Sie lebt auf der Straße und führt zahlreiche
Plastikbeutel mit sich, in denen Unerfindliches verwahrt ist. Im Sommer wird
sie von der Hitze verbrannt, im Winter von der Kälte durchfroren, im Frühling
und im Herbst ist sie dem Regen ausgesetzt. Sie wirkt wesentlich älter als sie
ist. Eines Tages entdeckt sie die Kirche als neues Domizil. Sie hält sich
tagsüber in der letzten Bank auf; nachts schläft sie auf dem Gitter über dem
Heizungskeller. Dann aber bekommt sie Probleme mit ihren Beinen und muss im
Krankenhaus versorgt werden.
Ohne ersichtlichen Grund fällt eines Tages
die Sakristeitür aus dem Rahmen. Daher wird in ihrem Totenschein vermerkt: Altersschwäche. Eine ausgediente
Gartentür muss als notdürftiger Ersatz herhalten. Da Geld gespart werden soll,
wird eine Tür angefertigt, bei der die Einzelteile nicht verfugt, sondern nur
geklebt sind. Infolge der nicht endenwollenden Niederschläge biegen sich einige
Elemente, zerbersten und faulen. Nun ist guter Rat teuer. Der Schreiner Johann
versichert immer wieder, er habe diese Tür nicht auf seinem Gewissen. Doch er
erbarmt sich schließlich und bringt Abhilfe. Allerdings lässt er den Kirchenschlüssel
bei der Reparatur im Schloss der Tür stecken. So fällt er in fremde Hände. Es
wird sofort ein neues Schloss eingebaut. Nach einigen Tagen findet sich der
Schlüssel im Briefkasten des Pfarrbüros wieder.
Sie arbeitet in einer Bank, ist tüchtig und
kompetent, versieht ihren Dienst gerne und ist anerkannt. Eines Tages wird
diese Bank überfallen. Sie bekommt einen gehörigen Schreck und nimmt sich alles
sehr zu Herzen. Nach einigen Jahren wird die gleiche Bank nochmals überfallen.
Jetzt ist es zu Ende. Sie kann nicht mehr. Das Leben geht nicht mehr weiter.
Sie lässt am hellichten Tag die Rolladen herunter, damit man sie nicht sieht.
Bald verkleinert sich ihr Aktionsradius. Schließlich kann sie nur noch auf der
Straße vor ihrem Haus ein paar Schritte hin und hergehen, geführt von ihrer
Schwester.
Er kommt als Frühchen, so dünn, dass man jede
Rippe zählen kann, mit einem Minimalgewicht. Wenn er schläft, vergisst er
manchmal zu atmen und läuft blau an; dann schrillt die Alarmglocke auf der
Frühgeborenen-Intensivstation. Er kämpft tapfer um sein Leben. Seine Füße sind
so winzig, dass es wohl noch lange dauern wird, bis ihm der kleinste Schuh
passt. Wenn man ihm einen Finger hinhält, kann er ihn nicht mit seiner Faust
umklammern, nicht aus Mangel an Willen, sondern weil seine Hand zu klein ist.
Die Windel steht weit von seinem Körper ab. Manchmal knöttert er, manchmal
weint er, aber beides unhörbar, da die beiden Schläuche, einer für Sauerstoff,
einer für die Nahrung, die Stimmbänder auseinanderhalten. Alle zwei Stunden
wird er mit Milch seiner Mutter ernährt. Nach einem Monat sagt die Schwester:
„Da muss noch Speck dran!“ Er erkennt seine Eltern, obwohl es mit dem Sehen
noch nicht allzuweit her ist. Als er schließlich das Krankenhaus verlassen
kann, wird er mit großer Freude und Dankbarkeit getauft.
Nach dem Abitur beginnt sie eine Lehre als
Bildhauerin. Monatelang pickt sie an Steinen herum. Von den anderen wird sie
gemobbt, da sie zuviel Umsatz macht. Nun arbeitet sie in einem Warenhaus. Sie
macht den Vorschlag, schwere Gegenstände ins untere Fach des Regals zu stellen.
Ihr Einfluss bei der Geschäftsleitung wird von ihren Mitarbeiterinnen nicht
gerne gesehen und das Arbeitsklima wird schwierig. Sie kellnert. Allerdings ist
sie durch die beiden anderen Erfahrungen so demoralisiert, dass sie sich eines
Tages von ihren Eltern nach Hause holen lässt. Nun endlich entscheidet sie sich
für ein Studium.
Er arbeitet gerne in seinem Beruf, der mit
Menschen zu tun hat. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die ihm zahlreiche
Schwierigkeiten bereiten. Mit der Zeit gerät er an den Alkohol. Es folgt
zunächst eine berufsbegleitende Therapie, später wird er für ein ganzes Jahr
krankgeschrieben. Er sitzt den ganzen Tag in der Sofaecke. Danach arbeitet er
wieder, erzählt gerne von seinen beruflichen Erfolgen, hat aber nach wie vor
eine labile Gesundheit. Man hat Sorge um ihn.
Sie stammt aus Apulien und eröffnet in
Deutschland eine Änderungsschneiderei. Ihr Mann wird schwer krank und stirbt.
In ihre Werkstatt wird eingebrochen. Offensichtlich kann der Karton mit
Reißverschlüssen zu Geld gemacht werden. Sie selber muss sich schließlich im
Krankenhaus behandeln lassen und ist danach lange zu Hause. Doch eines Tages
begibt sie sich wieder an ihren Arbeitsplatz. Auch wenn nicht mehr viele Kunden
kommen, so fühlt sie sich hier doch mitten im Leben. Sie hat einen
unbesiegbaren Glauben, der sie bis zu ihrem Tod begleitet.
In der Schule wird er immer schlechter. Er
kann den Anblick der anderen nicht mehr ertragen, wenn wieder einmal
herauskommt, dass er ein Versager ist. Es gelingt ihm einfach nicht, die
Feinheiten der deutschen Sprache zu erfassen. Nun geht das Schuljahr zu Ende.
Die Lehrerin liest die Noten vor. Er hat eine besonders schlechte erwischt. Er
steht auf, zieht ein Schmetterlingsmesser hervor, das er sich einige Tage zuvor
gekauft hat und stößt es sich mehrmals in den Bauch, wie er es aus japanischen
Filmen kennt. Er stirbt nach einigen Tagen im Krankenhaus. Gleich steht ein
sensationell aufgemachter Bericht in der Zeitung. Mit den Eltern wird abgesprochen,
dass es keine Predigt geben wird. In der Trauerhalle steht ein anderer Name:
Hans Müller. Es gelingt zwar, die Presse fernzuhalten, aber ein tröstendes Wort
für die Schulklasse, die vollzählig gekommen ist, fehlt.
Sie verliebt sich in einen Armenier und ist
ein bisschen stolz auf solch eine außergewöhnliche Verbindung. Ein Sohn wird
geboren, doch der Vater ist auf und davon. Zeige mir dein Muttermal, dann zeig’
ich dir den Vater mal, sagt sie voller Bitterkeit. Alle Versuche, mit ihm Kontakt
zu bekommen, schlagen fehl. Sie spricht mit seinen Eltern und Geschwistern in
Armenien, nur er selbst ist nicht ans Telephon zu bekommen. So wächst ihr Kind
vaterlos auf.
Mitten im Winter, bei starkem Frost, ging die
Tür der Garage nicht mehr auf. Der Garagenhersteller verwies auf die
Pflasterer. Diese sagten, im Frost könnten sie nicht arbeiten. Was tun? Mein
Freund Herbert klärte mich am Telephon auf: „Da musstu einn Kuhfuß haben!“ Nach
zwanzig Minuten war er da. Er versuchte dies, er versuchte jenes, doch die
Garage ließ sich nicht öffnen. „Getz krichta einn aufn Kopp“, sagte Herbert
fröhlich und holte den für besondere Gelegenheiten hervor. Nach einigen
Schlägen auf die versperrenden Steine ließ sich das Tor mithilfe einer
Brechstange öffnen.
Nun sollten die versperrenden Steine, die
sich gehoben hatten, tiefer gelegt werden. Als der Frost vorbei war, kam immer
noch keine Hilfe. Es wurde tatsächlich August. Damit nun nicht wieder das
Argument kommt, im Frost könne man nicht arbeiten, erfolgte Selbsthilfe. Ein
Plattenheber wurde gekauft. Werden dessen Backen umgekehrt aufgesetzt, wird ein
Steinheber daraus. Mithilfe eines langen Schraubenziehers konnte der erste
Stein gelöst werden. Danach ging alles ganz leicht. Sand und große Kieselsteine
wurden unter den Ziegeln entfernt. Sie kamen mit der Spitze schräg nach unten.
So konnte das Tor auch bei Frost problemlos geöffnet werden.
Sie hält im Winter eine Katechese zur
Kommunionvorbereitung. Heute soll es um das Vertrauen gehen. Sie schließt die
Zimmertür ab und wirft siegesbewusst den Schlüssel aus dem Fenster. Die Kinder
sehen dies natürlich als einen harmlosen Scherz an. Erst als einige Zeit
vergangen ist, wird ihnen mulmig. Ein Kind muss zur Toilette, ein anderes fängt
an zu weinen, die übrigen werden unruhig. Was ist geschehen? Ihre Helferin, die
unten im Garten den Schlüssel finden und alle befreien sollte, kann wegen der
Dunkelheit nichts sehen. Eine Taschenlampe hat sie nicht dabei. Erst nach einer
Zeit des Bangens kann die Tür geöffnet werden.
Zunächst waren sie froh, als sie ein Kind
bekamen. Dann verlor der Vater seine Arbeit und begann zu trinken. Die Mutter
stand mit allen Aufgaben allein und war restlos überfordert. Das Kind tobte den
ganzen Tag herum, gab nicht einen einzigen Augenblick Ruhe, beschäftigte sich
mit dem jeweiligen Gegenstand nur einige Sekunden lang, eilte von einem zum
andern und war nicht mehr zu bändigen. Die Eltern hatten die Kontrolle über ihr
Kind verloren.
Sie ist eine begabte Lehrerin, die auch
durchaus Sinn für Humor hat. Doch mit ihren vier eigenen Kindern kommt sie
nicht zurecht. Sie ist völlig überfordert. Der Alltag besteht aus Druck,
Anklagen, Forderungen, Beschuldigungen und Rechtfertigungen. Sie versteht
nicht, dass sie selbst Ursache für Vieles ist. So ist das Familienleben ein
Leidensweg für ihre Kinder, für ihren Mann, aber auch für sie selbst.
„Welch eine Not!“, sagte der Vater zu Beginn
des Taufgesprächs. Seine Frau hatte immer auf dem linken Auge schlecht gesehen.
Nun muss das rechte operiert werden und niemand weiß, ob sie dann besser sehen
werde. Gleichzeitig hatte der Vater seine Arbeitsstelle verloren. Doch das
alles ficht den kleinen Ludwig nicht an. Munter und unternehmungslustig treibt
er die Erwachsenen vor sich her.
Sie arbeitet begeistert in ihrem Beruf und
hilft in ihrer Freizeit zahlreichen Menschen. Doch eines Tages bekommt sie
Rückenschmerzen. Orthopäden behandeln sie einige Monate lang, aber die
Schmerzen werden immer schlimmer. Erst nach ausführlichen Untersuchungen wird
die Ursache entdeckt: Krebs, der bereits an mehreren Stellen Metastasen
gebildet hat. Menschen, mit denen sie immer zusammengearbeitet hat, besuchen
sie. Michaela sagt: „Ich habe in meinem Leben viel Schönes gesehen. Ich stand
bei meiner letzten Reise auf dem Berg Nebo und konnte zum Heiligen Land
hinübersehen. Es tut mir nicht leid, dass ich jetzt sterben muss.“ – Sie geht
bewusst auf das Ende ihres Lebens zu und tröstet die Weinenden.
Nach der Arbeit fährt Helmut an einen See,
parkt seinen Wagen und schreibt per SMS Grüße an seine Freunde. Danach geht er
ins Wasser. Seine Angehörigen leben in schrecklicher Ungewissheit, da die Grüße
an die Freunde nicht eindeutig als Abschiedsbriefe zu identifizieren sind. Erst
nach Wochen wird der Leichnam hochgetrieben.
Sie lebt in einem Haus mit einem großen
Garten, der halb verwildert ist. Dementsprechend finden sich dort auch halb
verwilderte Katzen ein, die sich rasant vermehren. Oksana ficht es nicht an.
Sie möchte hundert Jahre alt werden, doch dann kommt sie ins Krankenhaus, hängt
am Tropf und stirbt schließlich mit sechsundneunzig Jahren.
Berhard erkrankt schwer an Krebs. Seine
Tochter besucht das Grab ihrer Großeltern und schimpft ordentlich mit ihnen:
Wie können sie es zulassen, dass ihr Sohn in der Mitte seiner Tage dem Tode
nahe ist? Bernhard wird wieder gesund.
Olga und
Manfred
Das Verhältnis zwischen den beiden war nie
gut. Als sie älter wurden, ging es fast ausschließlich darum, wer dem Partner
Vorschriften machen könne. Mal war er stärker, mal sie. Als beide ins Alterheim
kamen, mussten sie getrennte Zimmer beziehen, da ein Zusammenleben völlig
unmöglich war.
Winfried
Beruflich ging es ihm nicht gut. Er begann zu
trinken und verlor endgültig seine Arbeitsstelle. Seine Frau versuchte alles,
um ihn wieder auf die rechte Bahn zu bringen, doch es war vergeblich. Eines
Tages saß er in der Gartenlaube, seine Frau schlich herein, legte ihm von
hinten eine Schlinge um den Hals und zog sie zu. Als er sich nicht mehr
bewegte, befestigte sie sie am Dachbalken, damit es so aussähe, als habe er
sich erhängt.
Niklas
Der kleine Mann krähte vor Vergnügen und
weinte dann ein wenig, rein zur Abwechslung. Die Kassiererin fragte die
Mutter, warum sie ihr Kind zum Einkaufen mitbringe. Diese erzählte, sie habe
den Vater dieses Kindes nach der Geburt angerufen, doch er habe seinen Sohn
noch nicht
gesehen und zahle auch nicht. Er sei sogleich zu seiner Ex zurückgegangen.
Rolf und
Sebastian
Rolf und Sebastian hatten sich immer gut
verstanden. Rolf hatte die Gabe, Jugendliche anzusprechen, und Sebastian
hatte vom Sport viel Ahnung. Nun ging es um die Tätigkeit der nächsten Zeit.
Rolf sagte, er wolle nur für das Organisatorische zuständig sein, sodass
Sebastian in aller Freiheit mit den Jugendlichen trainieren könne. Daraufhin
bat Sebastian die Jugendlichen, ihm ihre Telephonnummer mitzuteilen, damit
er mit ihnen Kontakt aufnehmen könne. Da rastete Rolf aus und sagte, dies
sei ein klarer
Verstoß gegen ihre Abmachung. Ihre Lebenswege trennten sich.
Swetlana und
Elias
Swetlana erkrankte. Täglich fragte Elias, was
sie zu essen wünschte. In streng didaktischer Reihenfolge erbat sie sich
nacheinander verschiedene Gerichte, wohl wissend, dass ihres Bleibens auf
dieser
schönen Erde nicht mehr lange sein werde. Auf diese Weise lernte ihr Mann kochen und den Haushalt führen.