Inhalt
Das
Haus als Heimat und Sehnsuchtsort
Anspielungen
auf andere literarische Texte
Heimsuchung

Die Buntglasfenster des Sommerhauses am Scharmützelsee
· Jenny Erpenbeck, Heimsuchung. Roman, Penguin Verlag, © 2007 by Jenny Erpenbeck, München 192018.
· Jenny Erpenbeck, Heimsuchung. Roman, Nachwort von Friedhelm Marx, Reclams Universalbibliothek, Nr. 14388, Ditzingen 2024 (nachfolgend abgekürzt als: „R“).
· Jenny Erpenbeck, Heimsuchung, von Swantje Ehlers, Lektüreschlüssel XL für Schülerinnen und Schüler, Nr. 15554, Ditzingen 2024 (nachfolgend abgekürzt als: „E“).
· Jenny Erpenbeck, Heimsuchung, von Timotheus Schwake, Gymnasiale Oberstufe, Einfach Deutsch Unterrichtsmodelle, Braunschweig 2024.
Jenny Erpenbeck wurde am 12. März 1967 in Ostberlin geboren. Ihre Mutter, Doris Kilias, geborene Galuhn, verheiratete Erpenbeck (1942-2008), geboren in Rhein, Landkreis Lötzen (Ostpreußen), wurde mit ihrer Mutter und ihrem Bruder im Jahre 1945 aus Masuren vertrieben. Sie war Übersetzerin arabischer Texte und Professorin für Arabistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Da im Zuge einer Neustrukturierung der Universität kein Lehrstuhl für Arabistik mehr vorgesehen war, wurde sie 1995 entlassen und arbeitete nunmehr als freie Schriftstellerin und Übersetzerin.
Ihr Vater, John Erpenbeck, wurde 1942 in Ufá (Baschkirien in der damaligen Sowjetunion) geboren und ist Biophysiker, Wissenschaftsphilosoph, Bildungsforscher und Romanautor.
Ihre Großmutter, Hedda (Hedwig) Zinner (1905-1994) stammt aus Lemberg (Ostgalizien) und wuchs in Wien auf. Sie und ihr Mann, Fritz Erpenbeck (1897-1975), waren Mitglieder der Kommunistischen Partei und emigrierten 1935 nach Moskau. Hedda Zimmer arbeitete für einen Rundfunksender. Als deutsche Truppen im Jahre 1941 vor Moskau standen, wurden beide nach Ufa evakuiert. 1945 kehrten sie nach Deutschland zurück und gehörten zur Führungselite der DDR. Hedda Zinner war eine anerkannte Schriftstellerin und Fritz Erpenbeck Chefdramaturg der Berliner Volksbühne.
Jenny Erpenbeck machte 1985, nach ihrem Abitur, eine Lehre als Buchbinderin. 1987 war sie Requisiteurin am Kleist-Theater in Frankfurt an der Oder und an der Staatsoper Berlin. 1988 bis 1990 studierte sie Theaterwissenschaft an der Humboldtuniversität Berlin.
Die Bücher ihrer Großeltern konnten nach der Wende nicht mehr aufgelegt werden, da der Verlag insolvent wurde.
1990-1993 studierte Jenny Erpenbeck Musiktheater und Regie in Berlin.
In den folgenden Jahren arbeitete sie ohne feste Anstellung und reiste.
1995 beendete sie ihren ersten Roman: Geschichte vom alten Kind, der erst 1999 in Frankfurt am Main veröffentlicht wurde.
Ebenfalls 1995 erhielt sie eine Anstellung als Regieassistentin und Abendspielleiterin an der Oper Graz. Dort lernte sie den österreichischen Dirigenten Wolfgang Bozic (* 9. November 1947 in Graz) kennen und heiratete ihn. Sie zogen nach Berlin. Dort wurde 2002 ihr Sohn geboren. (E, 87-89).
Heimsuchung wird in diesem Roman zunächst als die Suche nach einem Heim, nach einem Ort der Geborgenheit verstanden. Das Haus am Scharmützelsee wird dabei zu einem Zufluchtsort.
Doch Krieg, Gewalt, Flucht und Vertreibung machen das Ergebnis dieser Suche immer wieder zunichte, die Heimat geht verloren, sodaß der zweite Sinn des Wortes in den Vordergrund tritt: Die Menschen werden von Schicksalsschlägen, Unglücken und der Niedertracht anderer heimgesucht.
„Am stärksten, zugleich am schmerzlichsten erfahren sie Heimat in dem Moment, in dem sie sie für immer verloren haben.“ (Nachwort von Friedhelm Marx, R, 194).
· Prolog
· Der Großbauer und seine vier Töchter
· Der Architekt
· Der Tuchfabrikant
· Die Frau des Architekten
· Das Mädchen
· Der Rotarmist
· Die Schriftstellerin
· Die Besucherin
· Die Unterpächter
· Der Kinderfreund
· Die unberechtigte Eigenbesitzerin
· Epilog
Dazwischen sind elf Kapitel: Der Gärtner eingeschoben.
Sie bilden den Rahmen des Romans. Im Prolog wird die Entstehung und Morphologie der märkischen Landschaft südöstlich der späteren Stadt Berlin während der Eiszeit (vor vierundzwanzigtausend bis zehntausend Jahren) geschildert.
Der Epilog gibt Handlungsanweisungen für den Abriß des Sommerhauses. „Bevor auf demselben Platz ein anderes Haus gebaut werden wird, gleicht die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst.“ (R, 183).
Dazwischen werden in dem Roman Ereignisse geschildert, vom Waldgrundstück und dem Hausbau in der Weimarer Republik, über die Schicksale während der nationalsozialistischen Zeit, die Besetzung durch die russische Armee, die Zeit der Deutschen Demokratischen Republik bis hin zur Zeit nach der Wende (von den 1920er Jahren bis zum Ende der 1990er Jahre).
Der Prolog läßt diese verhältnismäßig kurze Zeit als vorübergehende Episode erscheinen. Durch den Abriß des Hauses ist der ursprüngliche Zustand des Grundstückes gleichnishaft wiederhergestellt.
Der Scharmützelsee in Brandenburg (südöstlich der heutigen Stadt Berlin) wurde zuerst in einer Urkunde aus den Jahren 1316/1319 erwähnt: in stagno Tschermitzel. Dies bezieht sich auf die Bäume, die an den Seeufern wuchsen, vergleiche lettisch cęrmauksis – Eberesche und altrussisch черемъха – Faulbaum. Der See ist zehn Kilometer lang und maximal 1,5 km breit.
„Warum blicken alle so gern aufs Wasser, fragt Doris. Ich weiß nicht, sagt Anna. Doris sagt, vielleicht, weil über einem See immer so viel leerer Himmel ist, weil jeder gern einmal nichts sieht.“ (R, 50).
„Das Glück wächst aus der Unordnung heraus, so wie die Unendlichkeit aus dem endlichen See herauswächst“ (R, 149).
Das Badehäuschen wurde versetzt, „und als es oben stand, war der Blick auf den See, den man vom überdachten Austritt nun hatte, beinahe noch schöner geworden. Jetzt wußte sie nur nicht, wohin schweben.“ (R, 176).
Überall ist zu lesen, daß Theodor Fontane den Scharmützelsee als märkischen See bezeichnet. Doch wo genau steht dies? Ich habe lange gesucht. Hier ist mein Ergebnis:
„Die Spree, sobald sie sich angesichts der Müggelberge befindet, bildet oder durchfließt ein weites Wasserbecken: die Müggel oder den Müggelsee, der mit zu den größten und schönsten unter den märkischen Seen zählt.“
· Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Band IV: Spreeland, entstanden zwischen 1859 und 1881, Berlin 1882; herausgegeben von Michael Holzinger, Berlin 42016, 565 (Der Müggelsee).
Seit 1650 hat die Familie Wurrach das Amt des Schulzen inne. Im Roman ist von dem Großbauer Wurrach während der 1920er Jahre die Rede. Er hatte vier Töchter, die jüngste hieß Klara. Ihr gehörte ein Waldgrundstück am Scharmützelsee.
Sie verliebt sich in einen Fischer, wird seelisch gestört und ihr Vater verbietet ihr, den Hof zu verlassen. Ihre Verwirrung wird durch folgende Gedichte angedeutet:
„Rot ist die Geburt, / grün ist das Leben, / weiß ist der Tod.
Ich kenn ein Tierchen, / das heißt Manierchen.
/ Manierchen
heißt das Tierchen. / Es trägt die Knochen überʼm Fleisch.“
(R, 19). Soweit der Beginn des ersten Gedichtes.
Die anderen Dorfbewohner meiden Klara: „Eine Zeitlang will sich jetzt kaum mehr ein Knecht oder eine Magd beim mächtigen Wurrach verdingen, denn es heißt viel, sich für den möglichen Angriff von einer, die aus der Welt des Benehmens ausgeschert ist, zu wappnen.“ (R, 21). Diese Welt des Benehmens heißt im Gedicht Manierchen.
Es folgt das zweite Gedicht:
„Das ist der Schlüssel zum Garten, / Worauf drei Mädchen warten. / Die erste heißt Binka. / Die zweite Bibeldebinka. / Die dritte heißt Zickzettzack Nobel de / Bobel de Bibel de Binka. / Da nahm Binka einen Stein / Und warf Bibeldebinka / Ans Bein./ Da fing Zick, Zett, Zack. / Nobel de Bobel de Bibel de Binka / bitterlich an zu weinʼn.” (R, 21).
Das dritte Gedicht:
„Vergangenen Handschuh / Verlor ich meinen Herbst. / Ich mußte drei Tage finden, / ehe ich ihn suchte. / Da kam ich an einem Garten vorbei, / da stand ein Herr. / An dem Herrn saßen drei Tische. / Da nahm ich meinen Tag ab / und sagte: Gute Hut, meine Herren. / Da lachten die Herren so anzufingen, / daß ihnen der Platz bauchte.“ (R, 22).
Dieses Gedicht ist verwandt mit ähnlichen Wortschöpfungen von Christian Morgenstern, zum Beispiel: Der Werwolf, des Weswolfs, dem Wemwolf, den Wenwolf. Da Wer nur im Singular vorkommt, müssen seine Frau und Kinder unberücksichtigt bleiben.
· Christian Morgenstern, Humosristische Lyrik, Sämtliche Gedichte, Band 3, herausgegeben von Maurice Cureau, Stuttgart 2013, 87f (Der Werwolf).
Ein wenig erinnert Klaras Schicksal an Lucia di Lammermoor,
die ihren Geliebten nicht heiraten darf. Nachdem sie in der Hochzeitsnacht
Arturo, der ihr aufgezwungen wurde, getötet hat, verfällt sie in Wahn und singt
die Arie: „Il dolce suono / Mi colpo
di sua voce“. Sie meint, mit ihrem geliebten Edgardo die Ehe einzugehen.
(Gaetano Donizetti, Lucia di Lammermoor, Uraufführung 1835, III. Akt, 5. Szene,
The Book of 101 Opera Librettos, herausgegeben von
Jessica M. MacMurray, New York 1996, 239).
Klara wird entmündigt und ihr Vater verkauft das Waldgrundstück. Das erste Drittel geht an einen Kaffee- und Teeimporteur aus Frankfurt an der Oder, das zweite Drittel an einen Tuchfabrikanten aus Guben und das dritte Drittel an einen Berliner Architekten, der für sich und seine Verlobte ein Sommerhaus bauen will. Vom Architekten und seiner Frau sowie vom Tuchfabrikanten wird in dem Roman die Rede sein.
Am Abend des Tages, an dem der alte Wurrach das Erbe seiner Tochter Klara verkauft hatte, ging Klara in den See und ertrank. „Der Pfarrer will der Selbstmörderin ein christliches Begräbnis versagen, aber das läßt der Schulze, der trotz seines hohen Alters inzwischen Ortsbauernführer geworden ist, nicht gelten.“ (R, 23).
Er ist einfach da: „Woher er gekommen ist, weiß im Dorf niemand. Vielleicht war er immer schon da.“ (R, 11).
Der Gärtner hat kein Einkommen und keinen Besitz. Er lebt von dem, was er anbaut. Von ihm ist kein einziges Wort überliefert. Wegen seines Schweigens meiden ihn die Dorfbewohner.
Während alle anderen Figuren des Romans ein mehr oder weniger hartes Schicksal erleiden, ist er geschichtslos. Der Gärtner „bleibt die Konstante, die bei allen wechselnden Ereignissen, Verhältnissen und Figuren gleich bleibt und in den vielen Jahren des erzählten Zeitraums stets die gleichen Handlungen der Garten- und Hauspflege vollzieht.“ (Bernward Coers; Link am Schluß dieser Seite).
Er dient nacheinander allen Besitzern, erfüllt ihre Wünsche und arbeitet. Er hat keine Wohnung, sondern schläft auf einer Liege im Bienenhaus. Erst in Alter und Krankheit wird ihm ein Zimmer im Haus zugestanden. Charakterisiert wird er durch den kalten Zigarrenstummel in seinem Mund. Ursprünglich hatte er Zigarren geraucht, während er den Bienenhonig erntete, um von den Bienen nicht gestochen zu werden.
Während die anderen reden, arbeitet der Gärtner schweigend:
„Jede der beiden oberen Wiesen wird durch die natürliche Einfassung zur Bühne, sagt der Gartenarchitekt zu seinem Vetter, dem Hausherrn, während der Gärtner eine Schubkarre mit Komposterde auf das zukünftige Rosenbeet vor der Terrasse ausleert. Der Hausherr sagt: Im Grunde kommt es ja immer nur darauf an, den Blick zu lenken. Und auf den Wechsel, sagt der Gartenarchitekt: Licht und Schatten, freie Fläche, dichter Bewuchs, das Schauen von oben, das Hinaufblicken von unten. Der Gärtner verteilt mit der Kante der Schaufel die Erde gleichmäßig auf dem Beet.“ (R, 28).
Ein einziges Mal wird von einer Gemütsbewegung bei ihm erzählt: Am Ende des II. Weltkrieges trieben die Russen über zweihundert Pferde in den Garten.
„Die Pferde scharren mit ihren Hufen im Boden, der gerade taut und sich innerhalb eines Tages in einen Morast verwandelt, die Pferde fressen, was sich ihnen ringsum an Futter bietet: die frischen Blätter und Blüten des Forsythienstrauchs, die jungen Triebe der Tannenbüsche und die Knospen von Hasel und Flieder.“ (R, 88).
Als alles zertrampelt war, weinte der Gärtner (R, 67f).
„Als die Hausherrin aus Berlin kommt, um das Haus für den Investor zu räumen, ist der Gärtner nicht da. In seinem Zimmer stehen wie immer Tisch, Stuhl und Bett, einige Kleidungsstücke sind über Haken geworfen, in der Ecke stehen die Gummistiefel, nur der Gärtner selbst ist nicht da.“ (R, 164).
Der Gärtner tauchte gleichsam aus dem Nichts auf, arbeitete, und verschwand wieder, als nichts mehr zu tun war. Das erinnert an eine Gestalt aus einer anderen Welt.
„Von den heimsuchenden, heimgesuchten Figuren des Romans ist der namenlose Gärtner deutlich abgesetzt. […] Als scheinbar zeitlose, stille Hauptfigur verkörpert er den Strom der Zeit“ (Nachwort von Friedhelm Marx, R, 196).
Im Roman sind dem Gärtner elf Kapitel gewidmet. Das ist fast die Hälfte des Buches. Dadurch wird seine rätselhafte Bedeutung unterstrichen.
Wie fast alle Romanfiguren bleibt er namenlos. Es handelt sich um Heinz Engel.
Sein Sohn Ludwig (eine fiktive Figur) wandert 1936 mit seiner zukünftigen Frau Anna nach Kapstadt aus und baut sich dort eine neue Existenz auf. Weihnachten 1937 besuchen ihn seine Eltern und seine Schwester Elisabeth mit ihrem Mann und ihrer Tochter Doris. Sie fahren nach zwei Wochen „wieder zurück nach Guben, heim“ (R, 56). In Guben, etwa siebzig Kilometer südöstlich des Scharmützelsees, befinden sich Haus und Fabrik des Tuchfabrikanten.
1939 wollen sie auswandern und verkaufen ihr Haus für die Hälfte seines Verkehrswertes an den benachbarten Architekten, der an das Finanzamt eine „Entjudungsgewinnabgabe“ von 6 % zahlen muß (R, 57). Der Erlös von dem Verkauf kommt auf ein Sperrkonto. Ihre Pässe treffen zwar ein, aber das Geld wird nicht freigegeben. Die Eltern werden deportiert und 1942 in einem Gaswagen umgebracht. Ihr Vermögen fällt an das Deutsche Reich.
Ludwigs Schwester Elisabeth und ihr Mann wollen nach Brasilien auswandern und lösen ihre Wohnung in Guben auf. Ihre Tochter Doris Kaplan, welcher der Roman gewidmet ist, wird in der Schule wegen ihrer jüdischen Herkunft gehänselt. Deswegen schicken ihre Eltern sie zu ihrer Tante nach Berlin. Ihr Vater wird zur Zwangsarbeit beim Autobahnbau einberufen und stirbt an Fleckfieber. Elisabeth und ihre zwölfjährige Tochter werden am Ostermontag 1942 ins Warschauer Ghetto deportiert. Während die anderen in ein Vernichtungslager gebracht werden, kann das Mädchen sich verstecken, wird aber entdeckt, deportiert und im Konzentrationslager Treblinka erschossen, „jetzt gehen alle endlich für immer heim.“ (R, 85).
·
„Gott, der Herr, schickte ihn aus dem Garten von
Eden weg, damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war. Er
vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens von Eden die Kerubim auf
und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baume des Lebens
bewachten,“ (Genesis
3, 23f).
„Ludwig ruft: Was spielt ihr denn da? Die kleine Elisabeth flüstert ihm hinter
vorgehaltenem Feigenblatt zu: Die Vertreibung ins Paradies.“ (R, 52).
Sie „schließt die Kammertür, die, wie sie als Kind immer geglaubt hat, in
Wahrheit zum Garten Eden führt, dann tritt sie ins Freie und schließt zuletzt
die Haustür ab, obgleich sie nicht weiß, wie das möglich sein kann, weil alles,
was sie da abschließt, so weit innen liegt, und der Teil der Welt, in den sie
zurückweicht, so weit außen.“ (R, 179).
·
„Dann wird der Starke zu Werg und sein Tun zum
zündenden Funken; beide verbrennen zusammen und niemand kann löschen (Prophet
Jesaja 1, 31).
„Die Zwischenräume zwischen den Bohlen des Badehauses waren mit Werg
ausgestopft. Alles nur provisorisch. […] Mit Werg.“ (R, 41).
·
„Ihr sollt keinen Knochen an ihm zerbrechen“
(Exodus 12, 46).
Der Architekt hat für einen staatlichen Bau an der Friedrichstraße eine Tonne messingne Schrauben von seinem eigenen Geld im Westen
gekauft, weil in der ganzen Ostzone keine Schrauben zu finden waren (R, 67),
und muß deswegen sein Haus und die DDR verlassen: „Abschließen. Abschließen und
den Schlüssel steckenlassen. Sie sollen ihm keinen Knochen zerbrechen. Die Tür
nicht zerbrechen, die Gitter, mit denen das Glas der Eingangstür geschützt ist,
bloß nicht aufbiegen oder zersägen“ (R, 34).
· Mariä Heimsuchung: Maria besucht ihre Cousine Elisabeth (Lukasevangelium 1, 39-56). Der Titel des Romans: Heimsuchung.
·
„Aber unsere Heimat ist der Himmel.“
(Philipperbrief 3, 20).
„Jetzt gehen alle endlich für immer heim.“ (R, 85).
·
Levi war, als sein Urgroßvater dem Hohepriester
Melchisedek begegnete, noch „in Abrahams Lende“ (Hebräerbrief 7, 10).
„Die schwimmen jetzt noch in Abrahams Wurschtkessel.“
(R, 51).
Im Roman werden Bräuche vor und während einer Hochzeit geschildert:
„Wenn eine heiratet, darf sie sich ihr Brautkleid nicht selbst nähen. In ihrem eigenen Haus darf das Brautkleid nicht hergestellt werden. Auswärts wird es genäht und beim Nähen darf keine Nadel zerbrechen. Der Stoff für ein Brautkleid darf beim Nähen nicht gerissen, er muß geschnitten werden. Ist beim Zuschneiden ein Fehler passiert, darf das Stück Stoff nicht mehr verwendet werden, es muß ein neuer Streifen vom gleichen Stoff nachgekauft werden.“ (R, 12).
Diese Anweisungen werden insgesamt drei Seiten lang ausgeführt.
Etwas weiter erfolgt eine Ergänzung: „Will eine Jungfer erfahren, ob sie bald heiraten wird, muß sie in der Sylvesternacht an den Hühnerstall klopfen. Meldet sich zuerst eine Henne, wird nichts draus, antwortet der Hahn, geht ihr Wunsch in Erfüllung. Den Zukünftigen kann sie in der Sylvesternacht zwingen zu erscheinen.“ (R, 15). Auch diese Ausführungen werden noch fortgesetzt.
Wenn eine Braut im Brautkleid auf den Weg hinaustritt, um zur Trauung in die Kirche zu gehen, wird ein Topf mit Pfennigen über sie ausgeschüttet, um ihr Glück zu bringen (R, 154f).
Eine Hochzeit ist ein Übergang in einen neuen Lebensabschnitt und erfordert daher rites de passage (Übergangsriten). Unglück soll abgewendet werden. Die Ängste vor der Zukunft sind hierbei deutlich sichtbar.
Auch bei einem Sterbefall sind viele Dinge zu beachten:
„In dem Hause, in dem ein Todesfall erfolgt, hält man sofort die Uhr an. Der Spiegel wird verhängt, sonst sieht man zwei Tote. Man öffnet die oberen Fenster und löst, falls keine Dachluken vorhanden sind, einen Dachziegel, damit die Seele hinausfahren kann.“ (R, 23f). Diese Anweisungen werden noch weiter fortgesetzt. Bemerkenswert ist das Empfinden für die Einheit der Schöpfung: „Der Tod wird den Tieren in den Ställen und den Bäumen im Garten angesagt mit den Worten: Euer Hauswirt ist tot.“ (R, 24).
Die Furcht vor einer Wiederkehr des Verstorbenen ist archaisch:
„Ehe der Sarg über die Schwelle hinausgetragen wird, stellt man ihn dreimal nieder. Um der Seele den Eingang zu wehren, werden, wenn er über die Schwelle ist, sofort Fenster und Türen geschlossen. […] Um jegliche Wiederkunft zu verhindern, wird dem sich fortbewegenden Leichenzug Wasser aus einer Schüssel nachgegossen, wie man es auch macht, wenn der Arzt oder der Abdecker das Gehöft verläßt.“ (R, 24).
Der Tod ist der Übergang schlechthin, von diesem Leben in eine völlig andere Seinsweise. Daher häufen sich diesbezügliche Anweisungen.
Auch der Übergang vom Alten in das Neue Jahr erfordert ein Ritual: „Bis auf den heutigen Tag bringt ihre Freundin, die einzige aus ihrem Dorf, die nach dem Krieg auch nach Berlin verschlagen wurde, ihr zu Silvester einen Topf mit Klee mit, in dem ein winziger Schornsteinfeger aus Draht steckt, und sie hält einen ebensolchen Topf mit Klee und in die Erde gestecktem Schornsteinfeger für ihre Freundin bereit. Die Töpfe samt Fegern werden zur Mitternacht getauscht, und am Neujahrsmorgen trägt ihre Freundin den geschenkten Topf im gleichen Beutel, mit dem sie ihren Topf hertransportiert hat, zu sich nach Haus.“ (R, 129f).
„Das Fegen galt bei den Azteken als eine heilige Handlung.“ (R, 179). Durch die rituelle Handlung wird die Verbindung zu einer Gottheit hergestellt, tritt der Mensch in Kontakt zu ihr. Die unberechtigte Eigenbesitzerin reinigt das Haus vor dessen Abriß, wie ein Leichnam vor der Bestattung gewaschen wird. Sie hat das Empfinden, eine gleichsam religiöse Handlung zu vollziehen.
Durch die Mitteilung der Bräuche, welche dem Volksglauben entstammen, erhält der Roman eine weitere Dimension. Der Horizont einer eindimensionalen Erzählung von Schicksalen wird ausgeweitet, es erfolgt der Hinweis auf eine tiefere Ebene und auf größere, teilweise geheimnisvolle Zusammenhänge.
Der Architekt sinnt nach: „Heimat planen, das ist sein Beruf. Vier Wände um ein Stück Luft, ein Stück Luft sich mit steinerner Kralle aus allem, was wächst und wabert, herausreißen, und dingfest machen. Heimat. Ein Haus die dritte Haut, nach der Haut aus Fleisch und der Kleidung. Heimstatt. Ein Haus maßschneidern nach den Bedürfnissen seines Herrn. Essen, Kochen, Schlafen, Baden, Scheißen, Kinder, Gäste, Auto, Garten. Ob all das – oder das und das nicht, umrechnen in Holz, Stein, Glas, Stroh und Eisen. Dem Leben Richtungen geben, den Gängen Boden unter den Füßen, den Augen einen Blick, der Stille Türen. Und das hier war sein Haus.“ (R, 35).
„Wären die Scholle, das Haus und der See nicht seine Heimat, hätte es ihn niemals in der Ostzone gehalten. Jetzt wurde ihm die Heimat zur Falle. […] sein ganzes, schwer erarbeitetes Geld war hier festgewachsen, war buchstäblich als Eichen, Erlen und Kiefern hier verwurzelt. Geld anlegen, hatte das früher geheißen, das Geld in unruhigen Zeiten in beständigen Werten anlegen“ (R, 38f).
„Was willst du, hatte ihr Mann immer gesagt, wenn sie, die nun unberechtigte Eigenbesitzerin, mit ihm über das Grundstück sprach: Du hast deine Zeit dort gehabt.“ (R, 177).
„Identität und Raum sind eng aufeinander bezogen: Die Frage, wer bin ich, ist verknüpft mit der Frage, wo bin ich.“ (E, 37).
„Der gesamte Raum und seine Anordnung verweisen auf das leitende Thema und den Grundkonflikt des Romans: Heimat, Vertreibung, Exil und Völkermord.“ (E, 29).
Der Architekt blickt vor seiner Flucht nach Westberlin zurück: „Drei Dimensionen waren bisher sein Beruf, Höhe, Breite und Tiefe, hoch, breit und tief wollte er bauen, aber die vierte hat ihn jetzt eingeholt, die Zeit, und die jagt ihn jetzt aus seinem Gehäuse. Übers Wochenende verhaften wir niemanden, hatte der Beamte gesagt, und ihn noch einmal entlassen, umgebracht werden also sollte er nicht, nur weg sollte er, raus, fort, bleiben, wo der Pfeffer wächst, zum Teufel sich scheren“ (R, 34f). „Viel weniger weiß er, als er einmal wußte.“ (R, 35).
Seine Frau sinnt nach: „Heute kann heute sein, aber auch gestern oder vor zwanzig Jahren und ihr Lachen ist das Lachen von heute, gestern und genauso das Lachen von vor zwanzig Jahren, die Zeit scheint ihr zur Verfügung zu stehen wie ein Haus, in dem sie mal dieses, mal jenes Zimmer betreten hat.“ (R, 66).
Der Besucherin wird die Dimension der Zeit deutlich: „Auch das Zerreißen des Brautschleiers ihrer Tochter war so ein Eintreten dessen, was bevorstand, durch den Nebeneingang, aber weil eben damals die Zeit war, wo alles bevorstand, konnte sie es noch nicht erkennen. Jetzt, da sie alt ist, und nur noch lebt, um am Leben zu sein, ist alles gleichzeitig da.“ R, 126).
„Vor der Naturkulisse des märkischen Sees nimmt sich die scheinbar endlose Kette von Flucht, Vertreibung, Besetzung und Enteignung umso bedrückender aus: Den geschichtsfreien Rückzugsort, den die Besitzer, Eigentümer, Pächter oder Besucher des Hauses dort draußen zu finden hoffen, gibt es nicht.“ (Nachwort von Friedhelm Marx, R, 199).
Die Frau des Architekten: „Sie muß selbst noch einmal lachen, obwohl sie den Witz schon oft erzählt hat, sie lacht, und die anderen lachen sowieso, sie lacht wirklich gern, als Kind hat sie sich manchmal festgelacht“ (R, 60).
„Ein Musiker ist auf Tournee. Seine hochschwangere Frau soll ihm Bescheid geben, wenn das Kind endlich geboren ist. Ihr Stichwort soll sein: Melone. Der Musiker sitzt also auf der Bühne und spielt. Eines Abends nun flüstert ihm ein Kollege von der Seitenbühne zu: Melone – zwee mit Stiel und eene ohne!“ (R, 70).
In einem so ernsten Roman, der von Gewalt und Leiden handelt, überrascht dieses humoristische Element.
Woher kommt das beständige Lachen der Frau des Architekten, das sie schon als Kind hatte? Es ist eine Taktik mancher Kinder, schwierige Situationen durch Lachen zu entkrampfen.
· Jean Améry, Die Tortur. Ein Essay, Stuttgart 1965.
· Hector Malot, Heimatlos, 3 Bände, Engelhorns allgemeine Romanbibliothek, Stuttgart 1893. (R, 82).
· Christian Morgenstern, Galgenlieder, Berlin 1905.
· Emine Sevgi Özdamar, Mutterzunge, Berlin 21991.
Auf der einen Seite ist der Erzählgang des Romans fragmentarisch, bruchstückhaft, er wird abgebrochen und manchmal an einer anderen Stelle wiederaufgenommen. Dies weist auf die Bruchstückhaftigkeit des Lebens hin, auf die Vergänglichkeit und die Episodenhaftigkeit.
Auf der anderen Seite gibt es Wiederholungen. Vor allem der Drang nach Heimat und die Sehnsucht heimzukommen, wird immer wieder thematisiert, manchmal mit gleichen oder ähnlichen Worten: Heimat – Heimat – Heimstatt – Heimat – Heimat (R, 35f). „I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“ (R, 107. 114. 116). Die Wiederholungen und der Sperrdruck heben die Bedeutung dieses Wunsches der Schriftstellerin Hedda Zinner hervor.
„Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland hatte all ihre Leidenschaft dem Versuch gegolten, durch die Buchstaben hindurch ihre Erinnerungen in die Erinnerungen anderer zu verwandeln.“ (R, 108f). Diese Absicht der Schriftstellerin wird wohl auch für ihre Enkelin Jenny Erpenbeck gelten.
Sie hatte übrigens als Jugendliche viele Sommermonate am Scharmützelsee im Haus ihrer Großeltern Hedda und Fritz verbracht.
Gerüche von Pfefferminz und Kampfer sowie Gegenstände wie das Meißner Porzellan, das Silberbesteck, das eiserne Vögelchen auf dem Balkongitter, der begehbare Wandschrank und die Badetücher im Badehaus werden immer wieder genannt. „Auf der Erzähl- und Geschehensebene stiften Gegenstände vielfältige Beziehungen zwischen Figuren, die räumlich und zeitlich voneinander getrennt sind, und dem historischen Kontext.“ (E, 35).
Die meisten Hauptfiguren des Romans sind namenlos; „dies markiert ihre Rollenhaftigkeit und Austauschbarkeit im Hinblick auf das Beispielhafte ihres Schicksals in der jeweiligen historischen Situation des 20. Jahrhunderts.“ (Bernward Coers).
„Der Roman verwendet die Form des multiperspektivischen Erzählens, indem aus mehreren Perspektiven erzählt wird. Sie zusammen ergeben erst einen erzählerischen Gesamtzusammenhang. Ereignisse, Orte und Gegenstände rücken in unterschiedliche Perspektiven von Figuren und zeigen die erzählte Welt in ihren unterschiedlichen Facetten.“ (E, 42).
Es handelt sich hier nicht um einen Familienroman. „Im Fokus steht nicht das Verhältnis von Generationen innerhalb einer Familie zueinander, belastet von moralischem Zwiespalt, Schuld, Suche nach Wahrheit und Erklärungen, sondern ein Ort, an dem die Lebensgeschichten von Figuren dreier Familien zusammentreffen, deren Schicksale durch die Historie und ihre Umbrüche bestimmt werden.“ (E, 46).
Es ist aber auch kein Heimatroman. Er schildert nicht, wie schön die Heimat ist, sondern er stellt Erinnerungsräume der verschiedenen Romanfiguren dar und wird selbst zum Erinnerungsraum. (Vgl. E, 86).
„Der Roman ist Teil einer Erinnerungsliteratur, indem er das Erinnern als Medium einsetzt“ (E, 98).
Zusammenfassend läßt sich sagen: „Typisch für Jenny Erpenbeck sind Erzählverfahren der Wiederholung, die Namenlosigkeit von Figuren, die Orientierung an der Vergangenheit, die dominante Rolle von Gegenständen des alltäglichen Lebens und Anspielungen auf andere literarische Texte.“ (E, 90).
Von hier aus läßt sich der Text finden.
© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026