Philemon

Der fröhliche Märtyrer

 

Der Autor

Jakob Bidermann wurde 1578 in Ehingen (23 km südwestlich von Ulm) geboren. Er wurde Jesuit und wirkte ab 1607 als Professor für Rhetorik sowie als Theaterleiter in München und ab 1615 als Professor für Philosophie sowie Theologie in Dillingen. 1626 kam er als Ordenstheologe und Bücherzensor der Gesellschaft Jesu nach Rom. Dort starb er am 20. August 1639.

Er ist der Hauptvertreter des barocken Jesuitendramas. Er inszenierte seine Stücke mit großem Aufwand an bühnentechnischen Neuerungen.

 

Der Bearbeiter

Bernt von Heiseler wurde am 14. Juni 1907 in Brannenburg (Landkreis Rosenheim) geboren. Er heiratete die Germanistin Maria Gräfin Rességuier de Miremont. Er verfasste Gedichte, Novellen, Romane, Theaterstücke, Essays sowie Biographien von Schiller, Kleist und seinem Vater, Henry von Heiseler (1875-1928). Er gab die Werke von Eichendorff, Goethe, Hölderlin, Kleist, Mörike und Stifter heraus. Sein Haus Vorderleiten in Brannenburg, ein großes Bauernhaus, wurde zu einem kulturellen Mittelpunkt. In der ausgebauten Tenne fanden Rezitationen, Lesungen, Vorträge und Konzerte statt. Am 24. August 1969 starb er in diesem Haus.

 

Die Heiligen

Apollonius war ein Mönch, der unter dem Kaiser Diokletian inhaftiert wurde. Der Flötenspieler Philemon verhöhnte ihn, wurde aber durch seine Freundlichkeit und Feindesliebe zum Christentum bekehrt. Beide starben als Märtyrer im Jahr 304 oder 309/310 in Antinoë (Ruinen heute bei El-Roda in Ägypten).

 

Die Handlung

Den Gottern ging es schlecht. Da sich die Christen zahlenmäßig vermehrten, wurden ihnen kaum mehr die lebenserhaltenden Opfer dargebracht. Zwar riet Idolatria (Götzendienst), den Christen Macht zu geben, um sie zu korrumpieren, doch Jupiter entschied sich für das althergebrachte Mittel des Tötens.

Nachdem der Cäsar ein Edikt erlassen hatte, jeder Einwohner der Stadt Antinoë solle dem Gott Jupiter ein Weihrauchkorn opfern, geriet der christliche Priester Apollonius in Furcht und bat den Spielmann Philemon, dieses Opfer für ihn zu vollziehen und darüber eine Bescheinigung beizubringen. Er legte ihm das priesterliche Gewand an. Der Schutzengel Philemons ließ einen tiefen Schlaf über Philemon kommen, um ihn an diesem Tun zu hindern. Am nächsten Morgen hörte der Spielmann Engelsmusik und entschied sich, als bekennender Christ zu sterben. Gemeinsam mit Apollonius, der sich mittlerweile besonnen hatte, gingen sie in den Tod.

 

Zitate

Jupiter: Du sagst also, daß man nichts tun soll gegen meine Feinde?

Idolatria: Doch, man könnte schon etwas tun. Man könnte sie zum Beispiel Macht gewinnen lassen.

Jupiter: Was?

Idolatria: Ja, und du darfst sicher sein, daß sie sie mißbrauchen und alles, was Menschenmacht in Menschenhänden vermag, zum Verderben ihrer Sache aufstellen werden.

Jupiter: Die Christen Macht gewinnen lassen, bist du verrückt? – Ganz im Gegenteil, wir werden durch den Oberpriester den römischen Cäsar dazu anstiften, daß er die Christen vernichtet. (Philemon, Stuttgart 1962, 11f).

 

Apollonius: Da hängt auch noch immer das Götzenbild. Ein goldener Bacchus. O Herr, daß ich doch Macht hätte, alle Götzenbilder zu vertilgen. (Philemon, Stuttgart 1962, 18).

 

Geta: Was für ein Nachsatz wird auf diesen Vordersatz folgen? (Philemon, Stuttgart 1962, 25).

 

Philemon: Leb wohl, lieber Geta! Ich gehe. Denn ich bemerke dort eine Annäherung, die mir eine Entfernung ratsam scheinen läßt. (Philemon, Stuttgart 1962, 25).

 

Lucius: Ich habe Walrösser gähnen sehn. Aber das waren bescheidene Mäulchen gegen ihn. (Philemon, Stuttgart 1962, 29).

 

 

Philemon: Nein! sag ich dir. Ich will nicht auf der Zither spielen.

Lucius: Und warum nicht, o du Grobian?

Philemon: Darum nicht, o du Bastard – wenn nicht dein Gehirn durch zu vieles Trinken feucht und schimmelig geworden wäre, würdest du das ohne Erklärung begreifen – weil ein Liedchen, das ich euch singe, ein Kind der Freiheit sein muß. Zwischen den Saiten muß es heraufschweben wie ein Rauchwölkchen der selbstvergessenen Fröhlichkeit; aber nicht, weil ihr drei Esel von Herrensöhnen dem Philemon das Nachtessen bezahlt habt! (Philemon, Stuttgart 1962, 31f).

 

Menschenfurcht: Das ist meine Stunde, wenn solche Befehle verkündet werden. Ich gehe an den Häusern vorüber, ich, die Menschenfurcht, Herzensschreckerin, und ich spüre, wenn hinter der Mauer sich ein Herz in Ängsten krümmt. Ursache hätten sie immer, aber sie spüren sie selten, wenn nicht die Tuba sie fern in der Nacht erkennen läßt, wie es um sie steht. Ich höre den Ton; das ist meine Stunde. Auch hier hinter der Mauer ist solch ein erschrockenes Herz. Fast schon bezwungen. Es war ein stolzes, denen fehlt es an Stärke. Es ist schon wie ein Baum, dessen Wurzel der Sturm erschüttert hat; noch ein tiefer Hauch, und er wird fallen. Komm heraus, Leidgeprüfter, aus deinem Gefängnis. Suche, was dir mehr Sicherheit verspricht. Was verbirgst du? Komm heraus!

(Apollonius in der Tür von Quirinusʼ Hause)

Apollonius: Angst. Angst. Sie bringt mich ins Elend. O Schande, Schande vor Himmel und Erde! Andere blicken auf mich als Beispiel, von mir verlangen sie Rat im Zweifel. Und ich? Daß ich selber zittere, schwanke! Immer das Wollen, Nichtwollen, Aufstehn, Fallen. Oh, wenn eine Erde im letzten Winkel der Welt zu finden ist, hinter den Wassern: Da laß mich sein und verborgen sein vor den Augen der Menschen. (Philemon, Stuttgart 1962, 41f).

 

Apollonius: Du mußt mein Obergewand anlegen. Es kommen viele, wer gibt auf den einzelnen acht? Aber denk an das Papier mit dem Stempel!

Philemon: Wenn sie mich erkennen, peitschen sie mich aus.

Apollonius: Wenn du es nicht tun willst, mir geht es ans Leben. Vier Gulden, Philemon! (Philemon, Stuttgart 1962, 45).

 

Engelschor (vom Schutzengel auf der Laute begleitet): Lieberes denkst du nicht, / Holderes hörst du nicht, / Süßer ist kein Gesang, / Als der im Anfang war, / (zur Laute) Der im Anfang war.

Sprache, sie spricht es nicht, / Buchstabe schreibt es nicht, / Wer es erfahren hat, / Licht überwältigt ihn. / (Zur Laute) Überwältigt ihn.

Liebe, sie geht mit uns, / Wandert und träumt mit uns, / Teilet den Tod mit uns / Bis an den Ostertag. / (zur Laute) An den Ostertag. (Philemon, Stuttgart 1962, 49f).

 

Arrianus: Ich kann dir nicht sagen, wie es mir zuwider ist, Tertullus, daß der kaiserliche Erlaß mich zwingt, gegen die Christen vorzugehen. Ich tät es auch nicht, sollen sie mich beim Cäsar verklagen! Bis dorthin ist weit, und Briefe reisen lang. Aber wir haben unsere Priesterschaft auf dem Hals; sie wittert ihre Gelegenheit, die Konkurrenz loszuwerden. (Philemon, Stuttgart 1962, 53).

 

Arrianus: Philemon ist das Beste, was ich in meiner Provinz gefunden habe. Ein lausiger Spielmann, und es gibt schönere Stimmen zum Singen. Aber er hat die Gabe … er kann dir die Nebel wegscheuchen aus dem Herzen. (Philemon, Stuttgart 1962, 54).

 

Apollonius: Weil ich den Mantel trage, hielt er mich für Philemon. Der Landpfleger läßt ihn suchen durch seine Soldaten. Philemon ist in Gefahr geraten um meinetwillen!

Nein, ich hab es entschieden. Mögen sie mich auf die Folter legen. Mögen sie mich töten. Aber eine solche Nacht nicht mehr, allein mit meinem Gewissen, mit der immer flüsternden Stimme.

Hier ist der Kerker, wo sie die Gefangenen halten. Ich klopfe an. Ich melde mich. Wie mir die Hand noch immer schwer ist, aus Angst. Jesus Christus, hilf. Ich klopfe an. (Philemon, Stuttgart 1962, 60).

 

Arrianus (unterbricht ihn finsteren Gesichts): Du könntest mir das in meinem Hause sagen, und es wäre nicht unmöglich, daß ich es wieder vergäße, wenn du mich bei Laune fändest. Hier aber, auf einem öffentlichen Platz vielen vernehmbar gesprochen, ist das Bekenntnis zu einer als staatsverderblich erkannten Lehre todbringend für den Bekenner. Ruft die Liktoren heraus, damit ihm der Ernst meiner Worte deutlich wird. (Philemon, Stuttgart 1962, 63).

 

Philemon: Es gibt Zeiten, Jahre, und man lebt in den Mühen, mit einer versunkenen Ahnung. Und es gibt eine Stunde, und es kommt Gewißheit ins Herz.

Arrianus: Was für Gewißheit?

Philemon: Gewißheit, daß auf dem dunklen Weg, an dem hungrigen Tag, an dem verlassenen kalten Ort Einer dein Gesell ist: Christus.

Arrianus: Wie kann er dir ein Gesell sein?

Philemon: Bruder. Herr. Heiland.

Arrianus: Und kann er das nicht im stillen für dich sein? Mußt du ihn auf der Straße ausschreien?

Philemon: Vielleicht muß ich das nicht. Aber der Cäsar will, daß ich ihn verleugne.

Arrianus: Und jetzt, da du ihn nicht verleugnen willst, stirbst du dafür.

Philemon: Das ist schade. Aber am Ende läßt sich nur richtig leben, wenn etwas da ist, für das man sterben kann.

(Schweigen, Lydia geht aufschluchzend in die Schenke.)

Arrianus: Wer ist jetzt fortgegangen?

Pamphilius: Das war Lydia. Sie weint um ihn.

Arrianus: Warum mußt du deinen Freunden das antun, Philemon?

Philemon: Herr, ich tue nichts. Es ist an mir getan worden.

Arrianus: Mag deine Seele kopfunter zum Orkus fahren! – Du bist mir lieb gewesen, Spielmann.

Philemon: Und du warst mir ein guter Gastfreund, Landpfleger, und ein gutes Ohr für jedes Lied.

Arrianus: Und jetzt keine Lieder mehr?

Philemon: Noch viele. Die schönen erst. Ich habe ein Lied gehört, um so viel über aller Musik, die ich machen könnte, wie der Himmel über der Erde. Ich kann nicht ruhig sein, bis ich es wieder höre.

Pamphilius: Warum willst du eine Musik haben, die wir nicht hören können? Deine war gut genug für uns. Wir sind auf der Welt, wir brauchen eine Weltmusik.

Philemon: Wahrhaftig, ich würde euch eine Weltmusik spielen, eine treue, eine fröhliche, wie ich sie jetzt in mir höre. Aber dann sage dem Landpfleger, er muß das Götzenopfer von uns nehmen, und daß der Cäsar die Gewissen nicht zwingen darf. (Philemon, Stuttgart 1962, 64f).

 

Arrianus: Dümmeres, Brutaleres, Falscheres nichts, als ein solches Bluturteil. Und ich mag mich sperren wie ich will, es wird noch mehr der Art nachkommen. Unser Jupiterpriester hat sich auf die Reise zum Cäsar gemacht, um Vollmachten einzuholen. Weißt du das schon?

Tertullus: Ich hörte so etwas.

Arrianus: Sieh da, du hörtest so etwas. (Er sieht ihn lange an.) Ihr werdet die Staatsquadriga wieder bis an die Achse durch Blutbäche führen. Aber eure Gewalt wird nicht Gewalt genug haben. Du kannst den bitteren Ernst deines Gegners durch deinen noch bittreren Ernst besiegen. Wenn es aber Fröhliche sind, wenn du mit dem schwarzen Tod ihre Fröhlichkeit nicht verfinstern kannst – dann sag mir, Tertullus, was machst du mit ihnen? (Philemon, Stuttgart 1962, 66).

 

Die Legende, Jakob Bidermann und Bernt von Heiseler

In der griechischen Legende begegnete bereits das Element des Kleidertausches.

Bidermann brachte eine Bildersturmszene, in welcher die Christen Götterstatuen zertrümmerten. Er stellte die jähe Veränderung des Spielmannes heraus. In barocker Weise ließ er schreckliche Marterwerkzeuge auffahren, denen die Christen ihre nur allzu todesmutigen Bekenntnisse entgegenschleuderten. Der Landpfleger war eine Marionette im Staatsapparat.

Im Sommer 1958 wollte das Theater der Jugend Bidermanns Stück zur Achthundertjahrfeier der Stadt München aufführen. Angehörige der Münchner Kongregation der Franziskaner hatten dazu den lateinischen Text wörtlich ins Deutsche übertragen. Ein solches Stück ließ sich aber vor heutigen Zuschauern nicht aufführen.

Daher bearbeitete Bernt von Heiseler das Theaterstück. Er wies auf Anlagen und Möglichkeiten in der Person Philemons hin, die eine Umwandlung wahrscheinlich machten. Das allzu Sieghafte der Christen ließ er weg und stellte ausführlich ihre Ängste und Zweifel dar. Der Landpfleger bedauerte, daß er in dieser Weise handeln musste. Diese leisere Tonart machte das Stück akzeptabler. Es ging nicht um eine historische Wiedergabe von etwas damals Empfundenem, sondern um die Möglichkeit, heute einen Zugang zu einem solchen Stoff zu finden.

 

Von links: Tertullus (Rudolf Weber) und Arrianus (Arnold Vraetz).
Dank an Rudolf Weber, der dieses Bild zur Verfügung stellte.

 

Die Aufführung in Steyl

Im Jahre 1966 wurde dieses Stück in der Aula des Missionshauses Steyl von Schülern des St.-Michaels-Gymnasiums unter der Regie von Pater Paul Langer SVD (1931-2009) aufgeführt. Die Rollen waren folgendermaßen verteilt:

o   Arrianus, römischer Landpfleger zu Antinoë: Arnold Vraetz

o   Tertullus, sein Beirat: Rudolf Weber

o   Apollonius, ein Geistlicher der Christen: Wolfgang Erens

o   Philemon, ein Spielmann: Norbert Greis

o   Ein Bote vom römischen Cäsar: Heinz Rogalli

o   Ein Kerkermeister: Heinrich Knechten

o   Ein Soldat: Peter Keim

Wie aus dieser Auflistung ersichtlich ist, wurde das Stück erheblich gekürzt. Folgende Rollen und damit auch viele Szenen fehlten: Ein Oberpriester Jupiters; Quirinus, ein Ratsherr; Marinus, dessen Sohn; Geta, Diener des Quirinus; Pamphilius, Lucius und Annius, Zechbrüder Philemons; Lydia, Aufwärterin; ein Wahrsager; ein Ausrufer; ein Soldat; die Götter Jupiter, Saturnus, Vulcanus, Faunus und Cupido; Idolatria, Götzenmutter; die Herzensbrecherin Menschenfurcht; der Schutzengel Philemons; ein Engelskind; Christenkinder, Diakone, Hilfspriester, Liktoren; die englische Musik.

 

Ausgaben

o   Bidermann, Jacob, Ludi theatrales sacri, sive, Opera comica posthuma, Teil 2: Philemon Martyr, Jacobus Usuararius, Johannes Calybita, Josaphatus Rex, Stertinius, München 1666.

o   Bidermann, Jacob (1578-1639), Philemon Martyr. Lateinisch und deutsch, herausgegeben und übersetzt von Max Wehrli (1909-1998), Köln und Olten 1960.

o   Philemon. Der fröhliche Märtyrer. Komödie. Frei nach Bidermann von Bernt von Heiseler, Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 8216, Stuttgart 1962.

 

Literatur

o   Feyock, Herta T., Das Märtyrerdrama im Barock. Philemon Martyr von Jacob Bidermann, Le veritable Saint Genest von Jean Rotrou, Théodore, Vierge et Martyre von Pierre Corneille, Catharina von Georgien von Andreas Gryphius. Ein Vergleich, Ann Arbor, Mich. 1967.

o   Hagens, Jan L., Spielen und Zuschauen in Jacob Bidermanns Philemon Martyr, Teil 1: „Theatrum Mundi“ als dramatisches und pädagogisches Prinzip des Jesuitentheaters, in: Daphnis. Zeitschrift für Kultur und Literatur der frühen Neuzeit (1400-1750), Leiden, Boston, Mass. und Berlin, 29 (2000), Nr. 1 / 2, 103-157; Teil 2: „Theatrum Mundi“ als anti-deterministische und anti-humanistische Waffe des Jesuitentheaters, in: Daphnis 30 (2001), Nr. 3 / 4, 691-725.

o   Lenhard, Peter-Paul, Religiöse Weltanschauung und Didaktik im Jesuitendrama. Interpretationen zu den Schauspielen Jacob Bidermanns, Europäische Hochschulschriften, Reihe 1: Deutsche Literatur und Germanistik, Band 168, Frankfurt am Main 1976.

o   Morsbach, Charlotte, Jakob Bidermanns „Philemon Martyr” nach Bau und Gehalt, Dissertation in Münster/W., Bottrop 1936.

o   Ruby, Sebastian, Die Kleidertauschszenen in Jakob Bidermanns „Philemon Martyr“ als stilistisches Mittel zur Darstellung des Persona-Wechsels im barocken Jesuitendrama, München 2012.

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Düsseldorf 2022

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