Inhalt

Einführung. 1

Das Gebet der Ikonen Schreibenden. 2

Der Byzantinische Bilderstreit 2

Anbetung und Verehrung. 3

Die Legitimation des Abbildes. 3

Wie eine Ikone entsteht 4

Meine Ikone. 5

Eine Ikone schreiben. 8

Bibliographie. 11

 

 

 

Johannes im Schweigen

 

Einführung

Im Mai 1993 nahm ich an einem Ikonenkurs teil, der von Katharina Sitnikov-Peters geleitet wurde und im Kloster der Dominikaner in Vechta stattfand.

Das Gebet der Ikonen Schreibenden

Zu Beginn beteten wir:

Herr Jesus Christus, unser Gott, Du bist unendlich in Deiner Dreiheit. In der Fülle der Zeiten wolltest Du aus dem Heiligen Geiste und der Jungfrau Maria um unseretwillen Mensch werden, um unsere Schuld zu überwinden und die Natur des Menschen zu erneuern.

Die Züge Deines heiligen Antlitzes ließest Du auf dem Schweißtuche und wolltest Dich darstellen lassen. Du hast Deinen Apostel und Evangelisten Lukas im Glanze Deines Heiligen Geistes erleuchtet, sodaß er vermochte, das Abbild Deiner allreinen Mutter, welche Dich auf ihren Händen trägt, darzustellen.

Erleuchte Du unsere Herzen und unseren Geist, auf daß wir für die Ehre und Schönheit Deiner heiligen Kirche Dein geheiligtes Abbild, das Deiner allreinen Mutter sowie aller Heiligen würdig darzustellen vermögen. Behüte uns vor jeder Anfechtung des Bösen und vergib die Sünden derer, die in der Verehrung dieser Ikone dem Urbild huldigen.

Heiliger Gott,
Heiliger Starker,
Heiliger Unsterblicher,
Erbarme Dich unser.

Der Byzantinische Bilderstreit

In diesem Gebet wird zunächst die theologische Grundlage der Ikonen dargelegt. Immerhin dauerte der Ikonoklasmus, der Kampf um die Legitimität der Ikonen, von 726 bis 780 und von 815 bis 843 (Synode von Konstantinopel).

Kaiser Leo III. entfachte den Ikonoklasmus 726 und Irene, die Frau Leos IV., beendete 780 dessen erste Phase.

Kaiser Leo V. initiierte 815 die zweite Phase des Ikonoklasmus und Theodora, die Witwe des Kaisers Theophilos, führte 843 die Ikonenverehrung wieder ein.

In den 92 Jahren des Byzantinischen Bilderstreits wurde fast der gesamte Bestand an Ikonen zerstört. Heute gibt es nur noch wenige vorikonoklastische Ikonen, zum Beispiel im Katharinenkloster auf dem Sinai. Hervorragende Beispiele sind die enkaustischen Ikonen aus dem 6. Jahrhundert Gottesgebärerin mit dem Jesuskind und Christus Allherrscher (Pantokrator).

Anbetung und Verehrung

Das zweite Konzil von Nizäa im Jahre 787 unterschied zwischen Anbetung (προσκύνησις – adoratio), die nur Gott zukomme, und Verehrung (λατρεία – veneratio), die den Heiligen und heiligen Gegenständen, wie dem Kreuz und den Ikonen, gelte.

Die Legitimation des Abbildes

Da Gott in Jesus Christus Mensch wurde (Inkarnation – Fleischwerdung), wollte er sichtbar und tastbar sein.

Dem König Abgar V., welcher 4 vor bis 7 nach Christus sowie 13-50 König von Osrhoene im nördlichen Zweistromland mit der Hauptstadt Edessa war, ließ Christus ein Tuch mit seinem Abbild zukommen.

Der Evangelist Lukas schuf ein Bild der allheiligen Gottesgebärerin mit dem Jesuskind.

Wie eine Ikone entsteht

Unter Gebet und Fasten arbeiteten wir eine Woche lang von morgens bis abends.

Zunächst wurde das Holzbrett zurechtgeschnitten, geglättet, abgeleimt und mit Leinwand versehen. Sodann wurde der Malgrund mit Levkas (mit einer Mischung von Kreide und tierischem Leim) hergestellt.

Nun wurde von der Vorlage die Umrißzeichnung übertragen: Hinter die Vorlage wurde ein Blatt Kohlepapier gelegt und die Umrisse der Ikone wurden mit einem Bleistift auf den Malgrund übertragen.

Für die Farben wurde Eitempera verwendet, welches aus Farbpigmenten, Eigelb und Wasser besteht. Es wurden zunächst mehrere Schichten der dunklen Farben gemalt, dann ging es allmählich über zu den helleren Farben.

Besondere Sorgfalt wurde beim Inkarnat notwendig, nämlich beim Schreiben der Hände und der Gesichter.

Danach folgte das Aufsetzen der „Lichter“, welche in der russischen Tradition оживки ožívki (Beleber) heißen. Hierbei handelt es sich um die Gewandfalten, welche das Bild beleben und aufhellen.

Es folgte die Vergoldung und anschließend das Schützen des Bildes durch Firnis.

Meine Ikone

Johannes im Schweigen, Ikone und Photographie von H. M. Knechten

 

Es gab zwei Schwierigkeiten. Der Engel ist so klein, daß ich ihn mit einem ganz feinen Pinsel malen mußte. Ich habe mehrmals Korrekturen angebracht.

Die Inschrift war krakelig und fehlerhaft. Beim zweiten Versuch beseitigte ich die Fehler. Auch hier arbeitete ich immer wieder am Text. Heute würde ich klare Buchstaben einsetzen; denn der Ikonograph kannte sich offensichtlich nicht im Kirchenslavischen aus.

Der Text lautet:

Въ началѣ бѣ слово, и слово бѣ къ бг҃ѹ, и Бг҃ъ бѣ слово. Сей бѣ искони къ бг҃ѹ.

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dieses war von Anfang an bei Gott. (Johannesevangelium 1, 1f).

Wegen dieses Prologes zu seinem Evangelium wird Johannes als der Theologe bezeichnet. Es handelt sich um eine mystische Aussage.

 

Die Vorlage für meine Ikone war:

Иоанн богослов в молчании – Johannes der Theologe im Schweigen, Nektarij Kuljuksin, 1679, Eremitage, St. Petersburg.

 

 

In anderer Belichtung, Ikone und Photographie von H. M. Knechten

 

Der Zeigefinger auf den Lippen versinnbildlicht das innere Schweigen. Nur so kann das göttliche Wort gehört werden.

Eine Ikone schreiben

Die russische Sprache unterscheidet zwischen живопись žívopisʼ Malerei und иконопись íkonopisʼ Ikonenmalerei.

Wörtlich übersetzt, lauten die beiden Begriffe: Leben-schreiben und Ikonen-schreiben.

Von daher hat es sich eingebürgert, nicht zu sagen: Eine Ikone wird gemalt, sondern: Eine Ikone wird geschrieben.

Wer auf diese Weise wörtlich aus dem Russischen übersetzt, müßte folgerichtig auch sagen: Das Gemälde wird Leben-geschrieben.

Als Kompromiß schlage ich vor: Das Abbild wiedergeben.

Ikone von H. M. Knechten,
Photographie von Cornelia Attolini

Ikone von H. M. Knechten,
Photographie von Cornelia Attolini

Bibliographie

·     Den Himmel malen. Mit Kindern Ikonen gestalten, Gabriele Höfler und Wolfgang Rückl, München 1992.

·     Die Kunst des Ikonenmalens, Abraham Karl Selig, Innsbruck 2006.

·     Запечатленный ангел, Nikolaj Semënovič Leskov, in: Russkij Vestnik 1873, Nr. 1; Moskau 2007; Der versiegelte Engel, Übersetzung von Erich Müller-Kamp, Nachwort von Andreas Guski, Manesse-Bücherei, Zürich 1998.

·     Ikonen-Kunstschule. Ikonographie – Werkstoffe – Maltechnik. Ein Handbuch für die Praxis, Barbara und Klaus Kegelmann, Münster 1998.

·     „Ikonen-Malen ist Gottesdienst.“ Christa Inhofer aus Ober-Ramstadt hat sich einer altertümlichen Kunst verschrieben, Marlene Broeckers, in: Darmstädter Echo 60 (1994), Heft 300, 17.

·     Ikonenmalerei heute, Angela Heuser, Geleitwort von Bischof Longin (Talypin), Recklinghausen 1988.

·     Ikonen selber malen. Von der Vorlage bis zur fertigen Ikone, Helmut und Stefan Brenske sowie Paul Maslow, Augsburg 1990.

·     The Technique of Icon Painting, Guillem Ramos-Poquí, Royal Tunbridge Wells (Grafschaft Kent) 1990; Wie male ich Ikonen richtig?, Übersetzung von Christa L. Cordes, Stuttgart 1992.

·     Wir malen Ikonen, Günter Friedrichs, Stuttgart 1979.

 

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026

Hauptseite