Rom

 

Samstag, 4. Juli 1992

Zugfahrt von Neapel nach Rom. In Neapel hatte ich Zeit und Muße, mir vieles anzuschauen. Hier war wie immer wenig Zeit. Ich hatte einige Dinge für die Pfarrei zu besorgen.

Im Russicum wurde ich gut aufgenommen und gleich mit Neuigkeiten, betreffend verschiedene Patres, überschüttet: Der Leiter der litauischen Abteilung im Radio Vatikan werde am nächsten Tage sein 45jähriges Priesterjubiläum feiern, der Sekretär des Orientalischen Institutes war Sekretär des Bischofs in Kiev geworden, der Präfekt wurde zum Vizerektor des Russicums ernannt, der Professor für Liturgik der Sakramente nahm an einem Kongreß in Bulgarien teil, während der Chorleiter beim Christlichen Osten in Bergamo war. Der junge Liturgiker ist jetzt im Sekretariat für die Einheit der Christen. Einige Studenten hatten ihre Dissertation abgeschlossen und wollten sich nun habilitieren. Zumindest bis 2023 war es keinem von ihnen gelungen.

Der Byzantinische Ritus scheint allerdings eine immer geringere Rolle zu spielen. Der lateinische Ritus ist eben viel zeitsparender und leichter!

Fresko im Seitengang der Kirche der heiligen Agnes: Vom Kreuz gehen die vier Ströme des Paradieses aus.  „Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen“ (Gen 2, 10). „Er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Throne Gottes und des Lammes aus“ (Offb 22, 1). Die Aussage dieses Freskos ist: Vom Kreuze geht Energie aus und der Tod verwandelt sich in Leben. Der Kreuzesbaum blüht, er ist ein Lebensbaum. Vögel kommen geflogen, um vom Wasser des Lebens zu trinken (vgl. Joh 4, 10).

Der Rundbau der Kirche Santa Constanza wurde Anfang des vierten Jahrhunderts als Mausoleum für Costantina und Helena, Töchter Kaiser Konstantins, erbaut. Petrus und Paulus sind als antike Philosophen gewandet. Darstellungen weinlesender Genien. Am 21. Januar werden hier zwei Lämmer gesegnet, aus deren Wolle die Pallien (Schulterstolen) der Erzbischöfe gewoben werden.

Sonntag, 5. Juli 1992

Liturgie zum fünfundvierzigsten Priesterjubiläum mit schönem Chor.

San Clemente: Im Tal am nördlichen Abhang des Caelius ist ein Häuserkomplex erhalten, der eine Kultstätte des Mithras birgt. Sein Name bedeutet „Vertrag“ und weist ihn als Herr des Rechtes aus. Diese persische Gottheit hatte im augusteischen Rom über hundert Kulträume. Mithras war der getreue Helfer des höchsten Gottes, Ahura-Mazda (Herr der Weisheit). Dieser Gott des Guten gebietet über das Lichtreich, während Ahriman (ursprünglich Angra Mainyu – Geist des Widerstandes, Widersacher) als Gott des Bösen über das Reich der Finsternis herrscht. Als Helfer Ahura-Mazdas ist Mithras ebenfalls ein Lichtgott. Er wurde am 25. Dezember aus einem Felsgestein geboren. Hirten waren Helfer bei seiner Geburt. Er ist der sol invictus, der unbesiegte Sonnengott. Mithras wurde verehrt als Heiland und als Sohn Gottes. Nach einem Liebesmahl, bei dem es Stierfleisch gab, fuhr Mithras zum Himmel auf und bestärkte seine Jünger im Kampf gegen das Böse. Den Guten verhilft er durch seinen Richterspruch zum Aufstieg in das Lichtreich. Am Ende der Zeiten wird er wieder auf der Erde erscheinen und die Toten erwecken. Die Guten erhalten Unsterblichkeit, während die Bösen zusammen mit Ahriman vernichtet werden. Besonders Soldaten und Händler ließen sich in die Mithrasmysterien einweihen. Das Mithräum stellt das Himmelsgewölbe dar; daher ist die Decke gewölbt. An den Seiten sind steinerne Bänke, die mit Polstern belegt wurden. Hier lagen die Mysten bei den heiligen Handlungen und beim Kultmahl. In der apsisartigen Kultnische beim Abschluß des Saales ist Mithras beim Stieropfer dargestellt. Mithras sollte nämlich den Urstier fangen und töten. Er stach ihm einen Dolch in den Hals. Das herabfließende Blut ließ Ähren hervorsprossen. Mithras wird damit zum Lebenspender.

Wie kommt ein orientalischer Kult nach Rom? Die römische Staatsreligion war für eine persönliche Frömmigkeit wenig ansprechend. Es galt vor allem, ein äußeres Ritual genau nachzuvollziehen. Soldaten, die häufig in Lebensgefahr schwebten, suchten nach einer Gottheit, die sie als persönlichen Beistand anrufen konnten.

Die Parallelen des Mithraskultes mit dem Christentum sind offensichtlich: Die wunderbare Geburt, die Hirten, der 25. Dezember, der Heiland und Lebenspender, die Gottessohnschaft, das Liebesmahl am Schluß des irdischen Lebens, die Himmelfahrt, die Wiederkunft und die Auferweckung der Toten.

Wer in San Clemente vom Mithrasheiligtum aus ein Stockwerk höher steigt, befindet sich in einer dreischiffigen Säulenbasilika aus dem Jahre 385, welche dem heiligen Clemens, dem dritten Bischof Roms, geweiht ist. Im Mittelschiff ist ein romanisches Fresko der Himmelfahrt Christi, das Leo IV. mit dem quadratischen Nimbus des Stifters zeigt. In dieser Kirche befindet sich das Grab Kyrills ( 869 in Rom), der zusammen mit Method die glagolitische Schrift erfunden und kirchliche Texte für die Slavenmission übersetzt hatte. An den Wänden sind Tafeln der slavischen Kirchen, der bulgarischen, makedonischen, russischen, serbischen und ukrainischen.

Darüber erhebt sich eine Basilika, die nach der Zerstörung der Normannen 1084 im 12. Jahrhundert errichtet wurde. Tor, Vorhof mit Brunnen, Gemeinderaum und, hinter den cancelli, den Kommunionschranken, aus denen sich entwicklungsgeschichtlich die Ikonostase, die Bilderwand, ableitete, die schola cantorum, der Sängerchor, mit Hochaltar und Apsis. Eine Menge drückt immer nach vorne, daher sind Schranken erforderlich, damit Gottesdienst gefeiert werden kann. Antike Säulen. Kosmatenarbeiten im Marmorfußboden, in den Chorschranken, im Osterleuchter, im Tabernakel und im Bischofsstuhl.

Kosmas war der Stammvater einer Familie, die zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert richtungsweisend für andere Inkrustationsausschmückungen ausführten, die Kosmatenarbeiten genannt wurden. Diese Einlegearbeiten folgten antiken Vorbildern und lehnten sich außerdem an arabische Ziermuster in Süditalien an. Sie verwendeten für ihre Arbeiten vor allem roten und grünen Porphyr aus antiken Säulen, die in Scheiben und Quadrate geschnitten wurden. Zudem gebrauchten sie rotes, grünes, gelbes und blaues Glas sowie Keramik und Gold.

Triumphbogen und Apsis weisen Mosaiken auf: Lebensbaum und Kreuz, die zwölf Apostel als Schafe, die dem Lamm Gottes entgegenziehen.

Die Augen gehen den Betrachtenden über.

 

 

Der Dogmatikprofessor sagte mir: „Du mußt Dein Thema für die Promotion selber wählen; Du mußt davon überzeugt sein!“

 

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2023

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