Inhalt

Die Antwort Gottes: Hiob 38, 1. 8-11. 2

A.    Zur Exegese. 2

I.     Zusammenhang. 2

II. Einzelauslegung. 3

B.     Zur Verkündigung. 7

I.     Homiletische Überlegungen. 7

II.       Mögliche Themen. 8

Literaturhinweise zu Ijob 38. 11

Gott ist gütig: Mt 20, 1-16. 11

I.       Zusammenhang. 11

II.     Einzelauslegung. 12

Die Anwerbung von Arbeitern. 12

Die Lohnauszahlung am Abend. 13

III.       Theologischer Ertrag. 14

IV.       Literatur zum Gleichnis Mt 20, 1-16  16

V. Die Homilie der Osternacht 17

Homiletische Rezensionen. 21

Psalmen. 21

Paradies. 21

Teufel 22

 

Predigtanregungen

 

Die Antwort Gottes: Hiob 38, 1. 8-11

A.                 Zur Exegese

I.    Zusammenhang

Der Abschnitt aus Ijob wurde gewählt im Hinblick auf das Evangelium, die Perikope vom Seesturm ((Mk 4, 35-41). Von dort her soll er seine Auslegungsrichtung erfahren.

Die Verse gehören zu der abschließenden Antwort des Herrn an Ijob. Sie soll das Problem Ijobs lösen: Warum leiden Unschuldige?

Exemplarisch wird im Buch Ijob die Lebensnot eines einzelnen Menschen behandelt. Den Hauptteil des Buches bilden die Reden Ijobs und seiner drei Freunde (Kapitel 3-31). Die Rede eines vierten Freundes, Elihu, und die Antwort des Herrn schließen sich an (38, 1 - 42, 6).

Eine Exposition des Themas (Kapitel 1f) und ein Epilog (42, 7-17) rahmen die Reden ein.

Die Freunde kommen zu Ijob, um ihn in seinem Leid zu trösten. Als sie sehen, daß Ijob ihre Trostgründe nicht annimmt, kommt es zur Diskussion und zum Redestreit. Sie verfechten den Tun-Ergehen-Zusammenhang: Handelst du gut, ergeht es dir gut, handelst du schlecht, ergeht es dir schlecht. Wenn Ijob schwer leidet, muß er auch schwer gesündigt haben.

Der Streit verläuft in drei Runden. Anfangs versucht Ijob noch, auf die Vorwürfe seiner Freunde einzugehen, läßt sich jedoch nicht in eine überlieferte Lehrmeinung einzwängen. Als er erkennt, daß eine Auseinandersetzung mit seinen Freunden fruchtlos ist, wendet er sich ausschließlich an Gott, allerdings, um mit ihm zu hadern.

Der Streit verschärft sich. Er gipfelt in den herausfordernden Reden Ijobs (Kapitel 29-31). Und der Herr stellt sich ihm (38, 1 - 42, 6). Unser Abschnitt steht am Beginn dieser Theophaniereden. Sie veranlassen Ijob, seine bisherige Meinung über Gott zu ändern.

Das Thema des Ijob-Buches gehört zu den grundlegenden Darlegungen der Weisheitsliteratur. Die Verfasser des Buches sind an der Weisheitstradition geschult. In der Rahmenerzählung ist ein altes Volksbuch verarbeitet.
(Dies hat eine Parallele im deutschen Sprachraum: Auch dem Faust-Drama liegt ein altes Volksbuch zugrunde.)

So entstand im fünften bis dritten Jahrhundert vor Christus, vermutlich in Palästina, das uns heute vorliegende Buch Ijob.

II. Einzelauslegung

Der Herr antwortet

Ijob 38, 1: Der Herr setzt den Fragen Ijobs, die ohne Einsicht (Erkenntnis, V 2) sind, die Weisheit in der Schöpfung entgegen. Sie soll Ijob beschämen. Die Antwort aus dem Sturmwind setzt die hier geschilderte Szene der Offenbarung an die Propheten gleich (Ez 1, 4. 28: Aus dem Sturmwind leuchtet die Herrlichkeit des Herrn). Die Gottesrede an Ijob geschieht im Zusammenhang einer Theophanie, einer Erscheinung Gottes, letztlich einer tiefen, aufwühlenden und eine radikale Änderung bewirkenden Gotteserfahrung. So kann Ijob sagen, er habe Gott geschaut, nachdem er ihn bisher nur vom Hörensagen her kannte (42, 5).

Eine Aufzählung vielfältiger Erscheinungsformen des Göttlichen in der Natur schließt sich an.

Wer bezwang das Meer?

Die Verse 8-11 bilden eine Fragenreihe, die ihr Vorbild in dem ägyptischen Weisheitsbuch des Amenemope (1300-1075 vor Christus) hat. In beiden Texten vereinigen sich katechetischer Fragestil mit einer aufzählenden Darlegung des damaligen Wissens. Im Buch Ijob erhält die Fragenreihe die Funktion, Gottes Macht und Weisheit, zugleich aber die Undurchschaubarkeit der Welt zu manifestieren.

V 8: Das Meer brach so wild aus dem Mutterschoß hervor, daß es gebändigt werden mußte. Hinter diesen Worten steht der Mythos von der Bezwingung des Urmeeres, der im Alten Orient weit verbreitet war. Durch die ugaritischen Texte ist er auch für Syrien und Palästina bezeugt. Das Urmeer brach als Drache aus der Tiefe des Chaos hervor und es kam zum Kampf der Chaosgötter. Der alttestamentliche Text überwindet den Mythos: Das Meer ist kein ebenbürtiger Gegner für Gott. Der Kosmos ist nicht allmächtig. Es regiert keine unpersönliche Macht, sondern der persönliche Herr lenkt den Kosmos.

Gott schließt das Meer mit Doppeltoren ein. Dies erinnert an den Wächterdienst altorientalischer Türgötter, welche Hüter der Schwelle sind.

V 9: An der Weise, in der Gott mit der Chaosmacht Meer verfuhr, zeigt sich Gottes Macht: Das Meer ist für ihn wie ein Riesensäugling, der in Windeln und Babykleidung eingehüllt wurde.

Dies entspricht altorientalischem Brauchtum: Nach der Geburt wurde das Neugeborene gewaschen, mit Salz eingerieben und in Windeln gewickelt (vgl. Ez 16, 4). Windeln sind die dunklen Nebel, die häufig über dem Meer lagern, und Kleider sind die Wolken.

V 10: Der Herr hielt das Meer in dem ihm zugewiesenen Bereich, indem er es hinter Tor und Riegel setzte und ihm ein Gesetz auferlegte. Tore und Riegel ist eine Formel für sichere Befestigung (vgl. 1 Sam 23, 7; 2 Chr 8, 5). „Gesetz“ hat den Stellenwert von Naturgesetz (vgl. Spr 8, 29).

V 11: Hier folgt der Wortlaut des Gesetzes: Das Meer darf sich nur innerhalb seiner Grenzen bewegen („Bis hierher und nicht weiter!“). An den Grenzen sollen die hohen Wellen des Meeres stocken. Die peitschenden Wellen erwecken den Eindruck, als wolle das Meer das Festland erobern. Doch ein Wort des Herrn genügt, das Meer an seinen Platz zu verweisen. Gegenüber der Macht des Herrn wirkt die Kraft des Meeres verschwindend gering.

Gottes Einsicht

Ist mit dieser Demonstration der Macht und des Wissens Gottes das besondere Problem Ijobs gelöst? Der Herr geht ja gar nicht auf die Fragen und Nöte Ijobs ein, sondern er setzt ihm lediglich seine Herrlichkeit entgegen. Er überhäuft Ijob mit Fragen, welche dieser nicht beantworten kann, und endet mit der ironischen Aufforderung, es Gott gleichzutun. Ijob wird auf diese Weise zum Schweigen gebracht. Er hat das Rededuell mit Gott verloren.

Um zu einer Lösung zu kommen, ist tiefer anzusetzen:

Ijobs Not, die Not des einzelnen, zudem eines Unschuldigen, steht im Gesamt der Schöpfung, die von Gott geschaffen und von ihm als gut bezeichnet wurde (vgl. Gen 1, 4). So stellt sich das Problem Ijobs in einer anderen Weise: Wenn es dem Frommen so schlecht und dem Gottlosen so gut geht, gibt es dann überhaupt eine göttliche, vernünftige und gerechte Weltordnung?

Ijob leugnet nicht Gott, aber er kann die Welt nur noch als blindes Chaos sehen. Damit stellt er Gott selbst in Frage. Auf diese eigentliche Frage Ijobs reagiert Gott.

Der Herr weist auf seine göttliche Einsicht und Macht hin. Aus ihr ergibt sich die vernünftige und gerechte Weltordnung. In diesem Abschnitt geht es nicht in erster Linie darum, die Weltordnung aufzuweisen, sondern aus der Weltwirklichkeit heraus Gottes Wissen und Macht aufzuzeigen und damit Ijob sein falsches Gottesbild zu Bewußtsein zu bringen.

Ijob hat nicht diese Einsicht, daher schweigt er und erkennt Gott als Gott an (40, 4f). Er hat nun Gott erfahren und distanziert sich von seinen früheren Äußerungen. Er kannte den Herrn bisher nur vom Hörensagen (42, 5), daher war er zu einer falschen Auffassung gelangt.

Nun löst sich seine Not; denn er sieht sein Schicksal innerhalb der Weisheit des Herrn, die der Mensch nicht durchschauen kann. Ijob wird bescheiden und söhnt sich mit seiner Begrenztheit aus. Er gewinnt neues Vertrauen zu Gott und gelangt wieder zu einem glücklichen und erfüllten Leben (42, 10-17).

Ich möchte dies mit einem Wort Epiktets (50 bis 138 nach Christus) vergleichen:

„Wer sich dem unausweichlichen Schicksal auf rechte Weise gefügt hat (συγκεχώρηκεν), gilt bei uns als weise und kennt das Göttliche.“

·     Encheiridion 53, herausgegeben und übersetzt von Rainer Nickel, Zürich 1994, 70.
Dies ist ein Zitat aus Euripides (485/480-406 vor Christus), Fragmente 965, Tragicorum græcorum fragmenta, herausgegeben von Johann August Nauck (1822-1892), Leipzig 1856.

Zu beachten ist, daß es sich bei den Leiderfahrungen Ijobs um eine Wette zwischen Satan und Gott handelt: „Streck nur deine Hand gegen ihn aus und rühre all das an, was sein ist: wahrhaftig er wird dir ins Angesicht fluchen!“ (Ijob 1, 11).  Gott sendet Ijob ein Unglück nach dem anderen, um zu beweisen, daß Ijob auch in dieser Situation treu zu ihm steht.

Nach dem heutigen Empfinden hat so etwas „ein Geschmäckle“. Ist ein solches Verhalten fair?

Nun, es handelt sich um Literatur und zwar um eine Schrift aus einer Zeit mit ganz anderen Maßstäben und Einstellungen als heute.

In unserer Zeit ist eher das Aufbegehren Ijobs als seine Ergebung glaubwürdig, erdrückt von der Übermacht Gottes, der ihn in diese schreckliche Situation gebracht hat.

B.                  Zur Verkündigung

I.             Homiletische Überlegungen

Von unserer Perikope läßt sich die Linie ausziehen zum Evangelium vom Seesturm: Wie der Herr mit dem „Riesensäugling“ Meer umgeht, so tut es Jesus mit dem See, den er zum Verstummen bringt (Mk 4, 39). Der Ausdruck, der für diesen Vorgang benutzt wird, besitzt im Griechischen die Grundbedeutung: jemandem das Maul stopfen, das Maul mit einem Maulkorb verschließen (πεφίμωσο von φιμόω).

Beide Arten, mit der Chaosmacht Meer umzugehen, entsprechen sich also. So weist sich die Absicht des Liturgen, beide Texte nebeneinanderzustellen, als legitim aus: Jesus tritt an die Stelle des HERRN. Vor ihm verneigen wir uns. Die Jünger Jesu machen eine ähnliche Erfahrung wie Ijob: Bisher kannten sie ihn nicht und jetzt erscheint er ihnen in einem neuen Licht. Sie erschrecken vor diesem ungewohnten Jesus und werden bescheiden wie Ijob vor der Wirklichkeit des ganz Anderen.

II.          Mögliche Themen

1.   Gott kontra Technik?

Es fällt schwer, über folgenden Aspekt des Abschnitts aus Ijob zu predigen: Gottes Macht über die Schöpfung, wie sie die Dichter des Buches sehen. Hier weiß man sich der Konkurrenz der Technik gegenübergestellt. Gottes Macht verblaßt scheinbar gegenüber der Macht der Technik. Hier genügt es, sich daran zu erinnern, daß die Natur ja Gottes Schöpfung ist. Viele finden in der Natur einen Zugang zum Göttlichen. Wer dazu bereit ist, nimmt die andere Wirklichkeit in Gottes Schöpfung wahr.

Außerdem werden uns Menschen die Grenzen immer wieder aufgezeigt: Es gibt Flutkatastrophen, Erdbeben und extreme Wetterlagen. In solchen Situationen sind wir hilflos.

2.   Der Mensch vor dem ganz Anderen

Die Konzentration auf die abschließende Gottesrede sollte nicht dazu führen, die voraufgehenden Reden Ijobs und seiner Freunde zu vernachlässigen. Gerade diese harten Dispute können dem heutigen Menschen etwas sagen. Wer sich an der Wirklichkeit der Welt reibt, vor allem bei einer leidvollen Erfahrung, und keinen Sinn mehr in seinem Leben finden kann, sollte nicht aufhören, Fragen zu stellen. Es geht immerhin darum, die Realität wahrzunehmen, wie sie ist. Wer versucht, der Wirklichkeit auszuweichen oder sie gar zu verleugnen, wird niemals zu einer Lösung seiner Lebensprobleme gelangen.

Realität kann transparent und sinnvoll werden, etwa wie es bei einem handgeknüpften Teppich ist. Auf der Rückseite sind wirre Knoten und Fäden zu sehen. Wer den Teppich aber umdreht, sieht das wundervolle und künstlerisch inspirierte Muster.

Dem radikal Fragenden öffnet sich schließlich der Schöpfungsgrund. Gott ist seiner Schöpfung zugewandt. Ijob überwindet das Leid, indem er sich Gott vertrauensvoll in die Arme wirft.

Ähnlich ist es bei der Stillung des Sturmes: Jesus rettet die Menschen vor dem Ertrinken. In Jesus ist der ganz Andere da. Vor dieser Wirklichkeit erschrickt der Mensch und wird sich seiner Begrenztheit bewußt.

3.   Die Begrenztheit des Menschen

Gottes Gegenfragen weisen auf die Grenzen des Menschen hin. Ijob ist zunächst enttäuscht, da die Brücke, die er zu seinem Gott hin bauen wollte, einbricht. Er spürt, daß es naiv war, das Geheimnis Gott verstehen zu wollen. Es war kindisch zu meinen, hinter jedem menschlichen Problem liege eine fertige göttliche Lösung bereit.

Gott rückt die Dimensionen zurecht. Ein Gott, der sich hundertprozentig auf rationale Weise erklären ließe, ist ein Popanz, ein Scheinriese, der wichtig und mächtig erscheint, aber in Wirklichkeit lächerlich ist.

Gott zeigt dem Menschen, daß jedes Bild, das er sich von ihm macht, falsch ist.

„Der Mensch muß aus allen Bildern und aus sich selbst ausgehen (muoz aller bilde und sîn selbes ûzgân) und dem allem gar fern und ungleich werden, ja, wenn er den Sohn empfangen (nemen) und Sohn werden will im Schoße und im Herzen des Vaters.“

·     Eckehart, Von dem edeln menschen, Meister Eckharts Traktate, herausgegeben und übersetzt von Josef Quint, Die deutschen Werke, Band 5, Stuttgart 1963, 114. 501.

Wenn alles wegfällt, das zwischen uns und Gott steht, können wir ihm persönlich begegnen. Wer anders verfährt läuft Gefahr, dem Bild hinterherzulaufen, das er sich von Gott gemacht hat, ohne daß es zu einer wirklichen Begegnung mit Gott kommt.

Es ist einfach zu fragen: „Warum hat Gott das getan?“ Schwieriger ist es, dafür bereit zu sein, daß Gott den Menschen in Frage stellt.

Doch Wandlung und Erneuerung können nur in der Begegnung mit dem wirklichen Gott geschehen.

Die Urversuchung des Menschen ist, Gott gleich sein zu wollen (Gen 3, 5: „Ihr werdet sein wie Gott“). Indem der Mensch seine Begrenztheit annimmt und bejaht, gewinnt er seine eigentliche Gestalt.

Literaturhinweise zu Ijob 38

·     Georg Fohrer, Das Buch Hiob, KAT, Band 16, Gütersloh 1963.

·     G Hölscher, Das Buch Hiob, HAT, Band 17, Tübingen 21959.

·     Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testamentes, Band 1, München 51966, 420-439.

·     Gerhard von Rad, Hiob 39 und die altägyptische Weisheit, Gesammelte Studien zum Alten Testament, München 41971, 262-271.

·     Erich Würthwein, Gott und Mensch in Dialog und Gottesreden des Buches Hiob, Habilitationsschrift, Tübingen 1939.

 

H. M. Knechten, Die Antwort Gottes, Erstveröffentlichung in: Am Tisch des Wortes, Neue Reihe, Band 122: 12. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B, herausgegeben von Klemens Jockwig und Willi Massa, Stuttgart 1972, 43-49.

Gott ist gütig: Mt 20, 1-16

I.            Zusammenhang

Das Gleichnis steht als Abschluß der Erzählpartie 19, 3 bis 20, 16. Auf das Lehrgespräch über die Scheidungsbestimmung im Gesetz Moses und den Bericht über die Kindersegnung folgt die Perikope mit dem reichen jungen Mann. Matthäus folgt dabei dem markinischen Erzählfaden (Mk 10, 1-27), unterbricht ihn aber mit dem Gleichnis vom gütigen Weinbergbesitzer. Dies ist matthäisches Sondergut. Er verstand das Gleichnis im Sinne von Mt 19, 30: „Doch viele Erste werden Letzte und viele Letzte Erste sein.“ Das Gleichnis dient als Illustration dieser Aussage. Beweis dafür ist das anknüpfende „denn“ in 20, 1 und das abschießende „so“ in 20, 16. Diesen Vers 16 hat Matthäus dem Gleichnis hinzugefügt.

Ursprünglich war das Gleichnis an die Adresse der Pharisäer gerichtet, die Gottes schenkende Güte und sein gütiges Handeln in Jesus nicht anerkennen konnten. Matthäus adressiert es um an die Jünger. Aus der Warnung an die Pharisäer wird eine Warnung an die Jünger.

Matthäus übernimmt die Tradition also nicht unkritisch, vielmehr wendet er sie auf seine Situation an und bietet der Gemeinde ein Korrektiv dar. Durch Vers 16 betont er einen Nebenzug des Gleichnisses, nämlich die Gleichstellung der Letzten. Damit wird jede Rangordnung fragwürdig. Er weist darauf hin, daß sich alles anders entwickeln kann, als vermutet und erhofft wurde. Für den Jünger gibt es keine Sicherheit. Es gibt keine Garantie für das Heil.

II.        Einzelauslegung

Die Anwerbung von Arbeitern

Mt 20, 1f: Der Anbruch der Königsherrschaft Gottes (V 1: Königreich der Himmel), die eschatologisch gesehen ist, wird mit einer Lohnauszahlung verglichen. Gleich bei Sonnenaufgang, also etwa um sechs Uhr morgens, geht der Hausherr aus, um Tagelöhner für seinen Weinberg zu mieten.

Tagelöhner sind Menschen, die keinen eigenen Grund und Boden besitzen. Der Arbeitslohn muß am Abend des Arbeitstages ausgezahlt werden, da der Tagelöhner buchstäblich „von der Hand in den Mund“ lebt.

·     Tob 4, 14: „Gib jedem Menschen, der bei dir arbeitet, noch am selben Tage seinen Lohn!“.

Die soziale Situation der Tagelöhner war vielfach drückender als die eines Sklaven, weil sie keinen Anschluß an die Familie des Arbeitgebers und damit auch keinerlei Sicherheit besaßen.

Für zwölf Stunden Arbeit, auch während der drückenden Mittagshitze, erhielten sie das Existenzminimum, einen Denar, der 40 Eurocent entspricht.

V 3-5a: Gegen neun Uhr geht der Hausherr wieder aus, um Arbeiter zu finden. Offenbar drängte die Arbeit sehr, da die Trauebenernte vor dem Einsetzen der Regenzeit mit ihren kühlen Nächten beendet sein mußte. Auf dem Marktplatz regelten sich Arbeitssuche und Arbeitsangebote. Es wird ein gerechter Lohn zugesichert, denn die jetzt geworbenen Tagelöhner müssen damit rechnen, weniger als einen Denar zu erhalten, da sie drei Stunden weniger arbeiten werden.

V 5b-7: Dieser Vorgang wiederholt sich noch dreimal. Selbst noch eine Stunde vor Sonnenuntergang werden neue Arbeiter angeworben. Der Hausherr gibt kein Lohnversprechen mehr, da der Lohn wahrscheinlich äußerst gering sein wird.

Die Lohnauszahlung am Abend

V 8-10: Bisher wurde ein alltäglicher Vorgang geschildert. Erst bei der Lohnauszahlung findet etwas Außerordentliches statt. Der Akzent des Gleichnisses liegt an dieser Stelle. Die Umkehrung der Reihenfolge bei der Lohnauszahlung wird von Matthäus betont. Es geht ihm darum, daß die Ersten die Lohnauszahlung der Letzten miterleben. Alle erhalten den gleichen Lohn!

V 11f: Es ist verständlich, daß die Ersten empört sind: Zwölf Stunden haben sie sich abgerackert, die Sonnenglut ertragen, und nun werden sie diesen Faulenzern gleichgestellt! In ihrer Aufregung lassen sie die Anrede an den Weinbergbesitzer fort.

V 13-15: Dieser reagiert souverän: Er wendet sich an den lautesten Schreier und redet ihm gütig zu. Seine Anrede entspricht unserem „guter Freund“ (ἑταῖρε). Er hat sie nicht betrogen; denn die Zahlung eines Denars war ja mit ihnen vereinbart. Er hat seine Vereinbarung eingehalten und ist ihnen nichts schuldig.

Ihm steht es aber frei, den Letzten den gleichen Lohn zu geben wie den Ersten.

Der Hausherr wirft den Ersten Neid vor, ausgedrückt durch das Bild des „bösen Auges“. Ihrem Neid setzt er seine Güte entgegen.

·     „Dein Auge sei nicht neidisch beim Almosengeben“ (Tob 4, 16).

Damit schloß das Gleichnis ursprünglich.

V 16: Dies ist ein freies Logion, das Matthäus als Anwendung anfügt. Ausgesagt wird die Umkehr irdischer Verhältnisse.

III.   Theologischer Ertrag

Unser Gleichnis tritt in ein besonderes Licht, wenn man es mit einem ähnlichen vergleicht. Es steht im Jerusalemer Talmud (Berachot – Segnungen 2, Venedig 1523, 5c, 15-23).

Die Lebensleistung des mit 28 Jahren verstorbene Rabbi Bon wird in einem Gleichnis erläutert:

Ein König mietete für seinen Weinberg viele Arbeiter. Einer von diesen übertraf alle anderen an Fleiß und Geschicklichkeit. Da nahm ihn der König an der Hand und spazierte mit ihm bis zum Abend umher, zahlte ihm aber den vollen Lohn, da dieser Arbeiter in zwei Stunden mehr geleistet hatte als die anderen am ganzen Tag.

So habe auch Rabbi Bon in 28 Jahren mehr für das Gesetz (die Tora) getan als ein anderer Schriftgelehrter in hundert Jahren.

Die Aussage des matthäischen Gleichnisses ist anders: Die Letzten erhalten den vollen Lohn nicht, weil sie in drei Stunden oder in einer Stunde mehr geleistet hätten als andere Arbeiter, sondern obgleich sie weniger gearbeitet haben. Nicht das Verdienst eines nur scheinbar Bevorzugten wird neidischem Murren entgegengehalten, sondern Gottes Güte, die ein Recht hat, etwas zu schenken, was andere sich verdienen, auch ohne Verdienst (Jülicher). So ist die Aussage unserer Parabel: Gott handelt wie jener Hausherr, der mit den Arbeitslosen und ihren Familien Mitleid hatte. So handelt er jetzt durch Jesus und beim Anbruch der Gottesherrschaft. Er beschenkt die, welche es nicht verdienen, beschenkt zu werden; die keinen Ort haben, um sinnvoll vor ihm zu existieren (Via).

Der Ton der Parabel liegt auf den Schlußworten: Weil ich gut bin (Vers 15). So ist Gott, so gütig (Jeremias). Dies ist an die Adresse der Pharisäer gerichtet, die Gottes gütiges Handeln in Jesus nicht anerkennen: Wollt ihr über Gottes Güte murren? Jesus rechtfertigt die Frohbotschaft gegenüber den Kritikern. Die Jünger finden sich in der Rolle der murrenden Ganztagsarbeiter wieder. Das überraschende Handeln des Weinbergbesitzers veranlaßt sie, das Unberechenbare nicht als Güte, sondern als Ungerechtigkeit, als Betrug zu sehen. Anstatt sich selbst als selbstbezogen zu erkennen, klagen sie den Besitzer der Unfairneß an.

Da sie auf strenger Gerechtigkeit bestehen, wo in Wahrheit Güte zu finden ist, werden sie schließlich der Quelle der Güte entfremdet (Via). Sie schließen sich selbst von ihren besten Möglichkeiten aus. Sie haben ihren Lohn und können gehen.

Gottes Handeln ist für den Menschen immer überraschend, da es nicht unseren Vorstellungen entspricht. Aufgabe des Menschen ist es, sich dem gütigen Handeln Gottes zu öffnen.

IV.    Literatur zum Gleichnis Mt 20, 1-16

·     Stefan Alkier, Ingo Baldermann und Jürgen Becker, Die Gleichnisreden Jesu 1899-1999. Beiträge zum Dialog mit Adolf Jülicher, Berlin 2016.

·     Georg Eichholz (1909-1973), Gleichnisse der Evangelien. Form, Überlieferung, Auslegung, Neukirchen 1975, 85-108.

·     Joachim Jeremias (1900-1979), Die Gleichnisse Jesu, Göttingen 111998, 29-35. 136-139.

·     Gustav Adolf Jülicher (1857-1938), Die Gleichnisreden Jesu, Band 2, Tübingen 21910, 459-471.

·     Luise Schottroff, geborene Klein (1934-2015), Die Gleichnisse Jesu, Gütersloh 2023.

·     Helmut Schütz, Gleichnisse Jesu nach Markus, Mattäus und Lukas, Gesammelte Gottesdienste, Band XVIII, Gießen 2026.

·     Dan Otto Via junior (1928-2014), The Parables. Their Literary and Existential Dimension, Minneapolis, Minnesota 1967; Philadelphia 1974; Die Gleichnisse Jesu. Literarische und existentiale Dimension, Übersetzung und Nachwort von Erhardt Güttgemanns (1935-2008), Beiträge zur evangelischen Theologie, Band 57, München 1970, 140-152.

 

H. M. Knechten, Gott ist gütig: Mt 20, 1-16, Erstveröffentlichung in: Am Tisch des Wortes, Neue Reihe, Band 124, 25. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A, herausgegeben von Klemens Jockwig und Willi Massa, Stuttgart 1972, 38-42.48.

V. Die Homilie der Osternacht

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-16) liegt einer Homilie zugrunde, die Johannes Chrysostomos zugeschrieben und während der Osternacht verlesen wird:

 

Слово преподобного отца нашего Иоанна Златоустого

 

Кто благочестив и боголюбив, тот пусть насладится этим прекрасным и светлым торжеством. Кто раб благоразумный, тот пусть войдёт радуясь в радость Годпода своего. Кто потрудился постясь, тот получит ныне денарий.

 

Predigt unseres Vaters, des heiligen Johannes Chrysostomos.

 

Ihr Gläubigen und Gottliebenden, erfreut Euch dieser hohen und lichtstrahlenden Feier! Ihr, die Ihr den klugen und getreuen Dienern gleicht, kommet herzu und freuet Euch mit Eurem Herrn! Wer sich im Fasten abmühte, empfange jetzt seine Belohnung!

 

Если кто от первого часа работал, пусть приимет справедливую плату. Если кто пришёл после третьего часа, пусть празднует благодаря. Если кто поспел к шестому часу, пусть нисколько не сомневается ― ибо никак не будет отвергнут. Кто опаздал к девятому часу, пусть приступит, нисколько не сомневаясь, ничего не боясь. Кто достиг одинадцатого часа, да не устрашится промедления: любвеобилен Владыка ― и принимает последнего как первого: упокоивает пришедшего в одиннадцати час, также как делавшего с первого часа. И последнего милует, и первому угождает, и тому даёт, и этому преподносит; и дела принимает и намерения приветствует и сделанное почитает и добрую волю хвалит. Поэтому войдите все в радости Господа своего: и одни и другие принимайте награду.

 

Wer von der ersten Stunde an gearbeitet hat, erhalte den gerechten Lohn. Wer zur dritten Stunde kam, möge sich ebenfalls freuen und Gott danken. Wer erst zur sechsten Stunde hinzukam, zweifle nicht; denn er erhält nicht weniger. Wer die neunte Stunde versäumte, trete dennoch hinzu ohne Zweifel und ohne Furcht! Wer erst zur elften Stunde kam, fürchte sich nicht wegen seiner Säumigkeit; denn der Herr ist gütig, und nimmt den Letzten auf wie den Ersten. Er erquickt ihn ebenso wie denjenigen, der von der ersten Stunde an gearbeitet hat. Er erbarmt sich des Letzten und belohnt den Ersten. Dem einen gibt Er, dem anderen schenkt Er. Das Tun nimmt er an; über die Absicht freut Er sich. Das Geleistete schätzt Er, doch auch den guten Willen lobt Er. So tretet alle ein in die Freude Eures Herrn! Empfangt Euren Lohn, Erste wie Letzte!

 

Богатые и бедные ликуйте друг с другом. Воздержники и ленивые почтите этот день. Постившиеся и не постившиеся, возвеселитесь сегодня. Трапеза полна, все наслаждайтесь! Телец упитан, да никто не выйдет голодным. Все насладитесь пира веры: принимайте все богатство благости. Пусть никто не рыдает о своей нищете, ибо явилось общее царство.

 

Reiche und Arme, jubelt miteinander! Enthaltsame und Träge, ehret diesen Tag! Wer fastete und wer nicht fastete, freue sich heute! Der Tisch ist reich gedeckt; sättigt Euch alle! Genießt alle vom Festmahle des Glaubens! Empfangt alle den Reichtum der Gnade! Niemand soll in Armut weinen; denn das Reich Gottes ist für alle angebrochen. Niemand weine mehr über seine Sünden; denn Verzeihung ist aus dem Grabe aufgeleuchtet.

 

Пусть никто не боится смерти, ибо освободила нас Спасова смерть: угасил смерть Держимый ею. Пленил ад Сошедый бо ад. Огорчил его вкусившего Его плоти, и предвидя это Исаия возопил: ад огорчился, встретив Тебя внизу: огорчился, потому что упразднился, огорчился, потому что был осмеян, огорчился, потому что был умерщвлён, огорчился, потому что был низложен, огорчился, потому что был связан. Принял тело ― и коснулся Бога, принял землю ― и встретил небо. Принял, что видел, и попался в Том, чего не видел. Смерть, где твоё жало? Ад, где твоя победа?

 

Niemand fürchte mehr den Tod; denn der Tod des Erlösers hat uns befreit. Er, der vom Tode gefangen war, hat den Tod ausgelöscht. Er stieg in die Unterwelt und schlug sie in Fesseln. Er erfüllte sie mit Bitterkeit, da sie ihn verschlang. Daher rief der Prophet Isaias: Die Unterwelt wurde mit Bitterkeit erfüllt, als sie Dich traf. Mit Bitterkeit wurde sie erfüllt; denn sie wurde entmachtet; mit Bitterkeit wurde sie erfüllt; denn sie wurde geschmäht. Mit Bitterkeit wurde sie erfüllt; denn sie wurde gebunden. Sie nahm einen Leib auf und begegnete Gott. Sie nahm Erde auf und berührte den Himmel. Sie nahm Sichtbares auf und stieß auf Unsichtbares. Tod, wo ist dein Stachel, Unterwelt, wo ist dein Sieg?

 

Воскрес Христос - и ты низвергся. Воскрес Христос ― и пали демоны. Воскрес Христос ― и радуются Ангели. Воскрес Христос ― и жизнь пребывает. Воскрес Христос ― и ни одного мертвеца в гробу. Ибо Христос восстал из мёртвых ― Первенец из усопших. Ему слава и держава во веки веков. Аминь. (Мф. 20,1-16; Ис. 14,9)

 

Christus ist erstanden, und die Unterwelt ist gestürzt. Christus ist erstanden; gefallen sind die Dämonen. Christus ist erstanden; es jubeln die Engel. Christus ist erstanden, und das Leben siegt. Christus ist erstanden; kein Toter bleibt im Grabe. Denn Christus erstand von den Toten, Er, der Erstgeborene der Toten. Ihm sei Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 Homiletische Rezensionen

Vorgegeben war, daß die Rezensionen äußerst kurz sein sollten.

Psalmen

Kurzrezension zu: Johannes Schildenberger [1896-1990], Die Psalmen – Wort Gottes in menschlicher Sprache, in: Erbe und Auftrag 45 (1969), 19-25.

Die Psalmen sind von Gott inspiriert, wurden aber von Menschen verfaßt. Das Neue Testament ersetzt nicht die Psalmen; sie bleiben das Gebetbuch der Kirche.

Schildenberger stellt die Gattungen der Psalmen vor: Hymnen, Danklieder, Bittgebete, Vertrauenslieder, Sionslieder, Königspsalmen und die prophetischen Psalmen. Es gibt auch lehrhafte Lieder, die das Glück des Gerechten preisen. Eine eigene Kategorie bildet der Bekenntnispsalm 119.

 

H. M. Knechten, Kurzrezension zu: Schildberger, Psalmen, Erstveröffentlichung in: Verkündigen, Band 3, herausgegeben von Willi Massa, Stuttgart 1972, 115.

Paradies

Kurzrezension zu: Martha Teubner, Gott versetzte den Menschen in das Paradies. Ein Beitrag zur Auslegungsgeschichte von Gn 2, 15f, in: Erbe und Auftrag 46 (1970), 100-111.

Die Verfasserin zeichnet in dieser „theologischen Erzählung“ das Bild einer idealen Umwelt. Das Böse kam erst nach diesem von Gott gut gewollten Anfang.

Anthropologisch sagt der Text aus: Der Mensch ist von Gott vergänglich, aber gut und gottnah geschaffen und er ist eine Person. Theologisch betrachtet, teilt Gn 2, 15f mit: Der Mensch ist abhängig von Gott. Der Herr gebietet über den Menschen und eröffnet gleichzeitig den Dialog mit ihm.

Der „wunderbare Garten“ ist ein Bild für das gnadenhafte Zusammenleben Gottes mit den Menschen.

 

H. M. Knechten, Kurzrezension zu: Teubner, Paradies, Erstveröffentlichung in: Verkündigen, Band 3, herausgegeben von Willi Massa, Stuttgart 1972, 126.

Teufel

Kurzrezension zu: Herbert Haag [1915-2001], Kommt das Böse vom Teufel?, in: Wort und Wahrheit 25 (1970), 99-113.

Geht das Böse auf den Teufel zurück oder liegt es im Menschen?

Die Bibel führt es auf den Menschen zurück. Das Böse kommt von der Sünde des Menschen.

Durch die Angst vor dem Teufel und den Dämonen wurde die Frohbotschaft vom Reich Gottes in eine Drohbotschaft verwandelt.

Das menschliche Leben steht aber nicht in der Spannung zwischen dem Teufel und Gott, sondern zwischen menschlicher Sünde und göttlicher Gnade.

 

H. M. Knechten, Kurzrezension zu: Haag, Teufel, Erstveröffentlichung in: Verkündigen, Band 3, herausgegeben von Willi Massa, Stuttgart 1972, 126f.

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026

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