Die Einschulung

 

Johanna und Heinrich am zugefrorenen Rhein in Emmerich im Februar 1956. Ich versuche, meine Augen gegen die blendende Sonne zu schützen.

 

Am 10. April 1955 war Ostern und am Montag, 18. April 1955, begann für Johanna (Hannchen) und Heinrich (Heinz) der Ernst des Lebens.

Johanna war siebeneinhalb Jahre alt und Heinrich fünf Jahre und zweieinhalb Monate. Johanna war zurückgestellt und Heinrich vorgezogen worden, damit beide gemeinsam zur Schule gehen konnten.

Am ersten Schultage trugen beide mit Stolz eine spitze Schultüte, bunt beklebt und mit Süßigkeiten und Obst gefüllt, damit ihnen der Schulbeginn leichter werde.

Eine Photographin machte Porträtaufnahmen aller Kinder und bot sie dann später für zehn Mark das Stück an. Meine Eltern kauften die Bilder nicht, da sie ihnen zu teuer waren.

Am ersten Schultage waren auch die Eltern dabei. Die Schülerinnen und Schüler durften sich auf die Stühlchen an den Tischen setzen (hier gab es keine Schulbänke wie später in Kevelaer), während die Eltern hinten an der Wand standen und die erste Schulstunde miterlebten. Ich erinnere mich an die seltsame Stimmung der Eltern. Auf der einen Seite waren sie stolz darauf, jetzt Schulkinder zu haben, auf der anderen Seite bangten sie vor der unbekannten Zukunft, die sich jetzt auftat. Es gab auch Eltern, die eine gespielte Langeweile zur Schau trugen.

Unsere Lehrerin war Fräulein Eva Altaner. Der Lehrerinnenzölibat galt in Preußen von 1880 bis 1919 und in der Weimarer Republik, in der Zeit des Nationalsozialismus sowie in der Bundesrepublik von 1923 bis 1951. Eine Lehrerin, die in diesen Jahren heiratete, mußte den Schuldienst aufgeben. Unsere junge Lehrerin im zweiten Schuljahr, Frau Räuber, hatte die Aufhebung genutzt und war mit einem Ägypter verheiratet.

Was war der Inhalt dieser ersten Unterrichtsstunde? Nach einigen einleitenden Worten ging Fräulein Altaner zu einer Darstellung vorne auf der rechten Seite des Klassenzimmers: Da war ein Haus mit dreißig „Zimmern“ für die 26 Grundbuchstaben, die drei Umlaute (ä, ö, ü) und das Eszet (ß). Sie wies mit einem Zeigestock auf das A und erklärte, was es damit auf sich habe. Sie nannte Wörter, die mit diesem Buchstaben anfangen, wie Anfang, Alter und Ansicht.

An Schultagen, also von Montag bis Samstag einschließlich, gingen wir zu Fuß von der Asperdener Straße 13 c bis zur Don-Bosco-Volksschule, das sind zwei Kilometer hin und zwei Kilometer zurück, und das bei jedem Wetter.

Viel später gab es dann ein Fahrrad und Johanna nahm mich auf dem Gepäckträger mit. Es handelte sich aber um ein Erwachsenenfahrrad und Johanna mußte „im Stehen“ fahren, da sie im Sitzen nicht die Pedale hätte rundtreten können.

Für mich war es schwierig, das Gleichgewicht zu halten, da es keinen Kindersitz, keine Tritte für die Füße, keinen Haltegriff für die Hände und erst recht keinen Sicherheitsgurt gab.

Eines Tages wurde im Schulhof ein Trinkbrunnen mit verschiedenen Wasserhähnen montiert. Als er fertiggebaut war, trank ich mich in der Pause satt. Doch, oh Graus, in der Schulstunde drückte auf einmal fürchterlich die Blase. Ich zeigte auf und bat Fräulein Altaner, austreten zu dürfen. Ob es denn so dringend sei, fragte sie. Ja, es war äußerst dringend. So ging ich nach hinten zur Türe, begleitet von den spöttischen Blicken und feixenden Grimassen meiner Mitschüler.

Mutter strickte uns aus brauner Schafswolle Hosen. Die trugen wir auf dem Schulweg und in der Schule, zum Gespött aller Kinder.

Meinem Vater gefiel es, mir die widerspenstigen Haare mit Milch festzukleben, und meiner Mutter gefiel es, sie mit einer Haarspange zu befestigen. Ich brauche nicht zu erklären, welchen Hohn dieser Haarschmuck hervorrief.

Vater stammte aus der Weezer Straße in Goch, aber er hatte „eine fremde Frau“ geheiratet, wie noch Jahrzehnte später der Vorwurf lautete. Mutter stammte aus Böhmen und hat sich nie am Niederrhein akklimatisiert. Es wurde uns Kindern: „Flichtlinge“ hinterhergerufen, obwohl die Bewohner Böhmens sehr wohl in der Lage sind, ein Ü zu sprechen.

Unter meinem ersten Zeugnis hatte Fräulein Altaner geschrieben: „Heinz ist sehr verspielt und stört häufig den Unterricht.“

Das Stören hat mich lange begleitet. Als Niederrheiner mußte ich es sofort mitteilen, wenn mir ein Gedanke kam. Meistens war das eine lustige Bemerkung. Auf dem Gymnasium flog ich deswegen zweimal aus dem Chor und wurde zweimal wieder gebeten, doch mitzusingen, da ich eine sichere Stimme hatte. Selbst noch im Studium flog ich aus der Choralschola wegen meiner Bemerkerei. Als dann auch die obligate Bitte kam, wieder mitzusingen, hatte ich die Nase voll und sagte nein. Wie oft habe ich mit meinen witzigen Einfällen die Chorproben der Russischen Gemeinde gestört! Selbst im Oberseminar der Doktoranden konnte ich den Mund nicht halten.

Zurück zu meinem Bericht!

Eines Tages wollte Mutter, daß wir beide Weihwasser aus der Kirche holten. Sie gab uns einen blauen Keramikkrug mit, der mit einem schwarzen Kreuz gekennzeichnet war. Es war Hochsommer.

Wir gingen also noch einmal unseren Schulweg; denn die Kirche lag in der Nähe der Schule, holten das Weihwasser und hatten auf dem Rückweg auf einmal schrecklichen Durst. Wir tranken einen Teil des Weihwassers. Zuhause gab es einen fürchterlichen Krach; denn es war verboten, solch ein heiliges Wasser zu trinken. Außerdem war für den täglichen Gebrauch des Weihwassers in winzigen Weihwasserkesselchen an den Türen zu wenig materia prima vorhanden.

Nun, in Rußland wird sogar Tieren Weihwasser zu trinken gegeben, um sie gesund zu erhalten oder zu heilen, wenn sie krank sind.

Außerdem dachte in dieser Zeit niemand daran, den Kindern Trinkwasser mitzugeben. Die sollten sich eben beherrschen und Askese üben!

Eines Tages mußte ich wieder einmal den langen Weg nochmals gehen. Diesmal war ich allein. Da stand ein Lieferwagen, der offensichtlich gleich abfahren würde. Ich hängte mich mit den Händen an die hintere Klappe und los ging es in schönem Tempo. Doch da merkte ich, daß der Wagen nicht rechts in die Asperdener Straße abbog, sondern geraudeaus den Asperberg hochfuhr. Ich ließ los und fiel auf mein Gesicht.

Ich wußte nicht, daß man in solchen Fällen schnell weiterlaufen muß, um den Geschwindigkeitsunterschied auszugleichen. Im übrigen sollte man so etwas natürlich niemals machen, da es viel zu gefährlich ist.

Einmal ging ich meinen Weg und war völlig in Gedanken versunken. Ich hatte gerade ein wenig lesen gelernt und beschäftigte mich innerlich mit dieser neuen Welt, die sich da auftat. Plötzlich erhielt ich einen schweren Schlag gegen den Kopf. In meiner Zerstreutheit war ich gegen einen gelben Briefkasten gelaufen.

 

Anfang 1956 war davon die Rede, daß wir nach Kevelaer umziehen würden, weil Vater dort bei der Gärtnerei Rogmanns eine neue Stelle erhalten hatte. Er wollte uns Kindern in Kevelaer größere Möglichkeiten bieten, als dies im Dorf Asperden möglich gewesen wäre.

Wir hatten bereits die zweite Klasse begonnen und Frau Räuber bereitete ein Theaterstück mit den Schülerinnen und Schülern vor. Ich durfte nicht mitspielen, „da ihr ja nach Kevelaer umzieht“. Doch der Umzug verzögerte sich, das Theaterstück wurde gespielt, und ich war stinkesauer, daß ich ausgeschlossen worden war.

Damals war es üblich, mit einer Fibel Lesen und Schreiben zu lernen.

 

 

 

Autor einer weit verbreiteten Fibel war Fritz Gansberg. Er wurde am 9. April 1871 in Bremen geboren. Seine Mutter Elisabeth starb bei der Geburt des siebten Kindes. Sein Vater Friedrich hatte sich vom lohnabhängigen Tabakarbeiter zum Besitzer eines Lebensmittelladens emporgearbeitet. Fritz wuchs in einem strengen und sparsamen, aber auch bildungsbewußten und strebsamen Elternhaus auf. Seine Brüder wurden Kaufleute, während Fritz einen anderen Weg ging. Er war in sich gekehrt und bisweilen verträumt. 1885 bis 1890 besuchte er das Lehrerseminar in Bremen. Anschließend unterrichtete er an der Volksschule in der Birkenstraße in Bremen. Dabei suchte er nach neuen pädagogischen Wegen. Er wollte die schöpferischen Kräfte der Kinder wecken. Nach seiner Meinung können nur diejenigen pädagogisch wirken, welche die Kinder lieben und am Lehrerberuf Interesse haben. Dies legte er in seinem Hauptwerk dar: Demokratische Pädagogik. Ein Weckruf zur Selbstbetätigung im Unterricht, Leipzig 1911.

1914 bis 1918 war er Lehrer in Lettland. Nach dem Ersten Weltkrieg unterrichtete er an verschiedenen Volksschulen in Bremen. Er blieb ledig.

Da er seine Publikationen nicht nationalsozialistisch einfärben wollte, wurde er 1936 in den Ruhestand versetzt. Vor den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg flüchtete er nach Fallingbostel. Nach dem Krieg fand er in Bremen keine Wohnung mehr. Er litt unter der neuen Lehrergeneration. Am 12. Februar 1950 erlag er in Bremen einem Herzschlag.

Der ursprüngliche Titel seiner Fibel lautete:

Bei uns zu Haus. Eine Fibel für kleine Stadtleute, mit Bildern von Arpad Schmidhammer, Leipzig 1905.

Diese Fibel erschien in vierzehnter Auflage 1930 in Leipzig.

1940 und 1942 erschien sie in Bremen unter dem Titel: Meine Fibel. Ein Geschichtenbuch zum Lesenlernen mit Bildern von Herbert Wellmann.

1955 erschien sein Werk in Bremen als Neubearbeitung durch Julius Lübbren und Alex Kleßmann unter dem Titel: „Meine Fibel“.

 

 

Rechts (Seite 7) wird das O gelernt. Da ist eine kopflose Puppe mit Hosenträgerrock dargestellt. Der fehlende Kopf ist nicht zu sehen. Wie geschah dieses Unglück? Fiel die Puppe aus Unachtsamkeit, aus Versehen zu Boden oder ist hier das Ergebnis eines Trotzanfalls zu sehen? Jedenfalls gibt es Betroffenheit und ein langgezogenes O.

 

 

Kleine Kinder unterscheiden nicht zwischen mein und sein. Erwachsene mögen einige dementsprechende Handlungen als Diebstahl empfinden. Seite 13 wird dieser Unterschied eingeübt. Eigentum muß geschützt werden!

 

 

Seite 15: Für Kinder ist es fast unmöglich, leise zu sein. Da der Säugling schläft, ergeht aber die Mahnung, still zu sein und sich mit Malen zu beschäftigen. Dies ist eine notwendige Einübung in die Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse anderer, die besonders bei Einzelkindern angebracht ist: Dein Recht endet dort, wo das Recht eines anderen beginnt!

 

 

Seite 19 ist ein Märchen der Brüder Grimm illustriert. Esel, Hund, Katze und Hahn sind alt geworden und sollen sterben, beschließen aber, Bremer Stadtmusikanten zu werden. Auf dem Weg wird es Abend, sie befinden sich in einen Wald und wollen übernachten. Da sehen sie ein Räuberhaus, sie stellen sich übereinander und erschrecken die Räuber, die daraufhin fliehen. Einer von ihnen schießt in Panik eine Pistole ab. Ein Räuber kommt zurück, um zu prüfen, ob die Luft rein ist, wird aber wieder erschreckt und flieht endgültig. Die vier Tiere bleiben in diesem Haus.

Dies ist eine Parabel über das Alter. Gemeinsam sind auch ältere Menschen stark und können sich gegen eine feindliche Umgebung behaupten.

Der Mond raucht in aller Ruhe Pfeife. Das bedeutet: Mit etwas Distanz lassen sich Probleme lösen.

 

Seite 20: Berni fällt kopfüber aus dem Baum und kann sich das Genick brechen, doch nur seine Hand tut weh, Bubi kann sich das Rückgrat verletzen und querschnittsgelähmt sein, doch nur sein Bein tut weh. Mama braucht nicht geholt zu werden.

Seite 29: Während von der Mutter und der Oma immer wieder die Rede ist, kommt der Vater bisher nur als Zigarrenraucher vor.

Links, Seite 32: Das Lied von der Laterne wird beim Umzug zum Martinsfest (11. November) gesungen, davon ist hier aber nicht die Rede. Rechts, Seite 33: Lisa hilft der Mutter und ist ein liebes Kind.

Seite 35: Beim Jahrmarkt drücken die Großen die Kleinen fast platt.

Seite 37: Kasper darf nicht schlafen, weil der Teufel kommt.

Seite 41: Nun taucht der Vater nicht nur als Zigarrenraucher auf, wie auf Seite 29, sondern die kleine Änne streckt ihm die Ärmchen hin.

Seite 42f: Ein Angsttraum und ein Diebstahl. Hier wird also keine heile Welt dargestellt. Bereits auf Seite 19 war die Problematik des Alters angesprochen worden.

Seite 51: Der kalte Fußboden, das überfrorene Waschwasser in der Schüssel, die Not der Vögel im Winter und Hilfe für sie – hier werden Mißbehagen und Mangel, aber auch Hilfe, thematisiert.

 

Seite 52f: Der kleine Otto wird von den älteren Kindern ausgelacht und umgerissen. Das ist Mobbing und er weint. Sein großer Bruder Horst beschützt ihn. Schließlich fallen beide hin. Otto lacht und weint.

 

Seite 66 (ohne Bebilderung):

Hoppe, hoppe Reiter,
wenn er fällt, so schreit er.
Fällt er in den Graben,
fressen ihn die Raben,
fällt er in den Sumpf,
macht der Reiter plumps.

… Fällt er auf die Steine,
tun ihm weh die Beine…

…Fällt er in die Hecken,
fressen ihn die Schnecken…

 

Was für ein Reiter ist das? Ist es ein Soldat? Warum fällt er in den Graben? Wurde er von einem Geschoß getroffen? Er schreit vor Schmerzen, doch niemand hilft ihm. Ist es ein Schlachtfeld, auf dem er stirbt? Keiner beerdigt ihn, sodaß die Aasvögel seinen Leichnam fressen. – Das Lied stammt aus der Zeit um 1800.

Kinder jauchzen normalerweise, wenn der Reiter plumps macht, und fordern eine Wiederholung. In seltsamem Gegensatz dazu steht die Leidens- und Todesthematik des Textes.

 

Seite 69: „Die kleine Hexe“ hat eine Warze auf der Nase und den sogenannten Witwenbuckel (Osteoporose, Knochenschwund), sie arbeitet den ganzen Morgen und kocht zur Mittagszeit Fröschebein, Krebs und Fisch für die Kinder. Hier werden alte Vorurteile transportiert. Auf der folgenden Seite steht das Lied von Hänsel und Gretel mit der alten Hexe, die Hänsel im Ofen braun wie Brot braten will. – Dieses Lied stammt aus dem 19. Jahrhundert.

 

Resumé / Resümee

Dieses Lehrbuch bildet seine Zeit ab: Der Vater tritt wenig in Erscheinung. Die Fibel transportiert Vorurteile über „die alte Hexe“, aber sie spendet auch Trost angesichts kindlicher Ängste und setzt dem Mobbing innere Stärke entgegen. Kleine Probleme des Alltags werden verbalisiert und gelöst, dabei sind auch die Schwierigkeiten des Alters, welche die Kinder bei ihren Großeltern wahrnehmen, nicht ausgeklammert. Es fehlt selbst die Warnung nicht, sich vor dem Teufel in Acht zu nehmen. Das ist negative Religiosität, die Furcht einflößen will, um ihre Art der Moral durchzusetzen.

 

 

Ich danke meiner Schwester Johanna für die Anregung zu diesem Beitrag.

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026

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