Sommer 1982

 

Augusto César Sandino (1895-1934) kämpfte gegen die US-Besatzung in Nicaragua und für die Zusammenarbeit und Selbständigkeit lateinamerikanischer Staaten.

Der Somoza-Clan hatte seit 1934 das Präsidentenamt in Nicaragua inne. Anastasio Somoza Debayle (1925-1980) wurde von den USA unterstützt. Er unterdrückte die Opposition und bereicherte sich, auch an Hilfsgeldern, die zur Beseitigung der Schäden des Erdbebens im Jahre 1972 gesandt worden waren.

Ernesto Cardenal Martínez (1925-2020) hatte einen jüdischen Urgroßvater, Jakob Taifel. Cardenal schrieb ein Schmähgedicht gegen den Diktator Anastasio Somoza García (1896-1956), entkam nur knapp einem Massaker und mußte das Land verlassen. Er lebte von 1957 bis 1959 im Trappistenkloster Gethsemani in Kentucky und hatte dort den Schriftsteller und Mystiker Thomas Merton (1915-1968) als Novizenmeister. Aus gesundheitlichen Gründen verließ Cardenal das Kloster. 1965 wurde er Priester und lebte als Seelsorger auf Solentiname, einer Inselgruppe im Großen See von Nicaragua. Er schrieb 1975 das Evangelium der Bauern von Solentiname und ermutigte Begabte zur Malerei, um ihr karges Einkommen aufzubessern. 1979 bis 1987 war er Kultusminister des Landes Nicaragua.

José Daniel Ortega Saavedra gründete 1961 die Sandinistische Nationale Befreiungsfront und konnte 1979 die seit 45 Jahren bestehende Diktatur der Somoza-Dynastie stürzen. Als Präsident (1979-1990) unterdrückte er die Opposition und bereicherte sich. Unter der Regierung Arnoldo Alemán wurde ein Teil der Hilfsgelder, die zur Beseitigung der Schäden des Hurrikans Mitch (1998) gesandt worden waren, verwendet, um sich und ihr nahestehende Gruppen einen Vorteil zu verschaffen. 2006 wurde Ortega wieder Staatspräsident. 2018 ließ er Proteste niederschlagen, wobei 350 Menschen getötet wurden. Im Januar 2023 gab es 245 politische Häftlinge und im Mai 2023 wurden weitere 57 Oppositionelle festgenommen.

 

Davon ahnte ich im Jahre 1982 nichts. Ich besuchte Estelí im Norden Nicaraguas (148 km nördlich von Managua an der Panamericana) und unterstützte in den folgenden Jahren einen dortigen Kinderhort mit neuen Schuhen, Malutensilien, Spielzeug und Geld. Neben Managua besuchte ich Solentiname und Bluefields an der Karibikküste/Miskitoküste (383 km östlich von Managua). Ich stellte fest, daß die Bevölkerung derart geteilter Meinung war, daß Menschen unterschiedlicher Auffassung nicht mehr miteinander sprachen und nichts voneinander wußten.

Dies alles stellt ein eigenes Thema dar, das hier nicht im Mittelpunkt stehen soll. Für mich war es weitaus billiger, keinen Direktflug nach Nicaragua zu buchen, sondern von Düsseldorf aus zunächst in entgegengesetzter Richtung, nämlich nach Moskau, zu fliegen. Ich traf abends am Flughafen Šeremétʼevo II ein, der 1980 fertiggestellt worden war. Meine karge Lektüre war ein Lehrbuch der lateinamerikanischen spanischen Sprache. Ich besuchte das Lesezimmer, das jedoch um 20.00 Uhr schloß und ohnehin nur marxistisch-leninistische Lektüre bot. So wanderte ich im Kreise herum. Eine verzweifelte Stewardess stürzte plötzlich herein und und fragte in flehentlichem Ton, ob ich nach Ulan Bator (Roter Held), der Hauptstadt der Mongolei, wolle. Ein Passagier werde dringend vermißt. Sosehr ich wollte, aber das war nicht meine Route. Die Stühle hatten metallene Armlehnen, sodaß ich mich nicht hinlegen konnte. Abwechselnd sitzend und wandernd, verbrachte ich die Nacht. Am nächsten Morgen ging es dann los zum langen Flug: Essen, schlafen, essen, schlafen, bis wir auf Kuba landeten. Dort schmeckte der Kaffee viel besser, als ich es bisher gewohnt war. Die Atmosphäre war gründlich anders als in Europa, viel lockerer, entspannter und herzlicher. Es war zudem aufgrund des tropischen Klimas so warm wie in einem Backofen. Schließlich kam der Anschlußflug nach Managua. Dort wanderte ich zum Priesterseminar, das durch das Erdbeben halb zerstört war. Während des Gottesdienstes sagte der Regens des Priesterseminars, ein Jesuit, den Anwesenden: „Ihr seht, sie kommen aus Europa hierher!“ Und das meinte er nicht positiv.

Bei der Rückreise überflog ich die Datumsgrenze. Dadurch wurde mein in Moskau geplanter zweitägiger Aufenthalt auf eine Nacht gekürzt. Das war bei der Planung vom Reisebüro nicht berücksichtigt worden.

Ich kam in das Hotel Metropol, 1905 im Jugendstil erbaut. Michail Aleksandrovič Vrubelʼ (1856-1910) lieferte die Entwürfe für die beiden Majolika-Bilder der Außenfronten. Während der Oktoberrevolution 1917 geriet der Gebäudekomplex unter Beschuß und erlitt Schäden an den Straßenfronten. Die Binnenstruktur blieb allerdings unversehrt. Das Metropol wurde Haus der Räte und Lenin hielt Ansprachen vom Balkon aus an die Bürger. Viele Zimmer wurden in Wohnungen für Abgeordnete umgewandelt. In anderen Zimmern wurden politisch Verdächtige bis zu ihrem Prozeß gefangengehalten. Ab 1928 diente ein Teil der Zimmer der Unterbringung ausländischer Delegationen oder renommierter Gäste. Insofern lebte ich fürstlich in alter Pracht und Herrlichkeit. 1986-1991 und 2012 wurde das Hotel renoviert.

Majolokabilder von Vrubelʼ am Hotel Metropol

 

Da ich so wenig Zeit hatte, tauschte ich kein Geld um, sondern machte mich gleich zum Neujungfrauenkloster auf, das sind etwa acht Kilometer zu Fuß für eine Strecke. Drei Dinge fielen mir bei dieser nächtlichen Wanderung auf:

Da war der betörende Duft blühender Linden. Dies trug zu einer zauberhaften Stimmung bei.

Da war die Stille und Ruhe einer tagsüber tosenden Großstadt. Überall standen Männer an Geschäften mit der Aufschrift: ВОДКА, tranken, rauchten und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Es waren die letzten Monate der Herrschaft des Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sovets/Sowjets, Leonid Ilʼič Brežnev (6./19. Dezember 1906 - 10. November 1982).

Da war noch etwas Drittes. Mir wurde bewußt, daß ich Rußland nicht in einer einzigen Reise kennenlernen konnte. So reiste ich bis zum Jahre 2015 jährlich in dieses Land, immer in ein anderes Gebiet, sodaß ich bei meiner Tätigkeit in der Migrantenarbeit die Heimat meiner Schutzbefohlenen aus eigener Erfahrung kannte.

Nun also stand ich vor dem Neujungfrauenkloster, Новодевичий Богородице-Смоленский женский монастырь, ein Frauenkloster, das der Gottesgebärerin-Ikone von Smolensk geweiht ist und 1524 aus Anlaß der Eroberung der Stadt Smolensk gegründet worden war.

Smolensk wurde bereits 863 urkundlich erwähnt, ist also 284 Jahre älter als Moskau, das erst 1147 erwähnt wurde. 882 nahm der Warägerfürst Oleg die Stadt ein. Im 12. Jahrhundert war Smolensk Hauptstadt des unabhängigen Fürstentums Smolensk. 1229 erhielt die Hanse einen Vertrag, welcher die Rechte beim Handel mit den Russen regelte. 1238 plünderten die Mongolen das Fürstentum Smolensk. 1404 eroberte das Großfürstentum Litauen die Stadt. Seit 1512 versuchte das Großfürstentum Moskau, die Stadt einzunehmen, was ihr aber erst beim dritten Versuch im Jahre 1514 gelang.

Die quadratische Anlage des Neujungfrauenklosters ist von einer meterdicken Mauer umgeben, die auf jeder Seite von einem Tor unterbrochen wird. Es gibt vier Ecktürme und weitere acht Türme im Verlauf der Mauer. Dies weist darauf hin, daß es sich um ein Wehrkloster zum Schutz der Stadt Moskau handelt.

Novodevičij monastyrʼ – Neujungfrauenkloster nachts.
Von links nach rechts: Torkirche der Verklärung Christi (1687/1688),
Lopuchin-Palast und -Turm, dahinter der Glockenturm (1689/1690)
und der Naprudnyjturm (16./17. Jahrhundert).

Für mich war es eine Märchenwelt. Beschwingt ging ich zum Hotel zurück, schlief etwas und kehrte dann in mein Heimatland zurück.

Die heutige schreckliche Entwicklung in Rußland war mir damals verborgen.

 

Literatur

o   Gralke, Achim, und Liana Steinborn, Der neue Kosmos Welt-Almanach & Atlas 2024. Daten. Fakten. Karten, Stuttgart 2023, 302f (Nicaragua).

o   Trutneva, Nadežda Fëdorovna, und Marina Makarovna Švedova, Новодевичий монастырь. Путеводитель, Moskau 1988.

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2024

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