Das eigene Kreuz

 

 

Wir sehen andere Menschen und staunen: Sie leben scheinbar glücklich und harmonisch miteinander, haben keine Sorgen und können sich alles erlauben, was sie sich nur wünschen.

Wenn wir sie aber näher kennenlernen, stellen wir fest, daß es bei ihnen ein gehäuftes Maß an Sorgen gibt, Probleme und Schwierigkeiten und sogar abgrundtiefe Ängste.

 

Elk Hüsken häff sin Krüesken, sagt der Volksmund. Jedes Häuschen hat sein Kreuzchen.

 

 

Eines Tages erhielt jemand sein Kreuz. Er ging um es herum, betrachtete es von allen Seiten und es schien ihm, als sei es größer und schwerer als das aller anderen. Er hatte einen regelrechten Horror davor.

 

In der Nacht hatte er einen Traum: Er befand sich auf einer langen Wanderung. Die Hitze war drückend, sein Kreuz war schwer und er hatte den Eindruck, seine Schultern seien bereits wund gerieben. Da kam er in ein Dorf, fragte, ob eine Säge vorhanden sei, und schnitt mit ihr ein beträchtliches Stück von seinem Kreuz ab.

 

Nun hatte er ein bequemes Kreuz, ganz niedlich war es, leicht lag es auf ihm und er schritt erleichtert und geschwind aus. Da kam er an einen Abgrund. Die anderen Wanderer stutzten kurz und legten dann jeweils ihr Kreuz über die Felsspalte. Danach schritten sie leichten Fußes hinüber. Unser Freund wollte das Gleiche tun, fand aber, daß sein Kreuz hierfür zu kurz war. Er mußte seine Reise infolgedessen abbrechen.

 

Er wachte auf und hatte wegen des Traums einen schweren Kopf. Da stand er mühsam auf und fand, daß sein Kreuz noch genausolang war wie am Abend vorher.

 

Bisher hatte er das Kreuz als eine überflüssige Quälerei angesehen. Er erkannte nun, daß es durchaus nützlich war. Durch das Kreuz wurde er reifer und weiser. Es war ja sein eigenes Kreuz, nicht das anderer.

 

Im Laufe der Zeit spürte er, daß von diesem Kreuz Leben ausging, Erneuerung, Befreiung und Auferstehung.

 

 

Diese Ansprache wurde im Jahre 2011 in der Neuen Kirche zu Horneburg gehalten.

Der letzte Abschnitt wurde hinzugefügt.

 

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026

 

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