Der erste Schuldenerlass
In
einer Inschrift teilte der sumerische König Entemena
/ Enmetena (um 2430 vor Christus) mit, dass er Sohn des Königs Enannatum
(um 2470 vor Christus) sowie Herrscher von Lagaš
(südöstlich von Babylon) sei und für den Gott Ningursu
(Herr Girsu, Stadtgott von Lagaš) das Heiligtum von Dugru sowie weitere Tempel, Paläste und Bewässerungsanlagen
erbaut habe (Ur Excavations, Texts 1: Royal Inscriptions, Plates, hg. v. C.J.Gadd, London 1928, Abbildungen A und B).
In
einem Grenzkonflikt mit der westlich von Lagaš
gelegenen Stadt Umma wurde ein Friedensvertrag ausgehandelt. Dies ist wohl das
erste derartige Schriftstück der Geschichte. Die kriegsführenden Städte
schlossen einen Kompromiss miteinander. (Die
sumerischen und akkadischen Königsinschriften, hg. v.
F.Thureau-Dangin, Leipzig 1907, 36.38.40).
Aus
der Zeit Entemenas ist eine wundervolle Silbervase
bewahrt geblieben, die zu kultischen Zwecken diente. Die beiden Bildfriese,
welche die Schulter und den Bauch des Gefäßes umgeben, oben eine Reihe
liegender Rinder, unten mehrere löwenköpfige Adler, die über Löwen und Ziegen
mit zurückgedrehten Köpfen schweben, gehören zu den besten Zeugnissen für
Gefäßverzierungen. (A.Moortgat, Die Kunst des Alten
Mesopotamien. Die klassische Kunst Vorderasiens, Bd. 1: Sumer und Akkad, Köln
1982, Seite 81; Tafel 115; M.A.Beek, Bildatlas der
assyrisch-babylonischen Kultur, Gütersloh, 1961, 61: Ein Adler mit Löwenkopf
greift mit seinen Klauen zwei Löwen an; Umrisszeichnung
in: P.Charvát, Mesopotamia Before History, London u. New
York 2002, 216).
Von
Entemena selbst gibt es eine so genannte Beterstatue, bei der allerdings der Kopf verlorenging
(Moortgat, Die Kunst des Alten Mesopotamien. Köln 1982, Tafeln 89 und 90).
Der
Gründungsstein AO 24414 in Keilschrift, der sich im
Museum Louvre in Paris befindet und von rechts nach links gelesen wird, enthält
folgenden Text:

Abbildung in: Rivista degli studi
orientali 47 (1972), 3, hg.
v. M.Lambert.
Transkription (M.Lambert)
Zeile
1: dlugal-é-mùš-ra, en-TE.ME-na, en5-si, lagaški,
šag4-pàd-da, dnanše, [e]n5-si-gal,
[d]nin-gír-sú-ka, dumu
en-an-na-túm, [e]n5-si, lagaški-ka-ke4
Zeile
2: dnin-gí[r-s]ú-ra,
èš dug-ru, mu-na-dù, a-huš,
é-igi-zid-bar-ra, mu-na-dù,
mu-ni-túm, giš-bu4 kur-urudu
dnin-gír-sú-ka ha-har-ra
AN-NUN-KI ka hé hi nun,
IM-bi kur-šag4-ga, mu-na-dím
Zeile
3: é-du24-ùr zi-le, mu-na-dù, dlugal-urúki-ra,
é-gal urúki-ka-ni,
mu-na-dù, dnanše, é-engur-ra zú-lum-ma, mu-na-dù, mu-ni-túm, ama-gi4
lagaški
Zeile
4: e-gar, ama dumu-ni ì-gi4,
dumu ama-ni ì-gi4,
ama-gi4 še-har-ka,
e-gar, ud-ba en-TE.ME-na-ke4, dlugal-é-mùš-ra, é-mùš pa5-ti-bir5-rakika
Zeile
5: é-ki-ág-gá-ni, mu-na-dù, ki-bi
mu-na-gi4, dumu-unugki, dumu-larsamki, dumu pa5-ti-bir5-ra-ka,
[ama]-gi4-bi, e-gar, dinini-ra,
unugki-še, šu-na
ì-ni-gi4
Zeile
6: dutu, larsamki-še,
šu-na ì-ni-gi4, dlugal-é-mùš-r[a], é-mùš-šè, šu-na ì-ni-gi4,
en-TE.ME-na, lú-inim-ma-sig10-ga, dinini-ka,
dingir-ra-ni, dšul-utul-am6.
Transkription (H.Steible)
Zeile
1: dlugal-é-mùš-ra en-te-me-na
ensí-lagaški šà-pà-da-dnanše [e]nsí-gal-dnin-gír-sú-ka dumu-en-an-na-túm e[n]si-lagaški-ka-ke4
Zeile
2: dnin-gí[r-s]ú-ra
èš-dug-ru mu-na-dù a-chuš é-igi-zi-bar-ra mu-na-dù mu-ni-túm gišgigír
kur-da5-dnin-gír-sú-ka chachar-ra-an-eriduki-ka CHÉ.[GAM+GAM-bi] ní-bi kur-šà-ga mu-na-dím
Zeile
3: é-[d]u24-ùr zi-le mu-na-dù dlugal-URUxKÁRki-r[a] é-gal-URUxKÁRki-ka-ni mu-na-dù dnanše é-engur-ra-zú-lum-ma mu-na-dù mu-ni-túm ama-gi4-lagaški
Zeile
4: [e]-gar ama dumu ì-ni-gi4
dumu ama ì-ni-gi4
ama-gi4 !-še-ur5-ka e-gar u4-ba
en-te-me-na-ke4 dlugal-é-mùš-ra é-mùš-pa5-ti-bir5-raki-ka
Zeile
5: é-ki-ág-gá-ni mu-na-dù ki-bé
mu-na-gi4 dumu-unu!(=AB)ki dumu-larsaki
dumu pa5-ti-bir5-ra-ka [ama]-gi4-bi e-gar dinanna-ra
unuki-šè šu-na
ì-ni-gi4
Zeile
6: dutu-[ra] larsaki-šè šu-na
ì-ni-gi4 dlugal-é-mùš-r[a] é-mùš-šè šu-na ì-ni-gi4 en-te-me-na lú-inim-ma-sè-ga-dinanna-ka
dingir-ra-ni dšul-utul12-am6.
Übersetzung
Für
Lugalemuš hat Entemena,
Herrscher von Lagaš, erwählt im Herzen von Nanše, Oberpriester des Ningirsu,
Sohn des Enannatum, Herrscher von Lagaš,
dem Ningirsu das Heiligtum Dugru
erbaut, hat ihm erbaut das Ahuš (wildes Wasser), den
Tempel, den er (Ningirsu) gnädig anschaut, und hat
ihn ausgestattet. Er hat den Streitwagen gebaut, mit dem Ningirsu
das Fremdland unterdrückt, den […] auf dem Weg nach Eridu.
Er reicht bis ins Innere des Berges. Er hat für ihn den Tempel dur-zi-le erbaut. Für Lugal-uru hat
er seinen Palast (der Stadt) Uru erbaut und für Nanše
hat er den Tempel der Höhle des Palmenhains erbaut und ausgestattet.
Für
Lagaš hat er einen Schuldenerlass
angeordnet. Er gab das Kind der Mutter wieder und die Mutter dem Kind. Er
verfügte eine Befreiung von zinspflichtigen Getreidedarlehen.
Zu
dieser Zeit erbaute Entemena dem Lugalemuš
das Emuš von Bad-tibira,
seinen geliebten Tempel, und stellte ihn wieder her.
Er
verfügte einen Schuldenerlass für die Kinder von
Uruk, Larsa und Bad-tibira. Er stellte (die Bewohner
von Uruk) unter den Schutz von Inanna zu Uruk, (die Bewohner von Larsa) unter
den Schutz von Utu zu Larsa und (die Bewohner von Bad-tibira)
unter den Schutz von Lugalemuš zu Emuš.
Von Entemena, der dem Wort der Inanna untersteht;
sein Schutzgott ist Šuluitul.
Erläuterungen
Entemena verfügte einen Schuldenerlass. In armen
Familien wurden Kinder oder Frauen verkauft, um Schulden bezahlen zu können. (A.Falkenstein, Die neusumerischen Gerichtsurkunden, Bd. 1,
München 1956, 93; Bd. 3, München 1957, 91). Insofern gab er die Mutter den
Kindern wieder und die Kinder der Mutter. Dies war ihm finanziell möglich, weil
er einen Krieg siegreich beendet hatte und nun zu einer umfangreichen
Bautätigkeit überging, die Arbeitsplätze schaffte und den Tempeln, die auch
Wirtschaftszentren waren, große Einnahmen brachte.
Entemena war der erste Herrscher, der Schulden erließ. Nach ihm versuchte dies
auch Urukagina (um 2355), scheiterte aber, da der
Reichtum von Lagaš im Krieg gegen Lugalzaggesi
von Umma zerschmolz. (H.Steible, Die Altsumerischen
Bau- und Weihinschriften, Bd. 1, Wiesbaden 1982, 286).
Ein
Schuldenerlass wurde von babylonischen Königen in
ihrem ersten Regierungsjahr erwartet. Es gab aber auch Könige, die in ihrer
Regierungszeit mehrere Schuldenerlasse anordneten. (F.R.Kraus,
Königliche Verfügungen in altbabylonischer Zeit, Studia
et Documenta ad Iura Orientis Antiqui Pertinentia 11,
Leiden 1984, 16-110).
Der
Grund dafür waren nach J.Bottéro schwere ökonomische
Störungen, die es zu beheben galt. Die Mehrheit der Bevölkerung war
verschuldet. Dies behinderte das Wirtschaftsleben. Solche Schuldenerlasse waren
Akte der Verzweiflung, welche die zugrundeliegenden Ursachen nicht behoben. (J.Bottéro, Désordre économique et annulation des dettes en Mesopotamie ancienne, in: Journal of the Economic and Social History of the Orient 4 (1961), 113-164,
hier 152f.
R.Westbrook gibt als Grund für die Schuldenerlasse die Wiederherstellung sozialer
Stabilität an. Es ging darum, das weitere Anwachsen des Großgrundbesitzes zu
begrenzen. Vielleicht waren auch Missernten oder
Naturkatastrophen Anlass für wiederholte
Schuldenerlasse. (R.Westbrook, Social
Justice in the Ancient Near East, in: Social Justice in the Ancient World, hg.
v. K.D.Irani u. M.Silver,
Contributions in Political Science 354, Global Perspectives in History and Politics,Westport, Connecticut u. London 1995, 149-163, hier 159f.
Der
babylonische König Ammi-saduqa (mit einem Punkt unter
dem S) verfügte im Jahr 1583 vor Christus einen Schuldenerlass,
um soziale Unruhen zu vermeiden (F.R.Kraus, Ein Edikt
des Königs Ammi-saduqa von Babylon, Leiden 1958, 26).
Diese Maßnahme könnte das Vorbild für die biblische Verfügung gewesen sein.
Das Erlassjahr
Jedes
fünfzigste Jahr soll ein Erlassjahr sein, jeder soll
wieder an seinen Besitz und zu seiner Sippe kommen (Lev 25,10). Das soziale
Gleichgewicht würde durch eine solche Maßnahme wiederhergestellt. Allerdings
ist dies eine utopische Bestimmung: Wenn ein Schuldenerlass
regelmäßig stattfindet, öffnet dies der Spekulation Tür und Tor (Lev 25,17).
Es
gab Schuldsklaverei. War jemand verschuldet, verkaufte er sich selbst als
Sklaven. Nach sieben Jahren wurde angenommen, dass
die Schuld durch den Dienst im fremden Haushalt
abbezahlt war, daher kam der Sklave frei (Ex 21,2; Dtn
15,12.18).
Allerdings
wurde eine Freilassung von Sklaven mitunter auch zurückgenommen. Dies galt als
Grund für die Eroberung Jerusalems durch den babylonischen König (Jer 34,8-22).
Der Herr wacht über die soziale Gerechtigkeit. Wird sie schwerwiegend verletzt,
greift er ein.
Bibliographie
Quellen
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1956; Bd. 3, München 1957.
· Gadd, C.J., Hg., Ur Excavations, Texts 1:
Royal Inscriptions, Plates, London 1928.
· Kraus, F.R., Hg., Ein Edikt des Königs Ammi-saduqa
von Babylon, Leiden 1958.
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Freiburger altorientalische Studien 5, Wiesbaden 1982.
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u. Übersetzer, Die sumerischen und akkadischen Königsinschriften,
Vorderasiatische Bibliothek Bd. 1, Abteilung 1, Leipzig 1907.
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©
Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026