St. Nicolai Kalkar
Inhaltsverzeichnis
Kleine
Geschichte der Stadt Kalkar
Die
Statue des heiligen Georgs

St. Nicolai Kalkar, Innenraum, Photographie von H. M. Knechten
Um 40 nach Christus war südlich des Monreberges (dort trifft heute die Bundesstraße 57, von Xanten herkommend, auf diesen Höhenzug) eine Reitereinheit von 480 Personen im römischen Hilfstruppenkastell Burginatum stationiert.
In der Merowingerzeit (5. Jahrhundert bis 751) ist die Siedlung belegt, welche heute als Alt-Kalkar bezeichnet wird. Zwar gibt es in Kalkar keinen Kalk, aber dennoch ist ein namengebender Kalkofen möglich.
Um 950 wurde auf dem Monreberg die Burg Munna errichtet. Diese Burg wurde mehrmals zerstört, wieder aufgebaut und im Jahre 1650 abgebrochen.
Im Jahre 1230 gründete Graf Dietrich IV. von Kleve (um 1186 bis 1260) das heutige Kalkar auf dem Gelände des sumpfigen Kalkarwards, eines verlandeten Rheinarmes. 1242 erhielt Kalkar Stadtrechte. Kalkar lag am Schnittpunkt der Fernhandelsstraße von Köln nach Nimwegen, welche Rhein und Maas miteinander verband. Das wirtschaftliche Leben florierte durch die Tuchweberei und das Braugewerbe.
Das heutige Rathaus wurde an der Ostseite des Marktplatzes zwischen 1438 und 1446 von dem klevischen Baumeister Johan van Wyrenbergh errichtet. Aus dieser Zeit stammt auch das Gemälde des Jüngsten Gerichtes (heute im Städtischen Museum Kalkar), welches dem Bürgermeister, den Ratsherren und Richtern als Mahnung diente. Auf dem Marktplatz wurde unter der Linde gerichtet.
Der freistehende, dreigeschossige Backsteinbau des Rathauses mit hohem Walmdach diente der Bürgerschaft nicht nur als Sitz ihrer Verwaltung und als Festhaus, sondern auch als Tuch- und Fleischhalle. Im Erdgeschoß war früher die Waage untergebracht, die für betrugsfreies Wiegen sorgte. Ein achteckiger Treppenturm mit spitzem Helm teilt die Hauptfassade. Die Kreuzgratgewölbe des Ratskellers geben einen Eindruck der einstigen monumentalen Innenausstattung.
Um die Mitte des 15. Jahrhunderts hatte Kalkar etwa zweitausend Einwohner.

Das Rathaus in Kalkar, Photographie von Cornelia Attolini
Die größten Bauvorhaben waren um 1450 abgeschlossen. Die Stadt war wohlhabend geworden und konnte sich nun an die Ausschmückung der Kirche machen. Maria von Burgund (um 1393 bis 1463), die Witwe des Herzogs Adolf II. von Kleve (1373-1448), gründete 1455 ein Dominikanerkloster. Es gab zwei Beginenhäuser, eines davon in der Kesselstraße (die Straße, welche zum westlich gelegenen Dorf Kessel führt), eine Lateinschule, Armen- und Siechenhäuser. Um 1580 hatte Kalkar bereits fünftausend Einwohner.
Pestepidemien, Kriege und Feuersbrünste setzten der Blüte Kalkars um 1600 ein Ende. Allein 1599 fielen 1.500 Menschen der Pest zum Opfer und 1535 waren es ebenso viele. Ende 1598 wurde Kalkar teilweise von spanischen Soldaten unter Francisco de Mendoza (1550-1623) zerstört. Dies geschah im Rahmen des niederländischen Freiheitskrieges (1568-1648, Achtzigjähriger Krieg). Nach dem Tod des letzten Herzogs von Kleve, Johann Wilhelm (1562-1609) fiel Kalkar mit Kleve an Brandenburg und wurde damit preußisch. Im Dreißigjährigen Krieg hatte Kalkar unter Besatzungen zu leiden. Kaiserliche Truppen besetzten 1639 die Stadt. Hessische Truppen, die von 1640 bis 1645 in Kalkar einen festungsartigen Stützpunkt hatten, machten Alt-Kalkar dem Erdboden gleich, um nach Westen ein freies Schußfeld zu haben. 1647 brannten 55 Häuser ab, meistens in der Kesselstraße.
1656-1666 ließ Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688) im Süden Kalkars eine Zitadelle errichten, Für den Bau wurden 80 Häuser, das war ein Drittel aller Bürgerhäuser, und Teile der Stadtmauer abgerissen. Französische Truppen schleiften diese Festung im Jahre 1674. Ihre Bauzeit hatte zehn Jahre betragen, und sie stand lediglich acht Jahre.
1739 hatte Kalkar wieder 2000 Einwohner, wie 1450. Die Stadt war hoch verschuldet. 1794-1814 hatten die Franzosen die Stadt annektiert. 1818 verkaufte die Pfarrei sieben Altäre der Kirche St. Nicolai, da Geld für die Reparatur der Kirche benötigt wurde. Der eigentliche Grund für den Verkauf von einmaligen Kunstwerken lag aber in der Interessenlosigkeit, dem Unverständnis und der Gleichgültigkeit. 1815 wurde Kalkar erneut preußisch. Ein Anschluß an das Eisenbahnnetz wurde verpaßt. Erst 1904 gab es einen Bahnhof in Alt-Kalkar, der 1989 stillgelegt wurde. Die Gründerzeit, welche durch den Eisenbahnbau, der die Nachfrage nach Kohle und Stahl steigerte, ermöglicht wurde, schuf repräsentative Bürgerhäuser. Bis ins 20. Jahrhundert war Kalkar ein Ackerbürgerstädtchen. 1905 wurde der beschädigte Turmhelm der Kirche St. Nicolai durch einen doppelt so hohen ersetzt.
Die staufische Kirche Kalkars wurde 1269 erstmals urkundlich erwähnt. Dies war eine dreischiffige Kirche aus Tuffquadern mit Apsis, wie archäologische Untersuchungen nachwiesen. Sie wurde 1409 bei einem Brand schwer beschädigt, sodaß ein Neubau erfolgte. 1423 wurde das Gewölbe des Chores abgeschlossen, 1443 entstand die Sakristei. Im gleichen Jahr vollendete Johan van Wyrenbergh das Langschiff. 1450 wurde der Neubau zwar geweiht, aber erst 1457 abgeschlossen. In diesem Jahr wurde der Lettner eingebaut, von dem herab Lesungen (letture) aus Heiligenlegenden und biblischen Geschichten erfolgten, während im Hochchor die lateinische Messe gelesen wurde. Auf dem Lettner standen auch die Sänger. Der Lettner diente als Rückwand für den Kreuzaltar, der für die Laiengottesdienste bestimmt war. Der Lettner wurde 1818 abgebrochen.
Das Patronat des heiligen Nikolaus erklärt sich daraus, daß er Patron der Kaufleute ist. Für sie war die Schiffahrt wesentlich, und Nikolaus errettete Matrosen aus der Seenot. Auch ging er gegen Betrug vor. Vertrauen und Rechtssicherheit sind Grundvoraussetzungen des Handels.
Im Jahre 1521 wurde nach einem Sturm der Helm des Turmes erneuert, nach Bränden 1766 und 1918 wiederum. Die flache Abdeckung von 1918 mit bekrönender Laterne wurde 1976 durch einen hohen, spitzen Helm ersetzt.
Die Kirche St. Nicolai hat ein sehr breites und kurzes Schiff, einen langen, schmalen Chor im Osten und einen starken Turm im Westen. Durch Anbauten von Kapellen und Nebenchören wurde versucht, einen einheitlichen Eindruck hervorzurufen.
Für die Ausstattung der Kirche prägte man im 19. Jahrhundert den Begriff „Kalkarer Schule“, der zu einem Synonym niederrheinischer Schnitzkunst der Spätgotik wurde.

Der Hochaltar, Mitte, Photographie von Cornelia Attolini

Die Kreuzigungsgruppe im Hochaltar, Weinende Maria Magdalena, Photographie von H. M. Knechten
Der Hochaltar ist der einzige von ursprünglich siebzehn Altären, der noch an seinem ursprünglichen Aufstellungsort steht. Wer das Schnitzwerk aus einiger Entfernung betrachtet, hat den Eindruck einer chaotischen Wimmelszene. Wer aber näher tritt und in Ruhe die Einzelheiten betrachtet, ist fasziniert von der Feinheit der Arbeit, die durch die Holzsichtigekeit, ohne verdeckende Farbgebung, klar hervortritt. Gesichter, Hände und Gebärden weisen eine hohe Ausdrucksfülle auf.
Durch die sorgfältige Vorbereitung, die gewissenhafte theologische Begleitung und die ständige Beaufsichtigung der fortschreitenden Arbeiten wurde ein hohes Niveau erreicht, das ihresgleichen sucht.
Bürgermeister, Pfarrer und ein Provisor der Bruderschaft Unserer Lieben Frau reisten 1488 in die nähere Umgebung, um die dort aufgestellten neuen Altäre zu studieren. Zwei Zeichner wurden entsandt, um mehr Vergleichsmaterial zu erhalten.
Schließlich wurde Meister Arnt aus Zwolle (vor 1450 bis 1492) gebeten, für St. Nicolai einen großen Hochaltar zu schnitzen. Die Bretter des Altares stammen aus Amsterdam, Kampen und Nimwegen, das schwerere Holz aus dem Klevischen Wald. Ostern 1491 war der leere Schrein fertiggestellt. Im Sommer folgten die unbemalten Flügel, das Ornamentwerk und die Baldachine. Die Schnitzarbeiten in Zwolle gingen gut voran, allerdings starb Meister Arnt im Januar 1492. Nun war guter Rat teuer. Ganz von Arnt ist nur die Gruppe mit der Fußwaschung Christi im rechten Teil der Altarstaffel: Jesus kniet vor dem Apostel Petrus, um ihm die Füße zu waschen. Petrus macht eine abwehrende Gebärde, während die übrigen Apostel in einer lebhaften Diskussion darüber begriffen sind, ob solches rechtens sei. Von Arnt begonnen wurden die Skulpturen Pilatus, Kaiphas, der Verrat Judasʼ, Veronika mit dem Schweißtuch, Priester und Soldaten, die um den Rock Christi würfeln, die Zuschauer unter dem Kreuze und die Ohnmacht Mariens.
Jan van Halderen († nach 1498), der zu dieser Zeit in Rees wohnte, wurde 1498 beauftragt, den Einzug in Jerusalem und das Letzte Abendmahl zu schnitzen. Diese Stücke wirken steif und unbeholfen, deshalb erhielt er nicht den endgültigen Auftrag.
Ludwig Jupan (1460-1538) aus Marburg an der Lahn war gewohnt, weiches Lindenholz zu schnitzen. In Kalkar mußte er sich mit sprödem Eichenholz herumschlagen. Er arbeitete 1499 bis 1500 mit seinen Gehilfen an der Vollendung des Altares. Er gestaltete die Gruppen des Garten Gethsemane, der Kreuztragung, der Kreuzabnahme und Grablegung sowie die Propheten Jesaja und Jeremija, welche das Leiden Christi vorhergesagt hatten. Die Kreuzigungsszene wurde von Arnt begonnen und von Jupan vollendet. Arnts Figuren sind untersetzt und stehen frei im Raum mit einer spannungsreichen Drehung. Jupan dagegen bildete gestreckte Figuren, der Faltenwurf ist weniger eckig und die Blöcke sind mehr in Hochrelief ausgeführt.
Jupan gestaltete auch die Gruppen in der Hohlkehle des Altares: die Apostel, die Hadesfahrt Christi, die Auferstehung, die myrontragenden Frauen, die Erscheinungen des Auferstandenen vor Maria Magdalena, vor der anderen Maria, Petrus, Thomas, den Emmausjüngern, den zehn Aposteln im Abendmahlssaale sowie die Himmelfahrt Christi.

Hochaltar links, Sakramentshaus um 1450 mit Christus dem Erlöser, der Muttergottes, Engeln, dem Evangelisten Johannes und dem heiligen Nikolaus, Photographie von H. M. Knechten
Jan Joest (um 1416 bis um 1519) aus Kalkar bemalte 1505/1506-1508/1509 die Flügel des Hochaltares. Sie zeigen die Verkündigung an Maria.
Gideon und das unbetaute Fell aus Wolle (vellus lanæ, Vulgata, Ri 6, 40). Gideon hatte von Gott als Zeichen dafür, daß er siegen werde, erbeten, daß rings um das Fell aus Wolle Tau sei, das Fell aus Wolle selbst aber unbetaut bliebe. Dies gilt als Symbol für die Jungfräulichkeit und Sündenlosigkeit der allheiligen Gottesgebärerin.
Johannes auf Patmos, die Heimsuchung (Maria bei Elisabeth), die Geburt Christi als Nachtszene, Kaiser Augustus und die Sibylle von Tibur, Beschneidung, Anbetung der Drei Könige, Darstellung im Tempel, Erschaffung Evas, Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradiese, der zwölfjährige Jesus im Tempel, die Taufe, die drei Versuchungen Christi, Verklärung, das Gespräch mit der Samariterin und die Auferweckung des Lazarus mit dem Kalkarer Rathaus, dem Brunnen, dessen Reste kürzlich ausgegraben wurden, der Dominikanerkirche und dem Hanselaertor, das zum südöstlich gelegenen Dörfchen Hanselaer führt. Dieser Ort wurde bereits 1170 als Hanxlar in den Urkunden genannt. Das Kölner Stift St. Maria im Kapitol besaß dort einen Hof mit Kapelle.
Abraham wird daran gehindert, seinen Sohn Isaak zu opfern, die heilende eherne Schlange an einem Baum, die Gefangennahme, Verspottung, Geißelung und Dornenkrönung Christi, Christus vor Pilatus und Ecce homo (siehe da, ein/der Mensch), die Herabkunft des Heiligen Geistes und das Entschlafen der Gottesmutter. Bei den Figuren porträtierte Jan Joest Mitglieder der auftraggebenden Liebfrauenbruderschaft.

Hochaltar rechts, Photographie von H. M. Knechten
Der gesamte Altar enthält biblische und apokryphe Szenen, die aufeinander bezogen werden. Daran zeigt sich die sorgfältige Vorbereitung und die strenge Überwachung der fortschreitenden Arbeit. Hier wird Theologie durch Skulptur und Bild erfahrbar! Durch die Einbeziehung des Kalkarer Lokalkolorits einschließlich dort lebender Personen werden die hohen Gedanken geerdet und realistischer. Die Kunst aktualisiert das Evangelium.

Der Sieben-Schmerzen-Altar, Photographie von H. M. Knechten
Henrik Douverman (um 1480 bis 1543/1544) erhielt 1510 den Auftrag, für die Klever Stiftskirche einen Marienaltar zu schnitzen. 1513 wurde ihm verboten, diese Arbeit zu vollenden. Er wurde 1515 in Kalkar ansässig und erhielt 1517 das Bürgerrecht. Er wohnte zwischen 1518 und 1524 kostenlos in einem kircheneigenen Haus an der Wallstraße.
Am 15. Juni 1518 schloß er mit dem Bürgermeister, einigen Schöffen und dem Rentmeister den Vertrag ab, einen Altar der Sieben Schmerzen Mariens zu schaffen. Der Vertragsabschluß wurde feierlich mit Wein begossen.
Der Altar wurde 1521 fertiggestellt und 1522 geweiht. Sein ursprünglicher Ort war die Alte Sakristei, welche durch den Bau der Neuen Sakristei an der Südseite der Kirche 1505/1506 überflüssig geworden war und durch die Öffnung der Mauerfläche in Form eines Spitzbogens zum kapellenartigen Nordchor der Kirche gemacht wurde.
Zentraler Teil des Sieben-Schmerzen-Altares war ein Vesperbild aus dem 14. Jahrhundert, „Onser Liewen Vrouwe ter Noet“.
Allerdings war das Vesperbild im Laufe der Zeit so morsch geworden, daß es 1811 entfernt und durch ein um die Mitte des 18. Jahrhunderts gefertigtes Bildwerk aus Köln ersetzt wurde. Dieses wiederum wich im Jahre 1900 einer neugotischen Pietà, die der Gocher Ferdinand Langenberg (1849-1931) aus Eichenholz geschnitzt hatte. Die barocke Skulptur befindet sich heute vor der Schatzkammer. Langenberg restaurierte auch den gesamten Sieben-Schmerzen-Altar, der 1899 am heutigen Standort aufgestellt wurde.