Inhalt

Einführung. 2

Diskussionsprotokoll: Atheismen. 2

Gedanken zur Gottlosigkeit im AT. 4

Kurzsichtig (Satire) 10

Zutaten – gewürzt 11

Welche Farbe darfʼs sein?. 11

Genügsamkeit 12

Die Herren. 12

Die eigene Meinung. 12

Der Kibbuz als Gemeinschaftsmodell 13

Arbeit 13

Leistungen. 14

Familie. 14

Studium.. 15

Soziale Dienste. 15

Verwaltung. 15

Parallelen. 15

Krise. 16

Literaturhinweise. 17

Ein Kompromiß kommt selten allein. 17

 

Fermente

 

Einführung

Die Hauszeitschrift des Steyler Missionspriesterseminars St. Augustin nannte sich zunächst Tarantel. Dieser Bezeichnung getreu, hatten einige ihrer Beiträge einen aggressiven Ton.

Beispielsweise hatte Anton Quack über den tonus rectus (das Sprechen auf gleichbleibender Tonhöhe) des Exegeten geschrieben:

„Schmeckt Sekt denn aus Nachtgeschirr?
Klirr!“

Doch dann erfolgte die Umbenennung dieser Hauszeitschrift in Fermente. Ein Leserbrief in diesem Blatt stufte es als billige Fermente ein.

 

Hier folgen nun einige Artikel diversen Inhaltes, die ich 1970-1972 in dieser Zeitschrift veröffentlichte.

 

Diskussionsprotokoll: Atheismen

Diskussion am 7. März 1970 im Anschluß an das Referat Christian Modehns: „Wie kann die Theologie der Gegenwart die Atheismen verstehen?“

Können Theologen noch angemessen Theologie betreiben, angesichts der Atheismen?

Es geht darum, die Atheismen zu verstehen. Die Frage ist zu beantworten, ob eine gemeinsame Grundstruktur feststellbar ist. Ist eine Philosophie der Atheismen möglich?

Den Atheismen gemeinsam ist die Anthropozentrik (Der Mensch steht im Mittelpunkt). Es handelt sich um einen engagierten Humanismus.

Im Mittelalter geschah die allmähliche Wende vom kosmozentrischen zum anthropozentrischen Weltbild. Gott wurde als Neutrum gesehen, als ein Wesen, das, ohne Beziehung zum Menschen, in sich selbst ruht.

Das Weltbild des Mittelalters wurde durch die Entwicklung der Naturwissenschaften aufgebrochen. Damit einher ging die Genese der Atheismen.

Ein weiteres Motiv der Atheismen ist, daß Gott als Unterdrücker der Menschen gesehen wurde.

Ein theologisches Argument gegen diese Sichtweise ist: Gott ist nicht die Wirklichkeit, welche dem Menschen etwas streitig macht. Vielmehr hat der freie Mensch seinen Grund in ihm.

Jemand machte darauf aufmerksam, daß neben dem Christentum und den Atheismen eine dritte Gruppe existiert. Dies sind die Verfechter der Ideen von Herbert Marcuse (1898-1979) und dieser Philosoph selbst. Hier wird Kritik an der Konsumgesellschaft geübt, die als eindimensionale Gesellschaft bezeichnet wird. Ihr Positivismus besagt: Die praktische Bedeutung der Ideologien ist Kriterium für ihre Glaubwürdigkeit.

Es gibt nicht nur Antitheisten, sondern auch Menschen, die an Gott nicht interessiert sind. Ein kämpferischer Atheist unterscheidet sich von einem gleichgültigen Atheisten.

H. M. Knechten, Diskussionsprotokoll, Erstveröffentlichung in: Fermente 5 (1970), Nr. 3, 143

Gedanken zur Gottlosigkeit im AT

1.   Sieben Grundformen des „Atheismus“ in der Antike (1)

1.1        Praktische Gottlosigkeit (Jes 22, 13: „Lasset uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!“).

1.2        Die Selbstherrlichkeit des Staates führt oft zu einer Säkularisierung der Religion (Ez 28, 2: „Ich bin ein Gott, ich sitze auf einem Götterthron mitten im Meer“, während du doch ein Mensch und nicht Gott bist).

1.3        Mysterienkulte im Hellenismus (Gal 3, 4: Angst vor den Elementen des Kosmos – στοιχεῖα τοῦ κόσμου).

1.4        Der Atheismus als Religion (Sokrates).

1.5        Religiöser Zweifel, hervorgerufen durch den Widerspruch zwischen Gottesglauben und den Schicksalsschlägen (Kohelet: Das Leiden des frommen Menschen). Der Tun-Ergehen-Zusammenhang besagte dagegen, daß es dem Frommen gut geht (Ps 84, 12: „Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; der HERR gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen“).

1.6        Das Gefühl der völligen Abhängigkeit von Gott kann im Alten Testament zu ohnmächtiger Abwehr und Auflehnung gegen den übermächtigen Gott führen. (2) Der Mensch zweifelt an der Vorsehung. Er kann im Weltgeschehen nur noch Willkür und Grausamkeit sehen. Erst die Begegnung mit Gott und das Dennoch des Glaubens retten ihn (Hiob).

1.7        Der jüdische Monotheismus lehnt den Polytheismus seiner Umwelt ab und zugleich die Verehrung von Statuen sowie den Opferkult. Das Judentum entgöttert die Welt, um nur den einen, wahren Gott zu verehren. Daher galt es in den Augen der Römer als Atheismus. Römischer Glaube steht hier gegen jüdischen Glauben.

2.   Gottlosigkeit im Alten Testament
Im Alten Testament ist der Gott leugnende Atheismus unbekannt. Vielmehr wird gesagt, Gott wirke nicht. Seine Existenz wird nicht geleugnet, wohl aber, daß er etwas für den Menschen tue. Menschen handeln, als gäbe es keinen Gott, der die Sünden bestraft (Ps 14, 1: Die Toren sprechen in ihrem Herzen: „Es ist kein Gott“). Der Gottlose wird bezeichnet als der Gewalttätige, als jemand, der Abwege geht, als Spötter, Frevler oder Tor (Spr 3, 31-35). Dies sind Menschen, welche sich ohne jede Achtung vor Gott und sittlichen Werten rücksichtslos durch Betrug und Gewalt bereichern. (3) Für den Gottlosen existieren die sittlichen Forderungen des Herrn nicht.

3.   Den Herrn nicht kennen
Bei der alttestamentlichen Gotteserkenntnis geht es nicht um eine theoretische Erkenntnis, sondern vielmehr darum, den Willen des Herrn zu erkennen und dementsprechend zu handeln. Dies ist sittlich-religiöse Gotteserkenntnis.
Den Herrn erkennen bedeutet, ihn als den in der Geschichte sich manifestierenden starken Gott Israels anzuerkennen. Es geht auch darum, sein Handeln in der Geschichte zu verstehen. Den Herrn kann man aber erst dann kennen, nachdem er sich (seinen Namen) geoffenbart hat. Ex 6, 2f: Der Herr erklärt sich als identisch mit dem Gott der Väter. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist der el šaddaj (שדי) gedeutet als Gott des Gebirges. Der Herr ist also der durch die Tradition bekannte Gott. Er überwindet das Nichterkennen der Israeliten durch seine Offenbarung. (4) Das Volk entscheidet sich für den Herrn, weil er es aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit geführt hat (Jos 24, 17). Der Herr ist der einzige Gott des Volkes Israel, das mit ihm in ehelicher Treue verbunden ist. So kann es mit den Göttern der anderen Völker nur „huren“ (Ez 16, 15: Weil du so gerühmt wurdest, triebst du Hurerei und botest dich jedem an, der vorüberging, und warst ihm zu Willen“).

4.   Abfall zu den Göttern Kanaans
Der Bund mit dem Herrn ist an bestimmte Bedingungen geknüpft und daher auslösbar. Er verbürgt keine selbstverständliche Beziehung zu Gott. Wenn das Volk sich (wieder) einmal vom Herrn abgewandt hat, sendet der Herr Vermittler, die zwischen ihm und dem Volk vermitteln sollen. Wenn sich das Volk vom Götzendienst abgekehrt und den Bund erneuert hat, wird der Herr es aus der Hand seiner Gegner retten (1 Sam 7, 3).

5.   Die Krise des Glaubens
In der Zeit der Propheten bildet sich allmählich das Verhältnis des Individuums zum Herrn heraus. Jeder steht in seinem Leben unmittelbar zum Herrn. Der überlieferte Glaube wird in Frage gestellt (Ez 18, 25: Und doch sagt ihr: „Der Herr handelt nicht recht.“ So höret nun, ihr vom Hause Israel: Handle ich denn unrecht? Ist es nicht vielmehr so, daß ihr unrecht handelt?). Es herrscht das Empfinden, daß sich etwas geändert hat. Die überkommene Religiosität trägt nicht mehr. Es kommen Zweifel auf, ob der Herr bereit ist, in die Geschichte oder in das Leben einzelner einzugreifen. (5) Die Frage wird gestellt, warum es dem Gottlosen so gut geht (Ps 73, 3). Hiob resigniert (Hiob 29). Bei Kohelet findet sich ein geschichtsloses, säkulares Kreislaufdenken. Kohelet sucht Gott in einer Welt, die von seinem Walten in der Geschichte nichts weiß. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird zur Frage nach dem Heil. Kohelet begnügt sich mit dem Möglichen (Koh 5, 17: „Nun habe ich eingesehen, daß es gut und schön ist, wenn man ißt und trinkt und guten Mutes ist bei all der Mühe unter der Sonne in der kurzen Zeit seines Lebens, die ihm Gott gibt; denn das ist sein Teil“). Er stellt sich der Begrenztheit des Menschen.

6.   Der Prophet und der Gottlose
Der Herr sendet den Propheten zum Gottlosen, um ihn zu warnen und zu retten. Versäumt es der Prophet, den Gottlosen (רשע rāšāʽ) zu warnen, so muß dieser sterben; doch der Prophet muß sich dafür vor dem Herrn verantworten. (6) Erst jetzt sind persönlich verstandene Umkehr und persönlicher Abfall vom Herrn möglich (Ez 18, 21: „Wenn sich aber der Gottlose von all seinen Sünden bekehrt, die er getan hat, wenn er all meine Gesetze hält und Recht sowie Gerechtigkeit übt, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben“).

7.   חנף ḥānēf
Dieses hebräische Wort bedeutet: Gott entfremdet, gottlos, das Substantiv ḥonæf – Gottlosigkeit.
Zu diesem Wortfeld gehören im semitischen Umfeld: Gottvergessenheit (Hiob 8, 13), Ruchlosigkeit (Jer 3, 1), Niedertracht (Hiob 27, 8), Gemeinheit (Jes 32, 6f), , Pietätlosigkeit, Heuchelei (Hiob 34, 30), Entstellung, Verstellung (Dan 11, 32), Falschheit (Jer 23, 11), Treubruch (Spr 11, 9), Missetat (Jes 9, 16), Heidentum, Götzenverehrung, Entweihung, Abseitigkeit, Abtrünnigkeit, Perversion, Verunreinigung (Ps 35, 16), Frevel, Verkrümmung, Befleckung, Beschmutzung (Jes 24, 5). Die sakrale Verbundenheit mit der Gottheit wird von dem ḥānēf beseitigt. Der ḥānēf verhält sich gemeinschaftswidrig, er ist nicht verläßlich und unehrlich. Er verletzt sakrale Ordnungen. Der ḥānēf kommt nicht vor Gott; er steht außerhalb des heiligen Bezirks (Hiob 13, 16). Damit verliert er auch seine menschliche Identität. (7)

 

(1)        Vgl. Ethelbert Stauffer (1902-1979), ἄϑεος, in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament 3 (1950), 121f.

(2)        Vgl. Stauffer, ἄϑεος, 121.

(3)        Vgl. Berend Gemser (1890-1962), Sprüche Salomos, Tübingen 21963, 31.

(4)        Vgl. Wilhelm Reiß, „Gott nicht kennen“ im Alten Testament, in: Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 58 (1940/1941), 70-98, hier 75.

(5)        Vgl. Gerhard Paul von Rad (1901-1971), Theologie des Alten Testamentes, Band 1, Gütersloh und München 1957, 467.

(6)        Vgl. Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testamentes, Band 2, Gütersloh und München 1960, 240.

(7)        Vgl. Klaus Dieter Seybold (1936-2011), ḥānēf, in: Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament 3 (1982), 41-48.

Siehe außerdem:

·     Botterweck, Gerhard Johannes (1917-1981), „Gott erkennen“ im Sprachgebrauch des Alten Testamentes, Bonner biblische Beiträge, Band 2, Bonn 1951.

·     Walther Eichrodt (1890-1978), Theologie des Alten Testamentes, Leipzig 1939, 246-250 (Bundesbruch und Gericht).

·     Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testamentes, Band 1, Gütersloh und München 1957, 395 (Anfechtungen Israels); 467 (Die Skepsis); Band 2, Gütersloh und München 1960, 239 (Hesekiels Wächteramt).

·     Claus Schedl (1914-1986), Geschichte des Alten Testamentes, Band 3: Das goldene Zeitalter Davids, Innsbruck 1959, 31-34 (Wider die Götter Kanaans).

 

H. M. Knechten, Gedanken zur Gottlosigkeit im Alten Testament, Erstveröffentlichung in: Fermente 5 (1970), Nr. 3, 153f.

 

Kurzsichtig (Satire)

80 % der gebildeten Welt sieht zu kurz. Dies ist eine alarmierende Tatsache. Die aufgeschreckte Schar der Weitsichtigen sieht sich einer erdrückenden Übermacht von Kurzsichtigen gegenüber. Die Minderheit der Nicht-Bebrillten wird langsam ihrer täglichen Frustration überdrüssig. Mancher versuchte, sein Defizit aufzuholen, indem er Nacht für Nacht zubrachte, bei kümmerlicher Tranfunzel lesend. O Zeiten, o Sichten!

 

Die Lager stehen sich weiterhin feindlich und unvermittelt gegenüber. Auch Zweistärkenbrillen scheinen zu versagen. Noch ist kein Ende der Entwicklung abzusehen.

 

Kurz hin, weit her: In einigen Jahren wird die gebildete Welt schwachäugig sich dreinzuschauen bemühen. Der einzige Vorteil liegt darin, vom Wehrdienst befreit zu werden, – aber erst nach einigen tragischen Todesfällen, hervorgerufen durch Fehlschüsse. (Desungeachtet soll es ja halbblinde Subjekte geben, die überraschenderweise Schützenkönig wurden).

 

Die weitverbreitete kurze Sicht eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Vorschläge gehen bereits dahin, sämtliche optische Begleitinstrumente einer Vernichtung zu unterwerfen, um den status quo ante myopsiam wieder einzuführen. Diese Maßnahme zöge sofort Kreise: alle beweglichen Gegenstände müßten befestigt und scharfe Kanten gepolstert werden. Türen werden einer Abschaffung unterzogen werden, da die an ihre Stelle getreten Säcke weicher sind. Nach zahlreichen Todesstürzen von Treppen sind mehr als einstöckige Gebäude verboten, noch bestehende werden geräumt. Gabeln, Messer und sonstige gefährlichen Dinge werden eingeschmolzen. Die nun überflüssigen Bücher wandern in den Reißwolf. Die gebildete Welt sinkt allmählich wieder auf eine kulturelle Stufe herab, die sie schon vergessen glaubte.

Et homines facti sunt.

 

H. M. Knechten, Kurzsichtig, Erstveröffentlichung in: Fermente 6 (1971), Nr. 1, 22. (23. Februar 1971).

 

Zutaten – gewürzt

Welche Farbe darfʼs sein?

Ein Chamäleon, das sich gerade auf Schwarz eingestellt hatte, mußte entdecken, daß es seine Gabe, die Farbe zu wechseln, verloren hatte. „Aber warum weinst du denn?“, wurde es gefragt. Das Chamäleon schluchzte: Weil ich schwarz sein muß, auch wenn die Roten ans Ruder kommen!“

 

Das Eichhörnchen wurde vor einen Ausschuß befohlen und sollte Rechenschaft über die Farbe seines Felles ablegen. „Aber du bist doch genauso gefärbt“, sagte das Eichhörnchen zum Fuchs, der am Vorstandstisch saß. „Der Augenschein trügt“, sagte der Fuchs, „ich habe mich längst von meinem Fell distanziert!“

Genügsamkeit

Auf ein Meerschweinchen, das Zeit seines Lebens in eine finstere Kammer eingesperrt war, fiel ein Lichtschein aus der Taschenlampe eines Einbrechers. „Die Himmelsgloriole!“, rief das Meersachweinchen verzückt.

Wolfdietrich Schnurre (1920-1989), Illustrationen von Marina Schnurre, geborene Kamin, Die Sache mit den Meerschweinchen, Recklinghausen 1970.

Die Herren

Der Löwe trat morgens vor seine Höhle und brüllte. „Nicht so laut, Sire“, rief ein Affe. „Sie sollten früher aufstehen!“, bemerkte ein Esel, der in der Nähe war, „und nicht so drastisch riechen!“ – „Wie“, schnappte der Löwe nach Luft, „bin ich denn nicht mehr der König der Tiere?“ – „Schon“, antwortete der Affe, „aber als konstitutioneller Monarch in einer parlamentarischen Demokratie!“

 

„Warum seid ihr gegen die Katzen?“, fragte eine Maus. „Dumme Frage! Weil sie uns fressen“, entgegnete eine andere Maus. – „Das ist primitiv“, sagte die erste Maus, „sucht sie zu verstehen!“

Die eigene Meinung

An dem Weinstock, dessen Trauben er einst als zu sauer erklärt hatte, kam der Fuchs, alt geworden, wieder vorbei. Nun hingen ihm die Beeren fast ins Maul. „Welch kümmerliche Art, mein Urteil beeinflussen zu wollen!“, sagte der Fuchs und ging vorüber.

Helmut Arntzen, Kurzer Prozeß. Aphorismen und Fabeln, München 1966.

 

H. M. Knechten, Zutaten – gewürzt, Erstveröffentlichung in: Fermente 7 (1972), 48.

Der Kibbuz als Gemeinschaftsmodell

Als ich im Sommer 1971 für einige Wochen in einem Kibbuz lebte, fiel mir die bemerkenswerte Ähnlichkeit dieser Gemeinschaft mit unserer auf. In einigen Aspekten möchte ich nun zunächst über den Kibbuz berichten.

Arbeit

Jeder kann sich einem Kibbuz anschließen. Der Neuankömmling versucht sein Glück in verschiedenen Wirtschaftszweigen, bis er eine Arbeit findet, die ihn wirklich interessiert und mit der er der Gemeinschaft dienen kann. Ein Kibbuz bietet vor allem Betätigungsmöglichkeit im landwirtschaftlichen Bereich. Außerdem gibt es ein reich gefächertes Angebot, das von der Autowerkstatt über regelrechte Fabrikarbeit (Produktion von Elektrogeräten beispielsweise) bis zur pädagogischen Arbeit reicht. Es wird acht Stunden an sechs Tagen in der Woche gearbeitet. Künstler, die in einem Kibbuz leben, erhalten genügend Zeit für ihr Schaffen. Nach einer einjährigen Probezeit stimmen alle Kibbuzmitglieder ab, ob der Neuling weiterhin bei ihnen leben und arbeiten darf. Falls es jemandem im Kibbuz nicht mehr gefällt, kann er ihn jederzeit verlassen.

Leistungen

Von jedem Kibbuznik wird erwartet, daß er innerhalb seines Aufgabengebietes sein Mögliches leistet. Für seine Arbeit erhält er keine Bezahlung. Es gibt Kibbuzmitglieder, die seit dreißig Jahren kein Geld mehr in der Hand hatten.

Die Mahlzeiten werden in einem großen Speisesaal gemeinsam eingenommen. Die Wäsche wird zentral gewaschen. Jeder Familie steht eine möblierte Zweizimmerwohnung mit Kochnische, Dusche und Veranda zur Verfügung.

Bekleidung, Genußmittel, Zeitungen und Dinge des alltäglichen Bedarfs sind in einem sehr reichhaltigen Laden kostenlos erhältlich.

Wöchentlich werden ein bis zwei Filme vorgeführt, daneben gibt es die Möglichkeit, Fernsehen zu schauen. Fast jeder Kibbuz besitzt ein Schwimmbad.

Der Kibbuz wendet monatlich für jede Familie etwa achthundert Pfund auf, das entspricht 700 DM.

Familie

Jede Familie erhält eine eigene Wohnung ohne Kinderzimmer. Die Kinder werden in einem Kinderhaus (bejt jeladim) gemeinsam aufgezogen, erzogen und beschult.

In den ersten sechs Wochen nach der Geburt hat die Mutter ihr Kind ganz für sich. Erst danach verrichtet sie wieder leichte Halbtagsarbeit. Sie ist mit ihrem Kind während dessen erstem Lebensjahr stets außerhalb ihrer Arbeitszeit zusammen. Ab dem ersten Lebensjahr hat die Mutter täglich sechs Stunden Zeit für ihr Kind.

Studium

Wer studieren möchte, hat drei Jahre nach dem Abitur Arbeit im Kibbuz zu verrichten. Danach kann er sein Studium an der Universität beginnen. Es ist allerdings nicht leicht, einen Studienplatz zu erhalten. Der Kibbuz bezahlt die Ausbildung.

Soziale Dienste

Wird ein Mitglied krank, übernimmt der Kibbuz seine Pflege. Jeder Kibbuz besitzt eine medizinische Station, an welcher eine ausgebildete Krankenschwester tätig ist.

Bei Invalidität sorgt der Kibbuz für eine Umschulung. Falls das nicht möglich ist, wird der betreffende Kibbuznik gepflegt und versorgt.

Jedes Mitglied erhält jährlich zwei Wochen Urlaub und alle zwei Jahre einen längeren Erholungsurlaub.

Der Kibbuz übernimmt ebenfalls die Altersversorgung.

Verwaltung

Jeder Kibbuz wählt einmal jährlich seine Leitung. Dazu gehören die ausführende Verwaltung mit dem Ersten Sekretär, dem Betriebskoordinator, dem Leiter der Arbeitskommission, dem Beauftragten für die Einkäufe und dem Schatzmeister, sodann der Rat mit 15 bis 21 Mitgliedern und die Generalversammlung.

Parallelen

Bisher habe ich nur trockenes Tatsachenmaterial dargelegt. Dennoch wurden Parallelen zu unserer Gemeinschaft sichtbar. Besonders auffallend ist der hohe Stellenwert, den die Gemeinschaft im Kibbuz einnimmt.

Ich arbeitete im Kibbuz Kfar Masaryk in der Nähe der Stadt Haifa. Als dort bei der Apfelernte weitere Mitarbeiter gebraucht wurden, machten viele Kibbuzniks freiwillig eine Woche lang Überstunden.

In der Gemeinschaft gibt es keine hierarchische Ordnung. Die Leitung wechselt ständig. Als der Direktor der Fernsehfabrik in Kfar Masaryk alt geworden war, trat er zurück. Seither arbeitet er in der Küche.

Ein Erster Sekretär, der lange immer wiedergewählt worden war, arbeitet seit der Beendigung seiner Amtszeit ebenfalls in der Küche.

Der Kibbuz hat sich als sozialistisch und atheistisch erklärt. Dennoch dienen die Kibbuzniks mit fast religiösem Ernst der Gemeinschaft.

Die Lebensweise ist einfach, aber nicht bedürftig.

Natürlich gibt es im Kibbuz die bekannten Gemeinschafts- und Kollektivprobleme. Aber eines gibt es nicht: Parasiten. Tagediebe werden schnell gefeuert.

Krise

Auch der Kibbuz ist in einer Krise. Immer mehr junge Menschen entscheiden sich nach dem dreijährigen Militärdienst gegen den Kibbuz.

Manche meinen, der Kibbuz habe seine historische Aufgabe erfüllt. Er wurde gegründet, um im jungen Staat Israel Pionierarbeit zu leisten.

Im Jahr 1971 gab es in Israel 240 Kibbuzim. Sie hatten insgesamt 84.000 Mitglieder, das waren 5 % der Gesamtbevölkerung Israels.

Im Jahre 2014 gab es 272 Kibbuzim in Israel; die Mitglieder machten 1,8 % der Gesamtbevölkerung aus.

Literaturhinweise

·     Ludwig Liegle, Familie und Kollektiv im Kibbuz, Weinheim 1971.

·     Yael Neeman, Wir waren die Zukunft. Leben im Kibbuz, Übersetzung von Lucia Engelbecht, Berlin 2025.

·     Schlomo Tamir, Das Leben im Kibbuz, Haifa 21971.

 

H. M. Knechten, Der Kibbuz als Gemeinschaftsmodell, Erstveröffentlichung in: Fermente 7 (1972), Nr. 2, 81-83.

Ein Kompromiß kommt selten allein

Vor langer Zeit veranstalteten die Eulen eine Vollversammlung. Diese war dringend geworden, da einige der jungen Eulen über ihre Art nachgedacht und herausgefunden hatten, es fehle ihnen ein besonderes Kennzeichen, das sie von allen anderen Tierarten unterscheide. Auf dieser Versammlung aller Eulen wollte man sich über jenen Notstand unterhalten und versuchen, ihm abzuhelfen. Man hatte eine Anzahl Redner bestellt, die das Problem in Kürze aufreißen und klären sollten.

Der große Tag kam und war angefüllt mit Referaten, Diskussionen und Meinungsmache. Am Abend hatte man sich bei weitem noch nicht geeinigt und das Problem spukte in allen Köpfen. Vielen war es jetzt recht schwierig geworden, sich im Dickicht der verschiedenen Ansichten zurechtzufinden. Dennoch wollte man nicht zugeben, daß der Tag so ganz ohne Ergebnis ausklingen sollte.

So wurde ein Redner herbeigerufen; er war ein erfolgreicher Diplomat. Von seinen Ausführungen erhoffte man sich endgültige Klärung. Die Zeit drängte nämlich, da viele Eulen am nächsten Tag wieder arbeiten mußten. Unser Diplomat bestieg die Rednertribüne, lächelte gewinnend und begann:

„Liebe Eulen und Eulinnen! Ich möchte gleich von vornherein zugeben, daß ich voreingenommen bin; denn mein Leben wurde vor allem von einem geprägt, nämlich vom Kompromiß. Seit langem neige ich rückhaltlos dazu, Kompromisse zu schließen. Ich bin mir bewußt: Dies ist eine schwache Seite in meinem ansonsten gefestigten Charakter, gewissermaßen ein labiler Punkt. Doch die gewaltigen Möglichkeiten, welche der Kompromiß bietet, wiegen alle etwaigen moralischen Bedenken auf.

Ich kann mich noch an die beglückende Erregung jener Stunde erinnern, als ich meinen ersten Kompromiß schloß. Ich war damals noch jung und nahm an einer wichtigen diplomatischen Konferenz teil. (Im übrigen sind alle Konferenzen wichtig!) Ich vertrat eine Ansicht, welche die anderen Konferenzteilnehmer nicht teilten. Ich verfocht diese Meinung und kämpfte für sie, da ich überzeugt war, so und nur so sei es richtig und mit meinem Gewissen vereinbar. Ich fand dennoch keine Zustimmung.

Da kam mir eine Idee: Warum nicht nachgeben? Dies war für mich ein entscheidender Durchbruch. Von diesem Augenblick an, der einen überaus wichtigen Wendepunkt in meinem Leben darstellte, wurde alles sehr leicht für mich. Ich hatte von nun an keine Gegner mehr. Seither kann ich ruhig leben, da es für mich keine Schwierigkeiten mehr gibt. Ich wurde, was ich jetzt bin, erfolgreich.

Und ich meine, liebe Artgenossen und Artgenossinnen, wir alle könnten leichter leben, wenn wir zum Kompromiß bereit sind. Ich rufe euch auf, versucht auch ihr einmal diese glänzende Möglichkeit! Ihr werdet gut damit fahren.

Dies könnte unser besonderes Kennzeichen sein, das uns von allen anderen Arten unterscheidet. Es lebe der Kompromiß!“

Der Redner hatte geendet. Tosender Beifall brandete empor. Die Eulen waren nunmehr überzeugt, der Kompromiß verschönere ihr Leben, der Kompromiß verschaffe ihnen Ansehen in der gesamten Tierwelt.

Seither lebten sie ruhig, glücklich und zufrieden.

Dies ist der Grund, warum die Eule weise genannt wird.

H. M. Knechten, Ein Kompromiß kommt selten allein, Erstveröffentlichung in: Fermente 7 (1972), Nr. 3, 119f.

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026

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