Klosterführer

Die beste Ansicht des Klosters zeigt sich dem Besucher, der sich von der Maasseite her nähert. Dazu begeben wir uns an die Anlegestelle der Fähre und fahren von Steijl (in der niederländischen Schreibweise) nach Baarlo. Unser Cicerone erklärt, daß der Ortsname Steyl vom Steilufer der Maas kommt. Das entsprechende flache Ufer ist beim gegenüberliegenden Ort Baarlo. Hier fanden Motorradrennen statt, deren Geknatter bis nach Steyl zu hören war. Die Motorsportarena wurde am 27. September 1998 geschlossen.

Wir fahren wieder zurück nach Steyl, genießen die einzigartige Ansicht auf das Missionshaus St. Michael und achten auf das Tuckern der Fähre und das Geklacker der Kette, welche verhindert, daß die Fähre durch die Flußströmung abgetrieben wird. Tuckern und Geklacker begleiteten die Schüler bis in ihre Träume; denn sie waren nachts gut im Schlafsaal hörbar.

Die Kirche

Es handelt sich um eine Ober- und Unterkirche. Arnold Janssen (1837-1909), der die Steyler Mission 1875 begründete, war durch die Doppelkirche in Schwarzrheindorf (heute ein Ortsteil von Bonn-Beuel) zu diesem Bau angeregt worden.

Erbaut wurde diese neugotische Doppelkirche zwischen 1881 und 1888. Die Pläne dazu stammten von dem Priester und autodidaktischen Architekten Josef Carl Maria Prill (1852-1935) und dem Frankfurter Stadtpfarrer und Kunsthistoriker Ernst Franz August Münzenberger (1833-1890).

Herausragend aus der Tegelener (von tegula – Ziegel) Neugotik ist jedoch nicht die „Seelengabel“, sondern ein oktogonaler Turm, symbolträchtig und wehrhaft. Die achteckige Form deutet auf ein Mutterimago, als vermittelnde geometrische Figur zwischen dem Quadrat der humanitas (die Menschennatur, das Menschliche) und dem Kreis als Sinnbild des Göttlichen, als Ort geistiger Erneuerung, der Umkehr, Taufe und Erleuchtung. Formgebend war das achteckige Baptisterium von San Giovanni in Laterano, Rom. In Steyl aber handelt es sich um eine monumentale, mehrstöckige Toilettenanlage.

Die Unterkirche

Die Unterkirche, welche den Brüdern vorbehalten war, erfreute sich einst einer wunderbaren Ausmalung durch Bruder Lukas Kolzem. Leider wurden die Wände 1972 geweißt. Mit großem Aufwand hat man jetzt im Altarbereich einige seiner Bilder wieder hervorgeholt.

Pater Dux Fundator – Vater Führer Gründer 1837 Arnold Janssen 1909
Das Hochgrab in der Unterkirche, seit seiner Seligsprechung 1975.

 

Die Oberkirche

Die Kirche ist jedem ehemaligen Zögling als der Ort in Erinnerung, an dem man sich Schwielen holte an Körperstellen, an denen sie sonst nicht auftauchen, an Knien nämlich.

Im Chor der Oberkirche befinden sich Nebenaltäre, an denen allmorgendlich um die Wette die Heilige Messe zelebriert wurde. Dies war wichtig für die Meßdiener, da sie bei einem schnellen Gottesdienst früher zum Frühstück gelangten. Gut im Rennen um die kürzeste Zeit lagen gewöhnlich die Patres Alfons und Johannes, dementsprechend war das Dienen bei ihnen heißbegehrt. Den Rekord jedoch hielt ein brasilianischer Pater, der ein feierliches Hochamt in zwanzig Minuten beendigte, unmittelbar bevor der Chor das majestätische Gloria verhallen ließ.

Bemerkenswert war das umgekehrte Verhältnis zwischen der Größe des Meßkelches und der Statur seines Benutzers. Dies läßt sich leicht an zwei Beispielen nachvollziehen: Während der zierliche Pater Johannes ein gewaltiges Monstrum hochwuchtete, verfügte Bos (lateinisch, unübersetzbar) über ein Kelchlein, das eines Tages unter der Gewalt seiner Pranken knirschend zerbrach.

Zur Legende wurden die Aloysius-Sonntage zur Sühne fleischlicher Vergehen während der Karnevalsperiode. Der Vorschlag einer diesbezüglichen Andacht konnte von Pater Hermann schlecht abgelehnt werden. Doch beim Gebet gab es einen Versprecher: „Wildesel scharren Heu“. Es sollte heißen: Wildesel harren scheu. Als dann folgte: „Sehnsucht der ewigen Hügel“ und: „Du süßester Pelikan“, war es mit der Beherrschung der Jugendlichen vorbei. Sie nahmen diese Stoßgebete allzu wörtlich.

 

 

Wer wüßte nicht, daß sich die Schule mit ihrem Leistungszwang bei einer Tour zu den beiden Türmen der Kirche vergessen ließ? (Nur der Präfekt hatte keine Ahnung davon.) Der Weg war zwar durch eine hölzerne Lattentüre versperrt, die bis zur Decke der Wendeltreppe reichte, doch ein Fuchsschwanz hatte hier Abhilfe geschaffen. Ein Junge paßte durch die entstandene Öffnung, wenn er klettern konnte. Die Galerie zu Füßen des marmornen Michael ließ sich dazu benutzen, Seele und Blase gleichermaßen zu erleichtern. „Ein leichter Regen!“, sagten dann die Untenstehenden. Die Galerie führte in den Zwillingsturm. Es war nicht schwierig, auf das Gewölbe der Kirche zu gelangen. Hier war es möglich, das unten hängende Ewige Licht in Pendelbewegungen zu versetzen.

 

Der Speisesaal

Der Speisesaal war der Mittelpunkt klösterlichen Zöglingsdaseins. Allerdings dürfte die Stelle dieses Raumes heute nur noch Eingeweihten auffindbar sein. Wenn irgendwann jedoch einmal mit Ausgrabungen begonnen werden kann, wird man sicher bald auf fossile Tomatenreste stoßen: Relikte weniger, aber heftiger Auseinandersetzungen, deren Hintergründe und Anlässe im Dunkel der Geschichte verschwunden sind.

Dunkle Flecken im plattierten Boden werden die Nachfahren auf die Schwierigkeit hinweisen, die bei der Beschaffung von echtem Bohnenkaffee bestand. Er sowie Butter konnten nur als Überbleibsel höherer Gesellschaftsschichten (der Brüder) beschafft werden. Der eigentlichen Beschaffung ging ein Opferritual voraus, bei welchem der Tischsenior eine Kanne mit Muckefuck vom Tisch stieß, wohl zur Besänftigung der Götter und ihrer Stellvertreter auf dem Vorsitzpodest. Eine große Reinigungsaktion begann, mit Abzieher, Aufnehmer und vor allem zwei Putzeimern, einer mit Wasser und ein leerer für die ersehnten Austauschgüter.

Eine wichtige klösterliche Kalendereinteilung bestand in der Festlegung der Zuckerheiligen. Das waren posthume Wohltäter, an deren Jahrestag es Zucker für den Kaffee gab. Leider wurden die Eisheiligen nicht in gleicher Weise berücksichtigt.

Die Speisekarte war abwechslungsreich und üppig. Die Liste umfaßte Katzenfleisch, das wie Katzenfutter aussah, Knüppelwurst (Bratwurst), Sechstagewurst, Bremsklötze (Frikadellen), Karbidwurst, die aufgrund ihres hohen Fettgehaltes weißlich war, bis hin zum Sweetheart Jesus pudding, der wegen seiner rosaroten Farbe so genannt wurde.

Die Tischsitten waren der Beweis für die ansonsten in klösterlichen Kreisen nur ungern gehörte These Darwins, daß nur der Starke eine Chance hat. Es grenzt an ein Wunder, daß nie Massaker stattfanden. Noch erhaltenes Besteck aus jener fernen Zeit belegt allerdings auch die Tatsache, daß einfach das notwendige Material für ein Gemetzel fehlte. Messer mußten zum Schneiden von Tomaten geschärft werden, indem man ihre Klingen aufeinanderschlug, sodaß Scharten entstanden.

Die Tischlektüre diente nach neuesten Erkenntnissen der Ablenkung vom Essen. Einmal soll den Schülern auch der Appetit vergangen sein, als aztekische Menschenopfer allzu ausführlich in ihren Einzelheiten geschildert wurden.

Rhabarber gab es immer dann, wenn der leiseste Verdacht auf Verdauungsstörungen bestand. Bei einer Epidemie, die allerdings durch Apfelmus ausgelöst worden war, pendelten die Schüler nächtens zwischen Schlafkoje und Toilette hin und her.

 

Der Studiersaal

Wie auch beim Speisesaal handelt es sich bei dieser Namensgebung um pure begriffliche Hochstapelei; denn der Studiersaal diente vor allem der Unterbringung von Dosen für die Mehlwurmzucht, die sich in diesen Behältnissen in verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung tummelten und allmählich zu Mehlkäfern wurden.

Die Pädagogik bemühte sich, jene Erziehungsprinzipien aus der Gründungszeit aufrechtzuerhalten, die sich schon seit neunzig Jahren bewährt hatten. Sportlehrer Karl-Heinz brachte einen völlig anderen Schwung in diese Gewohnheiten.

Bücher und Schallplatten der Schüler wurden sorgfältig daraufhin untersucht, ob sie in das allgemeine Gefüge paßten. Vorgelesen wurde ein Buch, das die Befreiung Spaniens von den Kirchenfeinden durch Franco schilderte. In einem anderen Buch wurde den Schülern der Amerikanische Traum geschildert, vom Zeitungsjungen zum Millionär.

Frater Anton hatte den Text der Jungen von Zeche Ludwig sprachlich purgiert (gereinigt), sodaß sie mit wohlgesetzten Worten, sanft aber bestimmt im Ledigenheim (das Wort „Bullenkloster“ fehlte) für Ordnung sorgten. Beinahe wäre der Kumpel noch zum Mitbruder geworden.

Der Stuka (Sturzkampfbomber, für Studiendirektor) wachte über dem Ganzen und sorgte, daß alles in ruhigen Bahnen verlief.

 

Der Schlafsaal

Hier findet der Besucher einen Ort dauernden Silentiums (Schweigens). Die einzigen zugelassenen Laute waren die Klingelzeichen des Schlafsaalseniors, der damit auf das Eintreten der Dunkelheit aufmerksam machte, damit niemand es übersähe. Die gewohnte Stille wurde allerdings eines Tages jäh gebrochen. Knirschen und Krachen war zu hören, danach ein Gepolter und unchristliches Fluchen: Richard war durch den Lattenrost seines Bettes gebrochen und auf den Fußboden gefallen.

Sperrholzwände und ein Vorhang ergaben eine Zelle für einen jeden. In ihr waren An- und Auskleiden in nahezu völliger Privatsphäre möglich. Niemand konnte dem Nachbarn zum Ärgernis oder zur Versuchung werden. Diese Gefahr war in einer maskulinen Gesellschaft ohnehin gering.

Der Schlafsaal barg jedoch auch Geheimnisse, die nur dem Bartmann im Eckpalast offenbart wurden, der jedesmal fragte: „Ist auch etwas geflossen?“ Niemand wollte schließlich auffallen, indem er sich in der Kirche des Kommunionempfangs entziehen mußte.

Im Biologieunterricht durfte kein Vergleich zwischen der Vermehrung der Hahnenfußgewächse und der des homo sapiens gezogen werden, geschweige denn mit der des homo erectus. SVD bedeutete: Sine voluptate, discipuli! Andere deuteten es als: Smoke we donʼt, so we drink. Oder: Sie vertreiben Drucksachen; dadurch verdienen sie.

 

Der Krankenstock

Hierbei handelte es sich um die merkwürdigste Einrichtung im europäischen Gesundheitswesen. Zugleich war es der einzige Ort, an dem der geplagte Zögling einigermaßen sicher war vor dem Exerzier-Reglement des Klosters.

Bruder Elias war der gute Mensch von Sankt Gregor, geduldig, mitfühlend und kompetent. Er hob sich wohltuend von gewissen Paradiesvögeln des Klosters ab.

Bruder Didakus, ein Sauerländer mit Neandertaler-Physiognomie, hatte für alle Wehwehchen oberhalb der Gürtellinie ein probates Mittel: „Ein chanz chutes Aspirinchen!“ Bei Beschwerden unterhalb der Gürtellinie verabreichte er Rizinusöl. Seine Devise war: „Wer die Krume nicht ehrt, ist der Schnitte nicht wert!“

Der Arzt wurde wegen seiner Grobheit als Vieharzt bezeichnet. Das ist sicher unzutreffend; denn Tiere sind hochwertig, und da muß auch ihr Arzt zartfühlend und kompetent sein.

 

Die Werkstätten

Das Kloster war autark und versorgte sich selbst. Mithilfe eines gewaltigen Generators wurde Strom erzeugt, die „Handgranate“, ein Wasserturm, sorgte für den nötigen Wasserdruck (oben war eine Funkstation der Niederländer), das Wasser wurde in einer eigenen Kläranlage aufbereitet, deren Plan Bruder Ephrem entworfen hatte. Eine Feuerwehr unter der tatkräftigen Leitung von Bruder Gabriel (Norbert Rietz) sorgte für den Brandschutz: „Wo ist der Brand, wo ist das Feuer?“ Bereits 1882 hatte der Stifter Verhaltensmaßregeln im Falle eines Brandes gegeben.

In Steyl gab es Küchen, eine Wäscherei, Schusterei, Schneiderei, Druckerei, Schlosser- und Elektrowerkstätten sowie eine Bildhauerei und eine Polychromie, in der Bruder Polykarp arbeitete und Heiligenfiguren farblich faßte sowie vergoldete. Böse Zungen behaupteten, sein Hobby sei, zuzusehen, wie sich die Dielenbretter verzogen.

 

Die Landwirtschaft

In Belfeld war der Bauernhof des Klosters, der unter anderem Rüben anbaute, welche die Schüler vereinzelten.

In Steyl selbst gab es Bruder Angelicus, auch Bruder Hottemax genannt, weil er und sein Pferd unzertrennlich waren.

 

Der Fußballplatz

Die Bezeichnung „Fußballplatz“ ist wenig hilfreich und äußerst irreführend. Die auswärtigen Vereine und Mannschaften bekamen dies sogleich zu spüren: Weil sie nicht die kaum sichtbaren Erdlöcher und Bodenerhebungen kannten, verloren sie in der Regel haushoch. Es wäre also besser und informativer, von einem Rübenacker zu sprechen.

 

Die Parks

Arnold Janssen schrieb im Jahre 1878 in der Nummer 1 der Zeitschrift „Stadt Gottes“: „Ein erhabener Tempel Gottes ist die Natur, in die Gott uns gesetzt hat, damit sie uns Seine erhabenen Eigenschaften predige.“

1877 schaffte Arnold Janssen 250 Setzlinge der Rottanne an.

Arnold Janssen reservierte für Erholung und Naturerleben große Flächen, die gut und gern Bauland oder Ackerland hätten gewesen sein können. Die Bauern der Umgebung schüttelten nur mit dem Kopf über solche Verschwendung. Doch wer dieses Areal betritt, ist fasziniert.

Wer vom Missionshaus in die Anlagen gelangen will, braucht nicht die weltliche Straße zu überqueren; es führen Unterführungen dorthin. In diesen „Klosterkellern“ überlebten während der Zeit der Besatzung niederländische Familien. Sie harrten hundert Tage hier aus.

Für Kinder waren die Parks die reinsten Abenteuerspielplätze, da sie weite Wege zum Laufen und viele Möglichkeiten zum Verstecken boten. Hier sind vor allem die Grotten zu nennen. Die kleineren Schüler konnten hier Besucher erschrecken und die größeren, Führungen gegen ein kleines Trinkgeld machen.

Wie sind diese Parks entstanden? In den ersten Jahrzehnten entwarf der niederländische Gartenfachmann Gerard Rademan (1851-1904) die Pläne. Er hatte das Gesamte im Blick, besaß einen Sinn für liebevolle Details und eine große Begabung, eine ansprechende Gartenlandschaft zu entwerfen.

Zunächst waren dafür Erdbewegungen notwendig. Der Stifter selbst arbeitete mit der Schubkarre. Er verlangte von den Zöglingen des Missionsgymnasiums, mit Pickel, Schaufel und Spaten zu arbeiten, um aktiv Anteil zu erhalten an dem, was allmählich entstand, vor allem mit Baumschößlingen aus aller Welt, die von den Missionaren nach Steyl gebracht worden waren.

 

Der kleine Park

Das westlich an das Missionshaus angrenzende Areal bestand aus einem Sandhügel, der von Zöglingen abgetragen und weiter westlich aufgeschüttet wurde. 1885-1887 wurde ein Wasserbecken angelegt, in das wenig später eine zentrale Figur des Guten Hirten gesetzt wurde. Obstbäume, Gemüse- und Blumenbeete fanden sich in diesem Park.

1879 wurde aus dem Aushub des vorderen Gartens ein Kalvarienberg geformt. Die Kreuzigungsgruppe aus Kalkstein wurde vom päpstlichen Ehrenkämmerer Heinrich Josef Justus Victor Hugo Hubert Metzmacher (3. 11. 1836 - 18. 7. 1903) gestiftet, der Pfarrer an St. Jakob in Aachen war.

Auf dem Sockel steht: „Mulier, ecce filius tuus“ (Frau, siehe dein Sohn: Joh 19, 26). „Factus obœdiens usque ad mortem, mortem autem crucis“ (Er wurde gehorsam geschaffen bis zum Tod, und zwar dem Tod am Kreuze: Phil 2, 8. „). „Fili, ecce mater tua“ (Sohn, siehe deine Mutter: Joh 19, 27).

Um 1888 entwarf Pater Rademan die Sieben-Schmerzen-Grotte und der Maurer Jozef Wilhelm Hendrik Kluthausen aus Baarlo ( 13. 3. 1924) errichtete sie. Die einzelnen Stationen sind:

1.    Darstellung Jesu im Tempel mit der Weissagung Symeons: „Deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen“ (Lk 2, 35).

2.    Flucht nach Ägypten vor dem Kindermörder Herodes (Mt 2, 14).

3.    Der zwölfjährige Jesus bleibt im Tempel zurück und seine Eltern suchen ihn (Lk 2, 48).

4.    Jesus begegnet Seiner Mutter auf dem Kreuzweg. Diese Station findet sich bereits in dem Kreuzweg mit sieben Stationen, der im 14. Jahrhundert von den Franziskanern im Rahmen der emotionalen Betrachtung des Leidens Christi gebetet wurde.

5.    Kreuzigung und Sterben Jesu Christi. „Seht die Mutter voller Schmerzen, wie sie mit zerrißnem Herzen an dem Kreuz des Sohnes steht“ (Stabat mater dolorosa, 13. / 14. Jahrhundert, 1. Strophe).

6.    Kreuzabnahme. Pietà. „Mit wem soll ich dich vergleichen, Jungfrau, Tochter Zion; denn groß wie das Meer ist dein Schmerz“ (Klagelieder 2, 13).

7.    Grablegung Christi.

Über dem Eingang dieser Grotte stand einst: „Venite seorsum in desertum locum et requiescite pusillum (Kommt allein an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus!“ Mk 6, 31).

 

Die Figuren in der Ölberggrotte, angelegt 1892, waren ursprünglich aus Holz geschnitzt. 1911 wurden sie durch solche aus Terrakotta ersetzt. 1921 kamen die drei schlafenden Jünger hinzu.

Der Teufel unterhalb des Engels wurde später entfernt. Solche Doppelungen werden kaum noch akzeptiert, obwohl sie archaisch sind: König und Narr, Engel und Teufel, Luzifer (Lichtbringer, Morgenstern), der dann der gestürzte Engel wird, Nikolaus und Knecht Ruprecht, Fastenzeit und Fastnacht, Himmel und Hölle.

Nach 1892 entstand die Grotte, welche dem Hymnus „Ave, maris stella“ (Meerstern, sei gegrüßt) gewidmet ist. Mit diesem Gesang aus dem 8. / 9. Jahrhundert wurden scheidende Missionare verabschiedet.

 

Der Friedhof

1887 begann Pater Rademann mit den Vorarbeiten, in dieser Sandwildnis einen würdigen Friedhof anzulegen. In drei Ebenen steigt das Terrain an. 1895 wurde es eingeweiht. In der Kapelle an der Oberseite wurde der Stifter 1909 bestattet. (Nach der Seligsprechung 1975 steht sein Schrein in der Unterkirche.) Zehn Stationen des Kreuzweges sind an den Mauern als Reliefdarstellungen zu finden und die vier letzten Stationen sind am zentralen Weg in Kapellen mit Mosaik und Vollplastiken, Werke von Pater Rademan.

XI. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt. Unter dem Bildnis steht: „Aspice immite manus alma clavo tunditur alte“ (Schau, die erhabene Hand wird von einem Nagel tief durchstoßen / die gütige Hand wird niedergeworfen vom tief eindringenden Nagel).

XII. Station: Jesus stirbt am Kreuz. „Spiritum sacro meritis onustum fundit ab ore” (Er läßt Seinen von Gnaden überfließenden Geist aus Seinem heiligen Munde strömen.“ Vgl. Joh 19, 30: „Er gab Seinen Geist auf“ (παρέδωκεν).

XIII. Station: Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß Seiner Mutter gelegt. „Jesus, kommt es einst zum Scheiden, / Gib durch Deiner Mutter Leiden / Mir der Sieger Palm und Kron“ (vgl. die zweitletzte Strophe des Stabat mater dolorosa).

XIV. Station: Der Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt. Über dem Grab Jesu, das von zwei Engeln bewacht wird, lesen wir: „Sepulchrum eius gloriosum erit“ (Sein Grab wird herrlich sein). Auf der Rückseite der Station steht: Credo videre bona Domini in terra viventium“ (Ich glaube, die Güte des Herrn im Lande der Lebenden zu schauen; Ps 27,13). An der linken Seite: „Factus sum sicut homo sine adiutorio inter mortuos liber“ (Ich bin wie ein Mensch ohne Hilfe geworden, unter den Toten frei).

 

Sankt Gregor

Hier findet sich die Statue Christus auf dem kalten Stein, die 1900 aufgestellt worden war. Christi Hände sind gebunden, auf dem Kopf trägt Er die Dornenkrone, alleingelassen in Seinem Leiden. Es ist der Typ des Schmerzensmannes, ein Erbärmdebild, das zum Mitleiden und zur Barmherzigkeit aufruft.

1913 wurde hier eine Auferstehungskapelle in der Form einer Grabzelle erbaut. Auf der Fensterseite, umstrahlt von farbigem Licht, ist die Christusstatue.

 

Seit 1920 befindet sich ein Kreuzweg aus Keramik an einer Außenmauer.

1950 wurde zum 75jährigen Bestehen der Gesellschaft des Göttlichen Wortes eine lebensgroße Marienstatue unter einem Baldachin mit umgebenden Säulen errichtet.

 

Der Große Park

Die Erholungsfläche wurde für die Zahl der Bewohner des Missionshauses zu klein. So wurden 1883 vier Hektar unbewachsener Sandhügel gekauft. Muttererde wurde aufgeschüttet, der Boden gelockert und Pflanzen gekauft, die auch im Sand gediehen.

Es gab eine Imkerei (ein Bienenhaus). In Lauben konnte man sich auch bei schlechtem Wetter an der frischen Luft aufhalten. Von der Arnold-Janssen-Laube aus ließ sich das ganze Tal überblicken. Es gab einen Ort namens Vatikan, dessen Zugang schwierig zu finden war. Dort pflegten sich einige Brüder zu versammeln, sie tranken Underberg und drückten ihren Unmut über so manche Zustände aus.

Bruder Maurus klopfte auf eine kleine Futterdose und die Vögel flogen heran und fraßen ihm gleichsam aus der Hand.

An einer Stelle sind Wasserkräne für Durstige.

Die Lourdesgrotte auf einem Souvenir aus Steyl. Sie war 1922 von Kriegsheimkehrern als Danksagung für die Rettung und zur Fürbitte für die gefallenen Mitbrüder errichtet worden.

Im Tälchen unterhalb des Friedhofes wurde vor 1911 eine Antoniusstatue errichtet und ein Teich angelegt.

 

Das Missionsmuseum

Das heutige Gebäude wurde 1931 fertiggestellt, aber die ersten Objekte kamen bereits nach 1879 aus China. Der jetzt wieder brummende und mit seinen Augen rollende Bär begrüßt die Besucher.

Schmetterlinge im Missionsmuseum, Photographie von Cornelia Attolini

Eine beeindruckende und faszinierende Sammlung von Schmetterlingen, Käfern und Spinnen offenbart bunte Pracht. Es folgt die Chinaabteilung, mit den Gewändern der beiden Missionare, die beim Boxeraufstand erstochen wurden und leichtes Schauern hervorrufen. Alle Erdteile sind vertreten, mit Kleidungsstücken, Gebrauchsgegenständen, ritualen Objekten und vor allem mit vielen ausgestopften Tieren, von denen eines gestohlen wurde.

Aus der Tiersammlung des Missionsmuseums,
Photographie von Cornelia Attolini

Der Jochumhof

Der Botanische Garten wurde von Pater Peter Jochum 1933 begründet, und zwar auf dem Terrain eines Gartens von 1799, der zu einem Herrenhaus gehörte. 1971 wurde er von einem Verein übernommen. Heute gehört auch ein Café dazu. Ein Laden mit einer Einrichtung von 1880 ist zu besichtigen.

Es gibt einen Lindengarten, einen Duftgarten, einen Felsengarten, einen Garten mit alpinen Pflanzen und einen mit heimischen Arten. Früher wurde der Botanische Garten von Schülern gepflegt.

 

 

 

Nach soviel Kulturstrapazen ist es gut, ins Fährhaus einzukehren und Lindeboom zu genießen.

 

Bibliographie

o   100 dagen in de kloosterkelders van Steijl. Bewerkte dagboeken uit de periode 21 november 1944 - 1 maart 1945. Vragen aan en antwoorden van overlevenden, Maurice Ambaum bearbeitete einige unveröffentlichte Tagebücher, Interviewfragen stellten Frans Wiertz, Theo Bovens, Christian Wagner, Marcel Gelauff. Winfried Timmers, John Dautzenberg, Gerrit Valk, Roland Scheid, Zr. Margret (Arnolda Martina Theodora Spieringhs), Antoine Bodar und Matthias Rogg, Steijl 2015.

o   Knur, Franz-Josef, Ein kleiner nostalgischer Führer durch das Kloster Steyl, Menden 1985.

o   Fleckner SVD, Johannes, Herausgeber, So waren sie. Steyler Missionare aus 18 Ländern, Band 1, St. Augustin 1991 (u. a. Bischof August van Aaken, P. Josef Dietrich, P. Hermann Fischer, P. Georg Gemeinder, P. Leo Haberstroh, P. Heinrich Hopster, P. Johann Kraus, P. Georg Proksch, Thomas Kardinal Tien).

o   Fleckner SVD, Johannes, Herausgeber, So waren sie. Steyler Missionare aus 19 Ländern, Band 2, St. Augustin 1995 (u. a. Br. Anselmus Agethen, P. Fritz Bornemann, P. Simon Buis, P. Wilhelm Fließgarten, P. Anton Freitag, P. Hubert Hansen, P. August Jansch, Br. Lukas Kolzem, Br. Marianus Klein-Koerkamp, P. Stanislaus Marusczyk).

o   Fleckner SVD, Johannes, Herausgeber, So waren sie. Steyler Missionare aus 17 Ländern, Band 3, St. Augustin 1996 (u. a. P. Gerhard Dinter, P. Josef Henninger, P. Adolf Spreti, Bischof Hermann Westermann).

o   Fleckner SVD, Johannes, Herausgeber, So waren sie. Steyler Missionare aus 19 Ländern, Band 4, St. Augustin 1999 (u. a. Br. Berchmans Giesen, Bischof Wilhelm Duschak, P. Hermann Feldmann, Br. Lambertus Schoren, P. Bernhard Otte, P. August Pelzer).

o   Fleckner SVD, Johannes, Herausgeber, So waren sie. Steyler Missionare aus 14 Ländern, Band 5, St. Augustin 2002 (u. a. Erzbischof Leo Arkfeld, P. Heinrich Große Kappenberg, P. Paul Schebesta, P. Engelbert Zeitler).

o   Krause SVD, Manfred, Br. Lucas Kolzem - Der Maler von Steyl, Zur Geschichte des Missionshauses St. Michael, Steyl, Band 5, Steyl 2011.

o   Krause SVD, Manfred, Der Friedhof des Mutterhauses, Zur Geschichte des Missionshauses St. Michael, Steyl, Band 2, Steyl 2009.

o   Krause SVD, Manfred, Zusammensteller und Bearbeiter, transkribiert von Bruno Frey SVD, Die Steyler Feuerwehr. Geschichte und Geschichten überliefert von Mitbrüdern der ersten Jahrzehnte der Steyler Feuerwehr, Zur Geschichte des Missionshauses St. Michael, Steyl, Band 1, Steyl 2009.

o   Kugelmeier, August, „Stanislaus der Erste“. Erinnerungen an Arnold Janssen, Transkribiert von Bruno Frey SVD, zusammengestellt und bearbeitet von Manfred Kraus SVD, Zur Geschichte des Missionshauses St. Michael, Steyl, Band 3, Steyl 2010.

o   Nordmann, Norbert, Wo sich Theologie und Gartenkunst durchdringen. Die Steyler Klostergärten des hl. Arnold Janssen, Grußworte von Bernd Werle SVD, Manfred Krause SVD und Helmut Linssen, Dankwort von Peter Freij, Regensburg 2010.

o   Rebbers, Bareld, Herausgeber, Een wandeling door het kloosterdorp Steijl; Ein Gang durch das Klosterdorf Steyl, Übersetzung durch die Missionsschwestern SSpS Steyl, Steyl 2002.

o   Rehbein SSpS, Franziska Carolina, Das Geheimnis der Liebe Gottes in der Symbolik der Oberkirche von St. Michael – Steyl, herausgegeben vom Arnold-Janssen-Spiritualitätszentrum, Steyler Quellen 5, Nettetal 2007.

o   Rehbein SSpS, Franziska Carolina, Ergriffen vom Geheimnis. Der Beter Arnold Janssen, herausgegeben vom Arnold-Janssen-Spiritualitätszentrum, Steyler Quellen 2, Nettetal 2004.

 

Dank an Norbert Nordmann für Hinweise und Material.

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Düsseldorf 2023

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