Alles hat seine Zeit
Nadja war von Natur aus nicht ängstlich, doch die
bevorstehende Operation erfüllte sie mit Sorge. Mehrere Stunden sollte sie
dauern. Der Eingriff verlief denn auch nicht reibungslos: Es kam zum
Atemstillstand. Mit Mühe und Not retteten die Ärzte ihr Leben. Später erzählte
ihr die Krankenschwester, daß sie nur knapp dem Tod entronnen war.
Als Nadja allein war, wurde ihr mit Schrecken bewußt, wie
kostbar die Zeit war, die sie bisher sorglos verbracht hatte. Vor allem mußte
sie jetzt daran denken, wie viele guten Gelegenheiten sie schon verpaßt hatte.
Sie erinnerte sich daran, gelesen zu haben: „Alles hat seine
Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ (Prediger 3,
1).
Von ihrem Bett aus konnte Nadja durch das Fenster auf die
weite sibirische Landschaft schauen und erhielt eine Ahnung von der
Unendlichkeit. Sie fühlte sich sehr müde, doch ein Gedanke tauchte noch auf,
bevor sie einschlief: Sie wollte aufmerksamer leben und sich jeweils fragen,
wozu Gott ihr diesen Tag und diese Stunde geschenkt hatte.
Diese Meditation wurde für die Fastenzeit 2014 geschrieben und zunächst in der Dattelner Morgenpost veröffentlicht. Hier erscheint sie in behutsam überarbeiteter Fassung.
©
Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026