Inhalt
Der Goldene und der Silberne Ring
Die Reorganisation der
Russischen Orthodoxen Kirche
Der Augustputsch 1991
Diese Aufzeichnungen sind aus drei Gründen bemerkenswert:
I. Als „Goldener Ring“ werden die nördlich von Moskau gelegenen altrussischen Städte wie Sergiev Posad, Pereslavlʼ Zalesskij, Rostov Velikij, Jaroslavlʼ, Suzdalʼ und Vladimir bezeichnet. Diese Reise führte aber noch weiter nördlich in den sogenannten Silbernen Ring, der weit weniger besucht wird als der Goldene.
II. Hier wird geschildert, wie sich die Kirche nach 73jähriger Verfolgungszeit allmählich reorganisiert. Viele Taufen werden gespendet, Kirchen und Klöster gibt der Staat zurück, auch beschlagnahmte Ikonen. Für die Geistlichen war dies eine schwierige Zeit. Sie hatten meisterhaft Widerstand geleistet, aber der Aufbau erforderte Initiative und zielgerichtete Durchsetzungskraft, die kaum vorhanden waren.
III.
Über den Augustputsch
1991 erhielten wir Reisende zuerst nur fragmentarische und lückenhafte
Nachrichten. Die Putschisten bemühten sich, falsche Informationen zu
verbreiten. Erst nach den schicksalshaften Ereignissen wurde uns deutlich, was
da vor sich gegangen war.
Wenn also jemand bei der Lektüre der Meinung ist, daß da Verworrenes und
Widersprüchliches steht, ist dies exakt der Eindruck, den unsere Gruppe damals
auch gewonnen hatte.
Sonntag,
18. August 1991
Der evangelische Pfarrer Martin Bauer wurde am 22. September 1939 in Witten geboren. Seinen Vater, der ebenfalls Pastor war, lernte er nie kennen; er blieb in Rußland vermißt. Martin heiratete seine Frau Anna. Martin war 1967 ordiniert worden und erhielt 1968 die Pfarrerstelle in Emmerich. 2004 trat er in den Ruhestand und starb am 8. April 2021 in Emmerich.
Pfarrer Bauer führte jahrzehntelang kirchliche Reisen in die Sowjetunion und danach in ehemalige Sowjetrepubliken durch. Dies war verdienstvoll, da allein auf diese Weise ein realitätsnahes Bild der Situation der Christen in diesen Ländern entstehen konnte.
Auf dem Flug nach Rußland las ich einen Artikel in der Zeitung: Не надо баловаться с ценами – Mit Preisen darf man nicht herumspielen.
Unsere Dolmetscherin heißt Olʼga, unsere Fahrer sind Aleksej und Viktor.
Eine Mitreisende hat ihren Koffer nicht erhalten.
Unser Abendessen ist im Flughafenrestaurant.
Ein Dollar ist 35 Rubel wert, und eine Deutsche Mark entspricht 18 Rubeln.
Ich erwerbe eine zehnteilige Matrjoschka (матрёшка) für 250 Rubel. Eine Matrjoschka ist ein Fruchtbarkeitssymbol. Wer viele überlebende Kinder hatte, brauchte sich wegen der Altersversorgung keine Gedanken zu machen. Es gab ja keine Sozialversicherungen.

Matrjoschka aus
Moskau und Samovar aus Kiev,
Photographie von H. M. Knechten
Montag, 19.
August 1991
71 km nordöstlich von Moskau gelegen.
Sergijkirche, 17. Jahrhundert, als Trapeza (Refektorium) und als Tagungsraum der Synode genutzt, mit Fresken ausgemalt.
Liturgien werden in der beheizbaren Winterkirche (Studentenkirche) gefeiert, in der vor sechs Jahren ein Brand ausgebrochen war; einige Studenten erstickten an Rauchgasen. Danach wurde die Kirche restauriert.
Sérgiev Posád (von 1930-1991: Zagórsk) ist Ort der Moskauer Geistlichen Akademie in der Dreieinigkeits-Sergij-Lavra. Wer erfolgreich das Geistliche Seminar absolviert hat, kann hier weiterstudieren. Hier leben 200 Mönche und 400 Seminaristen. Es gibt auch die Möglichkeit des Fernstudiums.
Die Michejkirche, 1734 eingeweiht, ist der Vision Sergijs gewidmet, die auch sein Schüler Michej schaute.
Es wird die 500jährige Unabhängigkeit des Moskauer Patriarchates von der Konstantinopler Kirche gefeiert.
Heute ist Präsident Michail Gorbačëv „aus gesundheitlichen Gründen“ zurückgetreten. In den baltischen Staaten und im Kaukasus ist der Ausnahmezustand verhängt worden. Manche befürchten einen Bürgerkrieg, andere meinen, Gorbačëv wolle sich einem Wahlverfahren stellen.
Im Museum der Geistlichen Akademie sehe ich ein Taufbecken aus Chersones (5. Jahrhundert). Dies ist insofern ein wichtiges Exponat, als ja auch die Christianisierung der Rusʼ, der Russischen Lande, in Chersones begann (und nicht in Kiev).
Ikonen des Zeichens und des heiligen Georgs, 11. Jahrhundert.
Kirchenmodelle: Katakombenkirchen (Petrus und Paulus, Priscilla), Ravenna, St. Peter im Vatikan, Hagia Sophia in Konstantinopel, Kiev und Novgorod.
Vladímir Ivanóv bot eine Ikone des Zeichens für hundert Deutsche Mark an.
«Наш долг, долг всех пастырей Церкви, молиться о мире всего мира, нести проповедь любви христианской и крепкого единства в деле стояния за правду и за мир.» (Unsere Pflicht, die Pflicht aller Hirten der Kirche, besteht darin, für den Frieden der ganzen Welt zu beten, über die christliche Liebe und die stabile Einheit zu predigen, während wir für die Wahrheit und für den Frieden eintreten; Patriarch Aleksej II. Ridiger; 1929-2008, seit 1990 Patriarch).
Diese Worte entsprechen der offiziellen Redeweise (pax sovietica).
Im Kunstmuseum der Geistlichen Akademie liest eine junge Studentin im Neuen Testament. Ihre Augen leuchten.
Michail Vasilʼevič Nesterov (1862-1942), Christus segnet den jungen Barfolomej (Sergij).
Nesterov, Die Heilige Rusʼ, 1901-1906: Christus in verschneiter russischer Landschaft, Bauern und Kinder kommen zu Ihm.
Nesterov, Unter dem Kreuz: Dostoevskij steht unter dem Kreuz mit einer Kerze in der Hand, als Lehrer, russische Landschaft, eine junge Mutter mit Kindern. Gogolʼ kniet. Ein Priester, neben ihm eine Frau mit buntem Kopftuch, fast verborgen, ein Bauer, eine verhüllte Frau kniend.
Die Person Christi wird dem russischen Kontext eingefügt.
Im Postamt frage ich nach Briefmarken. Man hätte keine; ich solle zum Kiosk gehen. Ich zeige auf die vorhandenen Briefmarken und erhalte die Antwort, das seien nur Fünf-Kopeken-Marken, damit käme ich nicht weit. Eine andere Schalterbeamtin ging zum Panzerschrank und holte ein Briefmarkenalbum heraus. Ich hätte aber nur je zwei Fünf-Kopeken-Marken für je einen Briefumschlag erhalten, der aber nur innerhalb der Sowjetunion als Porto ausreicht. Als ich 35-Kopeken-Marken für Ansichtskarten nach Deutschland erbat, war die Beamtin fast überfordert. Sie holte Zehn-Kopeken-Marken und setzte mühevoll den Betrag mit den Fünfern zusammen. Die Adresse und der Text fanden kaum noch Platz auf der Karte. Als Xenia Briefmarken wollte, sagte die Beamtin, der Schalter sei geschlossen.
Die Karten für das Ausland sind blau, die für das Inland rot.
Im Fernsehen gibt es wenig Klärendes über die Lage in der Sowjetunion. In Moskau rollen Panzer. Es gäbe ein „Komitee für nationale Rettung“. Es sei eine explosive Situation. Man solle keine unüberlegten Schritte tun. Man müsse die Gesetze einhalten. Man tue alles, um aus der Krise herauszukommen. Man solle Ruhe halten und Disziplin walten lassen. Der Rat der Russischen Föderation tage. Die Perestrojka Gorbačëvs werde beendet.
In Moldawien und in Litauen sei die Lage ruhig. In Wilna gebe es Straßensperren. Man habe jedoch alles unter Kontrolle.
Dienstag,
20. August 1991
Boris Elʼcin (Jelzin) stieg in Moskau auf einen Panzer und trat gegen die Putschisten, die sich auch des Fernsehens bemächtigt hatten, und für Gorbačëv ein. Dieser konnte zwar aus seinem Ferienort Foros auf der Krim nach Moskau zurückkehren, hatte aber seine Macht als Präsident der Sowjetunion verloren.
Wer lange in einem Betrieb arbeitet, bekommt eine Prämie von mehreren tausend Rubeln, mit der er sich eine Datscha (дача) kaufen kann, einen Schrebergarten mit einer Hütte.
Ein kleines Auto kostet 8.000 Rubel.
Vier km südlich von Pereslavlʼ Zalesskij befindet sich die Kreuzkapelle. An dieser Stelle wurde 1557 Fjodor (Фёдор, Theodor, der Sohn Ivans des Schrecklichen und seiner Frau Anastasija geboren. Fjodor herrschte von 1584 bis 1598 als Zar.
Fjodorkapelle (Часовня Феодора Стратилата)
Pereslavlʼ-Zalesskij („hinter den Wäldern“; die Wälder trennten das Kiever Gebiet vom nördlichen Rußland), 140 km nordöstlich von Moskau gelegen, erhielt seinen Namen von Perejaslavlʼ („Hat den Ruhm übernommen“)-Chmelʼnickij in der heutigen Ukraine, dort Perejaslav genannt. In Perejaslav wurde Scholem Alejchem (Schalom Jakov Rabinovič; 1859-1916), der jiddische Klassiker, geboren.
Die erste Frau Ivans des Schrecklichen, Anastasíja Románovna Zachárʼina-Júrʼeva (1531/1532 - 1560), stammte aus Pereslavlʼ-Zaleskij.
Die Verklärungskirche wurde seit 1152 unter dem Fürsten Jurij Dolgorukij (Lange Hand), zugleich mit der Stadtgründung, errichtet und 1157 unter seinem Sohne Andrej Bogoljubskij vollendet. Wegen der Nähe zum Fürstenhof wird sie als Kathedrale (собор) bezeichnet. Die Bedeutung dieses Bauwerkes liegt darin, daß es eine der wenigen erhaltenen vormongolischen Kirchen ist.
Es handelt sich um eine Kreuzkuppelkirche. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhundert wurde sie mit Fresken ausgeschmückt, welche die Allheilige Gottesgebärerin, Apostel und das Jüngste Gericht zeigen.
Apostel in der Verklärungskathedrale in Pereslavlʼ-Zalesskij
Das Innere der Verklärungskathedrale
Das Äußere der Verklärungskathedrale
Das Nikitakloster (Nikētas) stammt aus dem Jahre 1186. Das Männerkloster wurde im Dezember 1993 erneut eröffnet.
Das Fjodorkloster, 1304 zuerst erwähnt, Bauten aus dem 15. Jahrhundert mit Kreuzkuppelkirche, wurde 1998 wieder ein Frauenkloster.
In diesem Ort baute Peter der Große mithilfe niederländischer Spezialisten eine „Spielzeugflotte“ und forcierte damit den Schiffsbau in Rußland. Auf dem Pleščeevo-See erprobte er ihre Seetüchtigkeit und lernte zu navigieren.
60 % der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der staatlichen Reiseagentur Intourist sollen entlassen werde. Olʼga weiß nicht, ob es besser ist, zu bleiben oder zu kündigen. „Die Größe der Organisation Intourist ist jetzt ihr Nachteil.“
Der Nerosee bei Rostov
Rostov wurde 862 erstmals urkundlich erwähnt, Moskau erst 1147. Nur zwei Städte der alten Rusʼ erhielten die Bezeichnung groß: Novgorod und Rostov. Im 18. Jahrhundert wurde die Stadt von Erdwällen umgeben.
Der Kremlʼ Rostovs
Leontij war griechischer Herkunft (Leontios). Er wurde 1051 Bischof von Rostov und starb 1070/1077. Er wird in der Proskomidie (Gabenbereitung) der Göttlichen Liturgie erwähnt. Sein unversehrter Leib ruht in der Entschlafenskathedrale des Rostover Kremls.

Rostov Velikij, Kremlʼ, Vögel über der Krasnaja Palata, 1670-1680 erbaut, 20. August 1991, Photographie von H. M. Knechten. Im Schönen (Roten) Palast (im Russischen feminin) ist eine historische Ausstellung.
Das Glockengeläut des Rostover Kremls ist weltberühmt. Hector Berlioz war im Jahre 1869 hier, um die verschiedenen Melodien dieses Geläutes mit eigenen Ohren zu hören.
Glockenwand im Rostover Kremlʼ
Fresko in der Auferstehungskirche des Kremls
Diese Fresken stammen von 1670. Die Fresken der Kremlkirchen, stammend aus dem 17. Jahrhundert, wurden von den besten Meistern Rußlands ausgeführt.
Wer das Bildensemble zum ersten Male sieht, ist überwältigt. Um zu einem tieferen Verständnis zu gelangen, ist es notwendig, sich mit einzelnen Teilbildern zu beschäftigen.
Da ist die Heilige Dreieinigkeit, darunter die Allheilige Gottesgebärerin, es finden sich die Himmelsleiter Johannesʼ Klimakos, eine Abbildung des Wüstenvaters Abbas Ōr (Ωρ), bekannt aus den Apophthegmata Patrum, Darstellungen aus dem Leben Christi, wie Seine Taufe, der Zyklus des Leidens und der Auferstehung, schließlich der Pantokrator, der Allherrscher als der Wiederkehrende Christus am Ende der Zeiten.
Es handelt sich um einen gemalten Himmel, um Gegenstände der Betrachtung und des Nachsinnes, um eine Schau der nichtmateriellen Welt, in der unser Glaube begründet ist.
Die Torkirche der Auferstehung Christi wurde um 1670 erbaut.
Entschlafenskathedrale im Rostover Kremlʼ
Die Entschlafenskathedrale wurde 1508-1512 erbaut. Sie verfügt über fünf Kuppeln. 1991 wurde sie der Kirche zurückgegeben.
Bereits 1589 sind Fresken dieser Kirche erwähnt. Die heute sichtbare Ausmalung erstreckte sich von 1659 bis 1669, erneuert wurde sie 1779 und 1843.
Die Kirche des heiligen Johannes des Theologen (des Evangelisten) wurde 1683 errichtet und ausgemalt.
Abraham von Rostov († 1077) zerstört mit dem Kreuze das Idol des Veles und erbaut an dieser Stelle das Kloster der Theophanie.
Als wir von Rostov wegfahren, sehen wir einen Unfall mit einem Militärlastwagen. Olʼga sagt, die seien im ersten Jahr ihrer Ausbildung, unerfahren und führen viel zu schnell. Auf den Landstraßen ist die Geschwindigkeitsbegrenzung bei 70 Stundenkilometern.
Im Jahre 1010 von Jaroslav dem Weisen gegründet, welcher der Stadt seinen Namen verlieh, an der Mündung des Flusses Kotoroslʼ in die Wolga. Die Stadt liegt 282 km nordöstlich von Moskau und hat 700.000 Einwohner.
Wolgapromenade in Jaroslavlʼ 1915
Ein Ikonenverkäufer bietet vierteilige Metallikonen für je 120 DM und geschriebene Ikonen in schlechter Qualität für 30-60 DM (je nach Größe) an.

Jaroslavlʼ, Eliaskirche, 20. August 1991, Photographie von H. M. Knechten
Bereits im 11. Jahrhundert stand an dieser Stelle eine Kirche. Das gegenwärtige Gebäude entstand 1647 bis 1650. Die Eliaskirche wurde nach der Piscatorbibel (1602-1604) ausgemalt.
Johannes Piscator (1546-1625) war ein elsässischer reformierter Theologe und Bibelübersetzer.
Die Fresken in der Eliaskirche stammen aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Es gibt Abbildungen zur Bibel:
Junge Männer verspotten den Propheten Elischa: „Kahlkopf, Kahlkopf!“ Als er sie im Namen des Herrn verflucht, kommen zwei Bären aus dem Wald und zerreißen 42 junge Männer. (2. Buch der Könige 4, 23f).
Ein Kind klagt: „Mein Kopf, mein Kopf!“ (2. Buch der Könige 4, 19) und stirbt am Abend dieses Tages. Der Prophet Elischa erweckt es wieder zum Leben (2 Kön 4, 35).
Dekor der Eliaskirche
Ikonostase der Eliaskirche
Inneres der Eliaskirche
In der Ikonostase ist eine Eliasikone. Er lebt in der Wüste am Bach Krit. Sein Hara (Bauchmittelpunkt) ist deutlich ausgebildet. Er wird von einem Raben täglich mit Brot versorgt. (1 Kön 17, 1-7).
Man spürt, daß die Eliaskirche als Museum lange „gehungert“ hat. Jetzt wirkt sie belebt, da Priester in ihr Liturgie feiern und Gläubige in ihr beten und Kerzen anzünden.
Olʼga sagt, früher sei es hier schön gewesen, aber jetzt gebe es mehr Touristen als Hunde.
Tutáev, 40 km nordwestlich von Jaroslavlʼ, beidseits der Wolga: Kirche der Auferstehung Christi, 1652-1687 erbaut.
Auferstehungskirche in Tutaev
Fries an der Heiligen Pforte der Auferstehungskirche in Tutaev
Der Mittagsschlaf ist die Stunde der Barmherzigkeit (Ausspruch von Pfr. Martin Bauer).
„Oh, du heiliger Benedikt,
Jetzt bin ich wieder eingenickt!“
(Aufschrift auf einer Bank in einem Benediktinerkloster).

Unterwegs nach Vologda, Photographie von H. M. Knechten
Die Stadt liegt 400 km Luftlinie nordnordöstlich von Moskau und hat 230.000 Einwohner. Sie wurde, wie Moskau, im Jahre 1147 zum erstenmal urkundlich erwähnt. Im Jahre 1997 wird das 850jährige Stadtjubiläum begangen werden. Das Durchschnittsalter der Stadtbewohner ist 33 Jahre.
Die Stadt Vologda liegt am Fluß Vologda. Die Lage der Stadt hat strategische Bedeutung, da hier der Flußverkehr kontrolliert werden kann. Vologda liegt am Schnittpunkt der nord-südlichen Handelswasserwege: Die Nördliche Dvina mündet in das Weiße Meer.
Der Name kommt aus dem Uralischen (Finno-Ugrischen) und bedeutet: hell, klar, licht. Das Weiße Meer hat seinen Namen ja auch als Bezeichnung für ein helles Gewässer. Eine andere Erklärung leitet den Stadtnamen von der slavischen Wurzel vol (вол) – schleppen ab, da die Schiffe mit Holzrollen über Land geschleppt werden mußten, wenn es keine durchgehende Flußverbindung gab.
Die slavische Besiedlung dieses Gebietes geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Ende des 15. Jahrhunderts wurde Vologda dem Moskauer Fürstentum eingegliedert.
Die Busfahrer sagen, Gorbačëv sei auf seiner Datscha. Im Ausland habe er ein gutes Image, während im Inland die schlechte Versorgungslage gegen ihn spreche.
Hans Weber, Christlicher Verein junger Männer in Hamburg, sendet ein Telegramm: „Unsere Gruppe reist ohne Probleme weiter nach Vologda. Bitte die Angehörigen informieren, daß alles O. K.“
Beim Abendessen im Hotel Vologda läuft eine Varietéschau.
Eine Flasche Konjak mit sechs Sternen kostet hundert Rubel.
Mittwoch,
21. August 1991
Gedenktag des heiligen Bischofs von Cycikus (Κύζικος in Mysien, Kleinasien) und Bekenners Ämilianos (Emilian).
Der heilige Gerasim (†
1178) ist der Wundertäter Vologdas. Der Name Γεράσιμος bezeichnet einen ehrwürdigen
älteren Menschen (γέρας –
Greis; Ehrentitel der Wüstenväter). Wir sehen sein Denkmal in Vologda. Das Begegnungskloster
(сретѣнiе), dessen Patronat die
Darstellung des Herrn im Tempel ist, ein Frauenkloster, ist noch geschlossen.
Dieses Kloster wurde nach dem Tode Gerasims
gegründet.
Der heilige Gerasim
von Vologda
Boris Nikolawvič Elʼcin, Präsident der Russischen Föderation, erläßt gesetzliche Bestimmungen (указы). Es bestehe keine Gefahr mehr. Nur bestimmte Zeitungen dürfen erscheinen. Nur auf bestimmten Wellen wird im Radio gesendet (Mittelwelle). Nur bestimmte Fernsehprogramme werden ausgestrahlt. Die Zeitungen erscheinen ohne Nachrichten über das Ausland. Die Führung (руководство) des Landes habe über alle Teile des Landes Kontrolle.
Die älteren Gebäude in Vologda haben den nordrussischen Baustil, das heißt, sie verwenden viel mehr Holz als in südlicheren Gegenden Rußlands, und sie sind viel weniger byzantinisch beeinflußt.
In der Trapeza (im Refektorium) der Klöster gab es zuweilen Festgelage und Feiern, die von der vorchristlichen Zeit geprägt waren. War das ein „Ventil“, um den Überdruck abzulassen?
Es führt uns die Dolmetscherin Natascha, welche Russisch und Englisch spricht.
Bei der Stadtrundfahrt sehen wir den Kremlʼ, Kirchen, das Haus Peter des Großen und die Ikonenausstellung im Museum.
Wir besuchen ein Museum für Spitzen (Klöppelarbeiten). In der Werkhalle ist auch Verkauf. Da Spitzen in Deutschland nicht mehr beliebt sind, kauft niemand etwas.
1565 kam Ivan IV. zum ersten Mal nach Vologda. Da in Moskau die Bojaren herrschten, liebte er diese Stadt nicht, und dachte daran, Vologda zur Hauptstadt Rußlands zu machen. Die Legende besagt, daß er diesen Plan nicht ausführte, weil ihm an der Baustelle der Sophienkathedrale Ziegelsteine auf den Kopf fielen. Der eigentliche Grund aber dürfte sein, daß in Vologda die Pest ausbrach.
Der Moskauer Kremlʼ umfaßt 28 Hektar, der von Vologda 56. Ende des 19. Jahrhunderts brannte der Kremlʼ in Vologda ab. Die Bauten wurden nicht vollständig restauriert.
Die Sophienkathedrale in Vologda wurde nach dem Vorbild der Entschlafenskathedrale in Moskau gebaut. Sie entstand 1568 bis 1570 und ist eine nicht beheizbare Sommerkirche. Innen ist es auch im Sommer kühl (11 Grad Celsius).
Ihre Mauern sind genauso hoch wie die Kuppeln. Ausgemalt wurde sie seit 1586 von Dmitrij Grigorʼev Plechanov im hellen und festlichen Novgoroder Stil.
Pantokrator, Kuppelfresko in der Sophienkathedrale Vologda
Im Glockenturm sind 25 Glocken. Ivan IV. befahl, alle Glocken abzugeben, um sie in Kanonen umzugießen. Der Bischof von Vologda gab ihm als Ersatz Kupfer. Beim Glockenspiel ertönt eine Tanzmelodie (канаринская, der Gesang eines Kanarienvogels). Die größte Glocke wiegt 9 Tonnen.
Daneben steht die Auferstehungskirche, eine beheizbare Winterkirche. In ihr ist eine Gemäldesammlung ausgestellt.
Im Kremlʼ sind das Bischofspalais (Fenster mit Zierwerk), eine Schatzkammer und ein rotes Zivilgebäude aus dem 18. Jahrhundert. In einem Gebäude wohnen die Studenten des Geistlichen Seminars. Es gibt auch einen Pferdestall.
Pavel Ivanovič Beljaev (1925-1970) wurde im Dorfe Čelistčevo im Gebiet Vologda geboren. 1965 unternahm er einen Weltraumflug mit Jurij Alekseevič Gagarin (1934-1968).
Im Ikonenmuseum ist eine Gottesmutter von Tolga, 14. Jahrhundert, aus der Auferstehungskirche am Kubenasee (Кубенское озеро), in welchen der Fluß Kubena mündet. Dieses Gnadenbild war im Vatikan und wurde zurückgegeben. Die Gottesmutter hat riesengroße, traurige Augen, wegen des Leides ihres Kindes und der ganzen Welt. Diese Ikone hat eine große Ausstrahlung.
Johannes der Vorläufer in der Wüste, 14. Jahrhundert. Er steht, in Ehrfurcht gebeugt, vor der Hand, die ihm aus dem Himmel als Zeichen des Herrn erscheint. Unter ihm sein abgeschlagenes Haupt auf der Schüssel. Novgoroder Schule.
Ikone des heiligen Johannes des Theologen (Johannes des Evangelisten) mit seinem Schüler Prochor auf der Insel Patmos bei der Niederschrift der Geheimen Offenbarung, Ende 15. / Anfang 16. Jahrhundert. Das Schreiben folgt der himmlischen Schau.
Deesis-Reihe, 15. bis 17. Jahrhundert, aus dem Dionisij-Glušickij-Pokrovskij-Kloster, 1402 von Dionisij Glušickij gegründet. Покров – Mariä Schutz und Fürbitte. Novgoroder Maler.
Ikone der Verklärung Christi, 16. Jahrhundert, aus der Kirche der Darstellung des Herrn. Sie strahlt Ruhe aus. Christus nimmt sich Zeit und ist gesprächsbereit.
Geburt Christi, 16. Jahrhundert, aus der Kirche der Darstellung des Herrn. Marias Gewand endet in einen Schlangenschwanz. Oben Symbole des Mondes und der Sonne. Der Versucher ist in ein Narrengewand gekleidet. Dies ist ein vorchristliches Motiv.
Maria als Hodigitria (Wegführerin) und zugleich als обрадованная (die von Freude Erfüllte): Christus hält ihr einen Zweig des Lebensbaumes (oder als Hinweis auf die Dornenkrone?) hin. Aus der Erlöser-Verklärungskirche in Vologda. Die Rosetten sind heidnische Symbole für die Sonne.

Aus meinem Reisetagebuche
Alttestamentliche Dreieinigkeit, 16. Jahrhundert, Abrahams Frau Sarah wird in der Mitte des Bildes dargestellt; dies ist sehr selten.
Kirche des frommen Fürsten Aleksandr von der Neva, 18. Jahrhundert.

Vologda, Blick vom Glockenturme der Sophienkathedrale, 21. August 1991, Photographie von H. M. Knechten
Die Sophienkathedrale wurde von 1568 bis 1570 erbaut. Die Entschlafenskathedrale im Moskauer Kremlʼ aus dem Jahre 1479 war für sie das Vorbild. 1688 wurde sie von Dmitrij Grigorʼev Plechanov aus Jaroslavlʼ ausgemalt, mehr als hundert Jahre nach ihrer Errichtung, unter dem Erzbischofe Gavriil.
Zum Jüngsten Gerichte blasen Engel Posaunen. Ein Sünder hat gleichviel gute wie böse Taten getan. So leidet er an der Grenze von Himmel und Hades. Er ist halbnackt an einen Pfahl gebunden.
Nachmittags fahren wir zum Erlöser-Prilúckij-Kloster. Es wurde 1371 vom Dimitrij von Priluki gegründet. Seine Gebeine ruhen hier. Der Ort war strategisch wichtig; denn von hier aus führte der Weg nach Belozersk, Velikij Ustjug und Permʼ.

Die Dolmetscherin Olʼga und Hegumen Efrem (Vinogradov-Lakerbaja), Photographie von H. M. Knechten
Das Kloster war 1924 geschlossen, dann als Gefängnis und seit 1974 als Museum genutzt worden. Hegumen Efrem macht einen zerfahrenen Eindruck, da er nicht weiß, wo er mit der Aufbauarbeit beginnen soll.
Er sagt, ohne seine Zustimmung dürfe niemand das Kloster besichtigen. Er schäme sich, weil die Gebäude so zerfallen sind. Im August 1990 war das Kloster der Kirche zurückgegeben worden. In diesem Jahr 1991 wurde das Männerkloster neu eröffnet. Im Kloster leben seit drei Monaten neun Novizen und ein Mönch. Hegumen Efrem sagt, er fühle sich wie der Leiter eines Kindergartens. Ihre Ausbildung erfolge in Sergiev Posad.
Blick auf das Priluki-Kloster
Er sagt auch: „Wir werden für unseren Gottesdienst bezahlt.“ Das bedeutet: „Unsere Hauptaufgabe ist das Gebet.“
Als Begründung für Bart und lange Haare sagt Vater Efrem: „Es muß auffallen, wenn ein Mensch sich Gott geweiht hat!“
Tatsächlich liegt der Grund an einer anderen Stelle. Der westliche Mönch begreift sich als miles christianus, als christlicher Krieger. Ein römischer Soldat durfte keinen Bart tragen, weil ihn der Gegner am Bart festhalten könnte. Im Osten gilt es dagegen, der Natur freien Lauf zu lassen, da Gott die Schöpfung gut geschaffen hat. Dem griechischen und damit auch dem russischen Theologen ist der augustinische und lutherische Gedanke von der verderbten Natur wesensfremd.
Ikone des heiligen Dimitrij von Priluki, er starb 1392. Sie stammt von Dionisij. Er strahlt Würde und Ruhe aus, aber alles ist fließend und in Bewegung, nicht statisch, wie auf vielen anderen Ikonen. Dimitrij hatte 1354 ein erstes Gespräch mit Sergij von Radonež. Fürst Dimitrij vom Don ermöglichte ihm die Gründung des Klosters im Dorfe Priluki bei Vologda.
Dimitrij von Priluki und Fürst Ioann von Uglič, Ikone
Der Fluß Vologda macht hier einen Bogen, daher heißt der Ort Priluki, beim Bogen.
Der Dichter Konstantín Nikoláevič Bátjuškov (1787-1855) aus Vologda war der Lehrer Puschkins. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhofe des Priluki-Klosters. Es folgt ein Gedicht, das er Juli / Anfang August 1815 schrieb:
Мой
гений – Die Beschützerin
|
О память
сердца! Ты
сильней |
O Gedächtnis des Herzens! Du bist stärker als der Verstand, der sich an Trauriges erinnert, und oft hast du mich durch deine Süßigkeit in ein fernes Land entführt. Ich erinnere mich an die Stimme lieber Worte, ich erinnere mich an blaue Augen, ich erinnere mich an goldene Locken nachlässig geflochtener Haare. Ich erinnere mich an all die einfache Aufmachung meiner unvergleichlichen Hirtin. Und an das liebe Antlitz, unvergeßlich, es begleitet mich stets und überall. Du mein Schutzgeist, du Beschützerin, zum Trost für die Trennung wurde sie gegeben: Bin ich eingenickt? Sie wird sich an das Kopfende schmiegen und den traurigen Schlaf versüßen. |
Erlöserkathedrale, Priluki-Kloster
Die Kathedrale der Verklärung Christi (Спасский собор, Erlöserkathedrale) wurde 1537-1542 errichtet. Die Vertikale ist betont. Bewegt. Einfluß der Moskauer Architektur. Festungsartig: ein Wehrkloster.
Die Kirche der Einführung der allheiligen Gottesgebärerin in den Tempel wurde in den 1540er Jahren erbaut.
Das angeschlossene Refektorium ist streng und würdig gehalten; es wurde 1542-1544 erbaut. Dies sind die ältesten Teile des Klosters.
1644 wurde ein neuer Glockenturm errichtet. In den 1930er Jahren wurden die Glocken vom Turm gestürzt.
Folgenden Eindruck machen die Gebäude des Klosters: Sparsamer, wirkungsvoller Ziegeldekor. Nordrussischer Architekturstil, puritanisch, praktisch und wehrhaft. Der Vologdaer Turm, ein Eckturm, ist äußerst stark befestigt, da er bei einer Erstürmung die letzte Zuflucht bot.
Einer aus unserer Reisegruppe sagt: „Die Russen haben keinen Geschäftssinn. Was würde der Westen aus solch einem Kloster machen!“
Der Tag des Mönches beginnt am frühen Morgen mit dem Mitternachtsgebet und dem Orthros (der Matutin). Anschließend folgt die Feier der Göttlichen Liturgie. Nach dem Frühstück ist eine Zeit der Arbeit und des Studiums, unterbrochen von der Zellenregel (келейиое правило), dem persönlichen Gebete des Mönches. Am Abend folgen Vesper und Komplet, dann Lektüre und Schlaf.
Anders lebt der Mönch im Großen Schema, welcher die endgültigen Gelübde abgelegt und sich zu einem radikalen Leben der Buße, des Schweigens, Fastens und des Gebetes entschlossen hat:
Auf dem Kopfteil seines Gewandes steht das Trishagion: Свѧтый Боже, свѧтый крѣпкiй, свѧтый безсмертный, помилуй насъ. (Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser.)
Auf der Brust steht: Рече Господь: Иже хощетъ по мнѣ ити, да отвержется себе, возметъ крестъ свой и по мнѣ грѧждетъ. Иже бо аще хощетъ душу свою спасти, погѹбитъ ю. (Der Herr sprach: Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Wer aber seine Seele retten will, wird sie verlieren; Mt 16,24f).
Friedhofskirche: Kirche der Geburt Mariens (1836-1838), jetzt Kirche Lazarusʼ Auferweckung (1775-1790, umgebaut 1887). 1935-1990 war hier der mitrophore Erzpriester Vladimir tätig, jetzt wirkt hier Vater Vasilij.
1989 wurden 13.000 Kinder getauft, im Jahre 1990 waren es 23.500. „Das ist eine sehr schwere Arbeit, so viele Kinder zu taufen“, sagt Vater Vasilij. Im vorigen Monat wurden 2.300 Kinder getauft.
1990 gab es 277 kirchliche Trauungen (венчание – Krönung). 1989 waren es weit weniger.
In dieser Kirche ruht der Leib Fëdors. Seine sterblichen Überreste wurden im Museum aufbewahrt und der Kirche vor drei Jahren zurückgegeben. Er stammte aus Totʼma, Gouvernement Vologda. Dieser Ortsname wurde von Peter dem Großen als: „das ist Finsternis“ (то тьма) volkstümlich erklärt. In Wirklichkeit bedeutet dieser Ortsname „sumpfige Stelle“ (syrjänisch tod).
In der Lazaruskirche ist auch eine Ikone des heiligen Gerasim von Vologda. Die Reliquien Gerasims befinden sich unterhalb der Stelle, an welcher sein Kloster stand (подъ спудомъ).
Lazaruskirche auf dem Friedhofe
Die Familie Zaseckij stammt aus Polen, lebt aber seit dem 17. Jahrhundert in Rußland. Ihr einstöckiges hölzernes Haus in Vologda im Stile des Klassizismus wurde 1790-1795 erbaut. Es hat einen Mezzanin (Halbstock) und einen Portikus (Leningradstraße 12). Es ist das älteste erhaltene Holzhaus in Vologda. Bekannt ist der Ethnograph Aleksandr Aleksandrovič Zaseckij (1717-1784), der eine große Bibliothek besaß.
Seitenansicht des Hauses Zaseckij
Heute erscheinen keine Zeitungen. Es gibt ein staatliches Komitee für den Ausnahmezustand. Militär wird zur Kontrolle nach Moskau beordert. Die offene Demokratie (wenn sie denn jemals bestanden hat) ist beendet. Es gibt Zensur.
In Vologda werden Streitkräfte zur Unterstützung von Boris Elʼcin eingesetzt. In Leningrad sind keine Truppen. In Moskau wurden zwei Menschen bei Auseinandersetzungen getötet. Es wird ein politischer Generalstreik angestrebt. Die Leitung ist streng kommunistisch. Die Auslandshilfe ist eingestellt.
„Radio Rußland“ sendet illegal. Acht Mitglieder der Provisorischen Regierung flohen nach Kirgisien. Die Sitzung des Obersten Sowjets wird direkt übertragen. Der KGB (das Komitee der Staatssicherheit) will dies verhindern.
Der Arzt Gorbačëvs, sagt, Gorbačëv habe keine gesundheitlichen Probleme. Er wurde wieder zur Krim gebracht.
Im Obersten Sowjet wird bei einer Debatte gesagt: „Am 18. August war Gorbačëv noch gesund. Er hat weder eine schriftliche noch eine mündliche Rücktrittserklärung gegeben.“
Ruslan Imranovič Chasbulatov, Vorsitzender des Obersten Sowjets Rußlands (Parlamentspräsident), bedankt sich bei Boris Elʼcin, daß er den Putsch niedergeschlagen habe.
Donnerstag,
22. August 1991
13 Grad Celsius, Regen. Im Verlaufe des Tages steigt die Temperatur auf 19 º.
Gorbačëv ist wieder in Moskau.
Nachruf Erzpriester Konstantin
Erzpriester Konstantin Ivanovič Vasilʼev wurde 1928 in Volgograd geboren. Zu Beginn der 1960er Jahre studierte er an der Geistlichen Akademie Leningrad. Seine Frau ist in Odessa geboren. Seit 1969 ist er Kirchenvorsteher in Vologda. Er starb am 5. Juli 2010.
Er sagt unserer Gruppe: „Die Liebe ist das Fundament der Gemeinschaft. Unsere Freunde scheuten weder die Entfernung noch den Zeitaufwand, um zu uns zu kommen. Gottes Segen sei immer bei Ihren Angelegenheiten!“
Pfarrer Martin Bauer antwortet: „Als damals durch Judasʼ Verrat ein Platz unter den Aposteln frei wurde, gab der Heilige Geist den Rat, wie wieder die Zahl von zwölf Aposteln erreicht wird. So wurde durch das Los Matthias gewählt. Wir vertrauen darauf, daß Gott uns aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten helfen wird. Wir haben mit bewegtem Herzen die Ereignisse der letzten Tage verfolgt.“
Vater Konstantin: „Ihr habt beim gemeinsamen Segen zwischen Katholiken, Evangelischen und Orthodoxen eine gemeinsame Sprache gefunden. Die Heiligen verbinden uns durch die Feste, die wir zu ihrem Gedenken feiern.“
Neben der Kirche wird im Winter wieder die Sonntagsschule eröffnet, um Kindern Religionsunterricht zu erteilen.
In Vologda ist seit einem Jahr das Geistliche Seminar tätig. Es hat jetzt 25 Studenten. Gelehrt werden Neues und Altes Testament, Kirchengeschichte und Liturgiewissenschaft. Dort werden Priesteramtskandidaten, Lehrer für die Sonntagsschule und Kantoren ausgebildet.
An jedem Sonnabend um 14.00 Uhr läuten die fünf Glocken der Sophienkathedrale den Sonntag ein. Zum Schluß spielen alle Glocken der Stadt die alte Zarenhymne: «Боже, царя храни» (Gott, schütze den Zaren).
Vater Konstantin: „Die Sophienkathedrale wurde zur Benutzung angeboten, aber sie ist eine unbeheizbare Sommerkirche, die nur anderthalb Monate im Jahr gebraucht werden kann. Zur Restaurierung sind viele Millionen Rubel notwendig. Vielleicht tun wir es in absehbarer Zeit. Neben der Kirche wird ein Haus gebaut, in dem Proben des Kirchenchores und andere gemeindliche Zusammenkünfte stattfinden können. Dort ist eine Prosphorenbäckerei (eine Bäckerei für das liturgische Brot). Auch können dort Synoden stattfinden.
Der Priester muß den Gläubigen alles beibringen. Die wenigsten wissen, wie man das Kreuzzeichen macht. An den Wänden der Kirche hängen als Hilfe zur Katechese (Glaubensunterweisung) Tafeln mit dem Text des Vaterunsers und des Glaubensbekenntnisses. [Das wäre auch bei uns notwendig!]
Erwachsene werden nicht durch Untertauchen, sondern durch Übergießen mit Taufwasser getauft. In Kostroma gibt es ein Taufbecken, das so groß wie ein Schwimmbecken ist. Im vorigen Jahre wurden an manchen Tagen bis zu 200 Menschen getauft. Die russischen Priester lieben das Wasser und spenden es reichlich. Kinder werden gleich nach der Geburt getauft, während die Mutter noch im Wochenbett liegt. Die Taufpaten (крёстные) bringen das Kind zur Kirche.
Früher gab es Ärger, wenn Kinder getauft wurden. Der Paß wurde registriert und die Taufe wurde an den Arbeitgeber gemeldet.“
„Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet“, so heißt es im Markusevangelium 16, 16. In der Fassung Vater Konstantins lautet dieser Satz: „Wenn ihr glaubt, dann laßt euch taufen!“
Die Kirche des heiligen Andreas, des Erstberufenen, in Frjazinov (Vologda) wurde 1660 bis 1670 erbaut. Es ist eine Unterkirche = Winterkirche. Im oberen Stockwerk ist die gewaltige, sehr hohe Verklärungskirche, die Sommerkirche.

Pfarrer Krischer stiftet Vater Grigorij eine Gottesmutterikone für dessen Andreaskirche, Photographie von H. M. Knechten
Die Sänger im Kirchenchor erhalten sechs Rubel pro Liturgie, die professionellen Sänger acht, für lange Gottesdienste gibt es zehn Rubel.
Erlöser-Kamennyj-Kloster vom See aus
Das Erlöser-Kamennyj-Kloster (Спасо-каменный монастырь) liegt auf der Kamennyj-Insel im Kubena-See (Gebiet Vologda). Es wurde 1260 gegründet und 1478 durch einen Brand verwüstet. 1481 erstand die Kathedrale, die aus Stein gebaut war.
Die Vologdaer Butter hat wegen der Zufügung von Kräutern einen Geschmack nach Walnüssen. Sie wird auch Süße Petersburger Butter genannt.
Wir besuchen eine Schneiderin für Damenkleidung. Xenia kauft eine Bluse mit Strickmuster für 250 Rubel. Ein Kleid kostet 1000 Rubel. Weder die Farben noch der Schnitt oder die Muster entsprechen dem, was zurzeit in Deutschland beliebt ist.
Pfarrer Krischer kommentiert: „Ich habe selten etwas Bizarreres erlebt. Da könnte man einen Einakter von Jonesco mit dem Titel: Der Einkauf draus machen. Da bräuchte man das nur eben so aufzuschreiben, wie es war.“
Am anderen Flußufer befindet sich die Kirche des heiligen Chrysostomus, aus dem Jahre 1664.
Nikolauskirche
(Церковь св.
Николая в
Владычной
слободе)
Die Nikolauskirche aus dem 17. Jahrhundert hat braune Kuppeln. Dies liegt daran, daß das Metall oxydiert und einen bräunlichen Farbton annimmt. Von der Symbolik her bedeutet die Farbe Braun die Erde und die Vergänglichkeit.
Kirche des heiligen Dimitrij von Priluki (Церковь св. Димитрия на Наволоке), 1710f erbaut, Sommerkirche.
Eliaskirche (1698) im Eliaskloster
Männerkloster des heiligen Elias aus dem 17. Jahrhundert mit der Eliaskirche und der Kirche, welche dem heiligen Varlaam von Chutynʼ geweiht ist. Er ist Schutzpatron der Stadt Vologda. Dieses Kloster wird der Kirche übergeben werden.
Varlaamkirche (1780) im Eliaskloster
Ein Lastwagen hat sich im Schlamm festgefahren („General Schlamm“, weil er den Straßenverkehr regelt). Der Fahrer kommt frei, fährt aber in die gleiche Schlammgrube zurück und versucht jetzt, wieder loszukommen, indem er Sand vor die Reifen streut. – Ist das ein Symbol für die aktuelle Situation Rußlands?
Die meisten Teile der Armee haben den Putsch nicht unterstützt. Ein Leutnant sagt um die Mittagszeit: „Man muß die Streitkräfte neu organisieren.“
Der Lette Boriss Pugo (Boris Karlovič Pugo) wurde am 11. Dezember 1990 Innenminister der Sowjetunion. Nach seinem erfolglosen Putsch gegen Gorbačëv erschoß er sich heute, am 22. August 1991, bei der versuchten Festnahme.
Vladimir Aleksandrovič Krjučkov (1924-2007) war seit 1971 in der Auslandsaufklärung des KGB tätig. 1988 wurde er Vorsitzender des KGB. Er war am Putsch beteiligt, wurde inhaftiert, kam im Januar 1993 frei und wurde im Februar 1994 amnestiert.
Im Radio ist enthusiastisch von der Rettung Rußlands die Rede. Rufe ertönen: „Ро-сси-я, Ро-сси-я!“ (Ruß-land, Ruß-land). Es sei notwendig, die russische Armee zu kontrollieren.
Im „Russischen Fernsehen“ werden alte Fahnen aus der Zarenzeit geschwenkt. Sie sind weiß-blau-rot.
Gorbačëv sagt: „Dies ist eine schwere Zeit. Man hielt mich siebzig Stunden lang gefangen. Es ist erstaunlich, wie leicht in unserem Staat am Präsidenten und am Parlament vorbeigehandelt werden kann. Die Schuldigen werden bestraft werden.“
Elʼcin sagt: „Das Volk hat die Demokratie gerettet. Der Platz, auf dem viele zusammengeströmt sind, wird Platz der Freiheit Rußlands heißen.“
(Boris Elʼcin hatte sich im Weißen Haus, seinem Regierungsgebäude verschanzt und wurde von der Bevölkerung Moskaus geschützt.)
Freitag,
23. August 1991
Gedenktag des heiligen Martyrers und Erzdiakons Laurentius
Eléna Vasílʼevna Glínskaja, seit 1526 die 2. Frau Vasilijs III. und 1533-1538 während der Minderjährigkeit ihres Sohnes Ivans IV. Regentin von Rußland, machte gern Pilgerfahrten zum Kloster des heiligen Kirill vom Weißen Meer. Peter der Große gehörte 1722 zu den Pilgern dieses Klosters. Allerdings beorderte er die besten Handwerker, die er dort vorfand, nach St. Petersburg, um seine Stadt aufzubauen und zu schmücken.
Der Staat baute in den letzten Jahren für dreißig Millionen Rubel eine Straße zu diesem Kloster, um die Gegend touristisch zu erschließen.
Nikolaus der Wundertäter ist Patron des Russischen Landes.
„Der Mönch betritt als Erster das Himmelreich.“
Kirill und Ferapont, Schüler des heiligen Sérgij von Rádonež, gründeten neunzig Klöster.
Das Kloster am Weißen See wurde 1397 vom heiligen Kirill gegründet. Die von ihm erbaute kleine Klosterkirche wurde später nachgebaut. Er war Mönch im Moskauer Simonkloster gewesen. Von Moskau aus wurde der Bau dieses Klosters unterstützt. Es ging um die Expansion nach Norden und gleichzeitig um die Unterdrückung der ehemaligen Einflußsphäre Novgorods. Das Kloster hat gewaltige Befestigungsanlagen, wirkt aber nicht bedrückend, sondern angenehm.
Kirill regierte mit eiserner Hand. Er verjagte aus dem Kloster die Störenfriede, Abtrünnigen und Ungehorsamen. Dabei ging er so weit, daß er zu mehr Duldsamkeit gemahnt werden mußte.
· Der heilige Kirill hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die Erfüllung aller seiner Wünsche der Allreinen Gottesgebärerin zu überlassen. Diese ließ seine Bitten nie unerfüllt (Konrad Onasch, Altrussische Heiligenleben, Berlin 1977; Wien 1978, 252).
· „Jeder bewunderte schweigend Kirills Liebe zur Weisheit.“ (Onasch, Heiligenleben, 256).
Dionisij schrieb (malte) die hiesige Kirillikone, die in der Ikonostase der Entschlafenskathedrale ist.
Das Kirillkloster vom Siversee aus
Das Kloster liegt am Siversee (Сиверское озеро). Der Name kommt aus dem Finnischen und bedeutet Tiefer See (Süvä järv).
Der Heilige wird Kirill vom Weißen See (Кирилл Белозерский) genannt, weil diese Gegend so benannt wurde (nicht zu verwechseln mit dem Weißen Meer im Norden Rußlands). Kirill lebte von 1337-1427. Über der Höhle, in welcher er zu meditieren pflegte, wurde Anfang des 18. Jahrhunderts ein großes Holzkreuz errichtet, das von allen Seiten abgeschabt ist, weil die Gläubigen die Holzspäne als Mittel gegen Zahnweh verwendeten.
1497 wurde die Entschlafenskathedrale erbaut. Die Kathedrale wurde oftmals umgebaut. Sie ist einfach konzipiert, zeigt aber dennoch Pathos. Sie hat Wandbilder von 1641, die übermalt wurden.
Vor dem Sterbebett Mariens steht ein Weihrauchgefäß, das Symbol der Vergänglichkeit des menschlichen Körpers ist und zugleich den Verwesungsgeruch überdeckt.
Russische Handspindel, Museum Belgorod

Weihrauchgefäß (links) und Handspindel (rechts). Auf den unteren Teil der Handspindel setzt sich die Spinnerin, um das Gerät zu fixieren. Mit dem oberen Teil wird der Faden gezwirbelt (gesponnen).
Neben dem Kuttenturm wuschen die Mönche ihre Kutten im See.
Der Fischerhausturm steht in der Nähe des Fischerhauses.
Kirche der Einführung der allheiligen Gottesgebärerin in den Tempel von 1519.
Johanneskirche (1531-1534) im Johanneskloster
Kirche des heiligen Sergij von Radonež im Johanneskloster mit angegliedertem Refektorium, 1560 und 1594
In diesem Kloster des Vorläufers Johannes wurden Kupferkessel geschmiedet.
Bast ist das Gewebe unter der Borke von Bäumen, das Nährstoffe transportiert. In Rußland wird Bast meist von schnellwachsenden Birken gewonnen. Bastschuhe zeichnen sich dadurch aus, daß sie wasserresistent sind. Allerdings läuft sich die Sohle bald durch; pro Jahr und pro Person werden zwanzig Paare benötigt. Die Mönche konnten Bastschuhe flechten. Daher stellte der Verkauf von Bastschuhen einen wichtigen Erwerbszweig des Klosters dar.

Bastschuhe
Holzkirche der Gewandniederlegung der allheiligen Gottesgebärerin aus dem Dorfe Borodava, 1485.
Acht Kilometer vom Kirillkloster entfernt ist das Einsiedeleikloster (пустыня) des heiligen Nil von der Sora, zu dieser Zeit als psychiatrisches Heim genutzt. Auf einer späteren Reise werde ich es besuchen. Das Flüßchen Sora ist ein fast stehendes Gewässer.
· Russische orthodoxe Klöster heute, herausgegeben von Redakteuren der Zeitschrift „Glaube in der Zweiten Welt“, Zollikon 1980. – Als Erste Welt wurde damals Europa und Nordamerika bezeichnet, als Zweite Welt die Sowjetunion und als Dritte Welt die sogenannten Entwicklungsländer.
Sieben Kilometer vom Kirillkloster entfernt befindet sich das Frauenkloster der heiligen Auferstehung Christi in Goricy (Горицкий Воскресенский монастырь), nicht zu verwechseln mit dem Gorickijkloster (Горицкий Успенский монастырь) in Pereslavlʼ-Zalesskij, das ich auf einer späteren Reise besuchte. Ersteres wurde 1544 errichtet, zugleich mit seiner Auferstehungskathedrale.
Die Dreieinigkeitskathedrale des Auferstehungsklosters in Goricy im Jahre 1909
Schrein der heiligen Evrosinija (1569 ermordet) und Julianija in der Dreieinigkeitskathedrale, Photographie aus dem Jahre 1909
Die Kirche Mariä Schutz und Fürbitte (Покров) wurde 1832 erbaut. Dort befanden sich die Zellen für die Kranken mit der kleinen Kirche des heiligen Johannes des Vorläufers.
Der heilige Ferapont, Ikone des 17. Jahrhunderts
Ferapont gründete 1398 dieses Kloster. Die Kathedrale (1490) folgt Vorbildern in Pleskau (Pskov). Die Fresken und die Ikonostase, welche Dionisij mit seinen Söhnen 1500-1502 schuf, sind das Hauptwerk der Moskauer Wandmalerei dieser Zeit. Sie entsprechen dem Hofstil, haben eine festliche Farbigkeit, wirken räumlich und haben vielteilige Szenen. Die Körper sind überlängt. Dies betont die Jenseitigkeit der dargestellten Personen.
Zu sehen ist das Lob (похвалá) der allheiligen Gottesgebärerin, außerdem die Konzilien, auf denen ihre Verehrung definiert wurde. Auch Heilige sind abgebildet.
Kathedrale Mariä Geburt (1490), Sommerkirche, Restauration seit zehn Jahren. In ihr war eine Ikone der Dreieinigkeit von 1530, jetzt im Refektoriumsmuseum. Ebenso Daniil der Säulensteher, 16. Jahrhundert. Er hält in den Händen eine Schriftrolle, sein Lebensgeheimnis oder sein Auferstehungsleib, da sich die Ikone im Unterfeld der Verklärung Christi befindet.
Es wird manchmal behauptet, Ikonen seien statische Gemälde. Wer aber genau hinschaut, wird eines besseren belehrt: Bei der Darstellung der Verklärung fliegt Jakobus eine Sandale weg: „Der Geist weht, wo er will“ (Johannesevangelium 3, 8).
Krankenhauskirche des heiligen Evfimij, 1646. Mönchszellen aus dem 17. Jahrhundert.
Kathedrale Mariä Geburt, Dionisij, heiliger Wundertäter Nikolaus (1592)
Im 16. Jahrhundert kommen alttestamentliche Szenen und apokryphe Legendenstoffe hinzu. Visionen aus der Apokalypse (Geheime Offenbarung) entsprachen der Zeitströmung.
Der Hauptrang (чин) der Ikonostase stellt die Deesis (δέησις – Fürbitte) dar: Der Wiederkehrende Christus und Johannes der Evangelist sowie die Gottesmutter, die bei Ihm Fürsprache für die Menschheit einlegen. Es folgen Michael und Gabriel, Petrus und Paulus sowie Johannes Chrysostomos.
Dieser Hauptrang war das erste Element in der ursprünglichen Chorschranke (cancelli), die 17 Ikonen umfaßte. Einige von ihnen wurden in Museen Moskaus und St. Petersburgs verbracht.
Die Ikonostase des Ferapontovklosters wurde gleichzeitig mit den Fresken der Kirche in den Jahren 1500 bis 1502 von Dionisij und seinen Söhnen geschaffen.
Im Altarraum wird statt des Letzten Abendmahles der Große Einzug mit den Gaben von Brot und Wein dargestellt.
Ikone der heiligen Ferapont und Martinian, 18. Jahrhundert, Kirillkloster. Martinian war Schüler Kirills vom Weißen See und Nachfolger Feraponts. 1408 verließ dieser das von ihm gegründete Kloster, um das Kloster der Geburt der allheiligen Gottesgebärerin bei Možajsk zu gründen. Martinian starb 1483 und wurde Mitte des 16. Jahrhunderts kanonisiert. Um 12.00 Uhr mittags fällt ein Sonnenstrahl durch ein Fenster auf seinen Sarkophag. Während der sowjetischen Zeit war dieses Fenster zugemauert.
Die Sommerkirche des heiligen Martinians, 1640f erbaut. 1502 schuf Dionisij Fresken in dieser Kirche, die später durch Stuck und Übermalung verdeckt, jedoch 1930 wieder freigelegt wurden. Dionisij stellte Martinian ohne Heiligenschein dar, da er zu diesem Zeitpunkte noch nicht kanonisiert war. Über der Königstüre steht: Безсмертная трапеза (Das Abendmahl der Unsterblichkeit). Hier ist der selige Galaktion vom Weißen See, Tor um Christi willen († 1506), begraben.
Torturmkirche der Theophanie und des heiligen Ferapont, 1649 erbaut. Patriarch Nikon war zunächst hierhin verbannt. Hier feierte er Liturgie und betete das Stundengebet. Er durfte nicht am Gottesdienst der Mönche in der Kathedrale Mariä Geburt teilnehmen. Die Torkirche hat zwei Zeltdachtürme, wie das Heilige Tor im Kloster der Gewandniederlegung in Suzdalʼ. Im 17. Jahrhundert waren reizvolle Doppelformen üblich.
Im September 1990 haben die Gläubigen diese Kirche vom Staat zurückerhalten. Es darf in ihr wieder Liturgie gefeiert werden. Der Priester lebt in der Nähe des Klosters. Über der Königstüre ist Christus der Allherrscher (Pantokrator) dargestellt, im grünen Oval der Mandorla, darin ist das rote Rechteck. Nikolaus der Wundertäter in der rechten Apsis, gut erhalten. Illustration zu: „Ich bin der wahre Weinstock“ (Joh 15, 1). Christus, die Gottesgebärerin, Johannes der Vorläufer und die zwölf Apostel. Gemalt von Mönch Aleksandr und seinen Schülern. Die Bilder wurden nie übermalt, weil das Kloster arm war und sich so etwas nicht leisten konnte!

Pantokrator
Der Glockenturm aus dem 17. Jahrhundert hatte früher eine helmartige Kuppel.
Verkündigungskirche, 1530f, mit dem überaus großen Refektorium
Das Einnahmenbuch des Klosters weist reiche Spenden auf, die von Gebern wie Ivan IV., den Familien Šeremetev, Šujskij und Godunov, aber auch den Bischöfen von Novgorod, Vologda und Rostov stammen. Dies zeigt, wie hoch im Rang dieses Kloster im 16. Jahrhundert stand.
Das Ferapontkloster verfügte über zweihundert theologische, medizinische und astronomische Handschriften, die in der Saltykov-Ščedrin-Bibliothek in Leningrad aufbewahrt werden (heute: Russische Nationalbibliothek in St. Petersburg). Schreiber waren Martinian, Spiridon, Filofej, Paisij, Matfej und Efrosin.
In den Nachrichten hören wir, daß Gorbačëv allen dankt, die ihr Leben für die Rettung der Demokratie riskiert haben. Elʼcin sagt: „Wie haben den stalinistischen Putsch niedergeschlagen.“ Eine neue Konstitution soll ausgearbeitet werden.
Anatolij Ivanovič Lukʼjanov (1930-2019) war Mitinitiator des Augustputsches 1991 gegen Gorbačëv. Er bezichtigte Gorbačëv als Anführer des Putsches. Er und seine Mitverschwörer, der Verteidigungsminister Marschall Dmitrij Timofeevič Jazov (1924-2020), der KGB-Chef Vladimir Aleksandrovič Krjučkov (1924-2007) und der Ministerpräsident Valentin Sergeevič Pavlov (1937-2003) wurden zu Haftstrafen verurteilt, jedoch 1993 amnestiert.
Gorbačëv hatte Vizepräsident Gennadij Ivanovič Janaev (1937-2010), den KGB-Chef Krjučkov und Innenminister Pugo selbst ernannt, doch sie isolierten ihn, um die Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrages zu verhindern.
Nursultan Äbischuly Nasarbajev, 1990 bis 2019 Präsident von Kasachstan, sagt: „Wir wollen aus der Kommunistischen Partei der Sowjetunion austreten und eine eigene Partei bilden.“ Am 16. Dezember 1991 erklärt Kasachstan seine Unabhängigkeit.
In den Nachrichten im Fernsehen wird eine Neustrukturierung der Armee und des KGB gefordert, außerdem ein Mehrparteiensystem im Parlament und eine Neuorientierung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion.
Die Zeitung Roter Stern (Красная звезда) von heute: „Die Entscheidungen des Staatskomitees für den Ausnahmezustand (Государственный комитет по чрезвычайному положению) sind aufgehoben. Alle Mitglieder des Gkčp sind ihrer Ämter enthoben. Der Generalstaatsanwalt der Sowjetunion macht ihnen den Prozeß. Michail Alekseevič Moiseev (1939-2022) wird neuer Verteidigungsminister, Leonid Vladimirovič Šebaršin (1935-2012) neuer KGB-Vorsitzender und Vasilij Petrovič Trušin (1934-2006) für einen Tag (22. bis 23. August 1991) neuer Innenminister.
Samstag 24.
August 1991
Die Andreaskirche empfängt mich mit lustigem Geläute ihrer zwei neuen Glocken. Ich nehme an der Liturgie teil. Anschließend wird der Gottesgebärerinakathist gesungen. Es folgt eine Wasserweihe und eine Panychida, da heute der entschlafenen Eltern gedacht wird. So ist der ganze Vormittag mit Gottesdienst ausgefüllt. Als das Evangelium gelesen wird, stellt sich eine ältere Dame unter das Evangeliar, die übrigen rücken im Halbkreis sehr nah heran, senken das Haupt und stellen sich gleichsam unter das Evangelium.
Eine Frau sagt zu mir: Молодец! Wie gut Sie doch das Kommuniongebet können! (Верую и исповедую – Ich glaube und bekenne). Sie wünscht mir herzlich Gottes Segen. – Молодец ist der Pfundskerl, der Prachtkerl. Dieses Wort wird gebraucht, um „gut gemacht!“ auszudrücken.
Der Priester ermahnt die Frauen, dafür zu sorgen, daß die Kinder das Taufkreuz tragen, „denn es ist das Kreuz unserer Erlösung“.
Er bittet sie, beim Иже херувимы (beim Cherubinischen Lobgesang) Милость мира (Erbarmen des Friedens), also bei den Höhepunkten der Liturgie, nicht soviel Krach zu machen.
Er fragt: «Понятно?» (Ist das klar?) Eine Frau antwortet: „Sie haben in allem vollständig recht.“
Unsere Reisegruppe konnte unterdes ihre geplante Bootsfahrt nicht durchführen und hält sich beim Vologdaer Kremlʼ auf. Sie besichtigt noch einmal die Sophienkathedrale. Dann folgt ein Geschäftsbummel.
Um 14.00 Uhr läuten die Glocken der Sophienkathedrale den Sonntag ein. Jedes Fest und jeder Gedenktag hat eigene Melodien, „wandernde“, dezente, feierliche und jubelnde.
Im Ikonenmuseum sehe ich die Muttergottes des Zeichens (знамение), 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, in dem von Dionisij von Glušica gegründeten Kloster im heutigen Kreis Kadnikov, nach den Kiefern (сосна) bei der Einsiedelei des heiligen Dionisij Sosnoveckij-Kloster genannt. „Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben“ (Jesaja 7, 14). Dieses Zeichen ist die Geburt des Messias. Er ist vorgeburtlich dargestellt.

Ikone Muttergottes des Zeichens

Teil eines Frauengürtels, Ende des 18. Jahrhunderts
Kreuzabnahme, Anfang des 16. Jahrhunderts aus dem Kloster des heiligen Kornilij von Komëla, 50 km von Vologda entfernt:
Joseph von Arimathäa steht oben auf der Leiter und hält den Leib Christi, Maria umarmt ihren toten Sohn, Wange an Wange (süß küssend, γλυκοφιλοῦσα), sie schaut ihm in die gebrochenen Augen, unten zieht ein Jünger mit einer Zange die Nägel aus den Füßen, Johannes steht daneben und hat die Hände schaudernd erhoben, der linke Arm Christi hängt schlaff herab, Maria Magdalena küßt seinen rechten Arm, dahinter vier Frauen, weinend die eine, während sie sich ihren Schleier vor den Mund hält, die andere schaut niedergeschlagen, die dritte ist starr ob des Anblickes und die vierte ist entsetzt. Unter dem Kreuz ist der Schädel Adams: „Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1. Brief an die Korinther 15, 22). Das Blut Christi schenkt Adam (dem Menschen) neues Leben. Rechts und links über dem Kreuz ist je ein Engel, der sich schaudernd das Angesicht verhüllt.
Ikone der Gottesmutter von Kazanʼ, Anfang des 17. Jahrhunderts, aus dem Erlöser-Priluki-Kloster. Viel ausdrucksstärker als die anderen Ikonen dieses Typus, die ich bisher gesehen hatte.
Ikone der Muttergottes von Tolga, 14. Jahrhundert: Diese Ikone hat Ausstrahlung.
Im Geschichtsmuseum gibt es eine Ikone der Begegnung (сретение), der der Darbringung Jesu im Tempel, aus dem 16. Jahrhundert ohne Herkunftsangabe. Joseph bringt als Opfergabe der Armen zwei Tauben dar, Maria hat ihre Hände vor die Brust erhoben, ihr Angesicht ist schmerzerfüllt. Sie hört die Weissagung Symeons: „Deine Seele wird ein Schwert durchdringen“, Lukasevangelium 2, 35. Sie bringt ihren Sohn dem Tempel dar, das heißt, übergibt ihn dem Allerhöchsten. Symeons Sehnsucht und Erwartung hat sich erfüllt; „Nun entlässest Du, Herr, Deinen Diener in Frieden, wie Du gesagt hast; denn meine Augen haben das Heil geschaut, das Du allen Völkern bereitet hast“, Lukasevangelium 2, 29-31. Das Alter hat ihn gebeugt, doch seine Hoffnung hat sich erfüllt. Anna wird gar nicht alt dargestellt. Sie steht dahinter. Sie kennt das Geheimnis der Frohbotschaft; denn sie trägt die Schriftrolle in ihrer rechten Hand, mit der linken macht sie die Segens- und Bekenntnisgebärde. Sie tanzt buchstäblich vor Freude.
Über Nil von der Sora finde ich im Geschichtsmuseum nichts, wohl über Kirillov und den Feldzug Napoleons nach Moskau sowie den anschließenden Sieg über ihn.
Das Deckenfresko in der Sophienkathedrale zeigt die Verklärung Christi. Die Jünger sehen wie hingemäht aus, entwurzelt vom Sturme des Geistes, „umgehauen“. Ihre Gewänder flattern heftig. Christus dagegen ist in absoluter Ruhe. Er sendet drei Strahlen nach unten aus und deutet damit die Dreieinigkeit an. Sein Leib ist leuchtend weiß. Moses (Gesetz) und Elias (Prophetie) neigen sich zu ihm hin, bringen ihm gleichsam ihre Charismen.
An der Decke ist auch die Himmelfahrt Christi dargestellt. Christus ist als Pantokrator (Allherrscher) am Himmel, Maria als Symbol der Kontemplation in der Mitte der unteren Hälfte, links und rechts von ihr zwei Engel in weißen Gewändern, daneben am Rand links und rechts je sechs Apostel. Maria ist der Ruhepol. Das Leben der Kirche beginnt. Sie schaut hinauf zu Christus, ihre Rechte ist geöffnet nach oben, ihre Linke ruht am Herzen. „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und sann darüber nach“ (Lukasevangelium 2, 19).
Kirche Mariä Schutz und Fürbitte am Markt (на торгу), 1778-1780 errichtet.

Vologda, Erzpriester Aleksandr in seiner Kirche mit Gläubigen, Photographie von H. M. Knechten
Außerhalb der Stadt Vologda gibt es das Café und Restaurant „Gemütlichkeit“ (уют), Sudoremontnaja ulica 44 (Schiffsreparaturstraße 44). Es existiert noch heute als „Bankettsaal“. 1990 wurde dieses Gebäude von privater Hand umgebaut, saniert und dann eröffnet.
Wir verleben dort einen Abend mit Erzbischof Michail (Mudʼjúgin; 1912-2000). Er war von Januar bis September 1930 inhaftiert, weil er an einer Jugendgruppe um Pastor Kurt Muss (geboren 1896, erschossen 1937) teilgenommen hatte. 1966 wurde er Bischof von Tichvin, 1968 von Astrachanʼ und dort 1977 zum Erzbischof erhoben. Von 1979 bis 1993 war er Bischof von Vologda. Er war der dienstälteste Bischof der Sowjetunion.
Er spricht gut Deutsch. Er hatte als Ingenieur gearbeitet, in Leningrad Deutsch gelernt und technische Bücher aus dem Deutschen ins Russische übersetzt.
Er ist bei der Theologischen Akademie Leningrad Professor für Liturgik.
Seine Sekretärin Svetlana Nikolaevna Tetjúševa wohnt im Zentrum St. Peterburgs (ulica Dzeržinskogo 32, Wohnung 108). In der Verfolgungszeit hatte man sie nach Novosibirsk deportiert, um ihr die Kirchlichkeit auszutreiben. Sie starb im Jahre 2005.

Pfarrer Martin Bauer, Erzbischof Michail (das Kreuz auf seiner Kamilavka zeigt an, daß er Erzbischof ist) und Erzpriester Aleksandr, Photographie von H. M. Knechten
Ein Bischof wird folgendermaßen begrüßt: Verneigung bis zur Erde, wobei die rechte Hand den Boden berührt, dann die rechte Hand in die linke legen, der Bischof segnet, und anschließend seine Hand küssen. Die Anrede ist „Herr“ (владыко, δέσποτα). Ein Erzbischof wird mit ваше сиятельство (Euer Durchlaucht) angeredet. Der deutsche Begriff „Durchlaucht“ gibt genau den slavischen Wortsinn wieder, wörtlich: Ihre Leuchtendheit (perillustris – sehr strahlend).
Die Arnoldshainer Gespräche waren nach 1945 theologische Dialoge zwischen unierten, reformierten und lutherischen Landeskirchen der Evangelischen Kirche Deutschlands, um sich im Verständnis des Abendmahles näherzukommen.
Von 1959 bis 1990 fanden „Arnoldshainer Gespräche“ in Arnoldshain und Zagorsk (Sergiev Posad) statt, um das Verhältnis zwischen Evangelischer und Russisch-orthodoxer Kirche zu klären. Erzbischof Michail war vom dritten dieser Gespräche bis zum 12. dabei.
Erzbischof Michail erzählt, daß die Eparchie Vologda früher 22 Klöster hatte, jetzt nur noch ein Kloster. In vier Kirchen wird Liturgie gefeiert, zwei werden demnächst eröffnet. Im Russischen sagt man: «Эта церковь работает» (Diese Kirche arbeitet).
„Das Interesse an der Orthodoxen Kirche vom Ausland her ist für uns neu. Es ist etwas sehr Schönes.
Es gibt viele Taufen, viele Menschen interessieren sich für die Kirche. Ich bin hier seit dreißig Jahren Erzbischof.
Das Wichtigste für den Christen ist das geistliche Leben. Die wichtigste Aufgabe der Kirche ist, die Menschen zu Gott zu führen.“
Pfarrer Bauer: „Von Jahr zu Jahr erleben wir, wie sich die Dinge in Rußland zum Besseren wenden. Jetzt können die Menschen ohne Furcht den Weg zum Glauben suchen.
In der großen Krise der letzten Tage haben wir wieder gelernt, daß Gott hilft.
Sie sind eine der Personen des Gespräches zwischen evangelischen Christen und der Orthodoxen Kirche.“
Als Geschenk überreichte Pfarrer Bauer Herrn Erzbischof Michail folgende Bücher:
· Tausend Jahre zwischen Rhein und Wolga. Gedanken und Beiträge zum besseren deutsch-russischen Verständnis, herausgegeben vom Ostkirchenausschuß der Evangelischen Kirche in Deutschland, Hannover 1987.
· Tausend Jahre zwischen Wolga und Rhein, Internationales Symposion zum Millennium der Taufe der Rusʼ, Regensburg 1987, herausgegeben von Albert Rauch, München 1988.
Da Erzbischof Michail für die Eparchie Vologda und Velikij Ustjug zuständig ist, schenkt er Pfarrer Bauer ein Buch über Velikij Ustjug, das auch ein Interview mit Patriarch Aleksej enthält.
Erzpriester Konstantin sagt: „Christus nannte die Apostel Freunde. („Ich nenne euch Freunde“, Johannesevangelium 15, 15). Es freut mich sehr, bei Ihnen tiefen Glauben zu sehen. Ich höre gern, wie Sie unsere Kirchen besuchten und mit Liebe alles betrachteten. Wie jedes Volk muß auch Ihr Volk ungeteilt sein. So muß die ganze Welt in Christus eins werden. Wenn wir uns in die Augen sehen, nehmen wir die Güte wahr, die Sie ausstrahlen. Wären die Grenzen aufgehoben, könnten die Menschen sich treffen und alle zu einer Familie werden. Mögen wir alle im Frieden Christi eins sein, in Ihm glücklich werden. Das Glück besteht im Glauben an Gott.“
Sonntag,
25. August 1991
Gedenktag der heiligen Photios und Anikita. Der Gedenktag wird wegen der morgigen Abschlußfeier (отдание) des Festes der Verklärung Christi verlegt.
Ich fand das Büchlein mit den Zaubersprüchen, das sich Erzbischof Michail zur Prüfung gewünscht hatte. Auch in Rußland gibt es eine wachsende Zahl von Menschen, welche alte Riten befolgen.
Gorbačëv wendet sich mit einem Aufruf an das Volk: Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion war schuld an dem Putsch, daher soll es sich freiwillig selbst auflösen. Er selber trat vom Amt des Generalsekretärs dieser Partei zurück. Nun kann er radikale Reformen durchführen, da er nicht mehr an die Partei gebunden ist. 32 Leibwächter sind ihm treu geblieben. Er war auf der Krim zur Erholung gewesen. Die Putschisten stellten ihm dort ihre Forderungen.
Elʼcin gilt jetzt als Nationalheld. Gorbačëv hat teilweise mit den Putschisten zusammengearbeitet. Daher wird er von vielen als schuldig bezeichnet.
Die Ukraine erklärt sich zu einer souveränen Republik. Sie will in der UNO eine selbständige Vertretung haben.
In Tula werden Samovare und Waffen hergestellt. Dort hatten die Putschisten 250.000 Handschellen bestellt.
«В Тулу со своим самоваром не ездят» (Man reist nicht mit seinem eigenen Samovar nach Tula.)
Drei Menschen waren bei dem Putsch umgekommen, als ein Panzer sie überfuhr. In Moskau hatten Soldaten auf Zivilisten geschossen.
Pfarrer Bauer sagt: „Verbrenne, was du angebetet hast; bete an, was du verbrannt hast.“ (Dies bezieht sich auf die Wankelmütigkeit menschlicher Entschlüsse.)
Nach dem Zweiten Vaticanum sagten die Westfalen: „Wat wi gistern motten bichten, is vandage use Plichten“ (Was wir früher beichten mußten, ist heute unsere Pflicht). Früher galt es zum Beispiel als Sünde, die Kirche anderer Konfessionen oder das Gotteshaus anderer Religionen zu betreten. Nach dem Konzil gab es dagegen ökumenische Gottesdienste.
Vater Valentin, den wir aus Suzdalʼ kennen, ist jetzt bei der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland Bischof geworden. Diese Kirche gründete auch in Rußland Gemeinden, vereinigte sich aber im Jahre 2007 mit dem Patriarchat Moskau.
Zu den „Starzen jenseits der Wolga“ (заволжские старцы) gehören die Mönche des Kirill- und Ferapontovklosters und ihrer Umgebung, vor allem Nil von der Sora, dessen Schüler Gegner der Richtung Iosifs von Volokolamsk waren, aber auch Paisij (Jaroslavov; † 1501), Vassian (Patrikeev, † nach 1531), Starec German († 1533) und Gurij (Tušin; † 1526).
Eine Eigentümlichkeit der russischen Küche ist es, zum Tee Konfitüre (варение) statt Zucker zu nehmen. Die Konfitüre wird mit einem Löffel auf die Zunge gelegt, sodann wird der Tee getrunken. Manche rühren die Konfitüre auch in den Tee ein.
Kostromá liegt dreihundert Kilometer nordöstlich von Moskau, am Zusammenfluß der Flüsse Wolga und Kostroma. Die Stadt wurde 1152 gegründet und ist damit fünf Jahre jünger als Moskau. Nach Moskau und Jaroslavlʼ war Kostroma damals die drittgrößte Stadt Rußlands. Sie hat gut erhaltene Handelsreihen, das heißt, vor den Geschäften waren Arkaden. Sie hatte Westeuropa mit feinem Segeltuch versorgt.
Aus Kostroma stammen:
· Fjódor Grigórʼevič Vólkov (1729-1763), der in Jaroslavlʼ das erste russische Theater begründete,
· Bischof Porfírij (Uspenskij), Archäologe, Orientalist und Byzantinist,
· die Ägyptologin Tamara Nikolaevna Borozdina-Kozʼmina (1889-1959) und der
· Bischof von Archangelʼsk und Cholmogory, Tíchon (Stepánov; 1963-2010)
Die Theophaniekathedrale wurde 1776-1791 auf dem Territorium des Kremls von Kostroma im Stile des Spätbarocks erbaut. Sie wurde 1934 zerstört und 2015-2023 wieder aufgebaut. Das Kreuz dieser Kirche wurde während der Verfolgungszeit gehütet. Wäre es entdeckt worden, hätte Lagerhaft gedroht.
Die Theophanie- und Entschlafenskathedrale (rechts), Aufnahme von 1910
Hier ist die Feodorov-Ikone der Gottesgebärerin, verehrt vom Zarenhaus Romanov seit dem ersten Zaren dieser Dynastie, Michail Feodorovič Romanov, der sich seit dem Herbst 1612 im Ipatʼev-Kloster verborgen hatte und am 13. März 1613 zum neuen Zaren gewählt wurde.
Palast der Bojarenfamilie Romanov
Die Ikone stammt aus dem 13. Jahrhundert und gehört zum Typ
Erbarmungsvolle (ἐλεοῦσα, умиление).
Das
Dreieinigkeits-Ipatʼev-Kloster
wurde 1432 zuerst erwähnt. Es spielte eine wichtige Rolle in der Zeit der
Machtkämpfe um den Zarenthron (смутное время – Zeit der Wirren). Es ist
benannt nach dem heiligen Hypátios von Gangra
(Martyrium 325/326). Gangra lag in der Provinz Paphlagonien am Schwarzen Meer (Kleinasien).
In der
Zeit der Wirren war das Kloster zunächst in den Händen der Truppen des Falschen
Dimitrij, der vorgab, Sohn Ivans des Schrecklichen zu sein.
Das Ipatʼev-Kloster
im Jahre 1613,
Lithographie von I. Litvinov aus dem Jahre 1901, nach einer alten Zeichnung
Die
Familie Godunov hat in diesem Kloster eine Begräbnisstätte in der Krypta.
Die Kirche der Geburt
der Gottesmutter, 1934 zerstört, Photographie von S. M. Prokudin-Gorskij aus dem Jahre 1910
Das
Refektorium, die Trapeza, stammt von 1640.
Die Dreieinigkeitskathedrale
des Ipatʼev-Klosters wurde 1650 erbaut. Die
Fresken sind von 1686, der Turm stammt aus dem 17. Jahrhundert.
1891 wurde im Ipatʼevkloster das Museum der Altertümer gegründet. Zum dreihundertjährigen Jubiläum der Zarendynastie Romanov wurde es im Jahre 1913 in Romanovmuseum umbenannt. 1918 wurde es das Heimatmuseum und 1958 das Staatliche Architekturmuseum.
1993 wurde ein Teil des Klosters der Kirche übergeben und 2004 das ganze Kloster.
An der äußeren Klostermauer steht die hölzerne Verklärungskirche aus dem Jahre 1552. Sie stammt aus dem Dorf Spas-Vëži, das heute überflutet ist, und wurde in den 1970er Jahren hierhin versetzt.
Die Kirche der Smolensker Gottesmutterikone wurde 1824-1827 erbaut und nach einem Brand im Jahre 1887 im byzantinischen Stil erneuert. Sie wurde der Kirche am 10. August 1991 zurückgegeben. Sie wird die Kirche eines wiederbegründeten Frauenklosters. Dies ist das Kloster der Theophanie und der heiligen Anastasia. Bischof Aleksandr von Kostroma ist sehr aktiv; daher war die Kirche schnell restauriert.
Der älteste Geistliche der Eparchie Kostroma ist der im Großen Schema lebende Archimandrit Serafim (Borisov), geboren am 14. Januar 1906.
Um 12.00 Uhr beginnt die Prozession (крестный ход), an der wir teilnehmen. Vater Aleksandr ist der erste orthodoxe Priester, der auch mir die Hand küßte, nachdem ich seine Hand geküßt hatte.

Prozession in Kostroma, Photographie von H. M. Knechten
Unsere Reisegruppe nimmt an dieser Prozession teil. Als wir wieder an der Kirche ankommen, gehen Vater Aleksandr und ich kurz hinein, weil Vater Alexander noch sein Köfferchen mit den Utensilien holen muß. Als wir nach einer Minute wieder herauskommen, ist unser Bus weg. Die Gruppe wollte schnell zum Mittagessen ins Hotel. Wir brauchen geraume Zeit, um ein Taxi zum Hotel zu ordern. Als wir im Hotel ankommen, hat die Gruppe schon das Mittagessen beendet und entschuldigt sich damit, daß wir ja noch einmal in die Kirche gegangen wären. Für uns ist keine Zeit zum Essen mehr; denn wir sind bei Bischof Aleksandr von Kostroma zum Gespräch eingeladen.
Er ist der jüngste Bischof der Sowjetunion. Er wurde als Aleksándr Gennádievič Mogilëv am 18. Mai 1957 in Kirov geboren und am 27. September 1989 in der Theophaniekathedrale Moskau zum Bischof von Kostroma und Galič geweiht. 1990 verteidigte er an der Moskauer Geistlichen Akademie seine Dissertation über den Martyrer Nikodim, Erzbischof von Kostroma und Galič (1868-1938), der sein Leben Gott hingegeben hatte (veröffentlicht 2001 in Kostroma). 1990 bis 1993 war er Mitglied des Kostromaer Gebietsrates. 1994 wurde er zum Erzbischof ernannt. 2008 habilitierte er sich an der theologischen Akademie Užgorod mit einer Lebensbeschreibung des Missionars Aleksandr (Kulʼčickij; 1826-1888), veröffentlicht 2012 in Moskau.
Am 5. März 2010 wurde er Erzbischof von Astanajsk und Alma-Ata (Kasachstan). Am 28. Juli 2010 wurde er zum Metropoliten ernannt. 2011 wurde er Mitglied der Ständigen Synode der Russischen Orthodoxen Kirche und 2012 Vorsteher der Friedhofskirche der heiligen Vera, Nadežda und Ljubovʼ sowie ihrer Mutter Sophia (Glaube, Hoffnung, Liebe und Weisheit) in Miusa, Moskau. Immer wieder übernahm er vertretungsweise die Leitung einer verwaisten Eparchie.

Bischof Aleksandr von Kostroma, Photographie von H. M. Knechten
Я
слазал ему: «Я
не шпион
Ватикана!» А
он ответил:
«Хорошо, что
есть юмор.»
(Ich sagte ihm: „Ich bin kein Spion des Vatikans!“ – Und er antwortete: „Gut, daß es Humor gibt.“)
Die Auferstehungskirche bei der mit Holz ausgelegten Straße (на Дебре) wurde 1645-1652 im Auftrage des Kaufmanns Kirill Isakov aus Kostroma erbaut.
Die Verklärungskirche wurde 1685-1688 erbaut. Sie wurde im Jahre 1989 den Altgläubigen übergeben.
Die Kirche der Geburt Christi auf dem Hügel Gorodišče (der Alten Stadt) wurde 1649-1652 erbaut. An dieser Stelle befand sich vorher die hölzerne Kirche des Propheten Elias.
Die Kirche des heiligen Johannes des Theologen (des Evangelisten) beim Ipatʼev-Kloster wurde 1562 erbaut. Das heutige Gebäude stammt aus den Jahren 1681-1687.
Die Fahrt in dieses Dorf war etwas abenteuerlich. Der Bus mußte nämlich über eine kleine Holzbrücke fahren, die nicht besonders vertrauenserweckend aussah. Als das geschafft war, atmeten die Reiseteilnehmer auf.
Unsere Dolmetscherin Olʼga sagt dazu: «В России нет дорог ― только направления» „In Rußland gibt es keine Straßen, es gibt nur Richtungen.“
Das Dorf Sčelykóvo liegt im Kreis Ostróvskoe und im Gebiet Kostroma. In Ostrovskoe (bis 1958: Simënovskoe) gab es zwei Kirchen. Sie wurden 1953 zerstört. Der ehemalige Glockenturm wird als Wachtturm genutzt.

Vater Grigorij in Ostrovskoe, Photographie von Xenia Färber
Vater Grigorij hat zwei Gemeinden. Eine ist zwanzig Kilometer von Ostrovskoe entfernt. Er fährt eine Stunde lang mit dem Autobus dorthin. Dieser Bus fährt fünfmal am Tage.
Früher war hier alle zwölf Kilometer eine Kirche. Die allermeisten davon wurden zerstört.
Porträt Ostrovskijs von Vasilij Perov (1871)

An dieser Stelle pflegte Ostrovskij zu meditieren, Bäume und Sträucher unweit seines Hauses, Photographie von H. M. Knechten
Aleksandr Nikolaevič Ostrovskij wurde am 31. März 1823 in Moskau geboren. 1840 bis 1843 studierte er ohne Abschluß Rechtswissenschaften an der Universität Moskau. Danach arbeitete er in verschiedenen Kanzleien als Schreiber. 1851 kündigte er seinen Dienst und widmete sich ganz der Schriftstellerei. Er verfaßte 47 Theaterstücke, sieben davon zusammen mit anderen Autoren. Er war ein Meister der Komödie, zum Beispiel: „Jeder Kluge macht Fehler“ (1868). In Ščelykovo (Gouvernement Kostroma) hatte er 1867 ein Holzhaus aus dem 18. Jahrhundert erworben.

Ostrovskijs Haus in Ščelykovo, Photographie von Xenia Färber
Er lebte hier 19 Jahre, jeweils von Mai bis September. 19 von 47 seiner Dramen sind mit diesem Ort verbunden. Ostrovskij übersetzte Plautus, Seneca, Terentius, Shakespeare, Cervantes, Calderón de la Barca, Machiavelli, Paolo Giacometti und Carlo Goldoni. Er arbeitete am Wörterbuch der russischen Volkssprache, das als «Опыт волжского словаря» (Abriß des Wolgawörterbuches) betitelt, aber nicht vollendet wurde. Darüber erschien eine Dissertation:
· Костромская диалектная лексика и особенности ее лексикографическое описание в «Материалах для словаря русского народного языка» А. Н. Островского (Das Kostromaer Dialektwörterbuch und die Besonderheiten seiner lexikographischen Beschreibung in den „Materialien für das Wörterbuch der russischen Volkssprache“ von A. N. Ostrovskij), Irina Pavlovna Verba, Dissertation, Orël 2001; Orël 2006. Zugrunde lag: Опыт волжского словаря. Собрание слов, употребляемых на Волге и её притоках – относительно дна, берегов (Abriß des Wolgawörterbuches. Sammlung der Wörter, welche an der Wolga und den Ufern ihrer Zuflüsse sowie in der näheren Umgebung, wörtlich: relativ zum Boden / in Bezug auf dem Grund, angewandt werden).

Denkmal für A. N. Ostrovskij, Photographie von H. M. Knechten
Der Religionsphilosoph Vladímir Sergéevič Solovʼëv (1853-1900) besuchte ihn in Ščelykovo. Gemeinsam schrieben sie Stücke.
Ostrovskijs Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer in Ščelykovo
Ostrovskij starb am 2. Juni 1886 in Ščelykovo. Er ist zwei Kilometer weiter bestattet, auf dem Dorffriedhof von Nikolo-Berežki neben der kleinen Kirche des heiligen Nikolaus des Wundertäters aus dem 18. Jahrhundert.
Im Dorfe gibt es ein Museum über die Lebensweise der Bauern im 19. und 20. Jahrhundert.
Montag, 26.
August 1991
Abschluß (отдание) des Festes der Verklärung Christi, Fest der Leidensikone (Immerwährende Hilfe), Gedenktag des heiligen Tichon von Voronež und Zadonsk (Kirillov/Sokolov) sowie des heiligen Maximos des Bekenners
Man ist damit beschäftigt, die Lage zu analysieren, Folgerungen zu ziehen, Entparteiung (департизация) zu vollziehen. Der Staatliche Rat (совет) für Religion, welcher die Kirche kontrolliert und drangsaliert hatte, wurde aufgelöst. Früher mußte der Bischof dieses Amt um eine Genehmigung bitten, wenn er jemanden zum Priester weihen wollte.
In den verschiedenen fünfzehn ehemaligen Sowjetrepubliken sind ähnliche Prozesse auf je eigene Weise im Gange.
Eine Welt bricht zusammen: „Götterdämmerung“.
Im Ruhrgebiet wird in Krisenzeiten gesagt: „Haltʼ dich dumm, dann geht dich gut!“
Im Vorraum der Nikolauskirche finde ich ein Heft über Beichte und Kommunion:
1.
Sünden gegen Gott (грехи против бога):
Hast du deinen Willen über den Willen Christi gestellt?
Hast du leichtsinnig über den Glauben geredet?
Hast du am Sonntag die Kirche besucht?
2.
Sünden gegen den Nächsten (грехи против ближних):
Wie verhältst du dich deinen Eltern gegenüber?
Hast du sie im Gebet vergessen?
Wie verhältst du dich den Mitgliedern deiner Familie gegenüber?
3.
Sünden gegen sich selbst (грехи против самого себя):
Hast du einmal an Selbstmord gedacht?
Bist du dem Alkoholismus verfallen?
Hast du deine Zeit vergeudet?
Wie gehst du mit den Talenten um, die Gott dir verliehen hat?
Außerdem hängen hier Plakate über den Sinn der Taufe und der Myronsalbung (Firmung).
Die Nikolauskirche gehört dem Moskauer Kleinen Theater. Schauspieler und ihre Familien erholen sich in Kostroma und besuchen auch die Kirche.
In der kleinen Kirche der drei Hierarchen (Basileios der Große, Johannes Chrysostomos und Gregor von Nazianz) halten Hände den Fries der Hauptstütze der Ikonostase:

Sind das die Hände des Allmächtigen, der das All trägt, oder die einer chthonischen Macht? Möglicherweise vermischen sich hier auch beide Vorstellungsbereiche.
Vater Aleksandr Karjagin leitet den Kostromaer Pilgerverein. In Rußland sind nämlich die Pilgerfahrten erneut aufgeblüht. Ziele sind vor allem: die Dreieinigkeits-Sergij-Lavra, das Kiever Höhlenkloster, das Mariä-Entschlafens-Kloster Počaev, Diveevo mit den Reliquien Serafims von Sarov, das Frauenkloster Mariä Schutz und Fürbitte (Покров) in Moskau mit den Reliquien der heiligen Matrjona Nikonova und das Heilige Land, dort besonders Jerusalem, Bethlehem und Nazareth.
Sudislavlʼ wurde 1572 zum erstenmal erwähnt. Die dortige Verklärungskathedrale ist von 1758, die zerstörte Entschlafenskathedrale von 1790. Die Familie Tretʼjakov erbaute an diesem Ort in den Jahren 1840-1860 einen Herrensitz.
Ein Busfahrer muß eine „Korruptionskiste“ mit sich führen. Darin sind „Souvenirs“ und Zigarettenstangen, damit er nicht dauernd (erfundene) Strafen zahlen muß. „Haben Sie die Ampel nicht gesehen?“ Aber da war auf den letzten Kilometern gar keine Ampel.
Die Beschreibung einer Kolchose (eines Kollektiven landwirtschaftlichen Betriebes):
· Fünf arbeiten
· Zehn saufen
· Fünfzehn stehlen.
In dieser Stagnationsperiode sank die Moral.
Dienstag,
27. August 1991
Vorfest des Entschlafens der allheiligen Gottesgebärerin, Gedenktag des heiligen Propheten Michäas, Erhebung der reinen Gebeine unseres heiligen Vaters Feodosij, des Hegumens des Kiever Höhlenklosters.
Die heutigen Izvestija (Nachrichten) schreiben: Gorbačëv gesteht seine Fehler ein. Gibt es heute noch die Kommunistische Partei der Sowjetunion? Elʼcin übernimmt seinen Vorsitz in den Kreisen und Gebieten. Die Ukraine besteht auf ihrer Unabhängigkeit. Litauen kontrolliert wieder die eigene Republik. Die Baltischen Staaten (Litauen, Lettland und Estland) werden von zwölf europäischen Staaten als selbständige Republiken anerkannt.
„Viele unserer hochgestellten Diplomaten erfüllten mit Eifer (с рвением) die Anordnungen der Putschisten.“
Serbien möchte Kroatien am Ausscheiden aus der Föderation Jugoslawiens hindern. Das wird zum Bürgerkriege führen.
Soweit die Nachrichten der heutigen Izvestija.
In der Entschlafenskathedrale des Kremls wird eine Panichida für die während des Putsches Umgekommenen abgehalten, an der Elʼcin und die Abgeordneten teilnahmen.
Am 24. August 1991 nahm sich Marschall Sergej Fëdorovič Achromeev (* 5. Mai 1923) das Leben. In einem Abschiedsbriefe schrieb er, er könne nicht mit dem Zerfall des Systems leben, dem er gedient hatte.

Tragflächenboot, Photographie von Xenia Färber
Anderthalbstündige Fahrt mit dem Tragflächenboot Meteor nach Plës (Pljos). Der Ort wurde 1141 zum erstenmal erwähnt und besitzt seit 1778 Stadtrechte. Er wurde als Festung gegründet. Die Bevölkerung beläuft sich auf 1237 Einwohner.
Plës ist ein gerader Flußabschnitt zwischen zwei Biegungen. Daher hatte die Stadt strategische Bedeutung.
Wir besuchen das Levitanmuseum. Isaak Ilʼič Levitan lebte von 1860 bis 1900. Seine Freunde und Schüler lebten hier.
Er kam als Sohn verarmter jüdischer Eltern zur Welt. Dennoch führte ihn die Atmosphäre im Elternhaus in die Welt des Geistes ein. Er hatte eine schwere Kindheit und Jugend. Nachdem seine Eltern gestorben waren, erhielt er zwar ein Stipendium, mußte aber manche Nächte in den Klassenräumen der Schule verbringen.
1879 mußte er Moskau verlassen, ähnlich wie viele andere Juden, welche nicht mehr in Großstädten leben durften, konnte aber bald zurückkehren. Sein engster Freund wurde der Schriftsteller Anton Čechov.
In seinen Gemälden fing er die Stimmung der Landschaft auf.
Er zog häufig um. Schließlich lebte er wieder in Moskau. Er war herzkrank. Er starb drei Wochen vor seinem vierzigsten Geburtstage.
Mich beeindruckt vor allem sein Bild Zur ewigen Ruhe (Над вечным покоем) aus dem Jahre 1894. Ebenso spricht mich sein Bild Abendläuten (Вечерный звон) von 1892 an, außerdem Stilles Kloster (Тихая обитель) von 1890.
Dies sind ruhige Gemälde, die aus einer tiefen Meditation und Überwindung vordergründiger Gegebenheiten stammen. Der Maler ist zu sich gekommen. Er vermittelt seine Religiosität und regt dazu an, die eigene Existenz durch den Urgrund des Seins prägen zu lassen, ja, sich ihm zu überlassen, ohne sich in seiner Individualität zu verlieren, vielmehr, sich neu zu finden, Brüche heilen zu lassen, dem Unerschaffenen Lichte Raum zu geben und Liebe auszustrahlen.

Plës, Verklärungskirche, 1840, Photographie von H. M. Knechten
Vater Andrej ist Priester an der Verklärungskirche in Plës, die zurzeit renoviert wird. Er empfindet es als Problem, daß bei vielen Menschen seiner Gemeinde die Tradition alles ist. Der Glaube und die Beziehung zum lebendigen Gott fehlen. Jugendliche gehen zwar zur Kirche, aber hauptsächlich, weil dies jetzt Mode ist. Vater Andrej hat seinen Optimismus verloren. Die Orthodoxie sei zur Dekoration verkommen.
Da der gegenwärtige Drang zur Kirche vor allem durch die 73jährige Unterdrückung von seiten der Kommunisten hervorgerufen wurde, besteht jetzt eine innere Leere.
„Wer nicht mit uns das Eisen zum Glühen brachte, soll es auch nicht schmieden.“
Die russische orthodoxe Auslandskirche, der unsere Reiseteilnehmerin Xenia angehört, sieht Vater Andrej lediglich als andere Jurisdiktion.
Ein alter Mann sagt, der Hauptzweck der Kirche ist das Gebet, aber das da, das ist ein Museum.
Starosta (Kirchenälteste) ist Irina Pančeva.
Außer der Verklärungskirche gibt es in Plës die Entschlafenskathedrale (1699), die Auferstehungskirche (1817), die Dreieinigkeits- (1808) und Tempeleinführungskirche (1828), die Barbarakirche (1821) und die Kirche der heiligen Apostel Petrus und Paulus (1845). Sie alle sind 1991 noch Museen oder dienen anderen Zwecken.
Im Jahre 1613, während der Zeit der Wirren, führte der Bauer Ivan Susanin die Polen in einen Sumpf. Sie folgten ihm in den Tod. In Kostroma wurde 1967 ein Denkmal für ihn errichtet.

Fröhlicher Abend bei Vater Aleksandr Karjagin (links): HMK, Tatʼjana, Martin Bauer und Olʼga, Photographie von Xenia Färber. Außerdem war der Chirurg Jurij anwesend. Es gab Sekt, armenischen Rotwein und Wodka. Vater Aleksandr, mitrophorer Protopresbyter, starb am 7. Januar 2023 im Alter von 73 Jahren. Er war am 13. Mai 1949 in Novosibirsk geboren worden.
Mittwoch,
28. August 1991
Entschlafen der allheiligen Gottesgebärerin
Patriarch Aleksej sagt:
„Wir haben nunmehr eine Periode unserer Geschichte abgeschlossen, die mit dem Jahre 1917 begonnen hatte. Seit 1917 hat man alle möglichen Mächte der Hölle gegen uns entfesselt. Aber die Zerstörung ist nicht gelungen. Unser Glaube und unsere heilige orthodoxe Kirche blieben bestehen.
Wir haben schwierige Tage hinter uns. Gott aber wandte das Böse zum Guten um.
Wir können nicht zu der Zeit zurückkehren, in der die kommunistische Ideologie gegen die Religion anging. Sie hat versucht, ihr Joch über das Joch Christi zu stellen. [„Das Joch, das ich euch auflege, ist leicht“, Mt 11, 30].
Mit Ihm leben heißt, für ein erneuertes Rußland zu arbeiten.
Wir alle beten: Herr, sei mir Sünder gnädig (Lk 18, 13).
Gott möge sich Rußlands erbarmen.
Gott ist mit uns (Mt 1, 23). Am Festtage des Entschlafens der allheiligen Gottesgebärerin bekennen wir: Sie ist unsere Hoffnung. Wir leben mit Gott. Der Jungfrau und Gottesgebärerin zu gedenken heißt, Christi zu gedenken. Sie möge uns unter ihren Schutz nehmen und Rußland wieder zum Leben erwecken.
Ich beglückwünsche euch zu eurer wieder erstandenen Kathedrale.“
In der Liturgie wurde die Diakonen- und Priesterweihe gespendet. In den Ektenien wurde für die Zaren Nikolaj II. und Michail II. gebetet, „die ermordet wurden“.
Bei seinem Rücktritt hatte Zar Nikolaj das Amt an seinen jüngeren Bruder Michail Aleksandrovič übergeben. Beide wurden 1918 ermordet.
Bischof Aleksandr sagt, daß die 250.000 Handschellen, welche die Putschisten in Tula bestellt hatten, für die Demokraten und die Geistlichen vorgesehen waren.
Für den Kostromaer Rundfunk gebe ich ein Interview: Ich bedanke mich, daß wir so freundlich aufgenommen wurden. Wir sind dankbar dafür, daß uns die Geschichte der Stadt Kostroma erzählt wurde. Mein Eindruck ist, daß viele auf der Suche sind. Das Alte ist vergangen, aber das Neue ist noch nicht gekommen. Sie suchen Gott, wissen aber nicht, wie sie ihn suchen können. Sie gehen zur Kirche, aber alles ist neu für sie.
Feier des Namenstages von Maria Blume mit der Familie von Vater Aleksandr.
Donnerstag,
29. August 1991
Fest der Gottesmutterikone Feodorovskaja.
Es gibt den russischen Grundsatz: „Man verläßt das Haus nicht ohne Einkaufstasche.“ Das ist die авоська, das Einkaufsnetz für alle Fälle („vielleicht, auf gut Glück“).
Da treffen sich Sozialismus, Kapitalismus und Kommunismus.
Sozialismus erzählt: „Es gab Wurst und ich mußte anstehen“ (in der Schlange warten).
Fragt Kapitalismus: „Was ist anstehen?“
Fragt Kommunismus: „Was ist Wurst?“
„Was war früher, das Ei oder das Huhn?“ –
„Früher war hier beides.“
In der Kirche des heiligen Johannes Chrysostomus sind die Gebeine und die Ikone des heiligen Gennadij von Kostroma. Er gründete in Sloboda (Kreis Ljubim) das Verklärungskloster. Er starb 1565.
Freitag,
20. August 1991
Gedenktag des nicht von Menschenhand geschaffenen Bildes Christi (Mandylion). Ein Bote überbrachte dem kranken König Abgar V. Ukamma in Mesopotamien zu dessen Heilung das Schweißtuch, in welches Christus seine Züge geprägt hatte (vera icona, das wahre Abbild, Veronika).
In dieser Nacht habe ich einen Traum:
Ich soll bei meinem früheren Pfarrer Bernhard predigen, was ich ja schon immer wollte. Ich bereite das Meßbuch auf dem Altare vor. Dann kommt die Zeit der Predigt. Ich gehe zur Kanzel, die sich hinter der Säule befindet, zum Altar gerichtet. Ich möchte das Evangelium vorlesen. Es liegt dort ein Evangeliar in französischer, lateinischer und deutscher Sprache. Der Küster hat mir gesagt, es sei der 15. Sonntag im Jahreskreis. Ich suche das betreffende Evangelium, aber die Seiten fehlen. Ich blättere lange, mittlerweile verlassen viele schon die Kirche. Bernhard blickt stumm. Ich bekomme schließlich eine Bibel, gehe mit dem Mikrophon in den Park und beginne meine Predigt. Hinter mir ist eine lange, niedrige Mauer, vor mir eine große Wiese, auf der viele Menschen flanieren. Keiner hört mir zu. Ich bin in gutem Zuge mit meiner Predigt, da bemerke ich, daß das Kabel des Mikrophons abgerissen ist. Wie stehe ich jetzt wieder einmal da?
Dies ist ein sogenannter Großtraum, der eine Lebensperiode bildhaft kommentiert und eine Perspektive aufzeigt.
Die Kanzel befindet sich hinter der Säule und ist zum Altar gerichtet. Da wird das Wort der Predigt direkt an den Allmächtigen gerichtet oder vor Ihm verantwortet.
Im Jahre 1991 ist das Lesejahr B vorgesehen. Am 15. Sonntag im Jahreskreise ist folgendes Evangelium zu lesen:
„Jesus rief die Zwölf herbei und sandte sie zu je zweien aus, gab ihnen Macht über die unreinen Geister und gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, keinen zweiten Rock, an den Füßen nur Sandalen.“ (Markusevangelium 5, 7-9).
Das ist ein Aufruf zur Entblößung, ja, zur Entäußerung; aber in dem Evangeliar, das ich in der Kirche vorfinde, fehlen diese Worte.
Interessant ist, daß die Evangelien in französischer, lateinischer und deutscher Sprache vorhanden sind. Das deutet eine universale Perspektive an; denn Französisch und Latein waren früher die Kultursprachen schlechthin. Sie hatten die Rolle, die heute Englisch einnimmt, Latein bis zum 17. und Französisch vor allem im 18. sowie 19. Jahrhundert.
Viele verlassen die Kirche. Tatsächlich gingen in der Folgezeit immer weniger Menschen zur Kirche. 1978 bis 1982 waren es in St. Vincentius Dinslaken in fünf Heiligen Messen insgesamt zweitausend. Heute sind es weit weniger.
Ich erhalte eine Bibel, in welcher der betreffende Abschnitt vorhanden ist, verlasse dieses Kirchengebäude, und begebe mich nach draußen.
Das Gelände ist durch eine niedrige, aber sehr lange Mauer in zwei Hälften geteilt. Ich stehe auf der anderen Seite.
Ich schäme mich.
Es ist mir in dieser Zeit nicht mehr möglich, im Rahmen einer Gemeinde zu wirken. Ich arbeite danach fünf Jahre lang in einem Betrieb, der Bremsbeläge herstellt.
Die Tolga ist ein Nebenfluß der Wolga, die im Süden der Siedlung Tolga fließt. Der Ort Tolga liegt in der Nähe von Jaroslavlʼ und besteht aus zehn Häusern sowie einem Kloster.
Die Kathedrale zur Einführung der Gottesmutter in den Tempel, 1681-1683 erbaut, Tolgakloster
Das Kloster zur Einführung der Gottesgebärerin am Fluß Tolga wurde 1314 als Männerkloster gegründet. 1987 wurde es als Frauenkloster wiedergegründet.
Das Kloster widmet sich karitativer Tätigkeit: Hier leben ältere Priester und Behinderte.
Deutsche Zivildienstleistende arbeiten hier für zwei Wochen. Russinnen, die an der Hochschule Deutsch lernen, wirken hier ebenfalls.
Hier leben hundert Schwestern. Das Tolgakloster ist das erste Frauenkloster, das in Rußland wieder zugelassen wurde.
Die Kirche des nicht von Menschenhand geschaffenen Abbildes, Anfang des 18. Jahrhunderts, Tolgakloster. In der Sowjetzeit wurde hier ein Kinosaal eingerichtet. Da bei der Projektion der Filme die zentrale Säule störte, entfernte man sie. Die Folge war, daß das ganze Gebäude in sich zusammenfiel.
Hegumenin ist Mutter Varvara. Sie wurde am 3. März 1947 als Aleksandra Ilʼinična Tretjak in Dremajlovka, Gebiet Černigov, geboren. 1973 trat sie in das Kloster Mariä Schutz und Fürbitte in Kiev ein. Sie leitete dort den Chor. Sie erhielt eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester. Bei der monastischen Tonsur im Jahr 1975 erhielt sie den Namen Varvara (Barbara). Sie lebte im Kloster ‛Ein Kerem, sieben Kilometer südwestlich von Jerusalem. 1982 kehrte sie ins Kiever Pokrovkloster zurück und vollendete ihre Dirigentenausbildung am Moskauer Geistlichen Seminar. 1988 wurde sie Klostervorsteherin im Tolgakloster.

Schwestern im Tolgakloster, Photographie von H. M. Knechten
Mutter Innokentija (fast vierzig Jahre alt) war zunächst im einzigen Frauenkloster der Sowjetunion gewesen, in Pühtitsa, das zwischen 1892 und 1895 gegründet wurde. Es befindet sich im Dorf Kuremäe, Landgemeinde Alutaguse, im Kreis Ida-Viru.
Mutter Elena aus Rjazanʼ führt unsere Gruppe durch das Kloster. Sie wird begleitet von Mutter Ljubovʼ aus der Ukraine, Gebiet Doneck (Donjetzk).
Am 21. August 1991 wurde die Ikone der Gottesmutter von der Tolga dem Kloster wiedergegeben. Die erste Ikone dieses Typs stammt aus dem Ende des 12. Jahrhunderts, die zweite von 1314 und die dritte von 1327. Wegen dieser Ikone entwickelte sich eine große Wallfahrt zu diesem Kloster. In der Sowjetzeit wurde sie im Museum ausgestellt.
Bischof Ignatij (Brjančasninov) verlebte seine letzte Lebenszeit im Nikolaus-Babajki-Kloster, das sich zwischen Jaroslavlʼ und Kostroma befindet. Im Jahre 1988 kamen seine Gebeine in die hiesige Refektoriumskirche.
Das Verklärungskloster wurde 1216 gegründet. Die Verklärungskathedrale wurde 1224 errichtet. Die heutigen Gebäude des Klosters stammen aus den Jahren 1506-1518. Das Kloster wurde 1918 aufgehoben.
Im Museum sehe ich eine Deesisreihe von 1516. Der Pantokrator hat in der Hand das Evangeliar mit dem Text: Не на лица судите (Urteilt nicht nach dem Augenschein: Joh 7, 24).
Die Jaroslavler Fürsten Fëdor, David und Konstantin mit Vita in 36 Bildern, 16. Jahrhundert. Der Schwarze Fëdor heiratete eine Tatarenprinzessin.
Zweiseitige Ikone: Auf der einen Seite die Feodorovskaja, auf der anderen Paraskeva Pjatnica, das Symbol des Großen Freitags.
Varlaam von Chutynʼ mit Vita in 18 Bildern, Mitte des 16. Jahrhunderts. Er blickt auf Christus, der zu ihm mit ausgestreckter Segenshand spricht.
Auch hier sind Hände zu sehen, die das Gesims tragen. Die Königstür stammt aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Aus der Peterpaulkirche an der Wolga.
Verklärung, 1516. Johannes verliert vor Schreck seine Sandale. Er und Jakobus halten entsetzt die Hand vor den Mund. Petrus schaut ins Unerschaffene Licht, da er vorher Christus als den Sohn des lebendigen Gottes bekannt hatte (Mt 16, 16). Hier, wie bei der Geburtsikone Christi, ist eine Höhle im Felsen: Das Eigentliche ist und geschieht im Dunkeln; aus der Finsternis kommt das Licht. Die Erde, der Mutterschoß. Diese Ikone muß jeder Ikonenmaler zu Beginn malen (schreiben). Die Verklärung des Menschen, das Finden des Unerschaffenen Lichtes in sich selbst und in anderen, die Ausstrahlung.
Vesper in der Feodorovskajakirche aus dem 17. Jahrhundert. Dort sind die Gebeine des Fürsten Fëdor.
Die Jaroslavler Straße hieß vormals die Feodorovskajastraße.
In St. Petersburg sollen die Straßennamen von 1780 wieder eingeführt werden.
Beim Abschiedsabend trägt Maria Blume ein schönes Lied vor, das sie nach verschiedenen Melodien auf diese Reise gedichtet hat.
Samstag,
31. August 1991
Gedenktag des Martyrers Myron
Heute ist der Gründungstag der Stadt im Jahre 1147.
Auf den Straßen wird ein Freudenfest wegen der Befreiung gefeiert. Auf dem Roten Platz ist eine gelöste Atmosphäre. Es werden Witze über die Wachablösung am Leninmausoleum gemacht.
Der Arbat ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Früher war es eine Straße, in der Künstler und Schriftsteller wirkten.
Am Flughafen wird einer Reiseteilnehmerin mitgeteilt, daß sie die zwei Ikonen, welche sie gekauft hatte, nicht mitnehmen dürfe; sie hätte eine Ausfuhrgenehmigung des Kultusministeriums vorlegen müssen. Sie schenkt die Ikonen der Dolmetscherin Olʼga.
Fliegst nicht auch du, Rußland, wie eine schnelle Troika, die niemand einholen kann, dahin? Wie Rauch staubt unter dir die Straße, die Brücken dröhnen, alles bleibt zurück! Der vom göttlichen Wunder erschütterte Zuschauer bleibt stehen: ist es nicht ein vom Himmel geschleuderter Blitz? Was bedeutet diese erschreckende Bewegung? Was für eine unbekannte Gewalt liegt in diesen von der Welt noch nie gesehenen Rossen? Ach, ihr Rosse, was seid ihr für Rosse! Sitzen Wirbelstürme in euren Mähnen? Zittert ein wachsames Ohr in jeder eurer Adern? Ihr hört von oben das euch bekannte Lied erklingen, ihr spannt einträchtig eure eherne Brust und verwandelt euch, fast ohne die Erde mit den Hufen zu berühren, in bloße langgestreckte Linien, und die Troika rast enthusiastisch dahin! … Rußland, wohin fliegst du? Gib Antwort! Es gibt keine Antwort. Wunderbar klingen die Schellen; es dröhnt die in Stücke gerissene Luft und wird zu Wind; alles auf Erden fliegt vorbei, und alle anderen Völker und Staaten treten zur Seite und weichen ihr aus.
(Vgl. Nikolaj Vasilʼevič Gogolʼ
(Janowski), Die toten Seelen (Мертвые души), Ende des
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· Вологда, Кириллов, Ферапонтово, Белозерск (Vologda, Kirillov, Ferapontovo, Belozersk), Genrich Nikolaevič Bočarov (1935-1996) und Vsevolod P. Vygolov (1929-1995), Moskau 1979.
· В край белых ночей (Im Gebiet der Weißen Nächte). Vologda, Kirillov, Ferapontovo, Belozersk, Vytegra, Petrozavodsk, Kiži, Marcialʼnye Vody, Kondopoga, Kivač. Reiseführer, Vsevolod P. Vygolov und N. V. Udranova, Сто путей, сто дорог (Hundert Wege, hundert Straßen), Moskau 1986.
· Серебряное кольцо. Книга-путешествие (Der Silberne Ring. Reisehandbuch), Anatolij Aleksandrovič Agrafenin, St. Petersburg 2019.
· Серебряное кольцо XVII век. 100 верст от Кремля (Der Silberne Ring des 17. Jahrhunderts. Hundert Verst vom Kremlʼ entfernt), Sergej Viktorovič Devjatov, Moskau 2007.
· Серебряное кольцо России, Julija Korf, St. Petersburg 2005.
· Серебряное кольцо России. Легенды древних городов (Der Silberne Ring Rußlands. Legenden alter Städte), Evgenij Valentinovič Lukin, Moskau 2024.
Vladimir
· Wladimir. Architekturdenkmäler, Nikolaj Voronin, Stanislav Maslenicyn, Valerij Barnev, Vladimir Monin und Aleksandr Strebkov, Leningrad 1988.
· Памятники
Вдадимира.
Иллюстрированный
справочник (Baudenkmäler Vladimirs. Illustriertes Nachschlagewerk), S. L. Bubnoe,
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Vologda

Вологодская
икона. Центры
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Вологодской XIII―XVIII веков (Ikonen aus Vologda. Zentren
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· Kurzer Bericht über eine im Jahre 1846 von St. Petersburg nach Kasan, Wjatka und Wologda gemachte Reise, Petr I. Keppen (Köppen), Beiträge zur Kenntnis des Russischen Reiches, Band 13, St. Petersburg 1846.
· Album der Klöppelspitzen, Bezirk Wologda, Eletz, Rjasan, Allrussischer Verband der Produktivgenossenschaften, Moskau 1929.
· Russische Spitze aus Wologda, Anja Nickell, Anjas Klöppelatelier, Dresden 2019.
· Вологда (Vologda), V. Banige und N. Percev, Moskau 1970.
· Вологда и Устюг в эпоху Петра I. Краеведческие очерки (Vologda und Ustjug zur Zeit Peters des Großen. Heimatkundliche Skizzen), Marina Sergeevna Čerkasova, Vologda 2021.
· Вологда. XII - начало XX века. Краеведческий словарь (Vologda. Vom 12. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Heimatkundliches Wörterbuch), F. Ja. Konovalov, L.S. Panov und N. V. Uvarov, Archangelʼsk 1993.
· Вологодская икона. Центры художественной культуры земли Вологодской XIII―XVIII веков (Ikonen aus Vologda. Zentren künstlerischer Kultur im Raum Vologda vom 13. bis zum 18. Jahrhundert), Aleksandr Aleksandrovič Rybakov, Moskau 1995.
Конецъ и слава Богѹ
© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026