Sehnsucht
Manche lieben die Berge.
Ihr Anblick kann majestätisch sein. Der Weg nach oben erinnert an den
Lebensweg: Da geht es durch dunkle Täler, es folgt ein steiler Anstieg, der
alle Kräfte erschöpft und nicht ungefährlich ist. Doch auf dem Gipfel gibt es
bei gutem Wetter eine wunderbare Weitsicht. Andere Berge sind zu sehen und die
Menschen erscheinen ganz klein, ebenso wie die Sorgen des Alltags. Grenzenlose
Freiheit scheint nah, die frische Luft erquickt und der Blick in die Ferne
weitet das Gemüt.
Andere lieben das Meer.
Wir können stundenlang am Ufer entlanggehen, die Kinder oder die Enkel plätschern
in den Wellen oder bauen Sandburgen. Der Anblick wechselt ständig, die Farben
erscheinen jeweils anders, es weht eine beständige Brise, die Wellen der
Brandung rollen unablässig ans Ufer. Der Blick geht bis zum Horizont. Ein
Sonnenuntergang färbt das Wasser. Wie glitzernde Strahlen bricht sich das Licht
im Wasser.
Und doch gibt es etwas, das wir weder auf dem Gipfel noch am Meer finden. Da sind Unruhe und Sehnsucht, die sich nicht durch Äußeres stillen lassen, Fragen, die beständig wiederkehren.
Nur wenn wir in unser eigenes Herz eintreten, finden wir
dort die Gegenwart dessen, der uns geschaffen hat.
Diese Ansprache wurde im Jahre 2013 in der Neuen Kirche zu
Horneburg gehalten.
©
Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026