Gebet und inneres Leben in der orthodoxen Tradition, Bobrinskoy 4

 

[S. 226] ser die Eigenschaft und den Schwung beilegt, wie er dem lebendigen Dialog jenseits aller vielfältigen Worte eigen ist. Deshalb verlangt die Kunst des Herzensgebetes eine vollkommene Beherrschung seiner selbst, eine beständige geistliche Aufmerksamkeit, die unaufhörliche Wachsamkeit, zu der Jesus selbst uns aufgefordert hat, ein vollkommenes Ablegen nicht nur der Leidenschaften und Begehrlichkeiten (Gal 5, 24), sondern auch eines jeden Wunsches, Gedankens und sogar Bildes von alledem, was im Augenblick des Gebetes den Geist zerstreut, von allem, was ihn aus dem Herzen fort nach draußen zieht, von diesem Ort der Stille und Einsamkeit, an dem allein der Name Jesu erklingt.

Wenn auch nur eine kleine Anzahl von Christen zu diesen höheren Stufen des Herzensgebetes gelangen kann, so sind doch die ersten Früchte desselben jedem zugänglich, sind sie doch auch die Voraussetzung für die Transformation der menschlichen Natur durch den Heiligen Geist. Die erste Frucht des Gebetes des Herzens ist die Reue. Wir wissen, dass in den Evangelien Reue und Bekehrung die erste Bedingung für den Glauben und das Heil sind. Aus diesem Grunde ist die Anrufung des Namens Jesu stets von dem Gebet des Zöllners begleitet: "Habe Erbarmen mit mir Sünder." Nur in diesem Geist der Reue und also auch der Demut kann das Gebet des Menschen selbst Früchte tragen (Luk. 18, 13). Die Übung des Gebetes Jesu haben besonders eindringlich die russischen Mönche des 19. Jahrhunderts den Laien deshalb empfohlen, weil sie den weltlichen Beschäftigungen durchaus angemessen ist. "Es ist falsch," schreibt Theophan der Einsiedler, "zu denken, man müsse sich an einem einsamen Orte befinden, um das geistliche Gebet zu verrichten, um Gott betrachten zu können. Man muss sich, wenn man beten will, nirgendwo anders als in seinem Herzen verbergen und, wenn man sich dort niederläßt, den Herrn zu unserer Rechten sehen, wie es David tat."

Das Jesusgebet gilt in der orthodoxen Frömmigkeit als die schärfste Waffe gegen die Dämonen und die Leidenschaften, die ihren Angriff auf uns richten. "Schlage deinen Gegner mit dem Namen Jesu", sagt der hl. Johannes Klimakos, "es gibt keine mächtigere Waffe auf Erden und im Himmel".8) Den Versuchungen in direktem Kampf entgegenzutreten, ist nur gut für die "Mächtigen nach Gott, für solche, wie den hl. Michael; für uns Schwache bleibt nichts anderes übrig, als unsere Zuflucht beim Namen Jesu zu nehmen".

Zum Abschluss dieses Kapitels bieten wir einen Auszug aus den Schriften von Bischof Theophan dem Einsiedler über das Gebet und die innere Konzentration:

"In seiner kürzesten Form ist das Gebet Jesu das folgende: ‚Herr, habe Erbarmen‘; ‚Herr Jesus, habe Erbarmen mit mir Sünder.‘ In seiner vollkommenen Form lautet es: ‚Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, habe Erbarmen mit mir Sünder.‘ Wenn wir zum ersten Male dieses Gebet sagen, so finden wir, dass seine Wiederholung erzwungen ist und unseren Empfindungen widerstrebt. Aber später mit der Übung entdecken wir, dass sie leichter, angenehmer und wünschenswert wird, d. h. wenn wir den festen Vorsatz haben, unsere Leidenschaften, soweit es uns mit Hilfe der Gnade Gottes und des Gebetes nur möglich ist, zu zähmen. Während des gespro- [S. 227] chenen Gebetes müssen wir uns auf das höchste anstrengen, unseren Geist bei den Worten, die wir sprechen, zu bewachen. Wir müssen diese langsam wiederholen, indem wir unsere Aufmerksamkeit ganz auf die darin enthaltenen Gedanken richten. Wenn der Geist durch fremde Gedanken zerstreut ist, müssen wir, ohne uns zu gestatten, dass wir in Verwirrung geraten, mehr als einmal auf die Worte des Gebetes zurückkommen. Der Geist kommt nicht leicht zur Konzentration, und er erreicht sie nicht nur, wenn wir es wünschen, sondern wenn Gott es uns gnädig gewährt. Dieses Geschenk Gottes ist weder durch die Zeit noch durch die Anzahl der wiederholten Gebete bestimmt, sondern durch die Demut des Herzens, die Gnade Christi und unser beständiges Verlangen nach ihr. Das aufmerksame mündliche Gebet wird so in das mentale Gebet verwandelt, in welchen wir ganz zu Gott hinstreben und nur ihn mit unserem Geiste suchen.

Es ist also notwendig, unser Herz und unseren Geist in ständiger Aufmerksamkeit, die sich auf Gott richtet, zu erhalten. Wenn wir in unserer Anstrengung beharren und uns demütig diesem Gebete zuwenden, wird Gott uns die Gabe der Aufmerksamkeit und Konzentration gewähren . . . Dieses mentale Gebet kann also in ein innerliches Herzensgebet umgewandelt werden . . . Wenn wir durch unsere Hingabe an Gott Ruhe finden, und wenn unsere Herzen ganz von der Liebe Gottes erfüllt sind, so wird ein solches Gebet als das Gebet des Herzens beschrieben".

Aber das Gebet des Herzens ist ein Gottesgeschenk, das der Gäubige empfängt, wenn Gott ihn für gut ansieht. Das Gebet ist also von der Demut und von der Geduld unabtrennbar. Deshalb hat der berühmte Starez Makarij von Optina an eine junge Frau, die in ein Kloster eintreten wollte, folgendes geschrieben: "Setze dir nicht in den Kopf, mit einem Male eine Heilige zu werden, nimm dich vor dir selbst in acht. Du fragst mich wegen des Gebetes. Wenn man betet, so muss man eine große Demut haben, und diese entsteht, wenn man den Willen und die übertriebene Meinung zerbricht, die man von sich selber hat. Hüte dich, anders als nur im Geiste beten zu wollen; du bist dessen noch nicht fähig. Du würdest dich alsbald in Illusionen stürzen. Bete einfach. Derjenige, der dem Betenden die Gabe des Gebetes zuteil werden läßt, wird auch dir das reine Gebet im Geiste schenken, aber nur, wenn du aufrichtig demütig wirst, wenn du dir deiner Sünde bewusst wirst, denn dadurch wird die Seele reuig und das Herz demütig... Du fährst fort, nach den höchsten Stufen des geistlichen Lebens zu streben und sehnst dich nach einer Gebetsdisziplin, die noch nicht deinen Möglichkeiten entspricht. Aber du musst einfach den Weg der Demut gehen, so wie die anderen leben, ohne innere Verwirrung zu empfinden. Auch lasse dich nicht zu innerer Verwirrung kommen, wenn du irgendeinen Fehler oder einen Fehltritt begangen hast, sondern steige in die Tiefe der Demut hinab und erhebe dich durch die Buße, und alsbald wirst du den rechten Weg wiederfinden.“10)

3. Meditationen und Lesungen

In dem Zusammenhang des Unterrichtes für das innere Leben nimmt auch die Pflege des Geistlichen einen wichtigen Platz ein, denn der Gläubige muss seinen Glauben durch den regelmässigen Umgang mit der Heiligen [S. 228] Schrift nähren. Er muss seine eigene Erfahrung bereichern und sie im Lichte der Erfahrungen jener geistlichen Männer prüfen, deren Autorität von der Kirche anerkannt ist. Es ist außerdem wichtig für ihn, in der geistlichen Literatur die Stützen für seine eigene Schwäche und die Stärkung für seine persönliche Lebensführung zu suchen, indem er von der tiefen Kenntnis des menschlichen Herzens und seiner Probleme, welche die Meister des geistlichen Lebens erworben haben, auch für sich selbst Nutzen zieht. Zunächst gibt es verschiedene Arten, die Heilige Schrift für sich zu lesen, je nach der Zeit, dem Eifer und den Fähigkeiten eines jeden. Man rät im allgemeinen eine fortlaufende, regelmäßige und tägliche, mehr oder weniger lange Lektüre der Bibel an. Die Ordnung dieser Lesungen wird entweder die des liturgischen Kalenders sein oder durch persönliche Wahl bestimmt werden. "Alle Tage", so sagte der Starez Amvrosij von Optina, "lest aufrecht" (die Haltung des Gebetes) ein Kapitel des Evangeliums oder mehr, und wenn euch die Angst ergreift, so lest es von neuem, bis sie vergangen ist. Wenn sie wiederkommt, lest von neuem das Evangelium". Die biblische Lesung und die geistliche Meditation bilden einen Teil der Gebetserziehung. Man rät sodann den Gläubigen, dem Rat ihrer Beichtväter und geistlichen Führer für die Wahl ihrer biblischen Lektüre zu folgen, um das zu wählen, was den Nöten und dem Verständnis eines jeden entspricht.

III. Erziehung zum Gebet

1. Das Gebet der Kinder

Das Problem der Erziehung zum Gebet ist eines der wichtigsten für das Studium der orthodoxen Frömmigkeit. Dieses Problem existiert bereits seit dem Erwachen des kindlichen Bewusstseins. Nach der orthodoxen Tradition werden die Kinder schon von ihrer Taufe und Myronsalbung an zur Heiligen Kommunion zugelassen, d. h. schon im Alter von einigen wenigen Wochen. Man empfiehlt den Eltern, sie so oft als möglich kommunizieren zu lassen. Deshalb kennt das Kind in dem Maße als sein Bewusstsein erwacht und sich der geistlichen Wirklichkeit öffnet, durch persönliche Erfahrung die Eucharistie. Diese passt sich seiner noch einfachen, aber so sehr authentischen, Schau des übernatürlichen Lebens an. Das Kind lernt, zu beten und diese Augenblicke einer familiären Vertrautheit und Hingabe an Gott zu lieben. Es entdeckt eine ganz wunderbare und lichte Domäne, die sich in der Bewegung seines tiefsten Wesens widerspiegelt. Aus diesem Grunde ist das Gebet in der Familie von einer so großen Wichtigkeit für die Erziehung des Kindes. Von nicht geringerer Formkraft ist für den Geist des Kindes das Beispiel der Eltern, wenn sie zum Gebete niederknien, schlicht und einfach, Tag für Tag-, vor den lkonen der Familie oder wohl auch am Fuße ihres Bettes. Es ist im besonderen die Mutter, die ihre Kinder beten lehrt, die mit ihnen betet, die ihre Hand dazu anleitet, das Zeichen des Kreuzes zu machen.

Der große französische Dichter Péguy hat mit unvergesslichen Worten das kindliche Gebet beschrieben: "Wahrhaftig, sprach Gott, ich kenne nichts ebenso Schönes auf der ganzen Welt, als ein kleines Kind, das eingeschlafen ist, indem es sein Gebet verrichtet."

[S. 229] Das Gebet des Kindes stellt in seiner Einfachheit und mit seinem Vertrauen ein Ideal dar, das Christus selbst vor Augen gestellt hat: "Hindert die kleinen Kinder nicht, zu mir zu kommen, denn allen, die wie sie sind, gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch, wer das Reich Gottes nicht wie ein Kind aufnimmt, der wird nicht hineinkommen. Dann herzte er sie, segnete sie und legte die Hände auf sie" (Mk 10, 14-16).

Im übrigen führt der Herr den Vers aus Psalm 8 an: "Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob zugerichtet" (Matth. 21, 16). Einer der geistlichen Lehrer des Ostens schreibt folgende Zeilen über den kindlichen Wesenszug unseres Gebetes: "Wenn du dich zum Gebete vor dem Herrn niederkniest . . . sprich nicht zum Herrn, als hättest du die Erkenntnis, sondern rufe ihn durch kindliches Lallen an und nähere dich ihm in deinen Gedanken, wandle so vor ihm, dass du der väterlichen Fürsorge für würdig erachtet wirst, welche die Väter ihren Kindern zuwenden. Denn es heißt in der Schrift, der Herr sieht auf die Kinder" (St. Isaak der Syrer).

2. Beichte und geistliche Führung

Im Alter von ungefähr sieben Jahren beichtet das Kind zum ersten Male vor dem Priester. Das ist jener Augenblick, in dem es sich der allgemeinen Regel, wie sie in der Orthodoxie üblich ist, unterwirft, nämlich seine Sünden vor dem Priester zu beichten, der ihm im Namen Gottes die Absolution gewährt.

Es handelt sich hier nicht um das Bußsakrament im eigentlichen Sinne, denn dieses fällt nicht unter unser Thema. Wir bringen es trotzdem zur Sprache, denn gerade zu diesem Zeitpunkt, obwohl doch auch nicht ausschließlich nur dann, ist es dem Beichtvater möglich, dem Büßenden beizustehen und ihn zu beraten. Dennoch muss die geistliche Führung von der Beichte im eigentlichen Sinne unterschieden werden. Wenn diese auch ausschließlich dem Priesterstande zugehört, so wird die geistliche Leitung doch häufig durch einfache Mönche wahrgenommen, die keine geweihten Priester sind und die man gewöhnlich "Starez" (der Alte) nennt. Die Institution der Starzen, die keineswegs ein originales russisches Phänomen sind, hat sich aber mit besonderem Erfolg in Russland entwickelt. Der Senator, der arme Bauer, der Student gelten für die Augen des Alten in gleicher Weise als Patienten, die eine geistliche Medizin nötig haben. Einige Leute fragten den Starez, ob sie ihren Sohn oder ihre Tochter verheiraten, ein Amt übernehmen, den Haushalt aufgeben sollten, um eine Arbeit zu suchen? Eine Bäuerin bemühte einen Starez um einen Rat, wie sie ihre Truthähne ernähren sollte - und sie erhielt ihn. Zum Erstaunen seiner Umgebung antwortete der Starez: "Ihr ganzes Leben liegt in ihren Truthähnen."11)

Diese Zeichnung der Starzen von Optina oder der großen Charismatiker der russischen Kirche, wie etwa des hl. Seraphim von Sarow ist von Dostojewski in der Person des Starez Zossima in den Brüdern Karamasoff beschrieben worden. Das Auftreten solcher Geistlicher war eine Antwort auf das große Verlangen tausender Christen nach dem übernatürlichen Leben und nach geistlicher Leitung ihres Lebens. Wir sehen, dass sich aus dem Schoße des Mönchtums außergewöhnliche Persönlichkeiten von Heiligkeit und Strahlungskraft erhoben haben. In dieser Hinsicht hat das Mönchtum [S. 230] die Grenzen seiner unmittelbaren Berufung, der Betrachtung in der Einsamkeit, überschritten. Wenn der hl. Seraphim von Sarow zehn Jahre allein in den Wäldern lebte, nur in der Gesellschaft der Wölfe, der Bären und anderer Waldtiere, so war die letzte Epoche seines Lebens ganz der Leitung und Stärkung der Pilger gewidmet, die in einem ununterbrochenen Strom zu seiner Zelle fluteten, auf der Suche nach dem Frieden und dem Lichte Gottes. "Du, meine Freude" -, sagte er ihnen -, "Christus ist auferstanden".

"Das einzige Ziel des christlichen Lebens ist, den Heiligen Geist zu erwerben", sagte er. Durch die Erfahrungen des Herzensgebetes war er zu dieser so hohen Vertrautheit mit Gott gelangt, die von ihm ausstrahlte.

Diese wenigen Ausführungen werden genügen, um die grundlegende Bedeutung für das innere Leben zu zeigen, die von dem Einfluss des geistlichen Vaters ausgeht. Damit die Entwicklung des geistlichen Lebens ihre Früchte trägt, ist es für jeden Gläubigen wichtig, die Frage der Wahl eines Führers für sein inneres Leben persönlich zu entscheiden. Dennoch ist dies nicht immer möglich. Im Hinblick darauf sagte der hl. Seraphim selbst: "Wenn es einem nicht gelingt, einen Lehrer zu finden, der fähig ist, zu einem kontemplativen Leben zu führen, so muss man sich selbst führen, wie es die Heilige Schrift sagt, denn Gott selbst gebietet uns: 'Erforschet die Schrift, denn sie ist es, die von mir Zeugnis gibt' (Joh 5, 39)".

Schluss