Es ist schwer, einen
Anfang zu finden. Die Kinder wollen, daß ich meine Erinnerungen (Memoiren, wie
sie es nennen), aufschreibe. Also versuche ich mal, mit den ersten Eindrücken
anzufangen, die mein Wissen aufweist.
Geboren am
17.12.1919, gut ein Jahr nach dem Ersten Weltkrieg. Meine Eltern: Der Vater ein
Stukkateur, geboren am 7.7.1891. Meine Mutter Dienstmagd, wie man damals sagte,
geboren am 12.5.1890 in Heyen (Holland). Soviel ich aus Erzählungen weiß, war
sie auf einem Bauernhof in Stellung, später beim Bäcker Schonhofen,
Voßstraße, in Goch. Wir waren
eine einfache Familie. Sieben Kinder, fünf Mädchen und zwei Jungen, wurden in
der Zeit von 1919 bis 1932 geboren.
Der erste Eindruck,
der sich mir eingeprägt hat, war der Einmarsch der belgischen
Besatzungssoldaten. Wir hatten ein Haus in Goch, Weezer Str. 91. Ich stand
damals vor der Haustüre, als die Soldaten mit Kanonen und Bagagewagen, von
Weeze herkommend, an uns stadteinwärts vorbeizogen. Den Sinn der Sache begriff
ich erst viel, viel später. Die Zeit der Reparationen war da: Abgaben an Kohle
und Maschinen zur Wiedergutmachung.
Eine weitere frühe
Erinnerung ist ein Spaziergang zu Verwandten. Es handelte sich um einen Besuch
bei Tante Dina und Onkel Willy Hendrix. Auf dem Rückweg nahmen wir den Weg von
der Brückenstraße über die Susbrücke. Diese hieß so, weil dort das Wasser
„sauste“. Da fürchtete ich mich sehr. Hier war ein Stauwehr
in der Niers für eine Wassermühle.
Es war üblich, den
Kindern zu Weihnachten Spielzeug aus Holz zu schenken. Den Mädchen
Puppenstuben, den Jungen Holzpferde und Schubkarren aus Holz. Es war auch
durchaus üblich, daß Spielsachen in der Adventszeit plötzlich verschwanden.
Weihnachten wurden sie dann frisch poliert und gestrichen wieder neu geschenkt.
Ansonsten gab es bei den meisten nicht viel zu Weihnachten. Ein Paar Socken
oder Handschuhe, dazu für jeden einen Teller Süßigkeiten. Nicht die Fülle von
heute. Ein paar Printen, Spekulatius, Nüsse, und, wenn es hochkam, eine
Apfelsine. Denn Südfrüchte konnten sich früher nur die Reichen leisten. Wir
waren aber zufrieden. Die Geschäfte zeigten ja auch kein solches Angebot wie
heute.
Ich muß wohl ein
Kind gewesen sein, das alles kaputt machte. Muß wohl
mitbekommen haben, daß die Eltern von der Schubkarre sagten: „Sehr stabil! Die
bekommt er nicht kaputt!“ Was habe ich getan? Die Schubkarre auf den Holzklotz
gelegt und mit dem Beil kaputtgeschlagen! Der Hauklotz, meist ein unteres,
dickes Ende eines Baumstammes, diente dazu, das
zersägte Holz klein, ofengerecht zu spalten.
Unser Elternhaus war
ein Einfamilienhaus, Eigentum. Unten Wohnzimmer, Küche, Waschküche. Mir ist
heute unbegreiflich, wie Mutter den Haushalt führte, den Garten und die Hühner
versorgte. Die viele Wäsche ohne Waschmaschine! Abends wurde sie eingeweicht, morgens
gekocht, danach auf dem Waschbrett gewaschen, dann gespült, gewrungen und
aufgehängt. Die weiße Wäsche wurde auf eine Wiese zum Bleichen gelegt. Die
Gummikragen, die die Männer trugen, mußten wir montags in die Wäscherei geben.
Dort wuschen und plätteten sie ältere Frauen. Am Samstag wurden sie wieder
abgeholt. Man befestigte sie mit zwei speziellen Knöpfen am Halsbündchen des
Hemdes. Noch heute meine ich, das Schimpfen des Vaters zu hören, wenn wieder
die Ösen am Kragen zugeplättet waren. Man mußte sie
dann mit der Spitze einer Schere weiten. Auch das Verschwinden der Kragenknöpfe
war oft Anlaß zu Streitereien. Über dem Hemd trug man zur Zierde ein
Vorhemdchen. Dies war ein gestärktes und gebügeltes Lätzchen, das auch mit
einem Kragenknopf befestigt wurde.
Die Mutter hatte für
alles zu sorgen. Vor allem hatte sie die vielen, teilweise selbstgestrickten
Strümpfe zu stopfen. Denn dauernd hatte einer ein Loch im Strumpf. Die Mädchen
hatten Sportstrümpfe oder baumwollene, plattierte Strümpfe. Strumpfhosen kannte
man nicht, auch Nylonstrümpfe gab es damals noch nicht.
Das Essenkochen war
für die große Familie ein Problem. Riesige Töpfe voll Kartoffeln und Gemüse
wurden gekocht. Fleisch gab es wenig. Mutter verstand es aber ausgezeichnet,
aus wenig Zutaten ein schmackhaftes Essen zu machen. Sie konnte ein Pfund
Bratwurst für neun Personen so richten und einteilen, daß es schmeckte und
niemand hungrig blieb. Mutter sorgte für uns: Wir sind immer satt geworden.
Abends gab es meist Milchsuppe oder Pfannen voll Bratkartoffeln. Freitags
Pfannkuchen oder Reibekuchen. Oft hatte Mutter blutige Finger vom
Kartoffelreiben. Sicher, wir Kinder halfen, wo wir konnten.
Das Gemüse stammte
zum größten Teil aus dem Garten. Im Herbst wurden zwei Fässer Sauerkraut
gemacht. Dazu holten wir bei einem Bauer zwei Zentner Weißkohl. Der Kohl wurde
geputzt, die Strünke herausgeschnitten. Dies geschah noch auf dem Hof. Dann
wurde beim Schmied Tomberg ein Krauthobel für fünfzig
Pfennig ausgeliehen. Die Kohlhälften wurden fest in einen Schiebekasten auf den
Hobel gedrückt und der Kohl wurde zerhobelt. Der
geschnittene Kohl kam in ein Faß, lagenweise wurde Salz darüber gestreut. Ein
Tuch wurde darüber gebreitet, zwei rundgeschnittene
Bretter kamen darauf. Darüber zum Beschweren ein Pflasterstein. Die Fässer
wurden in den Keller gebracht. Der Gärvorgang wurde beobachtet, Wasser
abgeschöpft, die Tücher ausgewechselt und die Bretter wieder beschwert. So
hatten wir den ganzen Winter über Sauerkraut.
Ähnliches geschah
mit Stangenbohnen, den sogenannten Fitzebohnen. Sie
wurden mit einer Handmaschine geschnibbelt. Nicht zu
vergessen die Kartoffeln: Im Herbst wurden pro Person zwei Zentner Kartoffeln
eingekellert. Dann die vielen Gläser mit eingemachten Früchten. Wir hatten
einen großen Pfirsichbaum im Garten. Solch große Früchte kommen heute aus dem
Ausland in unsere Geschäfte. Ich erinnere mich, daß im Nachbargarten ein großer
Pflaumenbaum mit sogenannten Eierpflaumen stand. Auch die gibt es heute bei uns
nicht mehr. Vater hatte aus Mazedonien, wo er im Krieg war, Samen von großen,
braunen Bohnen mitgebracht. Wir ließen immer eine Reihe dieser Bohnen im Garten
„auf Samen“ stehen. So hatten wir sie dann Jahr für Jahr. Freitagmittags
gab es immer diese braunen Bohnen mit einer Zwiebelsoße und Heringen. Diese
wurden damals viel gegessen. Sie waren billig. Ich sehe noch die großen Tonnen
im Geschäft stehen, in denen Salzheringe eingelegt waren. Zu Hause wurden sie
entschuppt, gereinigt und 24 Stunden gewässert. Dann legte man sie in ein
großes Tongefäß mit Zwiebeln und Gewürz ein.
Die Lagerung von
Lebensmitteln in den Läden war nach heutiger Sicht ein Fiasko. Damals gab
niemand etwas darum; man kannte es auch nicht anders. Man stelle sich vor, im
Laden waren Regale mit Schubfächern, in denen sich Salz, Nudeln, Zucker und
Reis befanden. Man verlangte die Menge, die man haben wollte. Der Verkäufer
setzte eine Spitz- oder Breittüte in einen Halter an der Waage. Er tat die
Lebensmittel mit einer kleinen Blechschippe in die Tüte und wog ab. In der Ecke
des Ladens stand ein Faß mit Speiseöl. Mit Hilfe einer Pumpe und eines
Meßglases wurde das Öl in mitgebrachte Flaschen gefüllt. Daneben stand ein Faß
mit Petroleum. Dies wurde in Blechkannen gefüllt, die zwei bis drei Liter
faßten. Man brauchte viel davon, da wir ja kein elektrisches Licht hatten,
sondern Petroleumlampen. Wir waren es nicht anders gewohnt. Für die Augen
allerdings war es nicht besonders gut. Wir haben dennoch viel gelesen, vor
allem Romane und Reiseberichte. Wir holten unsere Bücher vom Borromäusverein.
Dort konnte man gegen eine geringe Gebühr Bücher ausleihen. Außer Spielen
hatten wir keine andere Unterhaltung. Radio und Fernsehen gab es ja noch nicht.
Mein Vater begann
eine Kaninchenzucht. Es handelte sich um weiße Wiener mit schönen roten Augen.
Auf dem Hof wurden Ställe mit einzelnen Boxen gebaut, unten jeweils mit
Dachpappe ausgelegt. Für das Futter hatten wir zum Teil selbst zu sorgen:
Löwenzahn und Klee. Wir durften allerdings nicht an den Straßengräben Futter
holen, weil diese an Leute verpachtet waren, die dort eine Ziege oder ein Schaf
hielten. An einem Eisenpflock war eine Kette, an der das Tier festgemacht war.
Wenn es rundherum alles abgefressen hatte, mußte jemand den Pflock „vertüren“, d.h. weitersetzen. Da wir also an den
Straßengräben nichts holen durften, gingen wir an die Wegränder der Felder. Das
fiel uns schwer. Für die Kaninchen wurden außerdem riesige Mengen Rüben, Möhren
und Heu gebraucht. Sie wurden auch zu Ausstellungen der Kaninchenzuchtvereine
gebracht.
In dieser Zeit haben
wir viel Kaninchenfleisch gegessen, in allen Variationen: gebraten, als
Hasenpfeffer, sogar Suppe wurde davon gekocht und Wurst gemacht. Die Felle
wurden auf Spanner gezogen und trockneten dann. Wir bekamen 20 oder 30 Pfennige
pro Fell. Die Felle hingen im Trockenraum für Wäsche an der Wand.
Täglich kam ein
Milchhändler über die Straße. Er hatte große Kannen. Mit einem Litermaß gab er
die benötigte Menge in die Kannen der Hausfrauen. Zweimal in der Woche kam der
Bäcker vorbei. Er hieß Pitt und hatte einen alten Kastenwagen mit Pferd. Dieses
ging allein weiter, sowie der Händler an der nächsten Tür war. Pitt kannte
meine Mutter, weil sie im gleichen Haus Dienst getan hatten. So gab er ihr
manches Brot umsonst.
Im ersten Haus der
Weezer Straße wohnte ein Feldgendarm. Er hatte einen Pferdestall. Seine Aufgabe
bestand darin, jeden Tag durch die Felder zu reiten und nach der Ordnung zu
sehen. Er war eine imponierende Gestalt. Für uns Jungen war er Auge und Hüter des
Gesetzes.
Unser rechter
Nachbar war ein selbständiger Zigarrenmacher. Im Haus hatte er eine Stube, in
der er von Hand Zigarren drehte, in Formen legte und preßte. Die Zigarre
besteht ja aus dem Gut, dem Umblatt und dem Deckblatt. Nachher leimte er das
Deckblatt und schnitt die Zigarre an beiden Enden ab. Ich habe oft zugesehen,
wie er die Tabakblätter behandelte, die Rippen entfernte, die Blätter auf einem
Holzbrett zurechtschnitt und für das Innere kleine Stücke machte.
Ein anderer Nachbar
war „Telephöner“, wie man damals sagte. Er arbeitete
beim Fernmeldeamt. Täglich fuhr er mit dem Fahrrad zur Arbeit, beladen mit
Taschen und Kabelschnüren.
Ein Nachbar
arbeitete in der Margarinefabrik. Er war ein würdiger Herr mit langem Vollbart.
Auch er hatte viele Kinder, wie damals üblich. Diese Familie war eigentlich die
gemütlichste und familiärste. Und sie aßen so gerne Heringe! Im Geschäft wurden
die Heringe mit einer Holzzange aus dem Faß geholt und in mehrere Lagen
Zeitungspapier eingewickelt, damit die Lake nicht gleich durchdrang. Wenn die
Kinder Heringe holten, aßen sie schon unterwegs einige auf, salzwassergetränkt,
wie sie waren. Bei dem Geschäft, in dem die Heringe geholt wurden, handelte es
sich um einen Kolonialwarenladen, den Koppers im unteren Teil der Weezer Straße
mittlerweile aufgemacht hatte. Dahinter hatten sie eine Zucker- und Apfelsirupfabrik.
Der nächste Nachbar,
van de Sandt, war städtischer Arbeiter, sonntags Kirchenschweizer. Jeden Abend,
sein Leben lang, schnitzte er auf einer Sitzbank sogenannte Pinnen. Die
Schuster brauchten sie, um die Schuhsohlen festzunageln.
Wöchentlich holten
wir einen Zentner Brikett mit dem Handwagen. Dies tat ich gern. Der
Kohlenhändler Elbers wohnte auch in der Weezer Straße.
Wir hatten einen
Friseur, zu dem wir Kinder alle vier Wochen gingen. Dies war Herr Weber. Im
elterlichen Haus auf der Voßheidestraße hatte er sich eine Stube eingerichtet,
in der er die Haare von Hand schnitt, ohne Maschine. Später gingen wir dann in
einen moderneren Salon zu Herrn von Bebber auf der Weezer Straße. Es hat
fünfzig Pfennige gekostet.
Wann ich in die
Schule gekommen bin, weiß ich nicht genau, es muß wohl 1926 gewesen sein. Es
war, im nachhinein gesehen, eine schöne Schulzeit. Obwohl wir von 8-12 Uhr und
nachmittags von 2-4 Uhr Schule hatten (außer Mittwoch- und Samstagnachmittag).
Dreimal in der Woche vorher Messe.
Es gab damals zwei
katholische Schulen, die Steintorschule und die Frauentorschule. Auf der Herzogenstraße war die evangelische Schule. Unser Schulweg
führte über die Weezer Straße und dann durch kleine Gartenwege. Wo heute der
Westring ist, waren früher lauter Gärten. In den dreißiger Jahren wurde der
Westring gebaut und das neue Gymnasium. Das alte befand sich auf der Asperdener Straße, man nannte es „Zeppelinhalle“. Heute ist
dort ein Wohnblock.
Ja, die Schulzeit!
Manch schöne und unschöne Geschichte passierte da. Einmal gingen wir in einer
Gruppe unerlaubt in der großen Zehnuhrpause zum Markt. Es war gerade
Müllabfuhr. Auf dem Rückweg zur Schule fanden wir eine alte Ziehharmonika.
Wohin nun damit? Sie wurde in der Schule unter die Bank geschoben, in das Fach,
in dem sonst der Tornister lag. Während des Unterrichts löste sich das Band und
der Blasebalg gab seltsame Töne von sich. Der Lehrer ahndete das wie üblich: Da
sich keiner meldete, mußte die ganze Klasse in Zweierreihen durch den
Mittelgang nach vorne kommen. (Wir hatten ja damals drei Reihen Bänke mit je
zwei Schülern in einer Bank). Der Lehrer schlug dann mit dem Rohrstock auf die
Hände, die wir vorstrecken mußten, einer die linke, einer die rechte Hand. So
etwas passierte oft. Mancher hatte Glück und der Schlag ging daneben.
Ja, dieser
Rohrstock! Kaufen mußten wir ihn, natürlich von Lehrers Geld, in einem
Korbwarengeschäft. Unglaubliche Geschichten wurden über ihn erzählt: Wenn man ihn mit Zwiebeln
einrieb, sollte er brechen. Andere versuchten, ihn anzuschneiden. Er lag immer
im Lehrerpult. Einmal haben wir gegenüber der Schule auf dem alten Friedhof
einen Rohrstock beerdigt. Nutzte ja doch nichts, am anderen Tag kam ein neuer.
In den Pausen
vergnügten wir uns auf dem Schulhof, während die Lehrer, Butterbrot kauend und
sich unterhaltend, in einer Reihe hin und her auf dem Schulhof flanierten. Ein
Lehrer hatte immer die Aufsicht.
Ein Lehrer hatte
Hühner zu Hause. Er veranlaßte uns immer, für seine Hühner die Papierkörbe nach
Brotresten zu durchsuchen. Er hieß Schotten, wir nannten ihn daher
„Schottländer“. Er war immer kränklich, hat aber alle anderen Lehrer überlebt.
Wir hatten vom
ersten bis zum vierten Schuljahr einen Lehrer und vom fünften bis zum achten
einen anderen. Dieser Klassenlehrer blieb also volle vier Jahre, wenn er nicht
versetzt oder krank wurde. Die letzten Klassen unterrichtete der Rektor, der in
der Schule wohnte. Es war von der ersten Klasse an ein
Allgemeinwissen-Unterricht. Es gab keine Mathematik, dafür aber einen guten
Rechenunterricht. Es gab auch keine Biologie. Dafür hatten wir aber damals
schon, wenigstens an unserer Schule, einen Schulgarten, in dem wir gearbeitet
und gelernt haben. In Geschichte und Erdkunde vermittelten die Lehrer uns ein
gutes Allgemeinwissen, das noch heute sitzt. Die Schule war aber nur mit
wenigen Hilfsmitteln ausgestattet: Landkarten, Skelette, ausgestopfte Vögel.
Dann der Heimweg um
zwölf Uhr, überall Kochgerüche! Man wußte schon am Geruch des Essens, welcher
Wochentag es war. Denn früher kochte man traditionell. An bestimmten Tagen gab
es bestimmte Gerichte, am Freitag Fisch, am Samstag Eintopf (aus Linsen, Bohnen
oder Erbsen).
Fußball: Ich war in
keinem Verein, habe aber mitgespielt. Eines Tages wollte ich einen Eckball
schießen, der keiner war. Da hieß es: „Hau ab, Du hast keine blasse Ahnung von
Fußball!“ Das habe ich übrigens bis heute noch nicht, auch keinerlei Interesse
daran. Mir lagen mehr Abenteuer im Blut. In der Freizeit und in den Ferien war
reichlich Gelegenheit dazu. In meiner Erinnerung war in den Sommerferien immer
gutes Sommerwetter, abgesehen von gelegentlichen Gewittern, nach denen es aber
sofort wieder warm wurde. Der Regen wurde von uns beim Spielen gar nicht
wahrgenommen. Manchmal ließen wir uns richtig naß regnen.
Meistens gingen wir
in Höst bei Weeze in der Niers
schwimmen. Dort habe ich Schwimmen gelernt: Die Großen warfen mich einfach ins
Wasser. Als man mich dann kurz vor dem Strudel herausholte, konnte ich
schwimmen. Später wurde in Weeze ein Freibad gebaut. Man hatte die Ley gestaut,
da lief das Wasser in ein gebaggertes Loch. Am Ende lief es wieder in die Ley
zurück. Hierhin gingen wir oft. Der Schüler Terröde
hatte eine echte Wasserpfeife. Mit der zogen wir einmal los: einer trug sie,
die anderen hatten je eins der vier Mundstücke, die mit der Wasserpfeife durch
Schläuche verbunden waren. Die Badehose trugen wir auf dem Kopf und gingen so
rauchend über die Straße.
Wir fuhren auch
einmal mit der Bahn nach Kleve und von dort mit der Straßenbahn nach Wyler an
die Grenze. Die meisten Ausflüge waren aber zu Fuß, immerhin fünf bis sechs
Kilometer. Oft gingen wir zu einer Sandgrube in der Knappheide,
bei der Reichsbahn. Wir bauten „Höhlen“: Wir gruben ein Rechteck aus und legten
Zweige als Dach darüber. Natürlich wollte jeder ein Fach in der Wand haben als
Platz für das Butterbrot. Hier wurde auch erstmals geraucht. Das war vielleicht
ein Kraut: Schwarzer Krauser! In der Knappheide
befinden sich vorgeschichtliche Hünengräber. Unser Lehrer erklärte uns im
Geschichtsunterricht, was diese auffallend hohen Erdhügel darstellen.
Ein besonderer
Spielplatz war die Straße. Sie war damals schon geteert. Wir hatten auf sie mit
Kreide Springspiele gemalt. Kreisel wurde gespielt. Das war ein kleiner Kegel
mit Metallspitze. Er wurde mit einer Peitsche in Drehung versetzt. Oder wir
bewegten eine Fahrradfelge mit einem Stöckchen. Der wenige Autoverkehr störte
nicht. Die Autofahrer fuhren allerdings mit heftigem Hupprotest an uns vorbei.
Sie hatten meist offene Wagen, die Gangschaltung war außen. Herren saßen darin
mit Handschuhen und Lederhaube. Die Lastautos hatten starre Federn. Auch bei
ihnen war die Gangschaltung außen.
Dreimal in der Woche
mußten wir, wie gesagt, zur Schulmesse. Am Sonntagnachmittag um zwei Uhr zu
Christenlehre und Andacht, wie es so schön hieß. Da drängte immer die Zeit;
denn um halb drei begann der Fußball. Ein Kaplan war am schnellsten fertig, ich
erinnere mich gut, er hieß Kück. In der Schule wurde dann natürlich
nachgefragt, ob jemand nicht in der Christenlehre war.
Ich muß jetzt den
Tag meiner Erstkommunion schildern. Mutter bekam von der Caritas einen
Gutschein, mit dem wir in ein Bekleidungsgeschäft gingen und einen
Kommunionanzug erhielten, blau, in Matrosenform mit kurzer Hose. Am Tag selbst
zog ich diesen Anzug an, dann setzte man mich auf einen Stuhl, meine Haare
wurden mit einer Handvoll Milch-Wasser-Gemisch eingerieben und dann gekämmt.
Die Milch bewirkte, daß die Haare wie ein Brett steif wurden und den ganzen Tag
ihre Form behielten. Von der Feier in der Kirche weiß ich nur, daß wir uns
hinter der Kirche im Pfarrhaus aufstellten, der Dechant trug Chormantel, Birett
und hatte einen Hirtenstab. Er holte uns ab und führte uns zur Kirche. Die
Jungen gingen rechts in die Bänke, die Mädchen links. Zur Kommunion kamen
Meßdiener mit brennenden Kerzen. Sie führten uns Bank für Bank an die
Kommunionbank und wieder zurück. Wir hatten dies in der Woche zuvor mehrmals
geprobt. Zu Hause war ein Essen. Meine Paten, Tante Johanna und Onkel Jön, waren auch gekommen.
Noch sehr gut
erinnern kann ich mich an die Arbeiter, die aus den umliegenden Dörfern und
Städten tagtäglich bis zu zwei Stunden zu Fuß nach Goch in die Fabriken gingen.
Es gab ja zwei Zigarrenfabriken, eine Magarinefabrik,
eine Ölmühle, auch Webereien. Sie hatten einen Knotenstock bei sich. Daran
trugen sie, in ein buntes Tuch eingehüllt, Verpflegung mit sich. Der
Knotenstock wurde über der Schulter getragen. Man bedenke mal: 14 Stunden
Arbeit, dazu für den Weg hin und zurück vier Stunden. Zu Hause dann noch ein
Feld und Tiere, die versorgt werden mußten. Das alles nur, um bescheiden leben
zu können. In Weeze war ein Sägewerk, von dem aus tagein tagaus zwei
Langholzfuhrwerke mit je zwei Pferden davor in den Reichswald fuhren. Dort
wurden beide Fahrzeuge mit Baumstämmen beladen. Spät abends waren sie wieder in
Weeze. Das waren hin und zurück 30 Kilometer, Tag für Tag. Man spricht manchmal
von der „guten, alten Zeit“. Die war gar nicht so gut! Es hat Not genug
gegeben!
In Goch gab es
Originale. Da war Steckrübenpitt, ein großer, starker
Mann, der alle anfallenden Arbeiten übernahm. Oft lief er mit einer litfaßsäulenartigen Papptonne durch die Stadt und machte
Reklame für das Kino. Max Schrievers war ein langes Leben lang Tambourmajor der
Freiwilligen Feuerwehr.
In der Schule war
ich niemals sitzen geblieben. Nach der Schulentlassung
mußte ich Arbeit suchen. Von den vierzig Mitschülern bekamen nur wenige eine
Arbeitsstelle. Alle anderen waren seit der Schulentlassung arbeitslos. Ich
hatte Glück. Ich wurde Lehrling in einer Pinsel- und Bürstenfabrik. Dort arbeitete
man noch von Hand. Alles war Naturhaar; es gab damals noch kein Kunsthaar. Die
Pferdehaare oder Schweineborsten wurden gekocht, dann mit Eisenrechen, die am
Arbeitstisch befestigt waren, gekämmt. Danach wurden sie der Länge nach
geordnet. Manchmal wurden sie auch mit anderen Haaren gemischt. Mich
interessierten dabei sehr die Sperrholzkisten mit Haaren aus China. Ich war
gern im Lager, um Kisten auszupacken. Nun ging es zur Pechhütte. Dort wurden
die Bürsten mit Pech in die vorgefertigten und vorgebohrten Hölzer eingeklebt.
Deckenbürsten erhielten schwarze Haare und eine Reihe weißer Haare ringsum. In
der Aschhütte wurden die Pinsel mit Stielen versehen. Die Haare wurden dazu in
Ringe gesteckt, der Ring wurde ein Stückchen zurückgeschoben, die Haare wurden
unten in Asche gedrückt und der Ring wieder zurückgeschoben. Man ging zu einem
Eisenblock, in den verschieden große Löcher gebohrt waren. Der Pinsel wurde auf
ein passendes Loch aufgesetzt und der Stiel mit einem Hammer eingeschlagen.
Dann wurde er ausgerichtet, damit der Pinsel nicht „eierte“. Schließlich mußte
der Pinselmacher noch Kordel um den Pinsel wickeln und ihn auf der Unterseite
mit Farbe versehen.
Nach einer Zeit in
der Pinselfabrik versetzte man mich in das Holzwerk der Firma. Hier wurden die
Pinselstiele und Bürstenhölzer hergestellt. Da war ein großer Holzlagerplatz,
auf dem Bretter gestapelt wurden, die aus Stämmen geschnitten worden waren und
eine Zeitlang trocknen mußten. Dann kamen die Bretter in das Holzwerk. Sie
wurden auf die benötigte Länge zurechtgeschnitten. Mit Fräs- und Hobelmaschinen
wurden sie dann so beschnitten, wie es nötig war. Die Bürstenhölzer wurden in
Form gebracht, dann bohrte man die Löcher für die Borsten. Wenn die Teile
fertig waren, wurden sie auf Schleifmaschinen mit großen Schmirgelpapierbändern
geschliffen und poliert.
Die Entlohnung war
freitags. Der Meister kam mit einem Karton voller Lohntüten und den
Abrechnungen für die Woche. Ich verdiente dreißig Reichsmark pro Woche, von
denen ich 29 zu Hause abgab und eine behalten durfte. Eine Kinokarte kostete
aber fünfzig Pfennige. Im Bereich der Zigaretten gab es die sogenannte
Samstagnachmittagspackung. Dies waren drei Stück der Marke „Eckstein“ zum Preis
von zehn Pfennigen. Die Viererpackung, wie Rothändle
und Reval, ebenfalls zehn Pfennige. Die anderen Zigarettenmarken, wie Orienta und Juno, gab es in Sechserpackungen, zum Preis von
zwanzig Pfennigen. Auch damals waren sie schon in Automaten zu haben. Einige
bessere Sorten wie Greyling, Atika oder Nil kosteten
zehn Pfennige mehr. Am meisten wurde damals Kanaster in der Pfeife geraucht. Es
gab billige und teure Sorten.
Meine Schwester
Trude begann zwei Jahre später bei der Schuhfabrik Hoffmann in Kleve zu
arbeiten. Täglich fuhr sie mit dem Fahrrad hin und zurück. Ich kann mich noch
gut daran erinnern, daß die Brote, die sie manchmal wieder nach Hause brachte,
nach Azeton rochen und auch danach schmeckten. Mein Bruder Ernst arbeitete als
Anstreicher. Er hat auch einen Kurs zum Bildermalen besucht. Ernst ist am
5.12.1942 bei Stalingrad gefallen.
Bis 1923 war in
Deutschland Inflation. Das heißt, das Geld war nichts mehr wert. Arbeiter und
Angestellte bekamen zuletzt täglich ihren Lohn und mußten schnell versuchen,
etwas zu kaufen; denn Stunden später war der Geldkurs schon wieder höher. Viele
Leute, Schieber, die es verstanden, an amerikanisches Geld zu kommen, nutzten
die Dollars, um hier spottbillig Häuser zu kaufen.
Etwas blieb mir aus
der Kindheit gut in Erinnerung: Wenn wir schon mal etwas Geld bekamen, konnten
wir für eine Million ein Bonbon kaufen. Alle waren Multimillionäre, Billiardäre und noch mehr, selbst die Kinder.
Auf einmal war diese
schreckliche Zeit vorbei. Normales Geld, die Rentenmark kam. Das Geld paßte
sich dem Dollarkurs an. In der Zeit davor gab es örtlich auch Notgeld. In
Sammlungen sind ja heute noch diese Scheine zu sehen.
Die Arbeitslosigkeit
nahm zu. Es gab Arbeitslose, die nachts über die grüne Grenze gingen. Sie
schmuggelten sackweise Tabak und Kaffee. Der Verkauf erfolgte mehr oder weniger
offen an den Haustüren. Schmuggeln war nicht ungefährlich. Einer ist dabei erschossen
worden. Einmal bin ich mit Vater zur Grenze gegangen. Ich meine heute noch, den
Duft der Läden in Holland zu riechen, mit ihrem Gemisch aus Tabak, Kakao und
Kaffee. Wir durften aber nur ein halbes Pfund Kaffee und hundert Gramm Tabak
mitbringen. In Holland war alles viel billiger als bei uns.
In der Schule waren
wir im Fach Bürgerkunde mit der Weimarer Verfassung und den politischen
Verhältnissen im Deutschen Reich vertraut gemacht worden. Zuletzt gab es wohl
an die vierzig Parteien, die alle ihre Ziele anstrebten. Mir fiel besonders
eine extreme Partei auf, die das Inflationsgeld aufgewertet haben wollte. Es
gab auch den Verband „Stahlhelm“. Dies war ein Bund von Frontsoldaten zur
Wiederherstellung der deutschen Wehrhoheit. Im ganzen Reich waren Kämpfe von
Spartakus und Deutschnationalen. Man konnte Parolen lesen, die auf den Platten
der Gehwege oder an Häusern aufgemalt waren:
Wollt ihr Speck im Henkelmann,
Dann wählt Ernst Thälmann!
Seit Jahren gab es
wieder ein Heer, die Reichswehr. Die Soldaten waren Freiwillige, die sich auf
zwölf Jahre verpflichten ließen. Panzer waren von den Siegermächten nicht
zugelassen. Daher übten die Soldaten mit Panzern aus Pappe. Wer seine zwölf
Jahre beendet hatte, bekam einen Berechtigungsschein für Arbeit in einer
Behörde.
Unter Hitler hatten
die Nationalsozialisten schon 1923 von München aus gewirkt. Sie hatten dort
einen Umsturz versucht (dies war der „Marsch auf die Feldherrnhalle“), der aber
mißlang. Hitler kam ins Gefängnis. Dort hat er auch das Buch „Mein Kampf“ geschrieben.
Die Arbeitslosigkeit
nahm zu, die Not wurde größer. Die Arbeitslosen mußten zum Arbeitsamt
„stempeln“ gehen: Sie mußten zu bestimmten Zeiten ein Heft abstempeln lassen.
Wöchentlich bekamen sie ihr Arbeitslosengeld ausgezahlt. Dann kam der Schwarze
Freitag, die Weltwirtschaftskrise, die von Amerika ausging (Oktober 1929). Sie
hatte zur Folge, daß noch mehr Menschen arbeitslos wurden. Es wurden
Wärmestuben eingerichtet, viele konnten täglich eine warme Mahlzeit bekommen.
Im Jahr 1930
wechselte häufig die Reichsregierung. Dies hatte unter Stresemann begonnen und
endete unter Reichskanzler Brüning. Es gab Notverordnungen. In der
Zigarettenschachtel war eine Zigarette weniger, die Schachtel wurde aber zum
gleichen Preis wie vorher verkauft. Im Reichstag schwand der Einfluß des
Zentrums. Immer mehr Abgeordnete von Kommunisten und Nationalisten kamen in den
Reichstag.
Die Parteienkämpfe
nahmen zu. Es bildeten sich Stahlhelmgruppen der SA („Sturmabteilung“) und der
SS („Schutzstaffel“). Wir schrieben das Jahr 1933. Die Zentrumsregierung unter
Brüning konnte sich nicht mehr halten. Hitler wurde Reichskanzler unter dem greisen
Generalfeldmarschall Paul von Beneckendorf,
Reichspräsident Hindenburg. Es gab da ein Buch von Hitler: „Vom Kaiserhof zur
Reichskanzlei“. Der „Kaiserhof“ war ein großes Hotel in der Voßstraße beim
Brandenburger Tor in Berlin. Dem Kaiserhof gegenüber ließ Hitler eine große
Reichskanzlei bauen. Am Abend des 30.1.1933 gab es einen großen Fackelzug der
SA, der SS und der HJ (Hitlerjugend) durch das Brandenburger Tor über die
Straße Unter den Linden. Reichspräsident Hindenburg starb 1934. So war für
Hitler der Weg zur Regierung frei (Ermächtigungsgesetz). Er blieb
Reichskanzler. Es gab keinen Reichspräsidenten mehr, Hitler wurde „Führer“. Das
war der Beginn des „Tausendjährigen Reiches“ und des Kampfes der Nazis gegen
alle Parteien, zuerst gegen die Kommunisten, dann gegen die Sozialisten, bis
die Nazis schließlich allein an der Macht waren.
Damals kamen die
ersten Radios auf. Es waren seltsame Geräte, mit einer Anode, einem Quarzstein für
die Sendersuche und einem Lautsprecher. Später gab es eine Drehscheibe für die
Auswahl des Senders. Das erste kompakte Radio sah ich bei einem Nachbarn. Er
hatte das Gerät ins offene Fenster gestellt, wir standen vor dem Haus und
hörten uns den Boxkampf von Max Schmeling gegen Joe Louis an. Max wurde
Weltmeister. Das war 1936.
Bei uns zu Hause
waren die Sorgen größer geworden. Wir bekamen von der Stadt eine Wohnung auf
der Mühlenstraße zugewiesen. Die untere Etage des Hauses, das man uns
zugewiesen hatte, war als Werkstatt hergerichtet worden. Dazu hatte man die
Wände entfernt. Mein Vater hat zuerst wieder Wände geschaffen: Er setzte
Holzbalken, darauf sogenannte Pliesterlatten, die
dann verputzt wurden. So erhielten wir Zimmer. In einem schliefen wir Brüder.
Die Mädchen hatten zwei Zimmer. In den Keller kamen Kartoffeln und Kohlen. In
dem Haus gab es elektrisches Licht. Dies war ein Vorteil: Wir brauchten nicht
mehr die Petroleumlampen.
Überall hatten sich
Ortsgruppen der Nazis gebildet. Auch dem Bürgermeister wurde ein
Ortsgruppenleiter an die Seite gestellt, der ihm die Entscheidungen diktierte.
Die SS trug schwarze Uniformen, die SA braune. Der Verband „Stahlhelm“ wurde
der SA eingegliedert. Die älteren Jungen gingen zur Hitlerjugend, die jüngeren
zu den Pimpfen, die älteren Mädchen zum Bund Deutscher Mädchen, die jüngeren zu
den Jungmädeln. Es gab auch die Nationalsozialistische Frauenschaft.
Inzwischen war
politisch viel geschehen. Die Arbeitslosigkeit war fast verschwunden. Alles
hatte der nazistische Staat jetzt in der Hand. 1938 war der erste für uns
sichtbare Schlag gegen die Juden geführt worden. In der „Reichskristallnacht“
wurden in ganz Deutschland die Synagogen angezündet. Seit 1933 gab es aber
bereits Plakate mit der Aufschrift „Deutsche kaufen nicht bei Juden“. Die
Zeitungen, allen voran „Der Stürmer“, brachten Greuelmärchen.
Überall bemühte man
sich, Ahnenforschung zu betreiben, um den Ariernachweis zu erlangen. Sogenannte
Ordensburgen, wie Vogelsang in der Eifel, wurden errichtet. Man wollte dort den
nordischen Arier züchten, den Herrenmenschen. Neuerdings brauchte der Staat
Menschen. Daher lobte man die Mütter und belohnte sie mit dem Mutterkreuz für
viele Kinder. Neuvermählten wurde ein Ehestandsdarlehen gewährt.
Das Leben ging
weiter, auch mit den Nationalsozialisten. Die Arbeitslosigkeit nahm ab, die
Industrie lebte wieder auf. Allenthalben wurden ja Uniformen gebraucht und
alles, was dazu gehört: Schuhe, Stiefel, Koppel und Rucksäcke. Auf einmal hieß
es, Deutschland bekomme wieder Soldaten. Das Hunderttausend-Mann-Herr wurde in
die Wehrmacht umgewandelt und es bestand Wehrpflicht. Auch das brachte Arbeit
für die Bekleidungsindustrie. Waffen, Panzer, Kanonen und Wagen mußten
produziert werden. Es wurde ein Reichsarbeitsdienst eingeführt, ein Jahr
Verpflichtung vor der Wehrpflicht. Man wurde in Arbeitsdienstlagern
untergebracht. Dieser Arbeitsdienst war ein militärischer Dienst ohne Waffen,
nur mit Spaten. Es wurden Flüsse reguliert und Moore trockengelegt. In Goch
hatte man die Mädchenschule zu Lager und Kaserne umgebaut.
1936 hieß es, die
Wehrmacht marschiere ins Rheinland ein, das von den Alliierten zum Sperrgebiet
erklärt worden war. Die Menschen hatten wieder das Gefühl, in einem Staat zu
leben, der für seine Leute sorgte. Die Stimmen der Gegner nahmen ab, wenigstens
offiziell. Die Meinung wurde nur noch heimlich gesagt. Man mußte ja immer damit
rechnen, daß ein „Volksgenosse“ (so nannte man damals die Bürger) einen
anzeigte. Es gab mittlerweile scharfe Gesetze gegen Volksverhetzung und
Wehrkraftzersetzung. Es war daher gefährlich geworden, öffentlich seine
Ansichten zu äußern. Man munkelte von Konzentrationslagern. Genaues wußte man
nicht, allerdings wollte man auch unwissend bleiben. Viele waren in der Partei.
War es bei allen aus Überzeugung oder eher um des Vorteils willen? Jedenfalls
bekamen Parteigenossen leichter eine gute Arbeit als andere.
Es ging weiter mit
der Aufrüstung. Auf einmal hieß es, zum Schutze Deutschlands werde ein Westwall
gebaut. Auf französischer Seite bestand ja bereits die sogenannte Maginotlinie. Vor der Wehrpflicht kam der
Reichsarbeitsdienst. Ich kam nach Saarlouis an die französische Grenze.
Untergebracht waren wir in Privatquartieren. Der Westwall bestand aus großen
Betonbunkern in genau berechneten Abständen. Zunächst wurde ein Fundament ausgehoben,
dann kamen die Eisenflechter und errichteten große Gestelle. Die Einschaler
brachten innen und außen Bretter an, die mit Balken verstützt
waren. Danach wurden oben Betonmischmaschinen aufgestellt. Sie hatten lange
Laufschienen bis unten. Dort standen wir und mußten Zement, Sand und Wasser in
große Schalen geben. Alles ging von Hand. Der Maschinist zog dann die
Korbschale hoch und das Gemisch kam in die Mischtrommel. War es fertig gemischt
und flüssig, wurde es auf der anderen Seite in die Drahtgeflechte gegossen. An
einem Bunker mußte 24 Stunden lang ohne Unterbrechung Beton gemischt und
gegossen werden. Manche arbeiteten zwei Schichten hintereinander, um mehr Geld
zu verdienen. Die Verantwortlichen entnahmen oft Beton, um Prüfsteine zu machen
und so die Festigkeit zu kontrollieren. Bei diesen Massenunternehmungen kamen
ja Zementschiebereien vor.
Aus heutiger Sicht
gesehen, war der Westwall lächerlich; denn er ist nie benutzt worden. Ich war
ein Jahr dort, „dienstverpflichtet“, wie man sagte. Dann kam ich nach Goch
zurück. Man sprach überall vom Krieg, den es geben sollte. 1938 hatte Hitler
schon das Sudetengebiet und Österreich „ins Reich heimgeholt“ und aus der
Tschechei 1939 ein Protektorat gemacht. Reichsaußenminister Ribbentrop hatte
mit Molotow einen
Nichtangriffspakt ausgehandelt. Es hatte Verhandlungen in München
mit englischen, französischen und amerikanischen Außenministern gegeben. Man
hatte dort klein beigegeben und das Sudetenland an das Reich freigegeben.
1939 brach der Krieg
aus. Angeblich hatten Polen in Uniform einen Sender zerstört. Allerdings
stellte sich später heraus, daß es deutsche Soldaten in polnischen Uniformen
gewesen waren. Polen wurde besetzt, daher mußten die Westmächte eingreifen.
Amerika wollte eigentlich nicht in den Krieg eintreten, tat es dann aber doch.
In der ersten Zeit siegte Deutschland an der West- und Ostfront, sogar in
Afrika.
Ich begann einen
Umschulungskurs in Berlin, bei der Maschinenfabrik „Dreilinden“. Als der Kurs
beendet war, kam ich zu Blaupunkt-Radio in Berlin-Schmargendorf. Ich hatte ein
Zimmer mit einem Kollegen in Moabit, Kruppstraße 5. Das Ehepaar, das uns das
Zimmer vermietet hatte, war auch aus dem Rheinland. Es war ein Zimmer auf dem
Hof. Dort haben wir nicht lange gewohnt. Wir sahen uns ein Zimmer bei der nahegelegenen
Lehrter Straße an. Es lag in einer Sackgasse, die Im Kessel hieß. Dieses Zimmer
war aber nur durch das Schlafzimmer der Vermieterin zu betreten, ein
sogenanntes Durchgangszimmer. Es war sogar doppelt belegt: eine Partie hatte
Tagschicht und schlief nachts, die andere hatte Nachtschicht und schlief
tagsüber. Wir sind nur eine Nacht geblieben und dann getürmt. Jetzt suchte ich
mir ein Zimmer für mich allein. Ich fand eins in der Feldzeugmeisterstraße 9
bei einer Witwe mit Tochter. Es war ein großes Zimmer. Das Haus befand sich
gegenüber einer Kaserne. Was es gekostet hat, weiß ich nicht mehr. Aber die
Witwe wollte, daß ich mit ihrer Tochter ausging! Schließlich fand ich in der
Reinholdstraße 9 in Neukölln ein Zimmer bei einer älteren Witwe, Frau Gümsch. Hier hatte ich ein schönes Zimmer mit Ausblick auf
den Hof. In diesem Zimmer war ein großer, gemauerter Kachelofen. Es dauerte
lange, bis er warm wurde, aber er hielt auch länger die Wärme.
Ich fuhr jeden
Morgen mit der S-Bahn nach Schmargendorf zur Arbeit. Mittagessen gab es gegen
einen geringen Beitrag in der Kantine. Ich war bei Blaupunkt „in der
Vorbereitung“ für die Werkzeugmacherei. Ein Kollege, Willi Haase, und ich
mußten in der Konstruktionsabteilung die Zeichnungen abholen. Sie führten
Materiallisten auf, nach denen wir im Lager die entsprechenden Metallteile
besorgten. Diese Teile und die Zeichnung kamen in eine Blechkiste. An vielen
Aufträgen mußten wir erst Fräs- und Hobelarbeiten machen lassen, ehe die
Werkzeugmacher sie ausführten. Vom Planer waren Zeiten vorgegeben, die dann in
Lohn umgerechnet wurden.
Vom Krieg merkte ich
einstweilen nur so viel, daß ein Brandschutz eingerichtet wurde, zu dem ich
auch gehörte. Bei Blaupunkt und auch bei Siemens mußten wir abwechselnd nachts
Brandwache halten. Überall lag Sand zum Löschen. Wir hatten auch Gasmasken. Allerdings
warfen Amerikaner und Engländer zu dieser Zeit nur vereinzelt Bomben auf
Berlin. Hätte es tatsächlich einen Großangriff gegeben, wären wir in diesen
Fabriken elend verbrannt. Sie befanden sich nämlich in Hinterhöfen, die so
verschachtelt waren, daß man sich nur schlecht zurechtfand.
Mit Willi Haase und
zwei Konstrukteuren gingen wir einmal pro Woche zum Kegeln. Sonntags ging ich
meist zu Fuß von Neukölln zum Alexanderplatz. Dort gab es bei Aschinger, beim
Franziskaner oder Dominikaner ein billiges Mittagessen. Manches begann bereits,
knapp zu werden; später wurden Lebensmittelkarten ausgegeben. Das war ein
Theater, wenn man im Gasthaus ein Essen bestellte! Der Ober schnitt mit einer Schere die
entsprechenden Marken ab: Nährmittel, Fett, Fleisch. Es gab aber auch
Stammgerichte, die ohne Lebensmittelkarte abgegeben wurden. Im
Dominikanerkloster (Oldenburgstraße) hatte ich einen
guten Freund, Pater Wendelyn Meier. Bei jedem Besuch
schenkte er mir ein Brot. Auch Zigaretten wurden knapp, obwohl ich eine
Raucherkarte hatte. Es gab Kohlekarten, Textilkarten und Bezugsscheine: Alles
war rationiert!
An Sonn- und
Feiertagen fuhr ich oft mit der S-Bahn zum Wannsee. Dort konnte man sich den
ganzen Tag im Strandbad aufhalten. Auch zum Müggelsee im Osten der Stadt fuhr
ich manchmal. Viele Berliner gingen ins Freibad Grunewald. Berlin war eine
wuchtige Sache! Es gab da Opern, Konzerthäuser, Kinos, dann die Eck- und
Kellerkneipen! Am Sonntag die große Wachablösung an der neuen Wache Unter den
Linden: Vom Brandenburger Tor kam eine Wachkompanie mit Spielmannszug. Ein Zug
Soldaten blieb die Woche über im Wachhaus. Alle zwei Stunden wurde die Wache am
Tor von zwei Soldaten abgelöst.
Eines Abends befand
ich mich in der Rathenauerstraße, kurz vor dem
Moabiter Gericht. Da sprach mich eine junge Frau an, ob ich wüßte, wo sie
übernachten könne. Ich habe sie in einer Pension unterbringen können. Wir
verabredeten für den nächsten Tag ein Wiedersehen. Von da an sahen wir uns oft.
Sie hieß Johanna und kam aus dem Sudetenland. Wir haben überlegt, wo sie
arbeiten könne. Sie war dann bei einer Gärtnerei in der Oderbruchstraße tätig.
Ein Zimmer fand sie bei den Eheleuten Plan in Neukölln, Hertastraße
4. Später war die Rede vom Heiraten, und wir versuchten, uns die Papiere zu
besorgen. Johanna fuhr zunächst wieder zurück zur elterlichen Gärtnerei in
Deutsch-Gabel. Hier hatte sie das alte Haus. Ich besuchte sie dort. Diese Reise
begann am Görlitzer Bahnhof.

Die Hochzeit war am
Samstag, 21.6.1941. Die Eheleute Plan waren Trauzeugen auf dem Standesamt in
Berlin-Neukölln. Danach sind wir zum Messegelände gefahren, hatten ein
Mittagessen am alten Funkturm und feierten ein wenig. Am nächsten Tag war die
Kirchliche Trauung bei Pater Wendelyn im
Dominikanerkloster in einer Kapelle, die heute als Sakristei benutzt wird.
Danach gingen wir auf Hochzeitsreise nach München. Am ersten Tag dort hörten
wir durch das Radio, der Krieg mit Rußland habe begonnen.
Nach der
Hochzeitsreise ging die Arbeit bei Blaupunkt zunächst weiter. Als
Werkzeugmacher war ich „unabkömmlich“. Eines Tages mußte ich aber zur
Personalabteilung kommen. Ein Werkzeugmacher war von der Ostfront
zurückgekommen und ich sollte ihn ersetzen. Ich bekam meine Einberufung zum
Frühjahr 1943. Ich hatte mich in der Hans-von-Seeckt-Kaserne in Lichterfelde zu
melden. Die Koffer mit meiner Habe brachte ich nach Deutsch-Gabel. Johanna
hatte sich inzwischen selbständig gemacht und eine kleine Gärtnerei in Neuland
am Roll gepachtet. Hier hatte sie auch ein Haus bekommen. Sie versuchte, Gemüse
anzubauen. Später ist meine Mutter mit meinen Schwestern Thea und Annemarie
nach Neuland gezogen, weil am Niederrhein Kampfgebiet war. Zurück nach Berlin.
In der Kaserne bekamen wir militärischen Schliff: Marschieren, Schießen,
Unterricht.
Zum Abschied kam
Johanna nach Berlin. Wir Soldaten wurden dann in einen Zug verladen und fuhren
ostwärts. Hinter Frankfurt an der Oder wurde alles so eintönig und weitläufig.
Man merkte: Hier beginnt der Osten! In Warschau kamen Kinder an den Zug und bettelten
um Brot. Über Brest
ging es dann nach Weißrußland, bis Beresa-Kartuska. Dort wurden
wir in einer Kaserne untergebracht, die vorher ein Konzentrationslager gewesen
war. Hier ging unsere Ausbildung weiter. Auf dem Kasernenhof war ein
Löschteich. In den hat uns der Spieß oft hineingejagt. Oft ließ man uns
überraschend zum Appell holen. Wir mußten dann feldmarschmäßig auf dem
Kasernenhof antreten. Es wurde kontrolliert, ob man die Erkennungsmarke
umhatte, ob die Uniform alle Knöpfe hatte, ob der Gewehrlauf sauber war.
Eines Tages wurden Gärtner
gesucht. Ich meldete mich und bekam noch drei Leute mit. Wir mußten am Friedhof
auf einer Wiese Rasenplatten ausstechen und aufladen. Damit sollten wir einem Offizier,
der in einem Holzhaus wohnte, Rasen um das Haus legen, da Aussaat und Keimen der
Saat ja zu lange gedauert hätte.
Plötzlich kam ein offener
Lastwagen angefahren, auf dem Frauen und Männer, junge und ältere, waren. Wir arbeiteten
etwa fünfzig Meter davon entfernt. Die Menschen wurden von der SS vom Lastwagen
heruntergetrieben. Eine Reihe mußte sich vor ein Loch, das wir vorher nicht beachtet
hatten, hinstellen und wurde durch Genickschuß getötet. Sie fielen nach vorn in
die Grube. Danach kamen die anderen dran. Dann wurde etwas Erde auf die Leichen
geworfen und die SS fuhr wieder ab.
Als wir anschließend
in der Kaserne davon erzählten, sagte man uns: „Das waren Partisanen, die man beim
Sprengstofflegen erwischt hat.“ Ich wußte nicht, was ich davon halten sollte. Eigentlich
waren wir auch zu oberflächlich, um mehr zu sehen.
Eines Tages kam der
Marschbefehl. Wir wurden zum Schutz der Eisenbahnlinie Minsk-Pinsk eingesetzt. Links und
rechts der Eisenbahnlinie war der Wald fünfzig Meter breit abgeholzt. In der
Entfernung von jeweils einem Kilometer hatte man Stützpunkte errichtet. Es
handelte sich um Holzblockhäuser aus ganzen Stämmen, umgeben von einer Palisadenwand.
Außerdem war dort jeweils ein Aussichtsturm errichtet worden. Unsere Aufgabe
bestand darin, Wache zu stehen und die Strecke zu beobachten. Manchmal ging ich
mit dem Stützpunktleiter auf Streife durch die Wälder. Wir beobachteten
versteckte Dörfer. Man sagte uns, dies seien alles Partisanen. Fast jede Woche
fanden wir denn auch eine Sprengladung an den Gleisen. Das Sprengstoffpaket
hatte man durch Schirme getarnt.
Vier Wochen war ich
in einem Pionierregiment. Ich lernte, Sprengladungen zu entschärfen. Ich habe
viele Sprengladungen entfernt. War ich sicher, daß keine Gefahr drohte, baute
ich sie gleich ab. Wenn es den Anschein hatte, als ob eine Zündkapsel gegen das
Aufheben des Sprengstoffs angebracht war, legte ich vorsichtig eine Schnur um
das Sprengstoffpaket und zog sie dann aus der Deckung des Bahndammes heraus.
Waren erst einmal Zündkapsel und Sprengstoff getrennt, bestand keine Gefahr
mehr.
Zum Urlaub mußte ich
in voller Ausrüstung fahren. In Brest wurden wir Soldaten entlaust und unsere
Kleider desinfiziert.
Hier sollten wir auf
den Kampf in Stalingrad vorbereitet werden. Wir kamen an einen Ort, der etwa
fünfzig Kilometer von der Grenze entfernt war. Wir waren in einer Schule
untergebracht. Unsere Aufgabe bestand im Exerzierdienst und in Manövern. Wir
mußten unsere Waffen reinigen, die Kleider säubern und ausbessern. Im Sommer
durfte man den oberen Knopf der Uniform nur öffnen, wenn dies befohlen wurde.
Alles wurde angeordnet: Essenszeit, Schlafenszeit, Ausgang.
Ich war bereits am
30.1.1944 zum Obergrenadier ernannt worden. Am 1.4.1944 wurde ich Gefreiter. Am
1.7.1944 wurde ich zum Offiziersanwärter der Reserve bestellt.
Die Gerüchteküche
brodelte. Sollte es nach Stalingrad gehen? Eines Tages wurden wir Soldaten
verladen, wie immer in einen Personenzug mit Güterwagen. Es ging nach Holland,
an die Küste bei Hoek van Holland. Hier wurden wir ausgeladen. Wir machten uns
auf den Weg nach Frankreich. Dort war inzwischen die Invasion gestartet. Warum
ging es nicht mit der Bahn weiter? Alles war schon ein wenig in Unordnung. Also
ab dort jede Nacht fünfzig Kilometer zu Fuß. Es war eine Tortur! Morgens, wenn
die Ausrüstung abgeschnallt war, kam man sich vor, als schwebe man. Tagsüber
schliefen wir verdeckt wegen der Tiefflieger. Als wichtigsten Artikel hatte ich
immer ein Paar ungestopfte Socken bei mir, die ich
täglich wechselte und gleich wusch. Manche waren schlimm daran, sie liefen
regelrecht auf rohem Fleisch. So kamen wir nach langen Märschen im Frontgebiet
an, der Normandie. Unterwegs hatte sich der Ton der Unteroffiziere, Feldwebel
und Stabsgefreiten erstaunlich geändert. Sie gebrauchten weniger den Befehlston
und bemühten sich jetzt mehr um Kameradschaft.
Nachts kamen wir in Vire an.
Man sagte uns, morgens kämen wir zur Hauptkampflinie. Züge oder Kompanien kamen
uns entgegen. Wir sollten einen Abschnitt ablösen. Das kam mir seltsam vor. Ich
sagte: „Wenn die zurückkommen, stehen wir beim Hellwerden den Amerikanern
gegenüber!“ So war es denn auch. Kaum war es hell geworden, wurden wir vor dem
Ort auf Wiesen plaziert. Wir waren hinter den Erdwällen, die in der Normandie
die Wiesen begrenzten. Die Amerikaner beschossen uns und das Hinterland mit
Schiffsgeschützen. So nahe waren wir an der Küste! An ein Vorgehen unsererseits
war nicht zu denken, da amerikanische Panzer anrückten. Am 5.8.1944 geschah es
dann, nach verstärktem Beschuß mit Schiffsgeschützen und dem Heranrücken der
amerikanischen Panzer. Wir lagen zum Teil noch hinter den Wällen, andere
Einheiten gingen vor. Ich lag an der Böschung und beobachtete den Kampf vor uns
mit einem Fernrohr, das Maschinengewehr hatte ich neben mir. Da bekam ich einen
kräftigen Schlag gegen die Hüfte. Erst dachte ich, Hubert Voß, der neben mir war,
hätte mich gestoßen. Als ich mich zur Seite drehte, sah ich zuerst einen
riesigen Erdtrichter zwanzig Meter hinter uns. Dann bemerkte ich, daß mein
linker Stiefel voller Blut war. Jetzt erst wurde mir klar, daß die Handgranate,
die ich am Lederverschluß der Pistole trug, mitten durchgetrennt war, die
Sprengkapsel lag auf der Erde. Ich hatte eine Verletzung im Beckenknochen.
Sanitäter trugen mich auf einer Zeltplane in den Ort zurück. Dort war in einem
noch unzerstörten Keller eine Verbandsstelle der Kompanie. Am Nachmittag kam
unser Kompaniechef und sagte: „Neunzig Prozent der Leute unserer Kompanie sind
tot!“ Ich hatte ja selber beobachten können: Die Amerikaner gingen immer nur im
Schutz ihrer Panzer vor. Sie hatten zum Teil Panzer mit Flammenwerfern, die
alles seitlich von sich verbrannten, auch unsere Leute in den Erdlöchern.
Für den Abend wurde
für beide Seiten eine Feuerpause vereinbart, damit die Toten und Verwundeten
geborgen werden konnten. Bei uns fuhren Sanitätskraftzeuge vor. Wir wurden zum
nächsten Truppenübungsplatz in die Nähe von Rouen gefahren. Das Lazarett war
in einer Schule. Man stellte die Tragen, auf denen die Verwundeten lagen, auf
dem Hof ab. Die Ärzte operierten und amputierten ohne Unterbrechung. Ich geriet
an einen SS-Feldarzt, der mich operierte. Aus Zeitmangel wurde nur das
Notwendigste getan. Mir wurde aus der Hüfte ein Granatsplitter entfernt. Er war
fünf Zentimeter lang und einen Zentimeter breit. Ich hatte Glück gehabt! Hätten
Pistole und Eierhandgranate nicht den Splitter gebremst, wäre er durch den
Bauch gegangen und hätte die Därme zerrissen. Das wäre tödlich gewesen; denn im
Feldlazarett bestand keine Möglichkeit, Bauchoperationen vorzunehmen. Es gab ja
auch keine Antibiotika. Wegen der beschränkten Möglichkeiten mußte viel
amputiert werden.
Wir konnten in
diesem Lazarett nicht bleiben. Alles war überfüllt und die Front rückte immer
näher. Die transportfähigen Verwundeten wurden in einen Lazarettzug verladen
und in ein Lazarett am Rande von Paris gebracht. Es ging alles sehr schnell.
Von dort aus nach einigen Tagen nach Brüssel, dann weiter nach Aachen ins
Lazarett. Auch dort war nun kein Bleiben. Alles war in Auflösung. Der Vormarsch
der Amerikaner und Briten war nicht mehr aufzuhalten.
Nach wenigen Wochen
kam ich in ein Lazarett in Siegen. Hier wurde ich zum zweiten Mal operiert.
Teile der Pistole, ein kleiner Teil der Rückholfeder und Blechteile der
Umrandung steckten ja noch im Hüftknochen. In Siegen holte man die Feder
heraus. Hier besuchte mich Johanna. Sie wohnte in dieser Zeit bei einer Frau Zamponi. Helferinnen und Privatleute kümmerten sich um die
Patienten.
Sobald es ging, ließ
ich mich in mein Heimatlazarett nach Niemes
verlegen. Doch hier waren die Russen auf dem Vormarsch. So wurden wir
Verwundete wieder in einen Lazarettzug gesetzt und kamen nach Neuburg an der
Donau. Auf dem Bahnhof erschien eine Ärztegruppe und überprüfte bei jedem, ob
noch ein Lazarettaufenthalt notwendig war. Ich gehörte zu denjenigen, die
laufen konnten. So wurde ich mit einem Marschbefehl zum Truppenstandort Kassel
auf die Reise geschickt.
Ich fuhr also los,
mit den nötigen Papieren und Fahrscheinen versehen. In Dresden stieg ich aus
und ließ mich beim Bahnhofskommandanten melden. Ich zeigte ihm meinen
vereiterten Hüftverband und sagte, ich könne nicht bis Kassel fahren. Er hatte
ein Einsehen und schickte mich in ein Reservelazarett nach Coswig, das mit
Verwundeten belegt war. Das war mein Glück; denn gleich in der ersten Nacht
(13./14.2.1945) konnten wir die Feuersäulen über Dresden sehen. Es handelte
sich um den schlimmen Angriff der Alliierten auf Dresden. Mehr als 35.000 Tote.
Dresden war ja voll von Flüchtlingen. Hätte ich noch eine Nacht in Dresden
verbracht, wäre ich wohl auch unter den Toten?
In Coswig konnte ich
nicht bleiben. Der Stabsarzt schickte mich in die Garnisonstadt Leisnig. Dort wurde ich
mehrmals operiert. Tagelang gab es Gerüchte: Wer ist zuerst in Leisnig, die
Amerikaner oder die Russen? Die Amerikaner waren näher, warteten jedoch ab. Es
ging wohl schon um die spätere Demarkationslinie. In Jalta hatten Amerikaner,
Engländer und Russen ja ein Abkommen getroffen. Das erfuhren wir aber erst
später. Die Soldaten hatten die Kaserne bereits verlassen. Mit anderen ging ich
zu dieser Kaserne, um einen Zivilanzug zu finden. Wir sprachen bei der
Verwaltung vor, die sich in einem Gartenhaus befand. Dort ließen wir uns die
Soldbücher abstempeln, damit wir nicht unterwegs von Feldgendarmerien als
Deserteure aufgegriffen würden: „Entlassen Heimat Neuland am 29.5.45“.
Nach dem Krieg
Vor dem Lazarett
standen bereits die Russen. Mein Kollege und ich liefen durch den Garten des
Lazaretts und nahmen die Richtung auf Dresden. Wir waren in Zivil, hatten
Entlassungspapiere und Geld. Erst ging es zu Fuß von Leisnig bis Döbeln.
Niemand hat uns angehalten oder gefragt, wo wir hin wollten.
Vorbei an Westewitz-Großweitzschen; dort war nach dem Krieg meine Schwägerin
Hedi. Wir kamen auch durch das Tal, in dem Paudritsch
liegt; später haben wir hier Bekannte besucht. In Döbeln kauften wir uns eine
Fahrkarte bis Tetschen-Bodenbach. Über Dresden kamen
wir wohlbehalten dorthin. Niemand hat etwas gefragt. Wir sahen nur Russen, die
sich irgendwo Fahrräder besorgt hatten und nun mit ihnen fuhren.
In Tetschen-Bodenbach mußten wir nach Deutsch-Gabel umsteigen.
Ich sah sofort, daß auf der Bahnhofsseite tschechische Plünderer dabei waren,
die Reisenden auszurauben. Die neuen Herren suchten außerdem ehemalige
SS-Angehörige, die ja an der eintätowierten Nummer unter dem linken Arm
kenntlich waren. Mein Kollege, der Tschechisch sprach, hörte, daß auf dem
benachbarten Gleis ein abfahrbereiter Zug Richtung Deutsch-Gabel stand. Wir
stiegen daher nicht an der Bahnhofsseite des Zuges, sondern an der anderen aus.
Es ging hinein in den Zug, der sofort abfuhr. Allerdings hatten wir keine
Fahrkarte. Daher gerieten wir in Streit mit dem Schaffner. Der wollte uns
gleich am nächsten Bahnhof den Behörden übergeben, mein Kollege aber brachte
ihn dazu, dies erst in seinem Heimatort Böhmisch-Leipa zu tun. Dort
telefonierten die Beamten und der Bürgermeister holte uns ab. Dieser aber war
der Schwager meines Kollegen. Der Bürgermeister hielt uns dann in seinem Haus
eine Standpauke, gab mir aber eine Bescheinigung, die besagte, daß ich auf dem
Weg nach Neuland am Roll zu meiner Frau sei. Er riet mir, kein öffentliches
Fahrzeug zu benutzen, sondern zu Fuß zu gehen. So machte ich mich denn am
anderen Tag auf die Socken und marschierte über Feldwege Richtung Niemes. Es ging auch alles gut. Ich sah nur arbeitende
Bauern auf den Feldern: lauter Sudetendeutsche, die noch nicht wußten, was mit
ihnen geschehen würde.
Ich kam ungehindert
in Neuland am Roll an. Hier war es so, als sei nichts geschehen; denn es hatte
in dieser Gegend keine Kampfhandlungen gegeben. Die Russen errichteten in allen
Orten Kommandanturen, die mit Hilfe der örtlichen Behörden Befehle erteilten
und Erlasse herausgaben.
Die Reichsdeutschen
mußten als erste die Tschechoslowakei verlassen. So kehrten meine Mutter und
meine beiden jüngsten Schwestern wieder nach Goch zurück. Das Gerücht hielt
sich hartnäckig, alle Sudetendeutschen müßten die Tschechoslowakei verlassen.
Es ist aber schwierig, auf ein Gerücht hin einfach Haus und Gärtnerei zu
verlassen. Wir blieben in der Hoffnung, daß es uns nicht traf, arbeiteten in
der Gärtnerei und taten das Notwendige. Im August kamen abends drei Leute: Wir
hätten uns am nächsten Morgen mit Handgepäck an einem bestimmten Platz
einzufinden.
Wir haben die ganze
Nacht gebacken und gepackt. Mit einem Handleiterwagen fuhren wir am nächsten
Morgen zum Sammelplatz. Dort wurden in einem rüden Ton die Menschen gezählt.
Danach ging es zu Fuß Richtung Petersdorf und Zittau. In einer Waldlichtung
wurde Halt geboten. Jeder Koffer, jeder Sack wurde ausgeschüttet und
durchsucht. Die Tschechen nahmen alles weg, was sie gebrauchen konnten. Meiner
Frau schnitten sie unter spöttischem Hinweis auf Richard Wagners Operngestalt
Brunhilde die Zierschnüre vom Kleid ab. Beim Ausschütten einer unserer Säcke
zerbrach ein Teller. Ich konnte den Mund nicht halten und sagte: „Schisko jedno, vojna“ (Včecko; Alles egal,
es ist Krieg). Dafür kassierte ich mehrere Ohrfeigen. Unser Geld und die
Papiere fanden sie nicht: Ich hatte sie in meinem Hüftverband.
Schließlich konnten
wir alles einpacken und es ging zu Fuß weiter. Wir kamen zum Bahnhof in
Deutsch-Gabel, weil es von hier aus mit dem Zug weitergehen sollte. Mein
Schwiegervater hatte uns vorbeiziehen sehen und brachte uns einen Leiterwagen
mit der Aussteuer meiner Frau. Kaum war dieser Wagen am Bahnhof, fielen die
Tschechen darüber her. Es blieb uns nichts mehr, nicht einmal der Wagen. Wer
meinen Schwiegervater kannte, hat auch schon einmal sein Kopfschütteln gesehen,
wenn ihm etwas Unrechtes geschah. Tief traurig ging er nach Hause.
Seine Gärtnerei und
seine beiden Häuser lagen nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt. Jahrelang ist
mein Schwiegervater Bürgermeister in Deutsch-Gabel gewesen. Er hat sich sehr
für die Armen eingesetzt. Sein Werk war es auch, in dieser Stadt ein Schwimmbad
zu bauen. 1938 erklärte er seinen Rücktritt, weil er mit dem Naziregime nicht
einverstanden war. In unserem Besitz ist noch ein Dankschreiben des damaligen
Stadtrates. Was mag dieser Mann verbittert gewesen sein über die Ausweisung von
Menschen aus ihrer angestammten Heimat?
Schließlich stellte
sich heraus, daß wir doch nicht mit dem Zug fahren konnten, also ging es von
Deutsch-Gabel aus zu Fuß weiter. Wir hatten die Grenze bereits passiert, und
noch immer begleiteten uns die Tschechen. Ich sagte zu Johanna: „Bleib’ mal am
Straßenrand stehen und tu so, als wenn Du nicht weiter laufen
kannst!“ Der Treck zog weiter und niemand kümmerte sich um uns. Familie
Göttlich, Kasernenstraße in Zittau, nahm uns vorläufig auf. Hier aber konnten
wir nicht bleiben. Da erinnerten wir uns an eine Cousine des Schwiegervaters,
Selma Clemenz, in Niederoderwitz. Sie brachte uns in einem kleinen Zimmer
unter.
Nach ein paar Tagen
sahen wir einen Flüchtlingstreck, in dem die Schwiegereltern und meine
Schwägerin Hedi waren. Wir holten sie aus dem Treck heraus. Mein
Schwiegervater, immer rastlos, suchte sich Arbeit beim Gärtner Jauch. Ich fuhr
nach einiger Zeit mit dem Zug nach Leisnig. Die Fahrt war schon so eine Sache,
denn überall waren die Brücken gesprengt. Da hieß es dann, vor der Brücke
aussteigen und an der anderen Seite wieder in den Zug. Durch Vermittlung
erhielt ich Arbeit beim Gärtner Rokmann in Leisnig-Fischendorf. Ich fand auch ein Zimmer bei einer Witwe in
der Niederlanggasse 28, nicht weit von der Gärtnerei entfernt. In
Niederoderwitz nahmen wir unseren Leiterwagen, packten alles darauf, und ab
ging es nach Leisnig. Bobby, unser Glatthaar-Terrier, mußte natürlich mit.
Durch eine Zeitungsanzeige fand ich aber nach einem Jahr eine andere Stelle, in
der Gärtnerei Ahnert in Mochau bei Döbeln. Dazu gehörte eine kleine Wohnung,
die halb in den Abhang an der Gärtnerei hineingebaut war.
Mir machten jedoch
die politischen Verhältnisse Sorgen. Wir lebten ja in der russischen
Besatzungszone. So packten wir Anfang Oktober 1946 unsere Habe wieder einmal
auf den Leiterwagen. Mit der Bahn fuhren wir von Mochau bis Sangerhausen. Wir
verließen dort den Zug und gingen zu Fuß über die Sektorengrenze, die von den
Russen nur oberflächlich bewacht wurde. Wir schlossen uns einfach einer der
zahlreichen Flüchtlingsgruppen an. Große Erleichterung, als das Schild
„Britische Besatzungszone“ auftauchte! Im nächsten Ort bestiegen wir einen Zug,
der uns über Hannover nach Goch brachte. Die Freude war natürlich groß, als wir
zu Hause auftauchten. Dies war jetzt in der Asperdener
Straße. Man gab uns ein Zimmer. Ich mußte nun wieder Arbeit suchen.
Am 2.1.1947 fing ich
bei der Gärtnerei van de Loo in Asperden an. Ich erhielt eine Wohnung in der Hervorster Straße. Es war eine Dachgeschoßwohnung. Auf
Bezugsschein gab es einen eisernen Küchenherd und einen Blechofen zum Heizen.
Wir benutzten dazu Holz aus dem Reichswald. Wegen des Granatenbeschusses im
Krieg lag ja genügend zersplittertes Holz herum. Von der Familie einer
Schwägerin erhielten wir einen Tisch und ein Vertikounterteil
(Wohnzimmerschrank). Wir konnten zwei Betten und vier Hocker aus Eisen kaufen.
Fahrräder ließen sich aus vielen einzelnen Teilen zusammenbauen. Wir mußten die
Vollgummireifen für sie aus alten Autoreifen herausschneiden. Ich bereitete
mich auf die Gesellenprüfung als Gärtner vor. Dazu mußte ich jeden Sonntag mit
dem Fahrrad nach Kleve-Kellen fahren. Ich machte in zwei Fächern die Prüfung,
in Gemüse- und Zierpflanzenbau.
Pfingsten 1947 hatte
ich wieder Beschwerden an meiner Verwundung. Es waren ja noch immer Splitter im
Hüftknochen. Ich kam ins Gocher Krankenhaus, damals noch in der Mühlenstraße,
und wurde wieder operiert, mittlerweile zum siebten Mal! Während meines Krankenhausaufenthaltes
mußte Johanna unseren Garten bewässern. Tagsüber wurde das Wasser in der
Gärtnerei gebraucht, so mußte sie es nachts tun. 1947 war der trockenste
Sommer, den ich erlebt habe. Von Pfingsten bis zum ersten September regnete es
überhaupt nicht. Am 5.11.1947 wurde unsere Tochter Johanna in Bedburg-Hau
geboren. Dort war das Krankenhaus Kleve untergebracht; denn das Gebäude in
Kleve war „ausgebombt“, wie es damals hieß.
Zu dieser Zeit lag
noch überall Munition und Kriegsgerät herum. Wir sammelten Messingkartuschen
für Aschenbecher und Vasen. Im Reichswald fanden wir Granatsplitter, die wir
als Buntmetall verkauften. Damals wurden Metallsucher aber auch verletzt oder
kamen sogar um bei dem Versuch, Blindgänger zu entschärfen.
Ich versuchte mich
auch als Besenbinder. Ich band Birkenreiser zusammen und spreizte sie. Da es
nur wenig Straßenbesen gab, konnte ich meine Besen in den Geschäften verkaufen.
Das war aber viel Arbeit und brachte wenig ein. Johanna hat eine ganze Zeitlang
spätabends bei einem Gärtner in Geldern Kränze gebunden. Die Gemüsegärtnerei
wurde in einen Erikenbetrieb umgewandelt. Es waren
die ersten Eriken am Niederrhein, 3.000 Stück.
Das Jahr 1947 war
für uns ein Schicksalsjahr, ein Neubeginn: Übersiedlung in den Westen, neue
Stellung und Wohnung, das erste Kind! Da hieß es dann, für Windeln, die es
nicht gab, Ersatz zu finden.
Von unserem Chef Dr.
Heimann, dem die Mühle gehörte, erhielten wir monatlich zehn Pfund Mehl. Dies
war uns eine große Hilfe. Gemüse hatten wir in unserem eigenen Garten,
erhielten aber auch einiges aus der Gärtnerei. Juni 1948 wurde die alte
Reichsmark für ungültig erklärt und es gab an einem Sonntag die neue D-Mark.
Jeder erhielt vierzig DM, im August noch einmal zwanzig. Das Sparguthaben wurde
abgewertet, 10 % davon blieb. Es war wie ein Wunder:
am Samstag gab es fast nichts zu kaufen, am Montag fast alles.
Lebensmittelkarten und Bezugsscheine fielen weg. Ich bekam damals 220 DM im
Monat, für elf Stunden Arbeit am Tag.
Im Reichswald wurden
drei Dörfer errichtet: Nierswalde, Rodenwalde und Reichswalde. Der Siedlungsverband für Bauern
und Gärtner hatte dies geplant. Der Wald wurde gerodet. Die Stämme waren
minderwertig, da sie mit Granatsplittern durchsetzt waren. Man schnitt sie
nicht gern zu Brettern, weil dabei die Sägen stark litten. Es entstand eine
Fabrik für Kienöl, das aus den Wurzeln der Tannen und Fichten gewonnen wurde.
Am 25.6.1949 wurde
unser Sohn Heinrich geboren. Die Geburt war diesmal zu Hause. Ich mußte die
Hebamme nachts mit dem Fahrrad abholen. Es ging alles gut. Ich mußte beim
Anblick des Kleinen sehr lachen, weil er aufgeworfene Lippen hatte wie meine
Tante Hanna.
Bald bot sich die
Gelegenheit, ins Haus gegenüber zu ziehen. Früher war dieses Gebäude Remise und
Stall der Familie Buff gewesen. Ihr Herrenhaus war ziemlich zerbombt und sie
waren verarmt. Heute ist Villa Buff eine Privatklinik für Plastische Chirurgie.
Unser Chef Dr. Heimann hatte der Familie Buff das Haus Hervorster
Straße 13c abgekauft. Im oberen Stockwerk wohnte ein Gärtnergehilfe, unsere
Wohnung war in den unteren Räumen. Die Decken waren Betongewölbe, wie in
Ställen üblich. Auch hier hatten wir einen Garten.
Weihnachten 1949
wurden die Eröffnungsfeierlichkeiten für das 25. Heilige Jahr im Rundfunk
übertragen. Der heilige Vater hielt eine Ansprache.
Da erwachte in mir der Wunsch, nach Rom zu reisen. Anfang des Jahres 1950
erschien mir dies noch unmöglich. Dann hörte Johanna, daß es verbilligte
Jugendfahrten gäbe. Wir erhielten schließlich einen Prospekt von Viersen für eine
Fahrt, die von Gaesdonk aus organisiert wurde. Ich
verkaufte die Schafe, um Reisegeld zu bekommen. Gaesdonk
besorgte das Visum und den provisorischen Reisepaß. Es gab noch keine regulären
Pässe. Endlich war es so weit: Die letzten
Instruktionen kamen und das Reisefieber nahm jeden Tag zu. Ich habe ein
Reisetagebuch geführt:
Samstag, 9.9.1950. Pfarrer Mott borgte mir noch einen Mantel
und los ging die Fahrt nach Gaesdonk, mit dem Fahrrad
durch strömenden Regen. Die Koffer wurden verladen.
Ich besuchte noch meine Schwester Margret.
Sonntag, 10.9. Morgens um drei Uhr
war es so regnerisch trübe, daß ich dachte, es werde nicht mehr aufhören zu
regnen. Die Schüler von Gaesdonk fuhren in drei
Wagen. Ich fuhr mit ihnen, damit ich nicht mit der Bahn nach Viersen mußte. Um
viertel vor fünf Uhr waren wir in Viersen. In der Kirche St. Joseph wurde das
Pilgerhochamt von den Priestern gefeiert, die uns begleiteten. Alle gingen zur
Kommunion. Dann spendete der dortige Dechant den Pilgersegen. Im Pfarrsaal
frühstückten wir und erhielten noch einmal Belehrungen. Die Wagen standen schon
vor der Kirche fertig. „Alles einsteigen, das Handgepäck unter die Sitze!“
Viertel vor sieben Uhr ging es los. Um neun Uhr waren wir in Bonn, eine
Ehrenrunde um das Bundeshaus. Jeden Tag sind hier viele Besucher. Um zehn Uhr
brach die Sonne durch. Eine herrlich schöne Fahrt am Rhein entlang, zur
Loreley. Über Mainz kamen wir nach Heidelberg. Besichtigung des Schlosses in
dieser alten Universitätsstadt. Übernachtung im evangelischen Gemeindehaus auf
Feldbetten.
Montag, 11.9. Um halb sechs Uhr Gottesdienst in der Kirche
St. Anna, der jetzigen Militärkapelle, 7 Uhr Abfahrt. Wir fuhren durch das
herrliche Neckartal zur Autobahn. In Ulm besichtigten wir das jetzt leider
protestantische Münster. In Augsburg waren schon von weitem die Berge zu sehen.
Sie tauchten wie Wolkengebilde am Horizont auf. Mit Anbruch der Dunkelheit
waren wir in Steingaden. Übernachtung in einer Scheune.
Dienstag, 12.9. Ich hatte gut im Heu geschlafen, stellte
aber fest, daß ein Hauklotz unter meinem Rücken gewesen war. Ich wusch mich am
Trog. Die Sonne ging auf. Erster klarer Blick auf die nahen Alpen. Es ist, als
wenn die Sonne auf den Bergkuppen läge. Um acht Uhr Heilige Messe, zehn Uhr
Abfahrt. Acht Kilometer Fahrt, über die mächtige Lechtalbrücke,
zur Wieskirche: Die schönste Rokokokirche Deutschlands, erbaut von Dominikus
Zimmermann. Oberammergau, Schloß Linderhof: Maurischer Pavillon, die 32 Meter
hohe Fontäne, die Tropfsteinhöhle. Benediktinerkloster Ettal, Garmisch-Partenkirchen.
Die Zugspitze war zu sehen. In Mittenwald schlugen wir an der Isar unsere Zelte
auf, 800 Meter vor der österreichischen Grenze.
Mittwoch, 13.9. Die Grenzformalitäten gingen schnell
vonstatten. Wie herrlich die Fahrt über den Zirler
Berg! Abwärts mußten wir laufen. Die steile Martinswand an der Straße! In
Innsbruck hatten wir drei Stunden Zeit für die Stadtbesichtigung. Ich sah das
Goldene Dach, die Hofkirche mit dem Schwarzen Mandl, die Maria-Theresien-Straße
mit dem Denkmal und dem schönen Blick auf die Nordkette. Ich setzte mich eine
Zeitlang an den Inn. Oben auf dem Berg das Seegruber-Hotel,
darüber die Endstation der Seilbahn Haferleka. Dann
ging die Fahrt weiter, die lange Brennerstraße hinauf. Am Kurort Matrei und dem Brennersee vorbei. Der wilde Inn, der aus
den Bergen kommt, ganz nah an der Straße, einmal rechts und einmal links. An
der italienischen Grenze dauerte es geschlagene zwei Stunden, bis unsere Pässe
durchstudiert waren, Namen für Namen. Sie suchten nach Verbrechern. Ich hörte
das erste Mal italienische Sprache. Einige Jungen von der Gaesdonk
haben verstohlen Geld umgetauscht: eine Mark gegen 110 Lire. Ich sonnte mich auf den Almwiesen. Um halb zwei Uhr ging die
Fahrt endlich weiter, über Brixen durch die Dolomiten, dann durch Bozen. Um
sieben Uhr waren wir in Trient. Hier wurde das Tridentinische Konzil
abgehalten. In dieser Stadt steht auch das berühmte Dantedenkmal. Wir konnten
nicht zelten, da es schon zu dunkel war. Um zehn Uhr fanden wir dann
schließlich eine Unterkunft in einem Kloster. Zum Abendessen gab es Makkaroni
mit Tomaten, geriebenem Käse und Butter. Der Italiener ißt ja fast kaum
Kartoffeln. Nachts habe ich auf dem Steinfußboden geschlafen.
Donnerstag, 14.9. Um sechs Uhr Hl. Messe. In Riva hohe
Paßstraßen. Hier sah ich die ersten Apfelsinenbäume, Zypressen, Olivenbäume und
Palmen. Vor uns lag der Gardasee, wohl der schönste See Italiens. Wir fuhren am
Meerufer über die Bergstraße, tief unten der blaue
See. Immer wieder schroffe Felsen. Zahlreiche Tunnels, die immer wieder den
Blick auf den herrlichen See freigaben. Am Spätnachmittag begann die Fahrt über
den Appenin, sie dauerte zweieinhalb Stunden. Immer
in langen Serpentinen den Berg hinauf. Wenn man dachte, man sei oben, ging es
noch immer weiter hinauf. Die Fahrzeuge wurden aufs äußerste beansprucht. Im
Dunkeln kamen wir am Mittelmeer an. La Spezia, der größte Kriegshafen Italien.
Wir fuhren bis Sarzana und übernachteten in einer
Klosterschule. Aus den Betten nahmen wir das Bettzeug heraus und schliefen auf
den Drahtmatrazen.
Freitag, 15.9. Halb neun Abfahrt, immer am Mittelländischen
Meer entlang. In Pisa besichtigten wir den Schiefen Turm, die Taufkapelle und
den Dom. Wenn man unterhalb des Turmes steht, kann man nicht verstehen, warum
er nicht umfällt. Er ist immerhin 47 Meter hoch und hängt 4,25 Meter über. Pisa
selbst ist ein kleines Städtchen: malerisch, verträumt, schmutzig. Um 11 Uhr
ging es weiter. Um halb vier badeten wir bei Citichiano
im Meer. Das Wasser war blaßgrün, lauwarm und sehr
salzig. Noch nach zwei Tagen habe ich mir Salz aus den Haaren gekämmt! Um
Mitternacht kamen wir in Rom an, bei strömendem Gewitterregen. Dieser gewaltige
Eindruck: In Rom war nachts alles hell erleuchtet! Wir schliefen in einer
schönen kirchlichen Herberge.
Samstag, 16.9. Morgens sollte eine
Papstaudienz im Petersdom sein, wir fuhren hin, bekamen aber Bescheid, daß sie
erst abends stattfinde. Wir fuhren daher zu unserem Zeltplatz. Um vier Uhr ging
es wieder zum Petersdom. Die Pilger zogen feierlich ein. Die Deutschen sangen
dabei das Lied: „Großer Gott, wir loben Dich“. Ich konnte vor Rührung kaum noch
singen. Rechts und links die Schweizer Garde mit ihren Hellebarden. Nach vielem
Singen und Beten wurde die Basilika strahlend erleuchtet, Klatschen setzte ein,
ein gewaltiges Rufen hub an: „Heiliger Vater, Heiliger Vater!“ Papst Pius XII.
wurde schön langsam an mir vorbeigetragen. Er grüßte nach allen Seiten. Vorne
setzte er sich in den Thronsessel. Er segnete alle, jeden einzelnen, die
Familien, unser Volk.
Sonntag, 17.9. Früh Heilige Messe und die Gebete des
Jubiläumsablasses in St. Paul vor den Mauern, der schönen Hauptkirche, in der
alle Päpste abgebildet sind. Nach dem Frühstück zur Gewinnung des Ablasses zur
herrlichen Kirche Maria-Schnee. In ihr wird die Krippe aus Bethlehem
aufbewahrt. Papst Pius V. liegt dort im Glassarg. Die Decke dieser Kirche ist
mit dem ersten Gold aus Amerika vergoldet. Wunderbarer Marmor! Am Nachmittag
waren wir in St. Johannes. Gegenüber ist die größte Taufkapelle. An der anderen
Seite die Heilige Stiege. Im Vatikan gingen wir zum Deutschen Friedhof.
Anschließend machten wir einen Bummel zur Engelsburg und zur Kirche des hl.
Philipp Neri. Dann zur Mutterkirche der Jesuiten und zu St. Ignatius. Bei
Dunkelheit zum Kolosseum, dem Forum Romanum und zum Denkmal Viktor Emmanuels.
Ein herrlicher Tag in Rom!
Montag, 18.9. Um acht Uhr Hl. Messe in der Katakombe St. Kalixtus. Danach in die Vatikanischen Museen und in die
Sixtinische Kapelle. Anschließend bestiegen wir die Kuppel von St. Peter.
Herrlicher Rundblick über die Stadt und die Vatikanischen Gärten! Rom, die
Stadt der Sieben Hügel und der 1.200 Kirchen! Dann zur Via Appia. Ich sah die
alte römische Wasserleitung, die aus den Albaner Bergen kommt. Dann nach Castel
Gandolfo, dem Sommersitz des Hl. Vaters. Dieser Ort liegt schön oben auf einem Berg.
Man hat den Blick auf den Albaner See. Ein riesiges Gedränge durch das enge Tor
von Castel Gandolfo. Im Innnenhof konnte ich aber gut stehen, direkt unter dem Balkon des Hl. Vaters. An
diesem Tag war auch der Kölner Gesangverein hierhin gekommen. Alle sangen das
Glaubensbekenntnis in Latein. Als der Hl. Vater auf dem Balkon erschien,
ertönte ein gewaltiger Jubelruf. Dann sang der Chor aus Köln, mächtig erscholl
das „Rühmet die Himmel“ von Schubert. Der Heilige Vater nickte beifällig.
Nachher klatschte er Beifall und sagte: „Wir danken dem Männergesangverein Köln
für das schöne Ständchen und das herrliche Lied, Wir segnen Euch besonders.“
Danach begrüßte er die verschiedenen Städte und Abordnungen aus Italien und
fragte, ob sie auch alle vier Hauptkirchen besucht hätten. Auf deutsch sagte er: „Wir begrüßen Euch alle recht herzlich,
grüßt mir alle eure Familien und Bekannten. Wir segnen Euch, vor allem Eure
lieben Kinder und Familien, die Kranken und Notleidenden und Euer liebes
Vaterland.“ Danach kam der Große Segen. Tief beeindruckt verließen wir den
Platz und fuhren nach San Giorgio zurück. Dies war der schönste Tag, der
Höhepunkt der Fahrt!
Dienstag, 19.9. Früh fuhren wir in die Stadt, besuchten das
Kolosseum und den Tempel der Venus und Roma. Wir waren in den Kirchen der hl.
Franziska, des St. Ignatius, der hl. Maria. Dann zum Forum Trajanum
mit den Märkten. Zum Pantheon, das 27 vor Christus erbaut wurde. Zur Kirche der
hl. Agnes, noch einmal zur Engelsburg. Wir sahen den Tiber, die Via Pius X. und
zum letzten Mal den Petersdom. Wir nahmen Abschied.
Mittwoch, 20.9. Früh um drei Uhr bauten wir die Zelte ab. Im
Dunkeln sahen wir noch einmal einen Teil Roms, dann waren wir schnell außerhalb
der Stadt. Wir fuhren nach Assisi. In der Kirche St. Klara waren wir am
Glassarg der Heiligen, in der Kirche des hl. Franziskus sahen wir sein Grab in
der Unterkirche. Im Vorbeifahren war noch die Portiunkula-Kirche zu sehen.
Wieder über den Appenin. Um drei Uhr hatten wir die
Adriatische Küste erreicht. Herrlich konnte ich hier baden. Die Wellen schlugen
nur so über mir zusammen! Unterkunft gab es in einem Erholungsheim für Kinder.
Donnerstag, 21.9. Zeitig ging es weiter. An Padua vorbei,
kamen wir um halb zwölf Uhr nach Venedig. Wir besichtigten die Kanäle und engen
Gassen und gingen zum Markusdom. Wir bewunderten den Dogenpalast und fuhren mit
dem Schiff wieder zurück zum Parkplatz. Um halb acht Uhr abends waren wir
wieder in dem Kloster in Trient, das von der Hinfahrt bereits bekannt war.
Freitag, 22.9. Früh um halb acht Uhr ging es weiter zum
Brenner. Dort waren wir um halb eins Uhr. In höheren
Lagen sahen wir hier bereits Schnee! Die Grenzformalitäten waren diesmal in gut
einer Stunde erledigt. Wir fuhren über Innsbruck nach Rattenberg, der ältesten
Stadt Österreichs. Kufstein. Die deutsche Grenzkontrolle war streng; nur ein
Liter Wein war erlaubt. Im Dunkeln nach Rosenheim. Dort schliefen wir im
Gesellenhaus.
Samstag, 23.9. Rückfahrt über Viersen und Gaesdonk nach Asperden.
Soweit mein
damaliges Reisetagebuch. Mit vielen Eindrücken kam ich von der Romreise zurück.
Ich hielt über diese Reise auch einen Vortrag bei der Katholischen
Arbeiterbewegung in Kranenburg.
Inzwischen war meine
Frau wieder schwanger. Unser drittes Kind kündigte sich an. Maria wurde am
17.4.1951 geboren. Auch sie zu Hause, mit Hilfe der Hebamme. Maria wuchs gut
heran, obwohl anfangs Schwierigkeiten waren. Der Arzt sagte nämlich: „Die
verhungert Euch!“ Wir gaben zur Ernährung durch Muttermilch Beikost, da ging es
dann gut.
Es war schwierig,
bei drei Kindern Wäsche zu waschen. So kaufte ich schon damals eine
Waschmaschine. Es war eine der ersten, die es nach der Währungsreform gab.
Meine Frau ging
einmal in Kur. Zu dieser Zeit versorgten die Eheleute
Koch aus Krefeld den Haushalt. Bei einer zweiten Kur kamen sie nicht mehr. Da
hat denn eine Familienpflegerein der Caritas den Haushalt versorgt.
Wir hatten aber
jetzt ordentliche Fahrräder. Damit fuhren wir nach Kevelaer. Ich hatte ein Kind
vorne, eins hinten auf dem Rad, meine Frau hatte das dritte. Sonntags gingen
wir im nahen Reichswald spazieren oder badeten in der Niers,
von der Gärtnerei aus. Bobby war immer noch bei uns. Die Kinder konnten draußen
sehr schön spielen; das war gut so. Auf diese Weise wuchsen sie gesund heran.
Nun zog der Geselle
aus der oberen Wohnung aus und wir konnten sie mieten. Die unteren Räume wurden
von der Gärtnerei aus zugänglich gemacht. Man baute sie zu Aufenthaltsräumen
aus.
Einmal bekamen
Johanna und Heinrich Scharlach. Sie mußten in die Isolierstation des Klever
Krankenhauses, das noch immer in Bedburg-Hau war. Es gefiel ihnen dort so gut,
daß sie die ganze Station in Aufruhr versetzten. Die Schwestern waren heilfroh,
als die beiden Kinder wieder nach Hause gehen konnten.
Einmal besuchte uns
mein Schwiegervater. Er tat sich aus Versehen Salz statt Zucker in den Kaffee.
Aus lauter Sparsamkeit hat er diesen versalzenen Kaffee dann auch noch
getrunken! Ich meinte es gut mit ihm und forderte ihn auf, das Rosinenbrot mit
Butter zu bestreichen und mit Käse zu belegen. Er aber war der Ansicht, das sei
Verschwendung! Wie alle Sudetendeutschen war er sparsam und genügsam.
Ich habe meinen
Schwiegervater auch einmal in Niederoderwitz besucht. Das war schwierig; denn
man brauchte von dort eine Aufenthalts- und Besuchsgenehmigung. Er schickte sie
mir. Ich fuhr mit der Bahn. Der Grenzübergang in Helmstedt war sehr umständlich
und schwierig. Man mußte mit dem Gepäck den Zug verlassen und durch diverse
Kontrollräume gehen. Ostmark durfte weder ein- noch ausgeführt werden. Bei der
Kontrolle mußte ich mich buchstäblich ausziehen, weil keiner glaubte, daß ich
außer Westgeld kein anderes bei mir hatte. Immer wieder fragten sie mich, wovon
ich denn leben wollte. Ich sagte: „Mein Schwiegervater hat mich eingeladen. Bei
ihm bekomme ich Essen und Wohnung.“ Endlich ließ man mich ziehen. Im Zug aber
hatte ich Durst und keine Ostmark. Da haben mir mitleidige Menschen ein paar
Mark geschenkt, damit ich mir ein Bier leisten konnte. Dafür habe ich mir deren
Adresse geben lassen. Später habe ich ihnen ein Päckchen mit Margarine
geschickt. War erst einmal die Grenze passiert, konnte man ziemlich frei
reisen. Mein Schwiegervater wohnte in einem Feierabendheim, der früheren Villa
Kosa. Ihr Eigentümer war in den Westen gegangen. Der ehemalige Gärtner, Adolf
Jaschke, war Verwalter geworden. Er nahm mich freundlich auf. Diese Reise werde
ich mein Lebtag nicht vergessen!
1955 wurden Johanna
und Heinrich eingeschult. Im ersten Schuljahr waren sie bei Fräulein Eva Altaner. Einmal war Volksmission. Wir gingen zu den
Abendveranstaltungen. Die Kinder ließen wir allein zu Hause. Nach der Predigt
waren wir auf dem Heimweg. Wer kommt uns da entgegen? Unser Sohn Heinrich, in
Nachthemd und Gummistiefeln!
1956 war
Katholikentag in Köln. Ich bin mit Heinrich dorthin gefahren. Wir übernachteten
in Großzelten. Von der Deutzer Brücke aus sahen wir uns die Schiffsprozession
an.
Ich hatte schon
lange vor, mich zu verändern. Eines Tages nahm ich dann eine Stelle bei der
Gärtnerei Rogmann in Kevelaer
an. Er sagte mir eine Wohnung zu, die aber noch nicht frei war, weil die
damaligen Bewohner bauen wollten. So bin ich eine Zeitlang mit einem Fahrrad
mit Hilfsmotor zwischen Asperden und Kevelaer gependelt. Ich hatte auch
Sonntagsdienst, wie das in Gärtnereien üblich war: Lüften, Gießen, die Heizung
entschlacken. Als die zugesagte Wohnung immer noch nicht frei wurde, mußte ich
handeln. Ich ging also zum Wohnungsamt in Kevelaer und erhielt eine Notwohnung
im Wassertum der Stadt an der Kroatenstraße.
Umgezogen sind wir
dann mit einem Pferdefuhrwerk. Das war eine lustige Sache, vor allem für die
Kinder; denn wir hatten seit einiger Zeit eine Katze! (Sie hieß Anna.) Dann die
halbrunden, hohen Räume im Wasserturm! Dort haben wir gar nicht schlecht gewohnt.
Johanna und Heinrich feierten hier ihre Erstkommunion. Maria wurde an der
Hubertusschule eingeschult.

1959 wurde endlich
die Wohnung Römerstraße 27 frei. Diesmal zogen wir in vielen Abschnitten mit
einem großen Handwagen um. Es war ein zweirädriger Platten-Handkarren. Man
sieht solche Wagen heute nicht mehr, weil alles und jedes mit dem Lieferwagen
transportiert wird. Ein Kollege half mir zu tapezieren. Das Haus hatte unten
Wohnzimmer, Küche, Waschküche und Flur. Oben gab es zwei große und ein kleines
Schlafzimmer. Als Bad mußte die Waschküche dienen. Die Toilette war auf dem
Hof. Heizung hatten wir in diesem Haus auch nicht. Wir heizten und kochten mit
Holz und Kohle. Wir holten die Briketts bei der Kohlenhandlung Peters, direkt
neben dem Klarissenkloster. Damals kostete der Zentner noch 2,50 DM. Wir holten
nach Bedarf mit dem Handwagen.
Um 1955 waren die
ersten Fernseher aufgekommen. Unsere Nachbarin Bubath
hatte sich einen angeschafft. Dorthin gingen wir öfter. Ich erinnere mich noch
besonders an den Film: „Soweit die Füße tragen“.
Ich hatte einen
Bausparvertrag abgeschlossen und war einer Familienheimbewegung beigetreten.
Die Kirche stellte Erbpachtgrundstücke auf der Weezer Straße zur Verfügung. Im
Sommer 1962 konnte es dann losgehen. Wir brachten viel Eigenleistung auf und
fertigten den Fußboden des Kellers, den Estrich auf dem Söller,
bewerkstelligten den gesamten Innenverputz, den Anstrich und das Tapezieren. Im
Mai 1964 sind wir eingezogen. Der Umzug geschah wieder mit einem geliehenen
Handwagen. Nunmehr wohnen wir hier seit 29 Jahren. 1965 ging ich zur Gärtnerei Gesthüsen als Gehilfe. Von 1975 an war ich zwölf Jahre lang
im Stadtrat Kevelaer tätig. Am 29.6.1991 feierten wir unsere Goldhochzeit.
Damit beende ich
meine Aufzeichnungen. Sie sind sicher nicht vollständig. Aber vielleicht
beschreiben die Kinder einmal die Jahre nach ihrer Schulentlassung aus ihrer
Sicht?