Das Große Erbarmen

 

In der Sutra vom Großen Erbarmen (Mahākaruṇā Dhāraṇī Sūtra) erläuterte der Buddha (der Erwachte) das Mitfühlen als ein Überschreiten der engen Grenzen des Ichs. Am Geschick anderer Anteil zu nehmen, bedeutet, ihr Leiden zu vermindern. Nicht das eigene Wohl steht im Mittelpunkt, sondern das Wohl aller. Die Erlösung, Rettung und Befreiung vom Leiden ist eine gemeinsame Aufgabe. Die Erfahrung der Erleuchtung erweist die Einheit alles Seienden.

 

Die Seidenstraße beförderte nicht nur Waren, sondern auch Ideen und Anstöße zur Gestaltung des Lebens.

In einer Lebensbeschreibung heißt es:

Es geschah, sobald der oberste der Satrapen den ruchlosen Befehl vernahm, die Einsiedler zu töten, so entsagte er dem eiteln und verächtlichen Glanz und dem Wohlleben, „sich zu den angesehensten der Einsiedler begab und indem er sich in wuͤste Orte verbannte, durch Fasten und Wachen und durch sorgsame Ausuͤbung der goͤttlichen Gebote die Sinne nach Kraͤften reinigte, die Seele von jeglicher Begierlichkeit befreite und sie durch das Licht der Reinheit erhellte.“

Hier handelt es sich um die Lebensbeschreibung Buddhas, zugeschrieben dem angesehenen christlichen Kirchenvater Johannes von Damaskus. der durch seine Rechtgläubigkeit bekannt war, aber wohl im zehnten Jahrhundert vom georgischen Abbas Euthimios vom Heiligen Berge Athos verfaßt wurde, indem er eine arabische Vorlage christianisierte.

·     Barlaam und Josaphat, Übersetzung von Felix Liebrecht, Vorwort von Ludolph von Beckedorff, Münster 1847, 6f.

·     Historia animæ utilis de Barlaam et Iosaphat, Johannes von Damaskus, Die Schriften, Band 6/2, Spuria, herausgegeben von Robert Volk, Byzantine Studies (literature, religion), Berlin und Boston 2008.

 

Der indische Prinz Josaphat macht bei einem Ausritt die Erfahrung des Leidens. Es kommen ihm nacheinander ein Kranker, ein Greis und ein Blinder entgegen. Die Einsicht der Vergänglichkeit und Gefährdung des Lebens bewegt ihn, seinem behüteten Leben im Luxus zu entsagen. Schließlich wird er vom Eremiten Barlaam zum Christentum bekehrt.

Kardinal Baronius nahm Josaphat im Jahre 1590 in das Martyrologium Romanum auf. Sein Gedenktag ist in der Westkirche am 27. November, in der griechischen orthodoxen Kirche am 26. August und in der Russischen Orthodoxen Kirche am 19. November / 2. Dezember.

Der heilige Theophan (Феофан) der Klausner hielt die Erzählung von Barlaam und Josaphat für die beste Darstellung des christlichen Glaubens und Lebens, besser als alle Katechismen.

·     Theophan der Klausner (Феофанъ Затворникъ), Сказанiе о жизни преподобныхъ и богоносныхъ отцевъ нашихъ Варлаама и Иоасафа (Die Erzählung über das Leben unser heiligen und gottragenden Väter Barlaam und Josaphat), Sergiev Posad 21910.

 

 

Buddha wird also zum christlichen Heiligen. Rebus sic stantibus (Wenn die Dinge so stehen), überrascht es nicht, daß auch im russisch-orthodoxen Gottesdienst vom Großen Erbarmen die Rede ist. Ich gebe ein Beispiel:

„Du wurdest gekreuzigt, wie Du es wolltest, Christus, und Du hast den Tod durch Dein Begräbnis gefangengenommen, Du erstandest nach drei Tagen als Gott in Herrlichkeit, der Welt hast Du unendliches Leben und das Große Erbarmen verliehen (мiрови дарѹѧ безконечнѹю жизнь, и велiю милость: Gebet der Sechsten Stunde, Stichen).

 

Isaak von Ninive († um 700) schrieb, der Mensch solle Gott in seiner Barmherzigkeit ähnlich werden (Homilie 1, in: De perfectione religiosa, herausgegeben von Paul Bedjan, Leipzig und Paris 1909, 8). Damit gibt er ein Schriftwort wieder: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist“ (Lukasevangelium 6, 36).

Ein Mensch ist dann erbarmungsvoll, wenn er mit der ganzen Schöpfung Mitleid hat und für sie betet, für die Feinde der Wahrheit, für diejenigen, die anderen Böses tun, für die Dämonen und auch für die Tiere. (Vgl. Isaak von Ninive, Homilie 74, Bedjan, 507f).

Es geht hier nicht um ein Gefühl, sondern um Handeln, Vergeben und Wohlwollen gegenüber allen Menschen. Es gilt, großzügig zu sein, auf Vergelten zu verzichten und Undankbarkeit hinzunehmen.

 

Dostoevskij sprach von der Allverzeihung (всепрощенiе). Im Roman Die Brüder Karamazov (1880) verkörpert der Starez Zosima die umfassende Liebe und Vergebung. Jeder Mensch ist für jeden verantwortlich. Die Vergebung ist der Weg zur Wahrheit.

 

Es versteht sich von selbst, daß das Große Erbarmen Voraussetzungen hat. Neid, Eifersucht, Haß, Groll, Rachsucht, Hinterlist und Bosheit zerstören gründlich jegliche Barmherzigkeit. Der Mensch ist dann in sich selbst gefangen und kann nur noch negativ wirken.

Eine weitere Voraussetzung ist die Klugheit, die Vorsicht und die Gabe der Unterscheidung.

 

Diese Gedanken und Impulse beschäftigen mich seit Jahrzehnten. Gerade in der augenblicklichen Situation sind sie aktueller denn je.

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026

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