Inhalt
Die
Anfänge der charismatischen Bewegung.
Taufe
im Geist als lebenslanger Prozeß
Zeugnisse
aus dem Neuen Testament
Bibliographie
zum Pfarrer von Ars
Ein Gottesdienst kann ödʼ und langweilig wirken: Es wird zuviel vorgelesen, die vorgetragenen Gedanken haben mit dem Alltag wenig zu tun, der Zelebrant ist nicht immer mit seinem Herzen dabei und die Lieder sind manchmal wenig ansprechend.
Da ist ein charismatischer Gottesdienst in der Regel völlig anders: spontane Gebete, Berichte aus dem eigenen Leben, Prophetie im Sinne von Wegweisung, feurige Lieder, ja, und auch die Zungenrede und ihre Interpretation. Davon ist im Neuen Testament die Rede:
· „Durch die, welche zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in anderen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.“ (Markusevangelium 16, 17f).
· „Denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft werden.“ (Apostelgeschichte 1, 5).
· „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein gewaltiger Sturm einherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apostelgeschichte 2, 1-4).
· „Jagt der Liebe nach, strebt aber auch nach den Geistesgaben, vor allem nach der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; keiner versteht ihn: im Geist redet er geheimnisvolle Dinge. Wer aber prophetisch redet, redet zu Menschen: Er baut auf, ermutigt, spendet Trost. Wer in Zungen redet, erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, baut die Gemeinde auf. Ich wünschte, ihr alle würdet in Zungen reden, weit mehr aber, ihr würdet prophetisch reden. […] Deswegen soll einer, der in Zungen redet, beten, daß er es auch übersetzen kann. […] Wenn ihr zusammenkommt, trägt jeder etwas bei: einer einen Psalm, ein anderer eine Lehre, der dritte eine Offenbarung; einer redet in Zungen und ein anderer übersetzt es. Alles geschehe so, daß es aufbaut.“ (1. Korintherbrief 14, 1-5. 13. 26).
In St. Augustin gab es ab 1973 eine charismatische Gebetsgruppe, in welcher mein Confrater Hans Jakob Weinz eine führende Rolle spielte.
Der Jesuit P. Rainer Koltermann (1931-2009) war einer der Promotoren der charismatischen Bewegung.
Er gründete in der Katholischen Studentengemeinde Würzburg einen Gebets- und Bibelkreis, den ich Ende 1974 übernahm, als er nach Sankt Georgen ging, und den ich bis 1976 leitete.
Es gab große Treffen in Königstein (Taunus). In der folgenden Zeit (bis 1987) hielt ich zusammen mit Pater Koltermann und anderen charismatische Familienexerzitien in Vierzehnheiligen. Maria Hochsprung trug dabei die Hauptlast der Organisation.
Nach der Reformation galt es, den rechten Glauben zu haben und zu bewahren, da der Glaube selig macht. Dahinter steht folgendes Schriftwort:
· „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ (Markusevangelium 16, 16).
Mit der Zeit stellte sich aber das Bedürfnis ein, lebendigen Glauben zu erfahren, der persönlich und individuell war und das Leben veränderte.
Johann Arndt (1555-1621) schrieb zu Beginn der „Vorrede an den christlichen Leser“ in seinem Hauptwerk Von wahrem Christenthumb:
„Zv diesem Buͤchlein hat mir Vrsach
geben der grosse vnd schaͤndtliche Mißbrauch deß
lieben heyligen Euangelii/
die grosse Vnbußfertigkeit/
vnnd Sicherheit der Leuthe/ die sich Christi/ vnd seines heyligen Euangelii mit vollem Munde ruͤhmen/
vnnd doch mit jhren Wercken wider das Euangelium thun vnd handeln/ gleich als hetten sie dem Euangelio
abgesagt.“ (Von wahrem Christenthumb/ heilsamer
Busse/ wahrem Glauben/ heyligem Leben vnd Wandel der rechten wahren Christen. Das erste Buch,
Frankfurt am Main 1605, 3).
Arndt
gab die Theologia deutsch, Thomasʼ
von Kempen Nachfolge Christi sowie Predigten Taulers
heraus, letztere als Postille, Celle 1621. Von diesen mystischen Schriften
wurde er geprägt.
Der
russische Bischof Tichon von Zadonsk (1724-1783) übersetzte und bearbeitete Arndts
Bücher vom wahren Christentum.
·
Heinrich
Michael Knechten, Evangelische Theologie bei Tichon von Zadonsk,
Studien zur russischen Spiritualität II, Waltrop 2006, 11-130. 176-250.
1670 hatte der lutherische Theologe Philipp Jacob Spener (1535-1705) in Frankfurt am Main ein Konventikel mit dem Namen: „Collegium pietatis“ begründet. 1674 entstand die spöttische Bezeichnung Pietismus für Frömmelei. 1675 veröffentlichte Spener in Frankfurt seine Schrift „Pia desideria. Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirchen“ als Vorwort zur Neuausgabe der Evangelienpostille Johann Arndts. Der Inhalt der Pia desideria ist eine Prognose, Diagnose und Therapie zur Reform der evangelischen Kirchen. „Das Christentum bestehe nicht in Wissen, sondern in Praxis.“
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf und Pottendorf (1700-1760) gründete 1727 die Herrnhuter Brüdergemeine. Herrnhut liegt im Landkreis Görlitz in der Oberlausitz.
Die ersten Mitglieder waren Nachkommen der Böhmischen Brüder, welche aus Mähren hatten flüchten müssen. Seit 1731 wurden die Herrnhuter Losungen herausgegeben. Dabei wurde für jeden Tag des Jahres ein Schriftwort durch Losverfahren bestimmt.
Zinzendorf ging es um eine persönliche Beziehung zum Heiland, in dem Gottes Liebe, Versöhnung und Nähe erfahrbar werden.
John Wesley (1703-1791) wurde der Leiter des Holy Club, den sein Bruder Charles 1729 in Oxford gegründet hatte. Wegen ihres methodisch geführten Gemeinschaftslebens wurden die Gruppenteilnehmer als Methodisten bezeichnet. Sie studierten das Neue Testament und waren caritativ tätig. Sie ließen sich von den Herrnhuter Brüdern anregen. 1738 hatten Charles und John ein Bekehrungserlebnis, das sie von einem kirchlich-dogmatischen Christentum zur persönlichen Annahme der Gnade führte. Sie bezeichneten dies als Erweckung, gemäß dem Schriftwort:
„Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird Christus dein Licht sein!“ (Epheserbrief 5, 14).
Charles Fox Parham (1873-1929) begründete 1898 in Topeka, Kansas das Haus Bethel, in dem Gottes Heiligkeit und die Heilung durch den Glauben an ihn im Mittelpunkt stehen sollten. Er gründete noch ein weiteres Haus und unternahm dann mit seinen Schülern Reisen zu befreundeten Gruppen. Sie arbeiteten die Stellen des Neuen Testamentes heraus, die vom Wirken des Heiligen Geistes und von der Taufe im Heiligen Geist sowie vom Zungenreden handelten. Ende 1900 / Anfang 1901 machten mehrere Schüler und auch Parham selbst diese Erfahrung. Daraus entwickelte sich die Pfingstbewegung.
Die heutige charismatische Bewegung geht auf Anfänge in Nordamerika in den 1960er Jahren zurück. Nach Europa kam sie in den 1970er Jahren.
Die Taufe im Heiligen Geist und der Empfang der Gaben des Heiligen Geistes (χαρίσματα charísmata) stehen im Mittelpunkt dieser Bewegung. Von den Geistesgaben kommen vor allem Prophetie, Heilung, Zungenrede und deren Interpretation vor.
Im Jahre 1977 schrieb ich zwei Artikel im Rundbrief der katholisch charismatischen Gemeindeerneuerung:
Bis zum Jahr 1974 stellte ich mir unter Geisttaufe folgendes vor: Einem Christen werden unter Gebet die Hände aufgelegt. Sogleich geschehen großartige Dinge. Dieser Mensch verwandelt sich vollständig. Er erhält viele Gaben des Geistes, vor allem die auffälligen. Durch ihn geschehen zahlreiche Zeichen und Wunder.
Ich hatte bis dahin schon zweimal um die Handauflegung gebeten; es geschah jedoch leider nichts Besonderes. Im Laufe der Zeit aber wurden mir einige Erlebnisse geschenkt, die dazu beitrugen, meine Ansicht über die Geisttaufe grundlegend zu ändern.
Am Neujahrstag 1975 betete ich mit zwei Freunden. Nach einiger Zeit bemerkte ich, wie ihr Gebet stiller wurde. Sie waren gleichsam in sich gekehrt. Dann hörte ich nur noch unverständliches Gemurmel. Ich betete weiter, wie ich es gewohnt war: Lob, Dank und Bitte, doch ich spürte eine Grenze für meine Worte. Sie konnten nicht auszudrücken, was ich gerne gesagt hätte. Auch meditatives Schweigen entsprach in diesem Augenblick nicht meiner inneren Verfassung. Ich vermutete, daß meine Freunde in Zungen beteten und sehnte mich danach, auch so beten zu können. Im anschließenden Gespräch sagte einer von ihnen: „Ich versuche, vor dem Herrn wie ein Kind zu sein.“
Nachdenklich ging ich zum Bahnhof und bestieg meinen Zug. Nach einigen Haltestellen leerte sich mein Zugabteil. Ich wollte jetzt beten, wußte aber nicht wie. Meine bisherigen Gebetsformen erschienen mir unzulänglich. Da erbarmte sich der Herr und Er ließ mich in Zungen beten. Das geschah am hellichten Tag und in einem Zug!
In der Karwoche 1975 bat ich im Gebet unter Handauflegung um die Gabe, einigen Menschen verzeihen zu können. Ich hatte bisher alles versucht, was mir nur möglich erschien, aber das Verhältnis zu diesen Personen war nur noch schlimmer geworden. Jedes Gespräch endete in völligem Mißverstehen. Nach der Handauflegung tat sich zunächst nichts. Ich ging diesen Menschen nur noch mehr aus dem Weg. Erst in den folgenden Monaten wurde es besser. Vor allem sah ich mehr und mehr meine eigenen Anteile an den Zerwürfnissen. Ich erkannte, daß ich nicht bereit gewesen war, von Herzen zu verzeihen und zu vergeben.
An diesem Beispiel wurde mir deutlich, daß zur Taufe im Heiligen Geist nicht unbedingt die Handauflegung notwendig ist, und daß die Wirkungen des Heiligen Geistes manchmal erst nach geraumer Zeit deutlich werden.
Ich erlebe, wie der Herr ständig an mir arbeitet. Meine Unzulänglichkeiten und mein Kleinglaube werden mir immer mehr bewußt. Diese Klärung erfahre ich auch als Wirken des Heiligen Geistes: „Und wenn Er kommt, wird Er die Welt der Sünde überführen.“ (Johannesevangelium 16, 8).
Ein solcher Läuterungsprozeß braucht viel Zeit. Ich werde erst allmählich bereit, mich zu öffnen und vom Herrn beschenken zu lassen. Es genügt nicht, einmal das Wirken des Geistes erfahren zu haben.
Eine überwältigende Erfahrung des Heiligen Geistes mit auffälligen Wirkungen kommt zwar vor. Die Apostelgeschichte berichtet:
· „Noch während Petrus dies sagte, kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten. Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, daß auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen worden war. Denn sie hörten sie in Zungen reden und Gott preisen.“ (Apostelgeschichte 10, 44-46).
Aber was nützt ein glanzvoller Anfang ohne weiteres Wachstum?
Auch Jesus war nicht von Anfang an das, was er nach einer Zeit der Entwicklung geworden war. Er wuchs allmählich in seine Sendung hinein. Das Lukasevangelium vermerkt:
· „Das Kind aber wuchs und erstarkte in der Fülle der Weisheit.“ (Lk 2, 40).
· „Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade vor Gott und den Menschen.“ (Lk 2, 52).
Dieses Wachstum war auch nach Beginn seines öffentlichen Wirkens noch nicht abgeschlossen:
· Jesus fühlte sich zunächst nur zu den Juden gesandt. „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ (Matthäusevangelium 15, 24).
· Doch er stieß dort auf Widerstand: „Ihr habt nicht gewollt!“ (Matthäusevangelium 23, 37).
Allmählich wuchs er dann in seine universale Berufung hinein:
· „Diese Frohe Botschaft vom Reiche wird in der ganzen Welt verkündet werden.“ (Matthäusevangelium 24, 14).
Beim Apostel Paulus läßt sich die geistliche Entwicklung deutlich verfolgen. Sein Bekehrungserlebnis vor Damaskus war aufsehenerregend. Aber erst in den Jahren danach reifte die Frucht, deren Same bei der Bekehrung ausgesät worden war. Er hielt sich zwei Jahre in Arabien und Damaskus auf (vgl. Galaterbrief 1, 17f). Für diese Periode sind keine Aktivitäten berichtet. Offenbar arbeitete er weiter in seinem Beruf als Zeltmacher, aber in Stille und Zurückgezogenheit.
Erst nach mehreren Jahren, in denen er in Syrien und Kilikien gewirkt hatte, legte er den Aposteln in Jerusalem sein Evangelium vor (vgl. Galaterbrief 2, 1f). So lange also hatte es gedauert bis aus der Christuserfahrung vor Damaskus sein eigenes Bekenntnis geworden war, das er jetzt der jungen Kirche vorlegte.
Auch der Apostel Petrus mußte eine Entwicklung durchmachen. Er war zunächst der Meinung, daß nur Juden den Weg des Heiles (Apostelgeschichte 16, 17) gehen können. In einer Vision, in welcher er Tiere schlachten und essen sollte, die in der Bibel als unrein bezeichnet werden, erfährt er seine Bekehrung:
· „Mir aber hat Gott gezeigt, daß man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf.“ (Apostelgeschichte 10, 28).
Um die Taufe im Heiligen Geist zu empfangen, ist es vor allem notwendig, sich dem Herrn zu öffnen, ihm „Grünes Licht zu geben“, wie es Ursula Kurth gesagt hat, die seit den 1970er Jahren die Berliner Gebetsgruppen begleitete und inspirierte. Wer sich dem Herrn öffnet, läßt Ihn handeln, wie Er es für richtig hält.
Die Wirkungen des Heiligen Geistes zeigen sich oft erst im Laufe der Zeit. Es gibt auch unscheinbare Wirkungen, die aber zu einer positiven Lebensführung und zum Aufbau der Gemeinschaft beitragen.
Eine Bekehrung bleibt unfruchtbar, wenn der Bekehrte bei ihr stehenbleibt. Es genügt nicht, die „Kraft aus der Höhe“ zu empfangen.
· „Und siehe, ich werde die Verheißung meines Vaters auf euch herabsenden. Ihr aber bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet!“ (Lukasevangelium 24, 49).
Natürlich ist es möglich, in dieser Erfahrung zu schwelgen und sein Leben lang von ihr zu zehren, doch sie wird allmählich zu einem Ereignis einer glorreichen Vergangenheit. Die Taufe im Heiligen Geist ist nicht ein einmaliges Erlebnis, sondern ein lebenslanger Prozeß des Wachstums und der Entwicklung, auch der Korrektur und Ergänzung.
Der Düsseldorfer Dichter Heinrich Heine sprach in seinem Gedicht Planetiden (1851) von „Vorschuß-Lorbeerkronen“.
Wer nicht den Weg geht, den die Geistestaufe weist, beläßt es bei diesen „Vorschußlorbeeren“.
Für einen Erwachsenen ist es selbstverständlich, daß er sich weiterentwickelt. Familie und Beruf stellen Anforderungen, auf die kompetent und flexibel zu reagieren ist.
Wie aber steht es mit dem Glauben? Findet hier eine Entwicklung vom Kinderglauben zum Erwachsenenglauben statt?
Die Israeliten in der Wüste sollten von dem Manna nichts bis zum nächsten Morgen aufheben (vgl. Exodus 16, 4. 19). Sie erhielten jeden Tag frische Nahrung. Wir beten im Vaterunser: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ (Matthäusevangelium 6, 11). Die übertragene Bedeutung ist, keine geistlichen Vorräte anzulegen.
Wer auf den Herrn vertraut, läßt sich von Ihm täglich neu beschenken. So ist es möglich, geistliche Gaben auszuteilen und zu empfangen, ohne zu befürchten, daß der Strom versiegt.
Heinrich Michael Knechten, Taufe im Geist als lebenslanger Prozeß, Erstveröffentlichung in: Rundbrief der katholisch charismatischen Gemeindeerneuerung 1977, Nr. 2 (Juni), 11f.


Seelsorger Beter Kämpfer
Der französische Schriftsteller Georges Bernanos (1888-1948) schrieb in seinem Roman Die Sonne Satans über den Pfarrer von Lumbres:
„Seine Berufung war es, anderen den Trost reichlich zu spenden, den er selber nie empfing.“
Diese Aussage charakterisiert treffend den Pfarrer von Ars.
Für viele sind Person und Amt dieses Priesters so sehr miteinander verschmolzen, daß sie kaum seinen Namen wissen. Er hat sich als Pfarrer von Ars ins Gedächtnis eingeschrieben.
Jean-Baptiste Marie Vianney wurde am 8. Mai 1786 in Dardilly (Region Auvergne-Rhône-Alpes), das zehn Kilometer nordwestlich von Lyon liegt, geboren, drei Jahre vor Beginn der Französischen Revolution. In seiner Kindheit erlebte er eine verfolgte Christenheit. Bekennende Christen, Priester und Ordensleute wurden aufgespürt und hingerichtet. Nur heimlich und unter Gefahren konnte die Religion ausgeübt werden. Es war nicht leicht und überdies gefährlich, zu seiner Überzeugung zu stehen. Diese Erlebnisse prägten seine Kindheit.
· Der Roman „Die Herrgottsschanze“ von Wilhelm Hünermann beschreibt diese Jahre.
Zwei Tatsachen aus der Biographie Vianneys scheinen nicht recht in das Leben eines Heiligen zu passen, seine Fahnenflucht und seine Dummheit. Es gelingt nicht, diese Tatsachen erklärend zu entkräften.
Es ist nicht zu leugnen: Vianney wurde Deserteur, allerdings hatte man ihn zur Flucht überredet. Ein ganzes Jahr wohnte er unter dem Namen „Jérôme Vincent“ auf einem abgelegenen Bauernhof und wirkte ab 1810 im Dorf als Lehrer.
Nach der Amnestie 1811 besuchte er das Priesterseminar. Dort erging es ihm wie schon zuvor bei seinen mühsamen und wenig ergiebigen Lateinstudien: Philosophie und Theologie wollten einfach nicht in seinen Schädel. In einem Bericht heißt es:
„Nach fünf oder sechs Wochen schickten ihn seine Lehrer nach Hause, da sie glaubten, Vianney könnte den Unterrichtsstoff nie bewältigen.“
Der vielleicht bedeutendste Pfarrer, den es bisher gab, wurde nicht für fähig gehalten, Priester zu werden. Mich erinnert dieser Abschnitt in Vianneys Leben an das Schriftwort:
· „Die göttliche Schwäche ist stärker als die Menschen.“ (1. Korintherbrief 1, 25).
Dem hartnäckigen und wiederholten Eingreifen eines befreundeten Pfarrers ist es zu verdanken, daß er alle Hürden überwinden konnte. Es handelt sich um Pfarrer Jean-Baptiste Balley, der ihm bereits ab 1805 Lateinunterricht erteilt hatte.
Am 13. August 1815 wurde Vianney in Grenoble zum Priester geweiht. Er war 29 Jahre alt. Wegen seines schlechten Studienabschlusses gab man ihm zunächst keine Erlaubnis zum Beichthören. Darin liegt eine seltsame Ironie; denn der Pfarrer von Ars wurde zu einem der bedeutsamsten Beichtväter, die es bisher gab.
Nach einer zweieinhalbjährigen Tätigkeit als Kaplan bei Pfarrer Balley († 16. 12. 1817) in Écully (Métropole de Lyon) wurde Vianney am 9. Februar 1818 zum Pfarrer von Ars-sur-Formant (Département Ain, Region Auvergne-Rhône-Alpes) ernannt. Dies war ein Dorf mit 240 Einwohnern. Es liegt 35 Kilometer nördlich von Lyon. 41 Jahre und fünf Monate wird Vianney bis zu seinem Tode Pfarrer in diesem Krähwinkel sein.
Nach außen hin zeigte sein Leben wenig Abwechslung. Wie kommt es nun, daß im aufgeklärten 19. Jahrhundert Jahr für Jahr bis zu 120.000 Pilgerinnen und Pilger in dieses Dorf strömten? Dies geschah in einem Jahrhundert, in dem Voltaire leidenschaftlich gegen die Kirche kämpfte. Manche Zeitgenossen empfanden diesen Pfarrer als Störenfried. Sie sahen ihn als altmodischen Menschen, der nicht zu ihnen paßte.
Vianney war kein begnadeter Prediger. Er bereitete seine Ansprachen mit Hilfe gängiger Homiletik-Bände vor. Dies waren Handbücher, die eine Reihe gängiger Beispiele und Zitate enthielten. Originalität findet sich in Vianneys Predigten nicht.
Was zog so viele Menschen nach Ars? Offenbar fanden sie hier etwas, das den oft weiten Weg lohnte, nämlich einen glaubwürdigen Priester. „Unser Pfarrer tut selber, was er sagt“, berichtete ein Zeitgenosse.
Vianney hatte eine hohe Auffassung von der Aufgabe eines Priesters. Er sagte einmal: „Wenn ein Priester wüßte, wer er ist, würde er sterben, aber nicht aus Furcht, sondern aus Liebe.“
Woher nahm Vianney die Kraft, die seinen Zeitgenossen übermenschlich erschien? Der Pfarrer von Ars sagte einmal: „Gott erwies mir die große Barmherzigkeit, mir nichts mitzugeben, auf das ich mich stützen könnte; weder Begabung noch Wissen, weder Weisheit noch Kraft oder Tugend.“
Er stöhnte: „Jeden Tag muß ich wieder von vorn anfangen!“ Bernanos nannte das „den Alltag des Heiligen“.
Vianney hatte oft das Gefühl, nicht mehr weiterzukönnen. Mehrmals äußerte er: „Meine Versuchung ist die Verzweiflung.“ Die Last der Arbeit in Ars wuchs ihm über den Kopf. Bald kamen ihm Zweifel, ob er hier am richtigen Ort sei. Er sehnte sich nach einem Leben im Trappistenkloster, um dort seine Sünden beweinen zu können. Viermal versuchte er, aus Ars zu fliehen. Aber die Pilger zogen ihm nach, wenn sie seine Flucht nicht schon vorher vereitelt hatten. Später legte er sich die Frage vor: „Kannst du in der Einsamkeit soviel Gutes tun, daß es die Bekehrung und das Heil einer einzigen Seele aufwiegt?“ Schließlich fällte er die Entscheidung, in Ars zu bleiben.
Aus dieser Schwäche und den Zweifeln des Pfarrers von Ars wird deutlich, daß es nicht seine eigene Kraft war, die aus ihm strömte.
· Dies erinnert mich an ein Schriftwort: „Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ (2. Korintherbrief 12, 9).
Der Pfarrer von Ars ließ wie ein klarer Kristall das Licht des Herrn durchscheinen. Die Wunder, welche von ihm berichtet werden, sind Zeichen. Sie verweisen auf den Herrn und nicht auf den Menschen. Sie geschehen wie beiläufig, gleichsam absichtslos.
Die eigentümliche Ohnmacht des Pfarrers von Ars wird allerdings von einer großen Entschiedenheit begleitet. Er sagte: „Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, daß wir entweder Heilige oder Verworfene sein, für den Himmel oder für die Hölle leben müssen; es gibt hier kein Mittelding.“ Wie er selber ständig an sich arbeitete, so erwartete er auch von denen, welche zu ihm kamen, daß sie als entschiedene Christen leben.
Vianney konnte harte Forderungen stellen. Dies tat er aber nur, wenn er spürte, daß die Hilfesuchenden die Kraft hatten, eine persönliche Grundentscheidung zu treffen und, dem entsprechend, zu leben.
Mit anderen verfuhr er erstaunlich mild. Allerdings trat er für sie stellvertretend ein und tat das, wozu sie noch keine Kraft hatten. Vianney geißelte sich bis aufs Blut und führte ein ärmliches Leben. Er ernährte sich hauptsächlich von Kartoffeln, die er für eine Woche im voraus kochte, und trank klares Wasser. Er schlief wenig und betete um so mehr. Seine Wohnung war karg eingerichtet und enthielt nur das Allernotwendigste.
Jemand bemerkte: „Ars ist nicht mehr Ars!“ Zunächst wandelten sich die Dorfbewohner in positiver Weise, dann waren auch bei den Pilgern erstaunliche Bekehrungen zu erleben.
An der Person dieses Pfarrers wird sichtbar, was es heißt, sich Gott ohne Bedingungen zur Verfügung zu stellen. Er war ganz und gar ein Christ, ähnlich wie Franziskus von Assisi, der allerdings eine ungleich weiter gespannte und differenziertere Akzeptanz gefunden hat.
Die Verfügbarkeit Vianneys erklärt sich aus der Art seines Betens.
Der Pfarrer von Ars beobachtete einmal einen Bauern, der in der Dorfkirche lange Zeit betete, und fragte ihn dann, wie er betete. Der Bauer antwortete: „Ich schaue Gott an und Gott schaut mich an.“ Vianney fügte hinzu, hier sei Wesentliches gesagt worden.
Nach einem Schlaf, der oft nur zwei Stunden dauerte, stand der Pfarrer um Mitternacht auf und ging in die Kirche. Hier betete er sein Brevier und verharrte dann mit ausgebreiteten Händen in Anbetung vor dem Altar.
Vianney hatte nicht die Möglichkeit, ganze Tage in Stille zu verbringen. Als er seinen Bischof einmal bat, Exerzitien machen zu dürfen, antwortete ihm dieser: „Priester wie Sie brauchen keine Exerzitien.“
Er hatte häufig Tiefpunkte. Einmal teilte er mit: „Es gibt für mich zwei entsetzliche Stunden: sieben Uhr morgens und sieben Uhr abends.“ Außer seiner nächtlichen Gebetszeit fand er den ganzen Tag keine Ruhe. Stets war er von Menschen bedrängt und umlagert, die mit ihm sprechen wollten.
„Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den Mächten und Gewalten, mit den Herren der Welt, die über diese Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.“ (Epheserbrief 6, 12).
Es ist offensichtlich ein Grundgesetz im geistlichen Leben: Wenn Menschen eine tiefe Gotteserfahrung machen, wie dies bei einer Bekehrung geschieht, folgen alsbald Prüfungen, Schwierigkeiten jeglicher Art und Mutlosigkeit. Es stellt sich das Gefühl ein, daß alles keinen Zweck hat, daß nichts bewirkt werden kann und daß die Kräfte fehlen, um den Weg weiterzugehen. Vianney litt vor allem nachts an diesen Versuchungen.
·
Ich bringe ein Beispiel aus der Schrift. Jesus
sprach zum ersten Mal von seinem bevorstehenden Leiden: „Er müsse nach
Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten
vieles erleiden, getötet und am dritten Tag auferweckt werden.“
(Matthäusevangelium 16, 21).
Sechs Tage darauf geschah Folgendes: „Er wurde vor ihnen verwandelt; sein
Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“ (Mt 17, 2).
Als sie in Galiläa zusammen waren, sprach Jesus zum zweiten Mal von seinem
bevorstehenden Leiden: „Der Menschensohn wird in die Hände von Menschen
ausgeliefert werden und sie werden ihn töten; aber am dritten Tage wird er
auferweckt werden.“ (Mt 17, 22f).
Das herausragende Gnadenerlebnis Jesu, die Verklärung, ist also eingerahmt von
Aussagen über sein Leiden, aber auch über seine Auferstehung.
Am Anfang seiner Tätigkeit hatte Vianney unter Menschen mit böser Zunge zu leiden, die ihm alles Mögliche nachsagten. Am meisten schmerzte ihn, daß die Mitbrüder die Art seiner Arbeit in Frage stellten.
Später äußerte er scherzhaft: „Zu Beginn meiner Amtszeit gab es Pfarrer, die, anstatt über das Evangelium zu predigen, über den Pfarrer von Ars redeten.“
Einmal besuchte Vianney Bekannte und sagte: „Ich habe hier zwei Briefe. In dem einen werde ich als Scharlatan bezeichnet und in dem anderen als Heiliger.“
Acht Jahre hatte er einen Kaplan, der ihm viel Kummer bereitete. Sein Mitbruder war neidisch auf die Erfolge Vianneys und versuchte, ihn absetzen zu lassen, um selber Pfarrer von Ars zu werden und im Mittelpunkt so vieler Pilger zu stehen. Später sagte Vianney vielsagend: „Er hat mich nicht geschlagen.“
Vianney widersprach Menschen nicht, die ihn beleidigten, verleumdeten oder übel behandelten. Viele, die zunächst gegen ihn eingestellt waren, wurden auf diese Weise von seiner Aufrichtigkeit überzeugt.
Der Schriftsteller Bernanos schrieb über den Pfarrer von Lumbres:
„Indem er sich überwindet, tut er Besseres als zu überreden oder zu überzeugen. Er erobert und tritt wie durch eine Bresche in das Innere der Seele des anderen ein.“
Wenn es um die eigene Ehre geht, verteidigen sich Heilige nicht. Ketzer hingegen, so hat Walter Nigg gezeigt, lehnen sich auf und protestieren. Tatsächlich ist die Selbstüberwindung schwieriger als ein Kampf gegen andere.
Gegen ungerechte soziale Verhältnisse kämpfte Vianney nicht mit Worten, sondern durch sein Handeln: Er begründete und leitete ein Heim für Mädchen und gab seine letzte Habe für Arme hin.
Er starb in Ars am 4. August 1859 im Alter von 73 Jahren an Überanstrengung. 1905 wurde er seliggesprochen und 1925 zur allgemeinen Verehrung in der Kirche kanonisiert. Er ist der Patron der Pfarrer.
An guten Priestern ist heute wie damals Mangel. Ein Biograph, Michel de Saint-Pierre, schrieb: „Ein einziger Pfarrer von Ars würde heute genügen.“
Heinrich Michael Knechten, Der Pfarrer von Ars. Seelsorger Beter Kämpfer, Erstveröffentlichung in: Rundbrief der katholisch charismatischen Gemeindeerneuerung 1977, Nr. 4 (Dezember), 10-12.
· Monnin, Alfred (1823-1866), Esprit du curé
dʼArs,
le bienheureux Vianney dans ses catéchismes, ses homélies et sa conversation,
Paris 1865; 1923; 1926; 2007; 2023.
· „Meine lieben Zuhörer!“ Die Predigten des Pfarrers von Ars, herausgegeben von Markus Aregger, Lauerz (Kanton Schwyz) 1997.
· Bernanos, Georges (1888-1948), Journal dʼun curé de campagne, Paris 1936; Tagebuch eines Landpfarrers, Übersetzung von Jakob Hegner (1882-1962), Wien und Leipzig 1936.
· Bernanos, Georges, Sous le soleil de Satan, Paris 1926; Die Sonne Satans, Übersetzung von Friedrich Burschell (1889-1970), Hellerau 1927. In diesen beiden Romanen verwendet Bernanos einzelne Züge aus dem Leben des Pfarrers von Ars, um die Hauptperson zu charakterisieren.
· Christiani, Léon (1879-1971), Saint Jean Marie Vianney, curé dʼArs, Paris 1954; Der heilige Pfarrer von Ars. Johannes Maria Vianney, wie er wirklich war, Übersetzung und Bearbeitung von Johann Josef Zimmer, Trier 1958; Leutesdorf am Rhein 1975; 1991; 2000.
· Hünermann, Wilhelm, Der Pfarrer von Ars. Johannes Vianney, Innsbruck und Wien 2004.
· Nigg, Walter (1903-1988), Buch der Ketzer, Zürich 1949; 1959; 1962; 1970; 1986; 2017.
· Nigg, Walter, Große Heilige, Zürich 1946; 1947; 1949; 1952; 1955; 1958; 1962; 1964; 1966; 1986; 2006; 2024 (Vianney, der Pfarrer von Ars).
· Nigg, Walter, Der Pfarrer von Ars, Freiburg im Breisgau, Basel und Wien 1992.
· Ravier, André, Der Pfarrer von Ars, Freiburg im Breisgau, Basel und Wien 1982.
· Rossé, Gérard, Der Pfarrer von Ars, München 2009.
· Saint-Pierre, Michel de, La vie prodigieuse de curé dʼArs, Paris 1973; 1976; Der Pfarrer von Ars. Das Leben des Johannes Maria Vianney, Übersetzung von Lotte von Schaukal, Vorwort von Maurice Kardinal Feltin, Freiburg im Breisgau, Basel und Wien 1975; 1978.
· Trochu, Francis (1877-1967), Le curé dʼArs. Saint Jean-Marie-Baptiste Vianney dʼaprès toutes les pièces du procès de canonisation et de nombreux documents inédits, Lyon 1929; Montsurs (Département Mayenne, Region Pays de la Loire) 1987; Der Pfarrer von Ars. Johannes-Maria-Baptist Vianney 1786-1859, Übersetzung von Justinian Widlöcher, Colmar 1940; Stuttgart 1946; Überarbeitung von Maria Branse, Stein am Rhein 2001; 2009.
© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026