Liudger

 

Am Niederrhein waren die Menschen schon seit langem Christen geworden. In Friesland wurde im Jahre 754 der heilige Bonifatius zusammen mit seiner Begleitung bei einem Missionsversuch erschlagen, doch bald darauf nahm auch die Bevölkerung dieses Gebietes das Christentum an.

In Westfalen hielt die Bevölkerung aber zäh an ihren Traditionen fest. Die beiden Ewalde, der weißhaarige und der schwarzhaarige, die hier den Glauben verkündeten, fanden sehr bald den Martyrertod. Sie starben an einem 3. Oktober des Jahres 691 oder 693.

 

Was war eigentlich der Hauptgrund für den Zorn? Die Geistlichen zerstörten Heiligtümer und Kultgegenstände. Dies bedeutet den Verlust des bisherigen religiösen Mittelpunktes. Doch gerade dieser Umstand begünstigte allmählich das Anwachsen des Christentums. Wenn die alten Götter der Auslöschung ihres Gedächtnisortes tatenlos zusahen, konnten sie nicht mächtig sein.

 

Liudger war ein Friese. Er besuchte eine Klosterschule in Utrecht, wurde in York zum Diakon geweiht und erhielt 777 in Köln die Priesterweihe. Nach seinen ausgiebigen Studien wirkte er in Friesland, wurde aber durch einen Aufstand vertrieben. Die neue Religion, aber auch das ungewohnte Königtum boten zahlreiche Kritikpunkte für traditionell empfindende Menschen. Liudger reiste nach Rom, kehrte nach Friesland zurück und arbeitete dort, bis ein zweiter Aufruhr losbrach.

 

Nun wandte er sich nach Westfalen. An der Kreuzungsstelle von Königstraßen erbaute er 795 eine Kirche und gründete 797 eine Schule, die heute noch als das Gymnasium Paulinum besteht und die älteste Höhere Schule Deutschlands ist. Hier bildete er Mitarbeiter aus, die sein Werk festigten und fortsetzten. Liudger ließ auf dem Lande Kirchen errichten, da er der Überzeugung war, daß das Christentum nur dann den Menschen ans Herz wächst, wenn es ihnen sichtbar nahe ist.

 

Wie geschah Mission in dieser Zeit? In Form einer Prozession zogen die Reisenden in eine Ortschaft ein. Das Kreuz wurde vorgetragen, dann folgten die Weihrauch- und Kerzenträger und dann der Geistliche mit dem Allerheiligsten. Es war also eine liturgische Art, die Menschen besser mit dem Christentum vertraut zu machen. Liturgie setzt Menschen in Bewegung, sie spricht nicht nur den Kopf an, sondern auch das Herz.

 

Liudger wird mit einer Gans dargestellt. Es gab damals eine Zeit großer Dürre und er bat eine Gans, eine nie versiegende Quelle zu graben. Wenn wir uns mit Jesus Christus verbinden, werden Ströme lebendigen Wassers aus uns fließen (vgl. Johannesevangelium 7, 38). Wir können dann mit anderen zusammen den Weg der Nachfolge Christi gehen, Trost empfangen und Trost spenden.

 

 

Diese Ansprache wurde im Jahre 2013 in der Neuen Kirche zu Horneburg gehalten.

 

·     Mit Liudger auf dem Lebensweg, herausgegeben von Josef Alfers, Münster 2009.

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026

 

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