gegen den deutschen Kaiser und die Katholiken, nahm in der Gemeinde sein Standquartier und brandschatzte die ganze Umgebung. Waltrop, Datteln und Ahsen gingen in Flammen auf und bis nach Dorsten hin fiel alles in seine Hände. Die Horneburger waren hessische Unterthanen. Von sämtlichen Ländereien zog er die Pachtgelder, nachdem er sie vorher erhöht hatte, ein. Die Gemeinde wandte sich zuletzt an seinen Proviantmeister mit der Bitte um Nachlassung der Pachtgelder. (34) Es wurde wegen der schweren Zeit wirklich ⅓ nachgelassen. Zu den Hessen kamen die Schweden unter dem Oberst Stahlhändske [Stålhandske], der sich auf dem Schlosse einquartierte. Die allgemeine Not war bald so groß, daß der deutsche Kaiser Ferdinand II. an seine Truppen und Verbündeten den Befehl ergehen ließ, das Vest Recklinghausen solle möglichst geschont werden.

 

Im Jahre 1634 kam der kaiserliche General Graf Götz mit seinen Truppen und schlug sein Lager bei Horneburg auf. Die Hessen und Schweden zogen sich vor ihnen nach Dorsten zurück. Er unterhandelte mit ihnen wegen des kaiserlichen Erlasses und erhielt auch die entsprechende Zusage. Doch kaum waren die Kaiserlichen abgezogen, so erschienen wieder andere Truppen und die Hessen hielten den Vertrag nicht. Sie führten im folgenden Jahre 1635 den Pastor von Horneburg Heinrich Barkhoff [Barckhoff] gefangen (35) nach Dorsten, weil er die Kriegskontribution, die für ihn monatlich 3 Thaler betrug, nicht leisten konnte. Zugleich nahmen sie den Pastor von Henrichenburg und mehrere Geistliche aus Recklinghausen mit dorthin aus Rache dafür, daß die katholischen Münsterländer die protestantischen Prediger vertrieben, welche ihnen die Hessen zugeschickt hatten.

 

Der Kurfürst Ferdinand schrieb vom 10. Januar 1643 an seinen vestischen Statthalter: "Die Einwohner der Freiheiten Horneburg, Westerholt und Horst (auch Buer war Freiheit) sollen bei den Kriegskontributionen nicht höher belastet werden als die Leute der adligen Landsassen, zu diesen schlimmen Zeiten können  die Ausnahmen nicht gelten, alle müssen helfen." Die Horneburger erwiderten, daß sie bereit seien, beizusteuern, aber nur nach der alten Schatzung und ohne weitere besondere Verpflichtungen für die Zukunft.

 

Im Jahre 1646 sollten die Geistlichen des Vestes 100 Thaler (36) für die Hessen aufbringen, der Pastor von Horneburg allein 5 Thaler. In demselben Jahre (1646) wechselte mit den Hessen der französische General Turenne. Er nahm zuerst seinen Weg an Horneburg vorbei und zog den Kaiserlichen bei Lünen und Hamm entgegen. Von diesen zurückgeschlagen, zog er zum zweiten Mal vorbei. Die erzbischöfliche Besatzung des Schlosses suchte dieses zu benutzen und machte einen Ausfall auf die abziehenden Franzosen. Wütend wandte sich nun Turenne der Freiheit zu und ließ auf dieselbe am 25. Juli [1646], Tag des hl. Jakobus, ein Bombardement eröffnen. Der Brand zerstörte das Schloß, das Dach der Kirche, die Pastorat, welche damals vor der Kirche lag, und einige andere Häuser. Hiermit begnügte sich der General und zog weiter. Im Volke lebt die Sage, in Horneburg habe man aus Freude über den Rückzug der Franzosen mit den Kirchenglocken geläutet, was den General Turenne zu der erwähnten That (37) veranlasst habe.

 

Kontributionen während des Krieges und nach ihm

 

Nach dem Friedensschluß 1648 mußten immer noch viele Kriegskontributionen aufgebracht werden, woran die Freiheit Horneburg beteiligt war. Die Schweden erhielten noch 170.000 Gulden, die Gräfin von Hessen noch 600.000 Thaler. Bis 1650 lagen noch zwei Kompagnien Schweden im Veste, wofür täglich insgesamt 234 Thaler aufgebracht werden mußten. Zum Beitreiben der Gelder wurden nicht selten Feld- und Gartenfrüchte und das Vieh gepfändet.

 

Die Bauerschaft Meckinghoven lieh im Jahre 1633 von dem Kellner zu Horneburg, namens Vincenz Fabritius, 66 Thaler zur Abzahlung einer Kriegskontribution an. 1639 lieh die Bauerschaft Beckum vom Bürgermeister in Horneburg, namens Vincenz Otto, zu demselben Zwecke 50 Thaler. Für solche Anleihen gaben die Bauerschaften ihren Gläubigern bis zur Abtragung der Schuld ein Gemeindegrundstück in Benutzung.

 

1642 machten die Bauern von Beckum und Becklem nochmals eine Anleihe (38) von 60 Thalern bei Johann Klaverkamp, Bürgermeister in Horneburg. Einmal, es war im Jahre 1634, hatten die Gemeinde Horneburg und die Bauerschaft Ehsel alles Vieh und sämtliche Mobilien nach Recklinghausen in Sicherheit gebracht. Man fürchtete den heranziehenden liguistischen Oberstleutenannt Hastenbein, der auch in Horneburg und Ehsel sein Lager aufschlug und die Stadt Recklinghausen aufforderte, ihm schleunigst Proviant und Fourage [Pferdefutter] zu liefern.

 

Der Jülische Erbfolgekrieg

 

Im Jülischen  Erbfolgekriege zwischen dem Pfalzgrafen von Neuburg und dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm, dem Großen von Brandenburg wurde wiederum die hiesige Gegend von den beiderseitigen Truppen berührt. Nachdem die Streitigkeiten durch den Bischof von Münster geschlichtet waren (1665), kam der große Kurfürst auf seinem Rückzuge im Jahre 1666 auch durch Horneburg und speiste dort mit seinem Hofstaat (39) und seiner Leibgarde zu Mittag. Die Freiheit mußte auf Befehl des erzbischöflichen Statthalters alles liefern, was für die kurfürstliche Tafel beansprucht wurde, durfte von ihm und seinen Leuten nichts fordern und sollte über die Auslagen nachher den Landständen des Vestes ihre Rechnung einreichen. Diese betrug 50 Reichsthaler 45 Stüber und ist erst im Jahre 1677, also 11 Jahre später, bezahlt worden.

 

Dem großen Kurfürsten müssen die Freiheitsrechte der Gemeinde Horneburg nicht bekannt oder nicht genug begründet gewesen sein, denn Dietrich von Westrem, Besitzer des Hauses Gutacker bezeugte ihm als nächster benachbarter Ritter, daß die Freiheit Horneburg immer nur mit den Kriegskontributionen beschwert worden sei. – Die ganze Angelegenheit lag in den Händen des Schloßvogtes, er mußte für das Mittagsmahl sorgen, dem Kurfürsten die notwendigen Zimmer und Säle auf dem Schlosse einräumen (40) und nachher die Rechnung aufstellen.

 

Der Österreichische Erbfolgekrieg

 

Ein neuer Krieg, der österreichische Erbfolgekrieg genannt, entspann sich im Jahre 1670 zwischen Deutschland, Spanien und Holland einerseits und Frankreich unter Ludwig dem Vierzehnten andererseits. In diesem Kriege standen der kölnische Bischof Maximilian Heinrich und der münstersche Bischof Bernard von Galen zu Frankreich. Der französische General Turenne, welcher 1646 die Freiheit Horneburg in Brand setzte, lag wieder im Veste und zog, nachdem er Dorsten besetzt hatte, durch Recklinghausen und Horneburg 1673 in die Gegend von Dortmund, um gegen den großen Kurfürsten von Brandenburg zu agieren.

 

Der deutsche Kaiser ermahnte wiederholt die beiden Bischöfe von Köln und Münster, von dem unnatürlichen Bündnisse mit Frankreich abzulassen, sie folgten aber erst dieser (41) Mahnung, als unter ihren Unterthanen infolge der Verhältnisse eine dumpfe Gährung entstand. Der Erzbischof unterhielt längere Zeit Besatzungen in Horneburg, Recklinghausen und in den anderen Freiheiten des Vestes. Die Soldaten hatten jedoch Zeit und Muße genug, an Hochzeiten und Kindtaufen zu denken, wie die Tauf- und Kopulationsregister in Datteln nachweisen. Besonders aber sind es brandenburgische Soldaten, von denen nachgewiesen und erzählt wird, daß sie Frauen und Kinder mit sich führten, hierorts heirateten und ihre Kinder taufen ließen.

 

Am 17. Mai 1671 schrieb der vestische Statthalter an die Gemeinde Horneburg: "Laut Befehl des Kurfürsten sollen 2 Kompagnien zu Pferd von den an sich gebrachten lotaringischen Völkern die eine Hälfte in Recklinghausen, die andere in den 4 Freiheiten einquartiert werden auf Servis nach der Servis-Ordonanz." (42) Horneburg erhielt 18 Mann mit einem Korporal auf einen Monat. Das Servis betrug für jeden täglich siebeneinhalb Stüber (30 Pfg.). Die Mannschaft, mit oder ohne Verpflegung einquartiert oder auf Exekutionen ausgeschickt, erlaubte sich allerlei Erpressungen. Der Vogt auf dem hiesigen Schlosse erhielt hierüber ein Schreiben aus Wesel vom 22. December 1673, lautend: "Der Kurfürst habe mißfällig vernommen, daß die auf Exekution liegenden Soldaten allerlei Excesse verüben und den armen Unterthanen neben der Verpflegung noch täglich einen Reichsthaler abpressen, er befiehlt daher, daß den Exekutanten bloß Hausmanns-Kost und Trank oder statt dessen ein Reichsort [ein Viertel Reichsthaler] solle verabreicht werden, dabei solle weder von dem Einwohner oder anderen Offiziers noch von dessen Bedientesten einiger Beischlag geschehen." In diesem Schreiben vom 15. Februar 1674 bedrohte der Kurfürst die Offiziere mit Verlust (43) ihrer Charge, die Gemeinen mit Leibesstrafen, weil sie neben der gewöhnlichen Hausmannskost auch Hammel-, Kalb- und Rindfleisch, Hühner und Gänse, Wein, Bier, Branntwein und Taschengelder verlangten. Von Kaiserswerth aus erließ der Kurfürst am 14. Februar 1674 eine Ordre über Verpflegungskosten für einen Monat für die kurkölnische Kavallerie. Hiernach sollte haben:

 

Stab

 

 

Kompagnie

 

 

Im Januar 1673 war in Horneburg das Lippesche Regiment einquartiert, was (44) der Gemeinde in 6 Wochen 278 Reichsthaler 33 Stüber kostete. Auf Befehl des Kurfürsten vom 16. April 1674 mußten sich seine ganze Kavallerie in die Städte Recklinghausen und Dorsten zurückziehen, das ganze Vest aber zu den Verpflegungskosten beitragen. Für Horneburg wurden diese auf insgesamt siebeneinhalb Thaler festgesetzt. Die tägliche Lieferung von hier nach Recklinghausen betrug 1 Schilling, ein Viertel Hafer, ein halbes Häcksel und in 10 Tagen 4 Klapen [vgl. die Verordnung des Vestischen Statthalters vom 16.4.1674: "4 große Bausch oder Klapen Stroh", in: A.Jansen, Die Gemeinde Datteln, Datteln 1881, 178] Stroh auf 40 Tage bei Strafe militairischer Exekution.

 

Im Sommer 1675 mußte Horneburg an Münstersche Soldaten, die in Ehsel kampierten, im Ganzen liefern: 12 Tonnen Bier und 2 Thaler, tausend Pfund Brot zu 16 Thaler 40 Stüber, 1 Scheffel Salz zu 3 Thaler. In demselben Jahr mußte Horneburg für die Verpflegung Brandenburgischer Völker 150 Thaler 21 Stüber zahlen. Am 8. und 9. November 1675 hatte Horneburg 2 Mann von der Osnabrückischen Atillerie zu verpflegen. (45) Auf Weihnachten 1675 quartierte sich in der Gemeinde der Regimentsstab eines Regimentes Brandenburger unter Montecuculi ein, die Kosten betrugen 110 Thaler 30 Stüber. Vom 1. Februar bis 11. Juni 1676 hatte Horneburg 2 Bagagepferde Spanischer Soldaten zu unterhalten. Auf Pfingsten 1676 lag eine ganze Kompagnie Soldaten 6 Tage lang in Horneburg, die Kosten waren 110 Thaler siebenunddreißigeinhalb Stüber.

 

Als die Klagen über solche Bedrückungen immer lauter wurden, schrieb man eine Schatzung aus, der vierte Teil derselben wurde in 10 Tagen eingefordert. Am 12. Februar 1676 versammelten sich Meckinghöver in dem alten Plankermannsschen Hause und gaben vor dem Notar Liphaus die Erklärung ab, daß sie vollständig ausgemergelt seien durch Osnabrücker und Brandenburger und auf ihre Mark kaum noch ein Stück Geld zu bekommen wäre. Doch erhielt die Bauerschaft am 20. März desselben Jahres noch (46) 50 Thaler von Vincenz Wember in Horneburg geliehen. Im Herbste des Jahres 1676 hatte der Bischof von Münster, Bernard von Galen, seine Truppen im Veste eigenmächtig einquartiert. Diese trieben 24.000 Thaler ein. In derselben Zeit wurden zweieinhalb Schatzung ausgeschrieben. [Im Jahre 1630 wurde das ordentliche Schatzungs-Contingent der Freiheit Horneburg auf 14 Reichsthaler veranschlagt. Zweieinhalb Schatzung sind also 35 Reichsthaler.]

 

An den Rittmeister Hundt, in Waltrop einquartiert, hatte Horneburg für December 1676, Januar, Februar und März 1677 je 18 Reichsthaler zu zahlen. An die Kaiserlichen Truppen mußte die Gemeinde 10 Monate lang jeden Monat 3 Thaler und ein Thaler Servis in der Zeit 1. November bis zum letzten April des folgenden Jahres in Recklinghausen gezahlt haben bei Strafe militairischer Exekution. Ein besonderer Befehl lautete: Horneburg soll für die Küche des Obersten, der hier wahrscheinlich im Quartier lag, unfehlbar morgen einen halben Ohm Wein [ein Ohm entspricht in Preußen 137,4 l], ein Stück Rindvieh, einen guten Hammel, 6 Schinken und 20 Pfund Butter einliefern. (Befehl vom 24. Januar 1677). Vom 2.-15. April 1677 mußte Horneburg einen Führer (47) und 5 Mann unterhalten, laut Befehl vom 2. April aus Westerholt. Die ausgeschriebene Schatzung war Horneburg mit 30 Thalern schuldig geblieben, darum wurden 2 mit Exekution beauftragte Soldaten in die Gemeinde verlegt. Diese waren zudem mit ihren 3 Weibern zu verpflegen. Zur Eintreibung von 4 Schatzungen [56 Reichsthaler] kam am 24. Februar 1677 ein Fähnrich nach Horneburg und blieb bis zum 16. März. Er erhielt die volle Kost und für sein Pferd täglich einen halben Thaler.

 

Bei solchen Bedrückungen geriet die Gemeinde durch Geldanleihen in Schulden. Um diese zu tilgen, versammelten sich die Bürger am 21. Januar und beschlossen, eine Mahlsteuer einzuführen. Sie betrug von jedem Scheffel Roggen einen Stüber, von einem Malder Malz 3 Stüber, von einem Scheffel Weizen 2 Stüber. Die Kötter hatten die Hälfte zu zahlen. Ferner verkaufte die Gemeinde ein Stück Gartenland an Vincenz Benke (48) für 36 Reichsthaler 3 Richsort [Reichsort, ein Viertel Reichsthaler]. Brandenburgische Reiter unter dem Oberst-Leutenant Baron Ulrici hatte in Horneburg seine Winterquartiere bezogen, die der Gemeinde unerträglich wurden. Er kam am 2. April 1677 mit Bagage, 6 Dienern und 8 Pferden und wurde einem Johann Schlüter ins Haus gelegt. Dieser hatte ihm sein ganzes Haus und 3 Betten einzuräumen. Am 14. April kamen auf 2 Wochen ein Schreiber, ein Fourier [Feldschreiber], 2 Fourierschützen [Rastmacher], 3 Weiber und eine Magd noch hinzu. Am 22. April mußte der Bürgermeister ihm Hafer für seine Pferde verschaffen. Die Kosten betrugen für die Gemeinde 79 Thaler 21 Stüber.

 

Das Jahr 1678 war für die umliegenden Gemeinden besonders beschwerlich. Das Vest hatte 20.000 Thaler aufzubringen, um die Kaiserlichen Truppen fern zu halten. Am 3. April erging der Befehl an die Vorsteher der Gemeinden, den Beitrag zur Hälfte der Summe gleich einzufordern (49) und bei Strafe militairischer Exekution binnen 8 Tagen einzuliefern. Um dem Befehl Nachdruck zu geben und die notwendigen Exekutionen gleich ausführen zu können, wurde der kurkölnische reformierte Leutenant von Gulp nach Horneburg ins Quartier gelegt. Die erste Exekution nahm derselbe mit 8 seiner Leute in Henrichenburg vor. Der in Wesel liegende französische Kommissar Fonmort forderte noch besonders vom Veste 7.000 Thaler, an deren Zahlung Horneburg mit zweieinviertel Schatzung (einunddreißigeinhalb Thaler) beteiligt war. Weiter nahmen die Stände des Vestes noch 10.000 Thaler auf, um damit den französischen General de Crequi [Créquy] fernzuhalten, der das Vest bedrohte.

 

Horneburg hatte im Jahr 1679 folgende Einquartierungen: Vom 6.-13. Juli fünfundzwanzig Mann kurkölnische Soldaten, vom 19. August bis 4. September einen Fähnrich und 24 Mann, vom 17. September bis 14. December von einer Kompagnie 54 Mann mit Weibern und (50) Kindern. (Für jede Person rechnete man täglich 10 Stüber.) Vom 14. December bis 20. Mai 1680 hatte Horneburg für 12 Mann (mit Weibern und Kindern 19 Personen) Servis zu beschaffen à Person täglich dreidreiviertel Stüber. Vom 18. Mai 1680 bis 29. April 1681 sechs Soldaten. Im Mai 1683 wurde wiederum eine volle Schatzung ausgeschrieben.

 

Am 27. December 1684 kamen brandenburgische Soldaten auf ihrem Marsche von Cleve nach der Mark in Horneburg an. Ein Herr von Wersabe quartierte sie ohne Vorzeigen seiner Ordre des Statthalters ein. Hiergegen protestierten der Bürgermeister Vincenz Klaverkamp und Wilhelm Plankermann  und schickten den Notar Werner Wulf zum von Wersabe mit dem Auftrage, die Ordre zu verlangen. Wersabe sah dies als eine Beschimpfung an und erwiderte, er hätte dieselbe, zeige sie aber nicht vor. Die Soldaten (51) blieben am 27. und 28. December in Horneburg auf 40 Häuser verteilt; 326 Personen, darunter 51 Weiber und 44 Kinder.

 

1689 befahl der Kurfürst, im Veste 200 Mann auszuheben, zu montieren und in die Städte Recklinghausen und Dorsten zu legen. Die Landstände beschlossen auf je 20 Thaler Kontribution einen Mann zu nehmen, da die Freiheit den Mann nicht stellte, hatte sie statt desselben 8 Thaler Montierungskosten zu zahlen. Das Jahr 1693 brachte wiederum eine extraordinäre Kontribution.

 

Der Geleitsbrief

 

Das Jahr 1700 brachte eine Verfügung des Kurfürsten, nach welcher es den Juden nicht mehr gestattet wurde, sich im Kölnischen niederzulassen oder darin Handel zu treiben. Wollten sie dennoch das Gebiet betreten, so war dazu ein Geleitsbrief des vestischen Statthalters notwendig, der für eine bestimmte Zeit ausgestellt werden sollte. Aber selbst der Geleitsbrief schützte die Juden nicht. (52) Auf öffentlichen Straßen und Wegen beschimpfte, mißhandelte und beraubte man dieselben. Die Verfügung bestand bis zum Jahre 1802 und wurde damals durch den neuen Landesherrn, den König von Preußen, wieder aufgehoben.

 

Die Thore

 

Horneburg hatte damals noch an beiden Eingängen des Dorfes (am sogenannten Thorteich und an der Brücke bei Wieland) Thorbogen mit verschließbaren Thüren [das Lüner und das Recklinghäuser Thor]. Im Durchgange hing, nach außen hin erreichbar, ein Briefkasten. Juden hatten ihr Gesuch um Einlaß, Steuerexekutoren [Steuerneintreiber] ihre Papiere, Gläubiger ihre Mahnbriefe hineinzulegen. Der Thorwächter machte dem Bürgermeister Mitteilung und dieser konnte nun nach Gutdünken den Zutritt verweigern oder genehmigen.

 

Das Asylrecht

 

Schon von den ersten Zeiten her war es ein Vorrecht der Freiheit Horneburg, daß ein Gefangener, wenn er das Gefängnis (53) verlassen und die Kirche erreichen konnte, straffrei war. Im hiesigen Kirchenbuche sind 4 solcher Fälle aus der Zeit 1737-1746 verzeichnet.

 

"Im Jahre 1737, am zweiten Sonntage nach dem Feste der hl. drei Könige, entwich aus dem Gefängnisse auf dem Schloßplatze Johann Silvester Stemmermann und floh in die Kirche. Er wurde aus derselben mit Gewalt fortgeschleppt, mußte aber nach einem Dekret des General-Vikars zu Köln dorthin zurückgebracht werden. 24 bewaffnete Männer bewachten nun die Kirche Tag und Nacht, denn sobald er die Kirche freiwillig wieder verließ, hatte für ihn das Freiheitsrecht auch keine Geltung mehr; dennoch gelang es ihm, zu entkommen."

 

In der Zeit vom Jahre 1740 bis zum Jahre 1748 stand der Kurfürst Clemens August von Köln im Kriege zwischen Frankreich und Österreich mit seinem Bruder Carl Albert, Kurfürst (54) von Baiern auf der Seite Frankreichs. Im Herbste 1741 kamen die Franzosen über den Rhein und bezogen in Westfalen Winterquartiere. Im Veste lagen 2.500 Mann, zu deren Unterhaltung alle Einwohner wöchentlich zweimal Lebensmittel aller Art nach den Quartieren abliefern mußten. 1743 kamen auch feindliche Truppen, besondere Furcht hatte man vor den Hessen, die während des dreißigjährigen Krieges in hiesiger Gegend schrecklich gehaust hatten. Es wurde viel von ihnen gesprochen und mancher suchte vor ihnen seine wertvollsten Sachen in Sicherheit zu bringen. 1748 waren sie wirklich eingetroffen und ihren alten Ruf haben sie nicht verloren.

 

Das Anfangsjahr des Krieges 1740 endigte mit einem sehr strengen Winter. Die Kälte war derartig, daß man überall das Knallen der Bäume vernahm, welche zerbarsten. In den Ställen war das (55) Vieh ganz weiß. Sogar die ziemlich stark fließende Lippe war vom 8. Januar bis zum 14. April 1741 zugefroren. Am 8. Mai lag noch tiefer Schnee. Viel Hornvieh kam durch Kälte und Futtermangel um. Das Stroh von den Dächern wurde zuletzt dem Vieh zur Nahrung vorgeworfen. Im Frühjahr 1741 erreichten die Kornpreise eine ganz ungewohnte Höhe.

 

Der siebenjährige Krieg

 

Noch größere Bedrängnisse brachte über die hiesige Gegend der siebenjährige Krieg 1756-1763. Friedrich II. der Große, König von Preußen, kämpfte zum dritten Male um die Provinz Schlesien. Seine Verbündeten waren der Herzog von Braunschweig und der König von England (zugleich Kurfürst von Hannover). Frankreich, Rußland, Schweden, Sachsen standen im Bunde mit Maria Theresia, der Kaiserin von Österreich, gegen ihn. Friedrich vereinigte Braunschweiger, Engländer und Hannoveraner zu einem Heere unter der Führung des (56) Herzogs Ferdinand von Braunschweig. Es sollte die Franzosen zurückhalten, damit Friedrich II. in seinen Kämpfen mit den übrigen Feinden von ihnen nicht behelligt würde. Der Herzog löste auch diese Aufgabe, und kamen auch die Franzosen zu einzelnen Malen bis nach Cassel, Minden, Münster und Coesfeld, so blieb doch die Gefechtslinie längs der Lippe von Dorsten bis nach Paderborn zu. Der Hellweg war ein beliebtes Gefechtsterrain. [Daher deuten einige den Namen als "Heerweg" und nicht als "Salzweg". Andere Deutungen sind: heller, breiter Weg; Helweg, Leichenweg zur Unterwelt.] Von Interesse für die Gemeinde Horneburg sind folgende Daten:

 

 

5. Kapitel.

 

Die französische Revolution

 

(75) Die französische Revolution, welche im Jahre 1789 ausbrach, machte sich in hiesiger Gegend insofern bemerkbar, als einige französische Geistliche (Emigranten) hier ihren Aufenthalt nahmen. Zwei wohnten auf dem Domkapitelshofe Berger in Meckinghoven. Der eine, Nicolaus Malraison, war Pastor in Hampont, Diözese Metz, und starb bei Berger am 3. December 1794; der andere, Pastor in Cagnicourt, Diözese Cambray, starb dort ebenfalls am 6. Januar 1797: beide sind auf dem Kirchhofe in Datteln begraben. Da zur selben Zeit auch ein französischer Emigrant in der Wirtschaft Benke ein Unterkommen gefunden hatte (Namen, Stand und weitere Schicksale desselben sind nicht bekannt geworden), so kamen die vorhin genannten Priester häufig nach Horneburg, verkehrten auch mit dem Pastor Stein und lasen in der hiesigen Kirche die hl. (76) Messen. Ein dritter französischer Geistlicher, La Mourier, fand Aufnahme auf dem Gute Mahlenburg [Kommende Mahlenburg, Datteln-Ahsen] und bekleidete längere Zeit die Stelle eines Hauskaplan.

 

Durch den Luneviller Frieden, am 9. Februar 1801 zwischen Deutschland und Frankreich geschlossen, ging das Kurfürstentum Köln ganz ein. Der Erzbischof verlor die Landeshoheit über das Fest  Recklinghausen und dieses wurde dem Herzog Ludwig Engelbert von Arenberg von Napoleon I. übergeben als Entschädigung für einige Besitzungen, die der Herzog an der linken Rheinseite an Frankreich abtreten mußte.

 

"Das Weitere im II. Abschnitt."

 

6. Kapitel.

 

Die kirchlichen Verhältnisse

 

(77) Über die kirchlichen Verhältnisse der Gemeinde Horneburg lassen sich die folgenden Angaben machen: Bis zum Jahre 1671 oder 1672 gehörte Horneburg zur Pfarrei Datteln. Diese scheint nach Recklinghausen die älteste Pfarrei des Vestes zu sein. Die Christianisierung des Vestes Recklinghausen und der hiesigen Gegend überhaupt ging von Köln aus und nahm schon im 7. Jahrhundert ihren Anfang. Besonders war es die Abtei Werden an der Rhur, welche ihre Glaubensboten nach dieser Richtung aussandte. Viele Besitzungen hatte diese Abtei in der Umgegend, wie aus den alten Heberegistern hervorgeht, die in Werden aufbewahrt wurden und in welchen alle zunächst liegenden Orte und Bauerschaften aufgeführt sind. Auch die Abtei Siegburg hatte Besitzungen (78) in dieser Gegend, zum Beispiel den Reichshof Hofstedde. im Jahre 1147 war die Pfarrei Datteln unter dem hl. Heribert, Erzbischof von Köln, der Abtei Deutz zugeteilt und dies auch vom Papste Eugen III. bestätigt.

 

Im Jahre 1382 machte der Besitzer des Gutes Horneburg, der Freiherr Heidemich [Heidenreich] von Oer, in Gemeinschaft mit seiner Frau Neysa [Neisa, Agnes] und mit Wissen seiner Söhne Heidemich [Heidenreich] und Heinrich die Stiftung eines Jahrgedächtnisses (Meßfundation) an der Kirche zu Datteln und übergab derselben zu genanntem Zwecke 5 Scheffel Landes im Felde von Meckinghoven. 2 Morgen liegen auf dem sogenannten Dahl.

 

Nach der Lostrennung der Gemeinde als selbstständige Pfarrei gehörte sie mit den umliegenden Pfarreien zum Bistum Köln und war dem Dekanate Dortmund zugeteilt, bis sie im Jahre 1821 zum Bistum Münster kam.

 

(79) Der Ursprung der Pfarrei Horneburg liegt wie derjenige der Gemeinde in der alten adligen Besitzung, dem Schlosse von Horneburg. Wie man noch jetzt auf größeren adligen Gütern einen Schloßgeistlichen und eine Schloß- oder Burgkapelle hat, so war es auch in alter Zeit auf dem Schlosse Horneburg. Die Kapelle wurde jedoch nur von den Bewohnern und Bediensteten der Burg benutzt, Leute aus der Umgegend besuchten stets den Gottesdienst in ihren Pfarrkirchen. Später, als man auch die Bewohner der Umgegend zum Gottesdienste in der Kapelle zuließ, wurde dieselbe eine Filialkirche von Datteln. Damit wird die frühere Vikarie St. Antonie gegründet und fondiert worden sein.

 

Den "Horneburger" Einwohnern war auf dem Kirchhofe zu Datteln ein besonderer Begräbsnisplatz zugewiesen. (80) Sie mußten ebenfalls, um die Sakramente zu empfangen, immer die Pfarrkirche in Datteln besuchen. Nicht einmal zur Vornahme einer Taufe war der Geistliche an der früheren Schloßkapelle berechtigt. War eine Leiche nach Datteln zu bringen, so begleitete der Rektor (so wurde hier der Geistliche benannt) dieselbe bis zum Thore (bis zur Brücke bei Wieland) und hierfür hatte er auch seine Gebühren zu fordern. Der Leichen- oder Notweg führte durch Meckinghoven, bei schlechtem Wetter durfte man mit Erlaubnis des Herrn von Gutacker durch dessen Felder fahren.

 

Am Montag nach dem Feste der hl. Dreifaltigkeit mußten die Einwohner von Horneburg alle in Datteln an der Hagelfeier teilnehmen und ein Almosen geben.

 

Die große Prozession

 

Alle die Jahre kam die große Prozession von Datteln durch Horneburg, ging durch Rapen bis Gremm, wo der Segen erteilt wurde, wieder nach Datteln zurück. (81) Sie wechselte in der Weise ab, daß in jedem Jahre dieselbe durch einen anderen Teil der Gemeinde geführt wurde, was bei der großen Ausdehnung der Pfarrei nicht anders möglich war. Voran gingen die Junggesellen der Gemeinde als Schützen, an der Spitze Grenadiere mit Handwerkszeug. Sie hatten etwaige Hindernisse, welche sich der Prozession auf den Wegen, in den Feldern oder auch in betreff der Wohnhäuser, durch welche dieselbe ging, entgegenstellten, zu beseitigen. Ihre Rechte gingen weit, in Rapen zertrümmerten sie einem Bauern die Hausthür samt der Einfassung, als dieselbe für den Durchzug als zu klein erachtet wurde. [Die große Prozession zog durch das Haus.] Ein Musikchor hatte die Prozession zu begleiten, an verschiedenen Stellen wurden Böller gelöst. In der hiesigen Kirche wurde der Segen erteilt und darauf eine kurze Rast gehalten. Der Pastor, angesehene (82) Bürger und Bauern, oder solche, welche sich zu schwach fühlten, den ganzen Weg zu Fuß zu machen, waren häufiger zu Pferde. Die Prozession erhielt sich bis zum Anfang des jetzigen Jahrhunderts. Alte Leute geben die in den zwanziger Jahren [des 19. Jahrhunderts] gehaltene als die letzte an.

 

Jährlich einmal kam der Pastor von Datteln nach Horneburg, um den sogenannten Rauchheller zu holen, er konnte denselben an jeder Herdstelle einfordern. [Der Rauchheller ist der Zins, der vom eigenen Herde gegeben wird. Dies bedeutet: Jeder Haushalt mußte diese Kirchensteuer entrichten.] Starb der Rektor, so hatte er die  Begräbnis desselben hier am Orte vorzunehmen, da derselbe in der Kapelle begraben wurde. Auch der Besitzer des Schlosses hatte für sich und seine Angehörigen den Begräbnisplatz in der Kapelle.

 

Patronin der hiesigen Kirche ist die hl. Maria Magdalena.

 

In der Verwaltung der Kirchengemeinde Horneburg sind bis zum Jahre 1802 thätig gewesen: (83)

 

  1. Johann Meckinghovius, 1581-1594.
    Er stammte vom Hofe Schulte Meckinghoven und erhielt die hiesige Rektorstelle infolge der Bemühungen des adlichen Herrn Theodor von Westrem auf Gutacker, der Kirchenprovisoren Heinrich Rensmann und Schulte Meckinghoven und der Pfarreingesessenen. Am 13. Juli 1581 ist er von Pastor Georg Hove, genannt Burmann zu Datteln investiert und installiert worden. Er starb 1594.
  2. Dobbelink, 1594-1608.
    Zu seiner Zeit wurde das Vest Recklinghausen vom Dekanate Dortmund getrennt und zu einem eigenen Landdekanate erhoben. Der Landdechant wurde der Pfarrer von Westerholt. Dieser war zugleich vestischer Commissar. Es fehlte damals nicht an Bestrebungen, auch im Veste Recklinghausen dem Protestantismus Eingang zu verschaffen. Von bedeutendem Einfluß war die (84) benachbarte protestantisierte Mark. Der sogenannte Laienkelch (die hl. Kommunion unter beiden Gestalten) hatte in Datteln und Horneburg Anhänger gefunden und wurde auch an beiden Orten von etwa 60-70 Personen benutzt. Der Herr von Westrem führte in seiner Hauskapelle reformierte Gottesdienste ein und ließ an den Sonntagen einen Prediger aus der Mark herüberkommen. Doch verschwanden solche Erscheinungen und Bestrebungen bald wieder, da der Landdechant energisch dagegen auftrat und die bischöfliche Behörde sehr wachsam war. Begleitet waren diese Zustände von einzelnen traurigen Vorkommnissen, solche waren zum Beispiel die Verheiratung eines Kaplans Brockmann zu Datteln und das Leben des Pastors Brinkmann zu Waltrop im Concubinate. (85)
  3. Heinrich Barkhoff [richtig: Barckhoff], 1608-1650.
    Bis zum Jahre 1635 war er noch Rektor an der Filialkirche zu Horneburg, von genannter Zeit an übte er die Rechte eines Pfarrers aus. 1633 ernannte ihn der Kurfürst zum vestischen Kommissar, da er sich überall einer besonderen Liebe und Achtung erfreuen konnte. Im Jahre 1610 wurde infolge seiner Bemühungen in der Gemeinde die erste öffentliche Schule errichtet. Seinen Bemühungen gelang es ferner, daß 1612 die Einkünfte aus der alten Vikariestelle, unter der Bezeichnung St. Antonie, schon in den ersten Zeiten vom Schloßherrn gegründet, mit der Stelle des Rektors (Pfarrers) vereinigt wurde. H.Barkhoff übernahm hieraus die Verpflichtung, dem Lehrer jährlich 3 Malter Roggen und 3 Malter Gerste zu liefern, was auch für seine Nachfolger bestehen blieb. Dafür war ihnen auch für alle Zeiten (86) in betreff der Lehrerstelle das Präsentationsrecht eingeräumt. Diese Sache wurde auf Bitten des Rektors und der Gemeinde von dem Erzbischof (Ferdinand) durch Verfügung vom 11. Juli 1612 geordnet und erledigt, indem er noch den Pfarrern oder Rektoren die Pflicht auferlegte, wöchentlich am Altar des hl. Antonius eine hl. Messe zu lesen. Barkhoff erhielt auch zuerst die Erlaubnis, in seiner Filialkirche die Kindtaufen vorzunehmen, die sonst immer in Datteln stattfanden. Die Bürger der Gemeinde waren über die Beschwernis beim Erzbischofe vorstellig geworden. Das Bestreben, sich von Datteln als selbstständige Kirchengemeinde abzutrennen, nahm überhaupt zu dieser Zeit seinen Anfang und fand unter dem Pfarrer Hovestadt um 1670 seinen Abschluß. Für die Kirche beschaffte Barkhoff [Einschub in runden Klammern von anderer Hand:] (1622) einen neuen Beichtstuhl, der noch jetzt vom Herrn (87) Pastor benutzt wird. Unter den Wirren des dreißigjährigen Krieges hatte mit der Gemeinde auch Barkhoff viel zu leiden. Da er bald nicht mehr im Stande war, die ihm zugeschobenen Kontributionen zu leisten, führten ihn die Hessen am Lichtmeßtage 1632 gefangen nach Dorsten, wo er drei Wochen verbleiben mußte. Durch den vom französischen General Turenne verursachten Brand im Jahre 1646 verlor Barkhoff seine Wohnung, da die Pastorat, welche bis dahin vor der Kirche stand, ebenfalls niederbrannte, sowie die Kirchenbücher und andere Schriften und Urkunden. Doch legte er gleich ein neues Lagerbuch an. Kurz nach Beendigung des dreißigjährigen Krieges erließ das erzbischöfliche General-Vikariat eine Verfügung, nach welcher die Einkünfte und Besitzungen der Kirchen, Armen [Armenfond] und geistlichen Pfründen revidiert, die Ländereien verbessert und aufs Neue verpachtet, die (88) Pächte und Zinsen sorgfältiger eingetrieben werden sollten. Das Kirchenland wurde neu aufgenommen, die Pacht festgesetzt. Diese Verordnung war durchaus notwendig geworden, da schon manche Anpächter glaubten, ungestörte Besitzer der Anpachtungen sein und bleiben zu können. Auch in hiesiger Gemeinde rief daher die Verfügung eine große, aber kurze Unzufriedenheit hervor.
  4. Theodor Middeldorf, 1650-1663.
    Er war zugleich Rektor der Kapelle in Leveringhausen und legte für die Gemeinde Horneburg neue Tauf-, Kopulations- und Sterberegister an. Diese beginnen mit dem Jahre 1650.
    Im Jahre 1654 wurde die hiesige Kapelle vergrößert und dann vom Kölner Weihbischofe neu eingesegnet. Auf den Wunsch der Gemeinde, den Platz um die Kirche (Kapelle) zu einem Begräbnisplatze einzuweihen, ging der Weihbischof nicht ein, (89) doch wurde das Verlangen der Bürger nach einem solchen immer lauter.
  5. Wilhelm Hovestadt, 1663-1672.
    Zu seiner Zeit vollzog sich die Trennung der kirchlichen Gemeinde Horneburg von der Pfarrei Datteln. Hovestadt hatte deswegen mit dem Pastor Theodor Bürich zu Datteln einen längeren Prozeß zu führen. 1670 entschied der Generalvikar Paulus Aussemius zugunsten der Gemeinde Horneburg. Der Pastor von Datteln verlor die Jurisdiktion über Horneburg, und der Wunsch der Bürger nach einem eigenen Begräbnisplatze ging in Erfüllung. Während der Pastor und der Schloßbesitzer denselben in der Kirche behielten, bekamen die 33 berechtigten Bürger ihre Grabstätten zwischen den äußeren Pfeilern der Kirche, die Kötter und neu Zugezogenen auf dem Vorplatze. Die sämtlichen kirchlichen Funktionen übte von nun an der hiesige Pastor und (90) bezog für dieselben auch allein die Gebühren.
  6. Johann Middeldorf, 1672-1708.
    Von ihm wurde die Anschaffung einer neuen Kanzel bewirkt, dieselbe befindet sich noch jetzt in der hiesigen Kirche. Ein Bürger von Horneburg, namens Johann Reidt, kaufte zu dieser Zeit ein Besitztum in Meckinghoven (Wentrup), von dem er aber die kirchlichen Lasten an die Kirche in Datteln nicht tragen wollte. Der Pastor Bürich strengte gegen denselben einen Prozeß an, der sich auch zu seinen Gunsten entschied. Um das Jahr 1689 hatte der hiesige Pastor zur Aushülfe einen Kaplan, mit Namen Johann Backhaus, bis 1696, welcher dann Vikar in Henrichenburg wurde.
  7. Johann Wilhelm Grimbrich, 1708-1717.
    Zu seiner Zeit war ein Kind der Gemeinde Horneburg, (91) der Sohn des kurfürstlichen Kellners Vincenz Fabritius, Pastor von Datteln, 1694-1721, unter dem Namen Johann Werner Fabritius.
  8. Johann Theodor Mechelen, 1717-1721.
  9. Johann Vincenz Wissing, 1721-1726.
  10. Johann Bernard Haddorf, 1726-1731.
    Er gab seine Stelle wegen Krankheit auf. Ihm folgte
  11. Johann [Ignatius] Aloys Pathuis [bei Grochtmann: Pathuys], 1731-1739.
    Er führte an der hiesigen Kirche die Todesangst-Bruderschaft ein. [Ein Bild der Todesangst Christi in Gethsemane im Eingangsbereich der Kirche war das Zentrum der Frömmigkeit dieser Bruderschaft, die sich auch sozial betätigte.] Der benachbarte Freiherr von Westrem auf Gutacker war zur reformierten Kirche übergetreten und schrieb für seine Hauskapelle auch den reformierten Gottesdienst, bestehend aus Predigt und Gesang, vor. Für die Sonntage ließ er einen Prediger aus der Mark herüberkommen und befahl seinen Untergebenen, des (92) Sonntags die Kapelle zu besuchen. Auch spottete er viel über katholische Gebräuche und verlangte die Verleugnung der Abstinenzgebote. Der Kurfürst Clemens August gab dem vestischen Statthalter, Grafen von Nesselrode, den Auftrag, den von Westrem zu Protokal zu nehmen und ihm seine Handlungsweise zu untersagen. Im Jahre 1734 erhielten die Pastöre von Horneburg und Datteln vom Erzbischofe den Befehl, auf den Freiherrn ein wachsames Auge zu haben.
  12. Johann Werner Krämer [Cremer], 1739-1772.
    Er wurde anfangs noch Pfarrverwalter, dann aber Pastor genannt.
    Im Jahre 1750 kam in Horneburg und in der Umgegend eine Viehseuche zum Ausbruch; im Herbste fielen derselben innerhalb zweier Monate 116 Stück Vieh zum Opfer. Auch kam noch die Ruhrkrankheit hinzu, welcher (93) viele erlagen. 1758 erhielt Theodor Forkenbeck aus Horneburg eine Vikariestelle in Datteln. Diese Stelle war vom Pastor Fabritius gegründet und der kurfürstliche Kellner zu Horneburg, Vincenz Fabritius, besaß das Präsentationsrecht derselben. Forkenbeck wohnte aber meistens auf dem Hofe Schulte Meckinghoven und las dann täglich in Horneburg die hl. Messe. Um das Jahr 1785 erließ der Kurfürst eine neue Verfügung in betreff der Revision der Kirchen- und Armenbücher. Der Pastor sollte zunächst die Rechnungen vorher revidieren und sie dann dem vestischen Statthalter, Grafen Nesselrode zur Oberrevision einreichen. Hiernach sollte Alles den Eingesessenen der Gemeinde zur Einsicht vorgelegt werden.
    Pastor Krämer hatte durch den siebenjährigen Krieg viel zu leiden. ((Siehe Siebenjähriger Krieg.)) (94)
  13. Johann Theodor Kettler, 1772-1792.
    Von ihm forderte der Kurfürst zum ersten Male Angaben ein über den Stand der Gemeinde und der kirchlichen Verhältnisse. Dieselben mußten auf einem gedruckten Formular gemacht werden. In Datteln war zu dieser Zeit der berühmte Pastor Antonius Spée, 1781-1785. Er war Exjesuit [die Gesellschaft Jesu war aufgehoben worden], zu Dühseldorf geboren und vom Abte zu Deutz zum Pastor vorgeschlagen. Am 1. August 1785 verzichtete er auf seine Stelle infolge eines Streites mit der Gemeinde wegen des Taufsteines. [Der alte, bleierne Taufkessel war löcherig geworden. Spée erstand auf seine eigenen Kosten einen neuen, kupfernen Taufkessel und ließ bei geschlossenen Kirchentüren den alten Taufstein bis auf den Fuß, der den neuen Taufkessel tragen sollte, zerschlagen.] Als gegen ihn ein offener Aufruhr ausbrach, verließ er die Gemeinde, nachdem er vorher für dieselbe öffentlich gebetet und sie gesegnet hatte. Sein Verlust wurde später schmerzlich empfunden und seine ärgsten Feinde von allerhand Trübsalen heimgesucht. Er starb im Jahre 1804. Unter Kettler ist in der Zeit von 1780-1790 der jetzige Totenkirchhof auf einem Gemeindegrundstück angelegt worden [am heutigen Ehrenmal Schloßstraße / Ecke Magdalenenstraße]. (95)
  14. Rolandus Stein, 1792-1818.
    Er war Franziskaner u. aus Recklinghausen gebürtig. Mit den in Kapitel 5 erwähnten geflüchteten französischen Geistlichen stand er in engem Verkehr. Die Gemeinde erbaute sich an seiner Frömmigkeit und seinen Tugenden. Als im Jahre 1802 der Herzog von Arenberg Landesherr im Veste wurde, errichtete der Erzbischof in Recklinghausen ein Offizialgericht und übertrug die Gerichtsbarkeit dem Pastor von Recklinghausen, Wesener (aus Horneburg gebürtig). Dieser führte nun den Titel "erzbischöflicher Kommissar". Bei Gerichtsverhandlungen hatte er den Beistand von zwei katholischen Rechtsanwälten nachzusuchen, die dann in ihrem Rechte vom Herzoge bekräftigt wurden.

 

Das Weitere im II. Abschnitt.

 

Quelle

 

Chronik. Schule zu Horneburg, Teil 1: bis 1918, S. 1-95, in: Archiv der Stadt Datteln (unveröffentlichte Handschrift in deutscher Kurrentschrift des 19. Jahrhunderts).

 

Weiterführende Literatur

 

 

Herzlicher Dank gebührt Frau Emma Cihlar für das Entleihen des Buches von G.Althoff, Frau Ellinore Elmenhorst für Informationen über Bernhard Gellenbeck sowie Heinrich Möllers für die sorgfältige Korrektur dieser Transkription, für Materialien und Hinweise!

 

Verweise

 

 

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