Jugend und Kirche

 

Zur Situation der Jugendlichen

Manche Jugendforscher und Journalisten hielten die Jugendlichen im Jahre 1980 noch für angepaßt, passiv, phantasielos, verwöhnt und unterwürfig. Sie sangen ein Klagelied von der Flucht in die Innerlichkeit und vom Traumtanz des Aussteigens.

Die Jugendrevolte von 1981 wurde nicht vorausgesehen und war nicht eingeplant. Es war manchen Beobachtern nicht deutlich geworden, daß viele Jugendliche nur einfach einer offenen Konfrontation mit der etablierten Macht auswichen. Was lange gegärt hatte, wurde nun handgreifliche Wut. Es gab Massenaktionen gegen die Atomkraftwerke, gegen umweltfeindliche Maßnahmen und es gab die Bewegung „Rock gegen rechts“. Dann kamen Proteste gegen die öffentliche Vereidigung von Bundeswehrrekruten, die Kämpfe um Hausbesetzungen und Jugendzentren, schließlich die Demonstrationen gegen den NATO-Doppelbeschluß und die Proteste gegen den Bau der Startbahn-West auf dem Flughafen Frankfurt am Main.

Angesichts des Umschwungs der öffentlichen Meinung über Jugendliche von 1980 auf 1981 wird man einem Kommentar zustimmen dürfen, der im Kolpingblatt veröffentlicht wurde:

„Angesichts unserer wandelbaren und hastigen Urteile über die Jugend ist es notwendig, sich auf ein längerfristiges Konzept mit der Jugend zu besinnen.“

Wie fühlen Jugendliche sich heute?

Ich führe zur Beantwortung dieser Frage ein Gedicht mit dem Titel: „Es ist nicht schön, jung zu sein“ von Günter Albers an.

„Wir schreien auf über das Elend der Welt,
aber sie sagen: Nicht so laut!
Wir wollen keine Soldaten und keinen Krieg,
aber sie reden von Feigheit und Illusionen.
Wir wollen soziale Gerechtigkeit,
sie aber reden von Kommunismus.
Sie sagen: Wir geben euch doch alles,
und meinen den Materialismus.
Sie reden von Alter und Erfahrung,
und meinen das Recht des Stärkeren.
Sie sagen: Liebe deine Feinde,
aber beten nicht für die Terroristen.
Vater, wer versteht uns,
wenn nicht Du?“

 

Wer sich mit der Jugendrevolte des Jahres 1981 beschäftigt, stellt fest, daß sie vielfältig, unübersichtlich und unstrukturiert ist. Sie ist aber nicht sprachlos, wie oft angesichts gescheiterter „Dialoge mit der Jugend“ gesagt wird. Jugendliche lehnen lediglich die Sprache der Politiker und der Moderatoren ab. Die Zukunftsvision der Politiker, nämlich die Wohlfahrts- und Wachstumsgesellschaft, sehen Jugendliche als Goldenen Käfig, der auf einem Vulkan steht, welcher jederzeit ausbrechen kann.

Der Bundesminister Volker Hauff sagte einmal: „Wenn wir akzeptieren, daß die Recht haben mit ihrer Kritik an unserem Leben, dann geht das an die Grundfesten der eigenen Seele.“

Eine große Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Angst. Allerdings darf dies nicht zum Fehlschluß führen, die Jugendlichen seien ängstlich; denn ihre Angst ist ja realistisch, da die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit, durch die zunehmende Zerstörung der Umwelt und die Gefahr einer atomaren Auseinandersetzung tatsächlich besteht. Vor solch einer Zukunft fürchten sie sich. Dies macht sie aber wütend und aktiv, sich gegen diese Gefahren einzusetzen.

Jugendliche möchten die Situation zum Positiven ändern. So treten sie für eine strukturelle Neuerung ein.

Andere Jugendliche kehren sich nach innen. Sie fliehen vor der bedrohlichen Außenwelt. Sie lassen sich treiben und nehmen die Situation einfach hin.

Wieder andere passen sich den vorherrschenden Werten unserer Gesellschaft an. Sie akzeptieren die soziale Schichtung der Gesellschaft und die Faktoren, welche zu ihrer Ausbildung führen. Sie interessieren sich hauptsächlich für ihr eigenes Wohlergehen.

 

Wie ist nun das Verhältnis der Jugendlichen zur Kirche?

Jugend und Kirche

„Die Kirche ist heute für die meisten Jugendlichen keine Größe mehr, die ernstlich für ihr Leben etwas bedeutet.“ Dies schrieb der Pastoraltheologe Adolf Exeler (1926-1983).

Es gab zwar auf dem Berliner Katholikentag (1980) und auf dem Hamburger Kirchentag (1981) eine auffallend große Beteiligung von Jugendlichen. Doch muß man hier von einem Inselerlebnis sprechen; denn zu Hause sieht es ganz anders aus.

Die Frage stellt sich, ob die Kirche für Jugendliche anziehend ist. Kommen in den Gottesdiensten die Fragen vor, mit denen sich Jugendliche beschäftigen? Jugendliche erheben nicht selten den Vorwurf: „Es ist doch immer dasselbe!“

Wenn Jugendliche eigenständig Gottesdienste gestalten, machen sie den Versuch, die Trennung zwischen Gottesdienst und Leben aufzuheben. Routine stößt sie ab; sie lieben das Provisorium. So schaffen sie eine Form, die sie als attraktiv und lebendig empfinden.

José Ivo Lorscheiter (1907-2007), der Präsident der Brasilianischen Bischofskonferenz, fragte: „Warum ist die Kirche in Deutschland nicht auf der Seite der Jugend? Könnte es sein, daß diese Kirche die Probleme der Jugend nicht erfaßt hat? Spricht die Kirche nicht die Sprache der Jugend? Empfindet sie ihre Unruhe nicht?“

Dabei können wir von Jugendlichen viel lernen. Ich möchte vorausschicken, daß jede Altersstufe ihre eigene Gabe für Kirche und Gesellschaft hat. Deshalb frage ich jetzt: Was tragen Jugendliche bei, was ist ihre besondere Fähigkeit?

Im Dialog mit der Jugend sind Vorwürfe hinderlich, wie zum Beispiel: Du kümmerst dich nicht um die Probleme in deiner Familie und in deiner nächsten Umgebung, stattdessen bewegen dich die Probleme anderer Länder, der Umwelt und des Friedens.

Hinderlich sind auch Bedingungen, die gestellt werden: „So wie ihr, die Jugendlichen, seid, können wir euch nicht akzeptieren! Ihr müßt euch ändern!“

Der Dialog mit der Jugend ist oft nicht einfach: Jugendliche werden sehr schnell ungeduldig, wenn sie Schwierigkeiten anmahnen, sich aber nichts ändert. Sie verstehen nicht, warum ihre unbequemen Fragen nicht beantwortet werden und warum die Erwachsenen einfach in Ruhe gelassen werden wollen.

Aber der Dialog mit der Jugend ist notwendig, da bisher die Kirche zu sehr nach den Maßstäben Erwachsener gestaltet ist. Dabei hatte Papst Johannes XXIII. gesagt:

„Ich gehöre zu einer Kirche, die lebendig und jung ist und ihr Werk ohne Nervosität und Furcht in die Zukunft hinein fortsetzt.“

Wir sollten das Potential zu einer positiven Veränderung, das Jugendliche mitbringen, zum Zuge kommen lassen, ja, wir sollten uns zur Jugend bekehren und uns auf blinde Flecken in unserem Christsein aufmerksam machen lassen. Jugendliche haben einen anderen Zugang zum Evangelium. Davon können wir lernen.

Dies gilt natürlich auch für die Jugendlichen: Sie verfehlen dann ihre Aufgabe, wenn sie resignieren oder ausweichen.

Muß die Kirche die Jugend verlieren? Ich formuliere einmal hart: Sie wird sie verlieren, wenn sie bleibt, wie sie ist. Positiv gesagt, heißt das: In einer lebendigen Gemeinde können auch junge Menschen einen Lebensraum finden, und Leben heißt, sich auszutauschen.

Ich möchte eine Zukunftsvision entwickeln.

Die Kirche könnte ein Ort der Freiheit und der Gerechtigkeit sein, der Wahrheit und der Liebe, ein Ort der freien Meinungsäußerung und der freien Betätigung, ein Ort lebendiger Gemeinschaft und aktiver Teilnahme an wichtigen Entscheidungsprozessen.

Das wäre eine junge Kirche, eine Kirche Jesu Christi, der gesagt hat: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen; wie froh wäre ich, es würde schon brennen“ (Lk 12, 49).

 

 

Diese Ansprache hielt ich am 29. November 1981 zum Ersten Adventssonntag in St. Vincentius Dinslaken.

 

Bibliographie

·     Albers, Günter, Gedicht, in: Publik-Forum, 16. 10. 1981, Nr. 21, Seite 1.

·     Bopp, Jörg, Protest gegen taube Ohren, in: Publik-Forum, 16. 10. 1981, Nr. 21, Seite 3-5.

·     Exeler, Adolf, Muß die Kirche die Jugend verlieren?, Freiburg im Breisgau 1981.

·     Hoffacker, P., Der Jugend fehlen Vorbilder, in: Kolpingblatt 1981, Nr. 9, Seite 1.

·     King, Martin Luther, Testament der Hoffnung, Gütersloh 31979, 49-52 (Ein neuer Richtungssinn. Drei Hauptgruppen der amerikanischen Jugend).

·     Jugend ʼ81. Lebensentwürfe, Alltagskulturen, Zukunftsbilder, 3 Bände, Shell-Jugendstudie, Band 9, Teil 1-3, herausgegeben von Arthur Fischer, Opladen 1981.

 

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026

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