Arbeiterpriester

Inhalt

Von der Hände Arbeit leben. 2

Charles de Foucauld. 4

Henri Godin. 7

In Frankreich. 7

In Deutschland. 8

Ein Brief und die Antwort 10

Das Leben der Arbeiter teilen. 16

Versteinerung. 20

Befreiungstheologien. 22

Vorbemerkungen. 22

Lateinamerikanische Befreiungstheologien. 23

Europäische Befreiungstheologien. 25

Folgerungen und Fragen. 27

Leben als Arbeiterpriester 28

Warum ich Arbeiterpriester bin. 28

Welche Erfahrungen ich mache. 29

Perspektiven. 30

Catholic Worker 32

Ungeliebte Kinder der Kirche. 35

Wie lange gibt es schon Arbeiterpriester?. 35

Wo gibt es heute Arbeiterpriester?. 38

Wo treffen sich Arbeiterpriester?. 40

Die weitere Entwicklung. 40

Der einzige Arbeiterpriester 41

Schadstoffe. 43

Bibliographie. 51

 

 

Von der Hände Arbeit leben

Es erscheint heute und in Deutschland ungewöhnlich, daß ein Priester von der Arbeit seiner Hände lebt, also körperliche oder handwerkliche Arbeit verrichtet, um sich so seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Im Mittelalter erhielt der Priester ein Stück Land, das er zu bewirtschaften hatte. Er betrieb Ackerbau und Viehzucht, um von deren Ertrag leben zu können.

 

Mischna, IV: Neziqīn, Avōt IV, 5, übersetzt und erklärt von David Hoffmann, Basel 1986, 346.

 

„Du sollst sie (die Tora) nicht zu einer Grabschaufel machen!“, wird in der Mischna von Rabbi Zadoq überliefert (Pirqē Avōt 4, 5). Der Rabbi soll also nicht mit der Tora, der Heiligen Lehre, Geld verdienen, sie wie einen Spaten gebrauchen, um damit zu graben, er soll mit seiner Unterweisung nicht den Lebensunterhalt verdienen. Aus diesem Grunde hatte jeder Rabbi einen Beruf. Der Apostel Paulus war Zeltmacher (Apostelgeschichte 18, 3) und verdiente mit dieser beruflichen Tätigkeit seinen Lebensunterhalt.

Auf meinen Reisen durch Rußland wurde es als selbstverständlich angesehen, daß ich als Priester berufstätig war, da in Rußland jeder Priester seinen Lebensunterhalt selber verdienen muß.

Charles de Foucauld

Charles Eugène Vicomte de Foucauld de Pontbriand wurde am 15. September 1858 in Straßburg in einer der reichsten Familien Frankreichs geboren. Das Jesuitengymnasium in Paris mußte er wegen Faulheit und asozialem Benehmen verlassen. An der Militärakademie erhielt er 45 Strafen wegen Ungehorsams, Faulheit und Nachlässigkeit. 1881 wurde er in Algerien wegen anstößigen Benehmens und Ungehorsam unehrenhaft aus der Armee entlassen. Sein Vermögen von 640.000 Goldfranken vergeudete er mit Prostituierten sowie bei Eß- und Trinkgelagen. Seine Geliebte Mimi hatte er sogar in die Kaserne eingeschleust, weswegen er entlassen worden war. Mit ihr reiste er drei Jahre durch Algerien, hörte dann aber von einem Aufstand und verließ Mimi. Er wurde schließlich wieder in den Militärdienst aufgenommen und erwarb sich in Algerien Achtung wegen seiner Tapferkeit.

Zusammen mit einem Rabbiner bereiste er 1883/1884 das Land Marokko, das damals für Christen verschlossen war. Beide gaben sich als jüdische Gesandte aus Palästina aus. Nach elf Monaten reiste Charles nach Paris und veröffentlichte dort zusammen mit dem Saharareisenden Henri Duveyrier (1840-1892) das Werk: Forschungsreise durch Marokko. Er war der erste, der den Atlas vermessen hatte, lediglich ausgestattet mit Sextant und Kompaß. Von der Französischen Geographischen Gesellschaft erhielt er die Goldmedaille. Seine Familie hatte ihn entmündigen lassen und machte 1889 diesen Gerichtsbeschluß rückgängig.

·     Charles de Foucauld, Reconnaissance au Maroc 1883-1884, 2 Bände, Paris 1888.

Charles besuchte häufig Kirchen in Paris und betete dort: „Mein Gott, wenn es dich gibt, laß mich dich erkennen!“

Er hatte schon als Jugendlicher seinen Glauben verloren, war aber tief beeindruckt von der Frömmigkeit der Moslems. 1886 fand er seinen Glauben wieder. Der Priester Henri Huvelin (1830-1910) half ihm, seine Berufung zu erkennen und zu verwirklichen.

Am 16. Januar 1890 trat Charles in den Orden der Trappisten ein und ließ sich bereits im Juni 1890 in ein syrisches und 1896 in ein algerisches Trappistenkloster versetzen. Auch dort war ihm das Leben nicht arm und hart genug, sodaß er 1897 zu Klarissen in Nazareth und später Jerusalem ging, um dort als Knecht ein eremitisches Leben zu führen. Die Schwestern legten ihm nahe, sich zum Priester weihen zu lassen. Am 9. Juni 1901 wurde er in Frankreich zum Priester geweiht.

In Béni Abbès in der algerischen Provinz Bechar errichtete er eine Einsiedelei. Am 13. Juni 1914 übersiedelte er nach Tamanrasset, um unter den Tuareg zu wirken und zwischen ihnen und den französischen Soldaten zu vermitteln. Einige Zeit später erbaute er auf dem Plateau Assekrem, einem Gipfel des Ahaggargebirges, in 2.700 Meter Höhe eine weitere Einsiedelei.

Er lernte Tamahaq, erstellte ein 2000 Seiten umfassendes Wörterbuch dieser Sprache und gab auf 800 Seiten Gedichte und Fabeln dieses Volkes heraus.

·     Charles de Foucauld, Chants touaregs, herausgegeben von Dominique Casajus, Paris 1997.

·     Charles de Foucauld, Textes touaregs en prose, Neuausgabe der Veröffentlichung von 1922 durch H. Claudot Chaker und M. Gast, Aix-en-Provence 1984.

·     Charles de Foucauld, Dictionnaire touareg-français, herausgegeben von René Basset, 4 Bände, Paris 1951f.

Charles wollte eine neuartige Ordensfamilie gründen, deren Mitglieder in kleinen Gruppen mitten unter den Menschen leben sollten. Seine Eingaben bei seinem Bischof und im Vatikan wurden jedoch nie beantwortet.

1909 gründete er die Sodalität, eine Gebetsgemeinschaft. Ich gehöre ihr seit 1983 an.

Am 1. Dezember 1916 wurde Charles in Tamanrasset von einem aufständischen Senussi erschossen. Er sollte eigentlich nur verschleppt werden, damit er den französischen Soldaten keine Hinweise geben könne.

Am 8. September 1933 gründete René Voillaume (1905-2003) in Paris die Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu, die das Ordensideal Foucaulds verwirklichen sollten. 1939 gründete Magdeleine Hutin (1898-1989) die Gemeinschaft der Kleinen Schwestern Jesu.

Die Kleinen Schwestern und Brüder Jesu leben mit Arbeiterinnen und Arbeitern zusammen, mit fahrenden Leuten, Flüchtlingen und mit Menschen in Elendsvierteln.

Sie versuchen, das Evangelium schweigend durch ihr Leben zu verkünden.

Henri Godin

Henri Godin (1906-1944) wurde am 15. Mai 1933 in Paris zum Priester geweiht. Am 13. September 1943 ließ er ein Buch mit dem Titel erscheinen: Ist Frankreich ein Missionsland?

·     Henri Godin und Yvan Daniel (1909-1986), « La France, pays de mission ? », Paris 1943; 1950; 1962.

Die Autoren beschreiben, daß die arbeitende Bevölkerung in Frankreich weitgehend entchristlicht ist.

Godin gründete die Mission von Paris. Er war einer der ersten Arbeiterpriester in Frankreich.

Er erstickte an den Rauchgasen seiner Wollmatratze, die durch die elektrische Heizung in Brand gesetzt worden war. Er starb im Alter von 37 Jahren.

In Frankreich

1941 gründeten die Dominikaner Jacques Loew (1908-1999) und Louis Lebret das Studienzentrum Wirtschaft und Humanismus. Loew zog im gleichen Jahr ins Hafenviertel von Marseille und wurde Hafenarbeiter. Seine Eindrücke beschrieb er im Buch: Bericht aus den Docks.

·     Jacques Loew, Les dockers de Marseille. Analyse type dʼun complexe, Vorwort von Gustave Thibon, LʼArbresle (Département Rhône, Region Auvergne-Rhône-Alpes) 1945.
Bericht aus den Docks. Ein erster Erfahrungsbericht, vom ersten Hafen-Arbeiterpriester, Übersetzung von Heinz Löhrer, Olten 1960.

1949 gab es in Frankreich hundert Arbeiterpriester. Die Bischöfe standen ihnen zunächst wohlwollend gegenüber. Da aber die Existenz der Arbeiterpriester das traditionelle Priesterbild in Frage stellte, schlug die Stimmung um. Die Arbeiterpriester hatten sich auf die Seite der Arbeiter gestellt und damit auch deren politische Einstellung übernommen, die konträr zu der der Kirchenleitung war. 1959 erfolgte das Verbot des Arbeiterpriestertums, das durch das Zweite Vatikanische Konzil zwar aufgehoben wurde, allerdings nur unter der Bedingung, daß die zuständige Autorität ihre Einwilligung gab. 1979 gab es 700 französische Arbeiterpriester.

In Deutschland

1953 erschien der Roman: „Die Heiligen gehen in die Hölle“ in deutscher Sprache.

·     Gilbert Cesbron (1913-1979), Les saints vont en enfer, Paris 1952.
Die Heiligen gehen in die Hölle. Priester werden Arbeiter, Übersetzung von Ludwig Zimmerer, Frankfurt am Main und Zürich 1953.

1969 eröffneten Dominikaner ein Kloster in einer Bergarbeitersiedlung in Bottrop. Der Dominikaner Markus Steindl (1933-1992) arbeitete in Teilzeit unter Tage.

Clemens Alzer (1938-2023) wurde 1966 zum Priester geweiht und arbeitete ab 1969 in einem Walzwerk in Andernach. Er lebte in einem Bauwagen am Bahndamm mit Sinti zusammen und verschaffte ihnen menschenwürdige Wohnungen.

Die beiden Nationalkapläne der Christlichen Arbeiterjugend Richard Mayer (1934-2016) und Arnold Willibald ( 2024 im Alter von 92 Jahren) nahmen 1972 in Mannheim eine manuelle Arbeit auf und gründeten mit zehn weiteren Arbeiterpriestern 1972 im Oblatenkloster Mainz die halbjährlich stattfindende Konferenz der Arbeiterpriester aus Bistümern und Orden. Sie sandten regelmäßig Delegierte zu den internationalen Konferenzen der Arbeiterpriester. Nachdem auch Ordensschwestern aufgenommen worden waren, wurde die Konferenz „Arbeitergeschwister“ genannt. Ich nahm 1984-1989 an diesen Treffen teil und fuhr auch als Delegat zu den Konferenzen nach Frankreich.

Der Franziskaner Karl Möhring arbeitete 1974 bis 2000 bei Opel in Bochum und lebte in einer Obdachlosensiedlung.

 

P. Christian Maria Oskar Herwartz SJ (1943-2022) gründete 1978 zusammen mit P. Michael Walzer SJ (1948-1986) eine Arbeiterpriesterkommunität der Jesuiten in Berlin-Wedding. 1979 zogen sie nach Kreuzberg. Zunächst lebten sie in einem Arbeiterheim und in einer Ausländerunterkunft. 1984 zogen sie in eine eigene Wohnung in der Naunynstraße 60. Gäste wurden jederzeit ohne wenn und aber aufgenommen.

Kreuzberg, Naunynstraße 60 am 9. Mai 1986: Br. Franz Keller SJ (1925-2014), P. Godehard Pünder SJ (1935-2017). H. M. Knechten und P. Hans Heim SJ.
Michael Walzer (1948-1986) war zu dieser Zeit sterbenskrank.

 

1975 ging der Jesuit Christian Herwartz (1943-2022) in eine Gemeinschaft von Arbeiterpriestern nach Frankreich. Ihm folgte 1977 Michael Walzer. 1978 begründeten beide mit ihrem ungarischen Mitbruder Peter Musto eine Kommunität in Berlin. Nach einem halben Jahr zogen sie nach Berlin-Kreuzberg um.

Heute gibt es in Deutschland vierzig Arbeitergeschwister.

Ein Brief und die Antwort

Am 10. März 1983 schrieb Franziska L. mir den folgenden Brief:

Lieber Heinrich!

Für Deinen lieben Brief vielen Dank! Es drängt mich, Dir gleich zu antworten.

Ich finde [es] sehr gut, wenn Du Dir mehr Zeit für Stille und Gebet nimmst. Ich bin auch seit Anfang des Jahres wieder auf die zusammenhängende Stunde des Gebetes zurückgekommen. Da ich die Arbeit in Reichenberg (Kommunion- und Firm-Unterricht) abgeben konnte, habe ich auch da mehr Luft. Dadurch, daß ich regelmäßig früher aufstehe, ist mein Tag länger. Die größere Ruhe im Tagesrhythmus macht sich „bezahlt“. Ich kann die Einzelnen anders sehen und anders dasein – und bin dankbar dafür.

Im Augenblick bin ich innerlich sehr ruhig und gleicherweise bereit zu bleiben und auch zu gehen, wenn ich von Gott her erkennen sollte, daß er das so will.

Die Tendenz zu mehr Gemeinschaft und zu einem einfachen, der Gemeinde angepaßten Lebensstil, scheint mir ebenfalls gut.

Nicht verstehen kann ich, warum Du ausgerechnet Hilfsarbeiten verrichten willst in einer Zeit, wo so viele Hilfsarbeiter nach einer Stelle suchen und gerade diese Stellen, vor allem aber die halben Stellen, am stärksten abgebaut werden und fehlen. Da nimmst Du doch nur anderen den Platz weg.

In der augenblicklichen Situation fände ich es richtig, eine einfache Wohnung zu nehmen (oder andere mit in die eigene größere Wohnung hineinzunehmen). Du könntest entweder auf ein[en] Teil des Gehaltes von vornherein verzichten zugunsten eines Sozialhilfeempfängers in der Diözese – sei es für Arbeitslose, sei es für Menschen in der 3. Welt, oder ein eigenes Notstandskonto eröffnen. (Für mich hab ich eine kombinierte Lösung gefunden: eine feste Summe über Missio in ein[en] Solidaritätsfond für Laien im kirchlichen Dienst – Katecheten auf den Philippinen – und ein Notstandskonto, weil hier immer wieder Menschen sind, die eine diskrete Soforthilfe brauchen – manchmal auch über eine Zeit hin.)

Ich würde Dir, wenn ich Bischof wäre, zur Zeit nicht die Erlaubnis geben, als Hilfsarbeiter zu arbeiten, weil das zwar ideologisch gut aussieht, aber der augenblicklichen Realität (zumindest, wie ich sie hier und in Köln kenne) nicht entspricht.

Ich habe Kontakte mit Hilfsarbeitern und ihren Familien: Was da wichtiger wäre: daß Du ihnen als Mensch und Priester schlicht und einfach begegnest, auch in Deinem Glauben. Sie verletzt es, wenn sie sich von oben herab behandelt fühlen. Deine Aufgabe als Priester können sie durchaus annehmen. (Ich fürchte, Deine Arbeiten als Hilfsarbeiter könnten sie kaum ernst nehmen, auch fühlten sie sich dadurch kaum an- und ernstgenommen).

Wie immer Du Dich entscheidest: Es wäre gut, dazu auch von Gerhard Lohfink das Buch „Kirchenträume“, vor allem den Aufsatz „Die Priester und die soziale Gerechtigkeit“ dazu heranzuziehen. Mir scheint, daß es heute von entscheidender Wichtigkeit ist, daß Ihr eine Rolle und Aufgabe als Priester (im Unterschied zum Laien) gut durchdenkt und durchlebt.

Ich habe zur Zeit zwei Freunde, die in Lateinamerika arbeiten, beide sind als Priester dorthin gegangen, der eine hat sich sozial und politisch stark engagiert, ist schließlich ausgestiegen und Sozialarbeiter geworden, hat eine Indiofrau geheiratet. Trotz allem scheint er weder sozial noch geistlich wirklich auszukommen und etwas zu bewirken.

Ganz anders Pater Godehard Pünder, den Du ja kennst. Er arbeitet als Pfarrer, nur als Pfarrer. Er hätte anfangs anscheinend auch lieber stärker politisch zugepackt, aber sein Bruder (Bischof) hat ihn gehindert. Dennoch hab ich den Eindruck, daß er nicht nur geistlich, sondern auch sozial und politisch mehr bewirkt – wie nebenbei.

Wir haben halt an erster Stelle die geistliche Aufgabe, erst recht Ihr als Priester.

Ich würde Dich bitten, diese Fragen immer wieder in Ruhe vor Gott hinzuhalten und dabei auch Deine persönliche Berufung gut zu prüfen. Erst wenn Du innerlich vor Gott ganz ruhig und sicher bist, daß es sein Wille ist, solltest du – in Übereinstimmung mit dem Bischof (auch wenn es schwer werden sollte, aber mir scheint das unabdingbar) – handeln.

Ich bete auch für Dich und Deinen Bischof um die rechte Entscheidung! (Könnten da nicht auch Einzelexerzitien, womöglich große, mehr zur Klärung helfen?)

Viele liebe Grüße

Deine

Franziska

 

Diesen Brief beantwortete ich am 24. April 1983 folgendermaßen:

Liebe Franziska!

Danke für Deinen Brief. Ich möchte der Reihe nach auf Deine Bedenken eingehen:

1.   Nehme ich anderen den Platz weg?
Du gehst davon aus, daß das Kirchensteuersystem in Deutschland in Ordnung ist. Ich dagegen erfahre das Gehalt, den krisensicheren Arbeitsplatz, die laufende Erhöhung des Gehalts, die Art des Einzugs der Kirchensteuer durch den Staat als nicht vertretbar und als trennend.
Ich habe mich bei meiner Begründung, die ich Dir gesandt hatte, auf Paulus berufen; das ist nicht einfach wegzuwischen.
Wenn ich in der gleichen Situation bin wie einfache Menschen (notfalls auch arbeitslos), bin ich ihnen näher. Ich mache ja die Verbindung mit der Gemeindearbeit, bin also dann nicht ein „namenloser Christ“, der einer „Mystik des Aufgehens in der Masse“ verfällt, wie das einmal ein Bischof genannt hat. Es geht mir um Solidarität, die ich nicht habe, wenn ich hinter meinem Schreibtisch sitze.

2.   Einen Hilfsfond finde ich gut; auch ich habe von Dir einmal Unterstützung bekommen, wofür ich Dir dankbar bin, aber es geht mir darum, keine Rücklagen zu haben. „Wer nicht auf alles verzichtet, was er hat, kann nicht mein Jünger sein.“ (Lukasevangelium 14, 33).

3.   Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß ein Priester von einfachen Menschen akzeptiert wird, wenn er bescheiden und geistlich ist. Aber ich weiß auch, daß einer, der ihr Leben teilt, ihnen näher sein kann. Ich will damit nicht sagen, daß jeder diesen Weg gehen soll, aber ich fühle mich seit Jahren vom Evangelium her immer mehr in diese Richtung gedrängt.

4.   Das Buch „Kirchenträume“ von Gerhard Lohfink mit dem Aufsatz: Der Priester und die soziale Gerechtigkeit kenne ich. Ich sehe nur eine Einseitigkeit des Autors darin, daß er nicht berücksichtigt, daß es sich bei den Diktatoren Lateinamerikas und bei den Politikern, die Aufrüstung betreiben, zum größten Teil um Christen handelt. Da bin ich von meinem Gewissen her aufgerufen, als Christ, meinen christlichen Schwestern und Brüdern zu sagen, daß ihre Handlungsweise, vom Evangelium her gesehen, falsch ist. Das ist eine politische Aussage, genauso wie die Bischöfe jahrelang politische Aussagen gemacht haben, zum Beispiel bei ihrem Eintreten für die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und bei ihrer öffentlichen Unterstützung der christlichen Parteien, vor allem vor Wahlen.

5.   Daß jemand (auch) politisch tätig ist, bringt ihn nicht mehr in Gefahr, sich laisieren zu lassen, als jemanden, der nicht politisch tätig ist. Dafür bringe ich ein Beispiel: Die Steyler Missionare, die sich laisieren ließen, waren fast alle nicht politisch tätig gewesen.

6.   Es gibt auch positive Vorbilder von Priestern, die politisch tätig sind, wie zum Beispiel Helder Camara und viele andere lateinamerikanische Bischöfe und Priester. In Deutschland sind es Johann Baptist Metz, Ferdinand Kerstiens und viele andere.

7.   Wir haben an erster Stelle eine geistliche Aufgabe, aber die schließt die Sorge für den ganzen Menschen ein: für Frieden, für eine gesunde Umwelt, für mehr Nahrungsmittel in der „Dritten Welt“ und für mehr Gerechtigkeit und Gleichbehandlung.

8.   Große Exerzitien habe ich 1975 gemacht, aber ich sehe das Ganze als geistlichen Prozeß; denn schließlich kam der Impuls aus dem Evangelium.

9.   Die ersten Gespräche mit der Diözesanleitung haben bereits stattgefunden.

 

Dies schreibe ich Dir heute in Kürze. Mit herzlichen Grüßen von Deinem

Heinrich

 

 

1984 schrieb ich einen Artikel in der Zeitschrift Publik-Forum:

Das Leben der Arbeiter teilen

Kaplan Heinrich Knechten mußte seine Gemeinde in Oer-Erkenschwick verlassen, weil er unbequem war (Publik-Forum Nr. 2/84, Seite 28). [Von mir veröffentlicht: Hartmut Meesmann, Hatz auf einen grünen Kaplan.] Er möchte Arbeiterpriester werden. So bat er jetzt den Bischof von Münster um eine Beurlaubung auf drei Jahre. Derzeit bemüht sich Knechten um einen Arbeitsplatz. Nachfolgend begründet er seinen Wunsch, das Leben der Arbeiter zu teilen.

Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie. Durch Gymnasium und Studium wurde ich aber der Arbeitswelt immer mehr entfremdet, so daß meine Sprache und mein Weltbild mehr und mehr „oberschichtig“ getönt wurden. Schließlich verstand ich Arbeiter nicht mehr.

An meiner ersten Kaplanstelle machte ich folgende Erfahrungen: Obwohl unsere Gemeinde zu 75 % aus Arbeiterfamilien bestand, war diese Schicht im Gottesdienst und bei pfarrlichen Aktivitäten völlig unterrespräsentiert. In der Predigt und bei Bildungsveranstaltungen wurden ihre speziellen Probleme kaum angesprochen.

Durch den Kontakt mit den Kleinen Schwestern und Brüdern Jesu wurde ich auf die Welt einfacher Menschen aufmerksamer. Ich erfuhr immer mehr, daß meine Stellung privilegiert ist: Als Junggeselle bewohnte ich ein Haus mit acht Zimmern, das in unmittelbarer Nähe zur Kirche und zum Pfarrheim lag, in denen ich meist Dienst tat. Mein Arbeitsplatz war krisenfest. Durch eine Krankenkasse für Priester war ich für einen geringen Betrag Privatpatient. Mein Gehalt entsprach dem eines Gymnasiallehrers. Meine Stellung war geachtet und ziemlich einflußreich („Was meinen Sie dazu, Herr Kaplan?“).

Durch die Beschäftigung mit den Ursachen des Elends in der „Dritten Welt“ gelangte ich dazu, auch die wirtschaftlichen Mechanismen in Staat und Kirche in der Bundesrepublik kritisch zu hinterfragen. Schließlich wurde die Absicht in mir immer stärker, neben meiner Tätigkeit in der Gemeinde noch einer körperlichen Arbeit nachzugehen. Die Erfahrungen in einem Industrieseminar in Herzogenrath motivierten mich weiter.

In Gesprächen mit Gemeindemitgliedern und Mitbrüdern wurden aber Einwände deutlich. Sie lauteten beispielsweise:

·     Du nimmst einem anderen die Arbeitsstelle weg. Das ist bei so großer Arbeitslosigkeit unverantwortlich!

·     Beim heutigen Priestermangel brauchen wir alle Kräfte!

·     Wenn du nicht ausgelastet bist, mach doch Hausbesuche bei Arbeitern!

·     Unsere säkularisierte Zeit braucht Priester und keine geistlichen Kumpels!

·     Du kannst doch einen Teil deines Gehalts für Arbeitslose spenden!

Mein Wunsch als Priester die Welt der Arbeiter zu teilen hat drei Beweggründe:

(1)                 Als privilegierter Geistlicher erreiche ich eine Arbeiterfamilie bei einem Hausbesuch nicht wirklich, da ich nach ihrem Gefühl auch von „denen da oben“ komme, die sicher im Sattel sitzen und die Probleme einer solchen Familie gar nicht aus eigener aktueller Erfahrung kennen. Daher erscheint mir eine stärkere Schicksalsgemeinschaft mit Arbeitern notwendig.
Quantitativ erreiche ich in der Gemeinde mehr Menschen, aber es sind immer die gleichen. Wie Untersuchungen zeigen, gehört die Mehrheit der Pfarrgemeinderatsmitglieder sowie der Mitglieder in kirchlichen Jugendgruppen der Mittelschicht an. In der Sorge um die Akademiker bemüht sich die Kirche sehr stark: Es gibt geistliche Studienräte, Hochschulseelsorge und Bildungsstätten. Sie sorgt sich aber kaum um Arbeiterfamilien. Mir erscheint das wie eine „pastorale Monokultur“. Im übrigen: Priestermangel besteht in der Bundesrepublik nicht, wenn man die Zahl der hiesigen Priester mit denen in einem Land der „Dritten Welt“ vergleicht. Außerdem kommt man an der Infragestellung des Zölibats und der Prüfung der Gründe eines Ausschlusses von Frauen aus dem Priesteramt nicht vorbei. Dieser Ausschluß und der Zölibat verursachen nachweislich die verhältnismäßig geringe Zahl von Priestern!

(2)                 Die westdeutsche Kirche hat ein in der Welt einzigartiges Finanzierungsmodell: Der Staat zieht für die Kirche Steuern ein! Er erhält für diesen Dienst zwar drei Prozent des Kirchensteueraufkommens, aber der Eindruck einer allzu großen Nähe von Kirche und Staat wird durch die Rücksichtnahme der Kirchenleitungen auf staatliche Interessen verstärkt. Die Folge ist die Versuchung, das Evangelium an bestehende Verhältnisse anzupassen.
Muß die Kirche zweitgrößter Arbeitgeber in der Bundesrepublik sein? Wäre es nicht besser, die Trägerschaft so großer Institutionen gerade um des sozialen Anliegens willen, das durch den Massenbetrieb und die Gesetze der „Wirtschaftlichkeit“ zu kurz kommt, schrittweise abzubauen? Wer ein so gewichtiger Arbeitgeber wie die Kirche ist, wird dahin tendieren, Arbeitgeberinteressen zu vertreten. Die Folge ist: Ein Bischof wird in seinem Handeln einem Generaldirektor ähnlich. Ist nicht auch deshalb gewerkschaftliche Tätigkeit in der Kirche verboten? Wird nicht auch deshalb gewerkschaftliche Tätigkeit in anderen Betrieben mit der Polemik von seiten einiger Kleriker überzogen?
Aus Arbeitersicht erscheinen die Priester in der Bundesrepublik wie Parasiten. Sie erwecken zudem ständig den Eindruck der Simonie, als verkauften sie geistliche Dinge für Geld; denn es wird im Pfarrbüro gefragt: „Was kostet eine Messe, eine Beerdigung?“
Die Kirche kümmert sich um die Arbeitslosenproblematik, indem sie Geld spendet oder Initiativen ins Leben ruft. Es genügt aber nicht, einfach nur die Wunden zu verbinden! Die Ursachen der Arbeitslosigkeit müssen angegangen werden.
Es muß die Frage gestellt werden, inwieweit Unternehmer Interesse an Arbeitslosigkeit haben. Seit Jahrzehnten wird geklagt: „Wir haben zu wenig Facharbeiter!“ Da stellt sich die Frage, warum in einer so langen Zeit nicht genügend Facharbeiter ausgebildet wurden.
Warum kommt es vor, daß Arbeitnehmer, die älter als vierzig Jahre sind, entlassen werden?
Wenn ein Priester auf mühselige Weise Arbeit suchen muß, dann einen Arbeitsplatz wieder verliert, wird er sich viel eher und glaubwürdiger für soziale Gerechtigkeit einsetzen.

(3)                 Was ich anstrebe, ist die Lebensweise, die der Apostel Paulus vorgelebt hat, nämlich eine Verknüpfung von körperlicher und geistlicher Arbeit. Für Paulus ist es wichtig, daß er das Evangelium unentgeltlich verkündet (vgl. 1 Kor 9, 18). Zudem bekam er erste Kontakte zu Menschen meist dadurch, daß er mit ihnen zusammen arbeitete (vgl. Apg 18, 3; 1 Thess 2, 9).

Die Kirche war und ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. (Ein Pfarrer berichtete stolz: „Wir haben sieben Messen am Heiligen Abend und an Weihnachten gefeiert, und jedesmal war die Kirche voll!“).

Es geht in der Kirche um Katechese, Liturgie, Sakramentenspendung, Organisation und Verwaltung, – viel zu wenig aber um soziale Fragen.

Das bedeutet: die Gottesliebe wird in der Kirche überbetont und die individuelle (nicht die institutionelle!) Nächstenliebe kommt in ihr zu kurz. Aber was ist Gottesliebe ohne das Fundament der Nächstenliebe?

 

Heinrich Michael Knechten, Warum ich als Priester das Leben der Arbeiter teilen möchte, Erstveröffentlichung in: Publik-Forum, Nr. 5, 2. März 1984, Seite 18.

 

Ebenfalls 1984 schrieb ich einen Leserbrief:

Versteinerung

Lateinamerikanische Gemeinden und Theologen haben sich seit 1968 entschiedener als vorher hinter die Armen ihres Kontinents gestellt. Sie forderten Gerechtigkeit und klagten die Verursacher von Elend und Unterdrückung an.

Indem Joseph Kardinal Ratzinger gegen den Franziskaner und Theologen Leonardo Boff und die sogenannte Theologie der Befreiung angeht, sagt er inhaltlich Ähnliches wie lateinamerikanische Militärdiktatoren und die Reagan-Administration. Sollte ihm das wirklich nicht bewußt sein? Die Folgen für die Armen werden jedenfalls verheerend sein: Einmal mehr werden sie für vogelfrei erklärt.

Joseph Kardinal Ratzinger verurteilt die „Theologie der Befreiung“ ohne differenzierende Unterscheidungen zu treffen. Wie behutsam zieht dagegen beispielsweise der Jesuit und Theologe Jon Sobrino die Linien von der traditionellen Dogmatik zu einer heutigen lateinamerikanischen Glaubenslehre aus!

Wie fundiert ist die Spiritualität Leonardo Boffs! Wie klärend ist die Exodustheologie (Die Theologie, ausgehend vom Auszug der Israeliten aus Ägypten) Gustavo Gutierrezʼ!

Von einem behaglich eingerichteten vatikanischen Büro aus ist es offensichtlich schwierig, die Situation von Menschen, die im Elend leben, zu verstehen.

Glaubt Joseph Kardinal Ratzinger allen Ernstes, daß den Christen in Lateinamerika solch eine europäische Zwangsjacke paßt? Wo bleibt denn der Glaube an den Geist, der weht, wo er will? (Vergleiche das Johannesevangelium 3, 8). Soll der Geist nur da wehen, wo es ein vatikanischer Beamter möchte?

Ich befürchte, daß die „Weltkirche“ wiederum so versteinert wie es in den 1950er Jahren der Fall war.

Mut macht mir allerdings ein Gedanke von Jon Sobrino: „Verfolgte Christen und Kirchen sind glaubwürdig.“ (Vgl. Publik-Forum, 1984, Nr. 6, Seite 27).

 

Heinrich Michael Knechten, Versteinerung. Zu: „Wird die Kirche des Volkes in die Knie gezwungen?“ (Publik-Forum 1984, Nr. 17), Erstveröffentlichung in: Publik-Forum, Nr. 5, 8. März 1985, Seite 3.

Befreiungstheologien

Vorbemerkungen

„In einem guteingerichteten und schöngestalteten Raum kann man die Theologie der Befreiung nicht verstehen.“ Mit dieser Feststellung begann der Steyler Missionar Pater Rüdiger Brunner, der sechs Jahre in Argentinien gewirkt hatte, seinen Vortrag über Theologien der Befreiung.

Ich sagte: „Theologien der Befreiung“, verwendete also den Plural. Es gibt nämlich eine große Vielfalt bei diesen Theologien. Ich beschränke mich in diesem Referat auf einige wenige Theologien der Befreiung in Lateinamerika. In Afrika (besonders in Südafrika) und in Asien (besonders auf den Philippinen) gibt es weitere Formen der Befreiungstheologie, die ich hier nicht berücksichtigen kann.

In Theologien der Befreiung ist fast ausschließlich von der Befreiung der Brüder die Rede. Auch Oscar Romero wandte sich in seinen Predigten in San Salvador an die „lieben Brüder“. Bei Leonardo Boff und Gustavo Gutierrez gibt es bescheidene Ansätze, Frauen wenigstens einzubeziehen. Daher wäre eine feministische Theologie der Befreiung notwendig, da die bisherigen Theologien der Befreiung einseitig fast nur die Männer berücksichtigen. Frauen in der sogenannten Dritten Welt werden von Gesellschaft und Kirche und zusätzlich auch noch von ihren Männern unterdrückt.

Die Urform der Herrschaftsausübung ist die Unterdrückung der Frauen durch die Männer.

·     Dieser Gedanke stammt von Friedrich Engels (1820-1895), Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Im Anschluß an Lewis H. Morgans Forschungen, Zürich-Hottingen 1884, Kapitel 2: Die Familie:
„Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismusʼ von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klasssenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.“

·     Simone de Beauvoir, Le Deuxième sexe. Lʼexpérience vécue, Paris 1949, legte dar, daß die gesellschaftliche Konstruktion der Frau als das „Andere“ und die Dominanz des Mannes die fundamentale Urform der Entfremdung und Herrschaft bilden.

·     Der Soziologe Pierre Bourdieux (1930-2002), La famille dans tous ses états, Paris 1996,  übernahm den Gedanken der männlichen Herrschaft

Lateinamerikanische Befreiungstheologien

Ich setze vom Alltag her an und lese in deutscher Übersetzung Abschnitte aus Briefen vor, die mir die Krankenschwester Maria Esther Borzani aus Estelí schrieb. Sie hatte in dieser Stadt im Norden Nicaraguas ein Kinderzentrum ins Leben gerufen.

„Unser Kinderzentrum (centro de desarollo infantil) ist gegründet! Seit fünf Tagen sind Kleinkinder unseres Stadtviertels in unserer Einrichtung, die wir als Schule des Neuen Menschen betrachten. […] Die Situation ist sehr schwierig: Die Angriffe von Honduras aus erfolgen fast täglich. In dieser Woche starben zwei Freunde aus Estelí und es gab mehrere Verwundete infolge eines Hinterhalts der Gegner. Das Monster des Nordens verzichtet nicht auf Nicaragua, das im Begriff ist, sich von seinen Tentakeln zu befreien.“ (Brief vom 20. Oktober 1982).

„Wehrlose Landarbeiter wurden ermordet, um Terror zu verbreiten und das Einbringen der Ernte zu verhindern. In der vergangenen Woche wurden mehrere Familien entführt; unter ihnen waren die Kinder in der Mehrzahl. Das Schweigen der Bischöfe angesichts dieser Ereignisse ist durch nichts zu rechtfertigen. Es besteht kein Zweifel daran, daß der Feind der Menschlichkeit die wirtschaftliche Destabilisierung des Landes beabsichtigt.“ (Brief vom 9. Januar 1983).

„Drei Tage vor der Ankunft des Papstes Johannes Paul II. in Nicaragua wurden siebzehn Jugendliche in einem Hinterhalt ermordet. In dieser Situation eines angegriffenen Volkes war der Besuch des Papstes für die Mehrzahl der Nicaraguaner eine große Hoffnung, die sich aber nicht erfüllte. Es ging dem Papst in seinen Ausführungen nur darum, die kirchlichen Strukturen zu stärken und Stellung zu nehmen gegen die vermeintlichen Feinde des christlichen Glaubens.

Der Papst sagte nur einmal paz, als er Ruhe einforderte, um ungestört weiterreden zu können. Er forderte keinen Frieden für das Land und enttäuschte gründlich alle Erwartungen, die in seinen Besuch gesetzt worden waren.“ (Brief vom 12. März 1983).

„Die kirchliche Hierarchie in Nicaragua gibt keinen Erweis einer Konversion, im Gegenteil, sie bewahrt absolutes Schweigen angesichts der häufigen und furchtbaren Verbrechen, die gegen wehrlose Landarbeiter begangen werden. Dies beweist ihre Komplizenschaft mit dem Imperialismus. Gestern wurden neun Kinder ermordet und der Präsident der Nicaraguanischen Bischofskonferenz meinte: Es ist schlimmer, die Seele zu verlieren als den Körper!“ (Brief vom 2. November 1984).

Nach diesen Zitaten aus Privatbriefen führe ich zwei Stellen aus dem Buch Gustavo Gutierrezʼ, Die historische Nacht der Armen, München und Mainz 1984, an:

„Reich Gottes und soziale Ungerechtigkeit lassen sich nicht miteinander vereinbaren.“ (Seite 39).

„Nur wenn wir uns bemühen, die gegenwärtige Situation zu verändern, bekommen wir einen wirklich realistischen Blick für den historischen Augenblick.“ (Seite 40).

 

Aus: Leonardo Boff, Kirche: Charisma und Macht, Düsseldorf 21985:

„Zu Gott ist nur auf dem Weg der Gerechtigkeit zu finden.“ (Seite 52).

„Reiche und Arme kommunizieren gemeinsam in der Kirche, exkommunizieren sich aber in der Fabrik.“ (Seite 216).

Europäische Befreiungstheologien

Es sind viele Ansätze möglich, zum Beispiel das Leben in Obdachlosenvierteln oder eine Tätigkeit in prekären Arbeitsverhältnissen.

Im Folgenden skizziere ich meinen eigenen Schwerpunkt:

Ich wurde motiviert, Arbeiterpriester zu werden, durch die Lebensweise, die der Apostel Paulus führte. Er verkündigte das Evangelium unentgeltlich (vgl. 2. Korintherbrief 11, 7). Ich wollte mich für meine seelsorgliche, sakramentale, katechetische und homiletische (Predigt-) Tätigkeit nicht mehr bezahlen lassen.

Der Staat zieht für die Kirche die Kirchensteuer ein und erhält dafür drei Prozent des Kirchensteueraufkommens. Kirche und Staat nehmen aufeinander Rücksicht, weil sie allzu eng miteinander verbunden sind. Die Gefahr besteht, daß das Evangelium angepaßt wird. Paulus aber mahnt: „Paßt euch nicht dieser Welt an!“ (Römerbrief 12, 2).

Ich werde manchmal gefragt: „Was kommt denn nun durch das Arbeiterpriestertum für die Kirche heraus?“

Ich möchte zunächst auf das Wort Martin Bubers hinweisen: „Erfolg ist keiner der Namen Gottes.“ (Eugen Kogon und Karl Thieme, Porträt Bubers, in: Frankfurter Hefte 1951, Heft 6, 195f).

Jesus hat nicht in erster Linie auf den Erfolg seiner Arbeit gesehen. Als ihn viele verließen, die ihm vorher wegen der Brotvermehrung begleitet hatten, fragte er die Umstehenden: „Wollt auch ihr gehen?“ (Johannesevangelium 6, 67). Jesus wollte in erster Linie den Willen seines Vaters tun (vgl. Johannesevangelium 4, 34).

Ich möchte dazu beitragen, daß Kirche und Arbeiter einander näherkommen, indem ich unter ihnen lebe und mit ihnen arbeite. Ich habe erfahren, daß diese Haltung der Absichtslosigkeit Vertrauen bewirkt. Es ergeben sich Gespräche und Kontakte.

Ich spüre, wie ich jetzt die Bibel anders lese. Im Buch Exodus 9, 11 wird der Akkord heraufgesetzt: „Geht selber hin und holt euch Stroh, von der Arbeit aber wird euch nichts erlassen!“ Da ich Akkordarbeiter bin, kenne ich den täglichen Kampf darum, daß der Akkord nicht immer höhergeschraubt wird. Junge Menschen kommen mit diesem Tempo mit, aber ältere und angeschlagene schaffen das einfach nicht mehr.

Im gleichen Buch Exodus fand ich auch den passenden Bibelspruch zu meiner Arbeit: „Er hemmte die Räder an ihren Wagen und ließ sie nur schwer vorankommen.“ (Exodus 14, 25). Ich presse nämlich Bremsbeläge.

(Als ich das bei meinem Vortrag sagte, wußten die Zuhörerinnen und Zuhörer nicht. ob sie lachen oder weinen sollten.)

In Frankreich gibt es umfangreichere Erfahrungen des Arbeiterpriestertums. Dort besteht es auch viel länger als in Deutschland.

Folgerungen und Fragen

Dorothee Sölle zitierte beim Gedenken an den ermordeten Bischof Oscar Romero in Köln am 15.-17. März 1985: „Ein Volk ohne Vision geht zugrunde.“ (Sprüche Salomons 29, 18). Ihr Vortrag wurde in den zehnten Band ihrer Werke aufgenommen.

Welche Vision haben wir für unser Leben und für unsere Arbeit? Ohne Vision stagnieren wir. Eine fruchtbare und schöpferische Arbeit ist ohne Vision nicht möglich.

Auch wer Widerstand gegen Bestehendes leistet, braucht eine Spiritualität, damit keine pure Renitenz entsteht, also keine uninspirierte Widerspenstigkeit oder Aufsässigkeit.

·     Hinweise auf eine solche Spiritualität finden sich in: Dorothee Sölle, Im Hause des Menschenfressers. Texte zum Frieden, Reinbek 1981; 1982; 1984; 1986.
Hier geht es um die Notwendigkeit und Kraft des gewaltlosen Widerstandes aus einer christlich-politischen Haltung.

Ich halte es für wichtig, eine „kritische Liebe“ zur Kirche zu entwickeln. Das bedeutet: Die Kirche lieben, schätzen und für sie eintreten, aber gleichzeitig ihre Reformbedürftigkeit und die Notwendigkeit neuer Wege aufzeigen.

·     Dorothy Day, On Pilgrimage, New York 1948; 1972, 189: Die Autorin rät, sich unabhängig von der Kirche zu machen.

Die Kirche braucht Menschen, die Phantasie entwickeln, die vorangehen, die aufbauende Kritik üben und prophetisch handeln, sich nicht ausgrenzen lassen und auch nicht aufgeben.

Sich nur „die Wunden zu lecken“, genügt nicht. Werden wir frei für die Menschen, die unsere Solidarität brauchen!

 

Heinrich Michael Knechten, Vor welche Fragen stellen uns die Befreiungstheologien?, Vortrag, gehalten in Mauloff  (Weilrod im hessischen Hochtaunuskreis), 3. bundesweites Treffen der Christenrechte in der Kirche am 4. Mai 1985.

Leben als Arbeiterpriester

Warum ich Arbeiterpriester bin

Sechs Jahre war ich Kaplan in der Pfarrgemeinde. Dort machte ich die Erfahrung, daß durch Gottesdienste, Veranstaltungen und Jugendarbeit nur der kleinere Teil der Gemeinde angesprochen wurde.. Ich stellte mir die Frage: Was ist mit den Anderen?

Zugleich erfuhr ich immer stärker, daß meine Position privilegiert ist: Gehalt, Wohnung, Arbeitsbedingungen, geachtete Stellung – ich hatte mehr und mehr das Gefühl, zu „denen da oben“ zu gehören.

Jesus dagegen war Zimmermann (vgl. Markusevangelium 6, 3), also Bauhandwerker. Paulus war Zeltmacher (Apostelgeschichte 18, 3). Er arbeitete körperlich und ließ sich nicht von den Gemeinden unterhalten, um dem Evangelium kein Hindernis zu bereiten (vgl. 1. Korintherbrief 9, 12).

Von daher erschien mir die Form der Kirchensteuer in der Bundesrepublik mehr als zweifelhaft. Wichtig wurde mir auch der Gedanke der Schicksalsgemeinschaft. So viele Menschen leben und arbeiten unter harten Bedingungen! Da wollte ich nicht abseits stehen, sondern ihr Leben teilen.

Welche Erfahrungen ich mache

Es begann mit einem halben Jahr der Arbeitslosigkeit. Um mich finanziell über Wasser zu halten, arbeitete ich als Leiharbeiter. Ich denke mit Schrecken an diese Zeit zurück. Im Nachhinein bin ich aber dankbar dafür, auch diese Abgründe unserer Gesellschaft kennengelernt zu haben.

Nun arbeite ich als ungelernter Arbeiter in einem Betrieb, der Reibungs- und Bremsbeläge für Bahn und Bergbau fertigt. Die Arbeit in drei Schichten, der Lärm, die Hitze, der Stückzahlakkord, der Staub und die Schadstoffe machen mir zu schaffen. Ich fühle mich aber von der Gemeinschaft meiner Arbeitskollegen getragen. In Hilfsbereitschaft, Humor und gewaltfreiem Widerstand erfahre ich gelebte Religion. Ich möchte meinen Glauben tun und nicht nur Worte und Gedanken äußern.

Bei den Treffen der Arbeitergeschwister teilen wir unsere Erfahrungen mit, korrigieren uns gegenseitig, versuchen, das Evangelium lebendig werden zu lassen und feiern Eucharistie miteinander.

Unsere Welt ist nicht in Ordnung. Ich habe das Gefühl, den Menschen, welchen es nicht so gut geht, näher gekommen zu sein. Mein Gebet ist weniger ein Verweilen oder eine Versenkung, als vielmehr ein Schrei nach Gott.

Perspektiven

Was ich zu leben versuche, möchte ich mit „Mystik und Politik“ bezeichnen.

·     Johann Baptist Metz, Zeit der Orden. Mystik und Politik der Nachfolge, Freiburg im Breisgau, Basel und Wien 1977.

Neben der Fabrikarbeit halte ich Familienexerzitien, gebe Meditationskurse und führe geistliche Gespräche mit einzelnen.

Mit meinen Arbeitskollegen nehme ich an gewerkschaftlichen Aktionen teil.

Es schmerzt mich, daß einige Mitbrüder meinen, ich wirke außerhalb der Kirche. Dennoch arbeite ich mit sehr vielen anderen daran, daß alle Menschen die Kirche als ihre Heimat empfinden können, damit eine universale Gemeinschaft entsteht.

 

Heinrich Michael Knechten, Leben als Arbeiterpriester, Erstveröffentlichung in: Christenrechte in der Kirche, Frankfurt, 12. Rundbrief, 1. November 1986, 7f.

Auf dem Katholikentag in Aachen, der als Motto hatte: Dein Reich komme, habe ich diesen Text am 13. September 1986 als Flugblatt verteilt.

Catholic Worker

Wenn Dorothy Day (1897-1980) nach den Zielen der Catholic-Worker-Bewegung gefragt wurde, kam sie fast immer auf Peter Maurin (1877-1949) zu sprechen. Sie bezeichnete ihn als „Begründer, Anstifter und Lehrer“.

Dorothy Day schrieb: Peter Maurin wirkte wie ein kräftiger französische Bauer mit breiten Schultern und starken Händen, welche die Hände eines Gelehrten waren, mehr gewohnt, mit Büchern umzugehen als mit einer Schaufel. In seiner Jugend war er Lehrer bei den Brüdern der christlichen Schulen. Er hatte nämlich eine gute Ausbildung erhalten, obwohl er Bauernsohn war.

1903 verließ Maurin den Schulorden und wirkte im Rahmen der linken katholischen Laienbewegung Le Sillon mit, die Kooperativen und Gewerkschaften unterstützte.

1909 wurde er Wanderarbeiter zunächst in Kanada, dann in den Vereinigten Staaten. In Bibliotheken las er Werke des französischen Personalismus (Emmanuel Mounier und Jacques Maritain) sowie Schriften des russischen Anarchisten Pëtr Alekseevič Kropotkin.

1932 begegnete er Dorothy Day und begründete 1933 mit ihr die Bewegung christlicher Arbeiter.

Dorothy Day schrieb: Ziel dieser Bewegung ist, das zu unterstützen, was Peter Maurin die Grüne Revolution nannte.

[Dieser Begriff hatte 1933 einen anderen Inhalt als 2026.]

Peter Maurin wollte die Art von Gesellschaft errichten, in der es für den Menschen leichter ist, gut zu sein.

Der Beginn dieses Prozesses ist die Klärung der Gedanken, wie er es nannte. Dies geschah in Diskussionen, Kursen, Exerzitien und freiwilligen Arbeitseinsätzen.

Wir begannen, Häuser der Gastfreundschaft zu errichten, in denen Suppenküchen, Kleiderkammern und Zimmer für Obdachlose waren. Wir kümmern uns um die unmittelbaren Nöte derjenigen, die zu uns kommen. Es sind Menschen jeder Farbe, jedes Glaubensbekenntnisses und unterschiedlichen geistigen Niveaus. Wir sind eine „Gemeinschaft Verwundeter“, wie es eine ehemalige Patientin der Psychiatrie ausdrückte.

Es ging Peter Maurin um eine Synthese von Kult, Kultur und Kultivation.

·     Kult steht an erster Stelle, um das Primat des Spirituellen zu betonen. Peter Maurin war sehr religiös. Er versäumte nie die tägliche Heilige Messe.

·     Kultur: Vorträge, Diskussionen, Veranstaltungen, Studium.

·     Kultivation: Errichtung von Landkommunen. Nach Peter Maurin ist Arbeit für den Menschen so notwendig wie Brot. Er legte großes Gewicht auf körperliche Arbeit. Er entwickelte eine Philosophie der Arbeit. Damit verband er die Abschaffung des Lohnsystems.
Arbeit, nicht Löhne! An diesem Slogan hatte er Freude, weil er die Menschen zum Nachdenken brachte.

Hier möchte ich eine Anmerkung machen. Im ursprünglichen Impetus der Kibbuzbewegung ist vieles von diesen Vorstellungen verwirklicht worden. Ich habe versucht, dies zu skizzieren: Der Kibbuz als Gemeinschaftsmodell.

Dorothy Day fuhr fort: Wir werden oft gefragt, ob unser Ziel ein christlicher Kommunismus sei.

Peter Maurin schrieb einen Essay, in dem er darlegte, daß es einen christlichen Kommunismus und einen christlichen Kapitalismus gibt. Der französische Philosoph Pierre-Joseph Proudhon schrieb in seinem Werk Quʼest ce que la propriété, Paris 1840: „Eigentum wird um so heiliger, je allgemeiner es wird.“

Der bisherige Ansatz des Kampfes gegen die Armut ist falsch. Jeder sagt, das Problem sei so gewaltig, daß nur staatliche und kirchliche Stellen etwas dagegen unternehmen können.

Wir aber beginnen bei uns, geben das, was wir haben, und die Bewegung breitet sich aus. Dies ist der dynamische, organische Ansatz.

Es geht uns um freiwillige Armut. Ein Geheimnis der Armen ist, daß sie Jesus sind, und was du für sie tust, das tust du für ihn.

·     „Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäusevangelium 25, 40).

Indem wir ihre Armut teilen, wachsen wir in der Erkenntnis Gottes und im Glauben an die Liebe.

Der Friede ist uns ein großes Anliegen. Dabei geht es uns nicht nur darum, Nuklearwaffen zu verdammen, sondern alle Waffen des modernen Krieges, Napalm, Minenbomben, chemische und biologische Waffen genauso wie nukleare. Und wir hoffen, daß auch kirchlicherseits die Lehre über die Bedeutung des Gewissens klarer dargelegt wird.

Die Menschen, die zu uns kommen, denken oft, wir hätten schon erfüllt, was wir als Ideal aufgestellt haben. Nein, wir sind auf dem Weg. Von der einen Seite erhalten wir Beifall, von der anderen Seite Verurteilungen. Wir müssen in Geduld wachsen.

 

Nach: Dorothy Day, On Pilgrimage. The Sixties, New York 1972, 170-172. 206-209. 228-232. Übersetzung von Heinrich Michael Knechten, Zur Spiritualität der Catholic-Worker-Bewegung, Erstveröffentlichung in: Hoffnungsdepot (Dortmund), Nr. 3, Sommer 1986, Seite 5.

Ungeliebte Kinder der Kirche

Wenn ich bei einer Begegnung erwähne, daß ich Arbeiterpriester bin, ruft mein Gegenüber manchmal erstaunt: „Ja, Arbeiterpriester – gibt es die eigentlich noch?“ Ich möchte daher in diesem Beitrag einige Informationen geben.

Wie lange gibt es schon Arbeiterpriester?

Nach einem langen Gespräch mit einem Mitbruder über das Arbeiterpriestertum sagte dieser, abschließend: „Das ist keine Aufgabe für Priester!“ Eine solche Reaktion ist nicht selten. Daher möchte ich ein wenig auf die Geschichte des Arbeiterpriestertums eingehen.

Die Anfänge liegen im Judentum. Die Mischna bestimmt: „Rabbi Zadok sagte: Mache die Tora nicht zu einer Krone, dich damit zu rühmen, und nicht zu einem Spaten, damit zu graben!“ (Pirqe Avot 4, 5). Das heißt, der Rabbiner sollte nicht von seiner Religionsausübung leben, sondern einen handwerklichen Beruf haben. Der religiöse Dienst sollte gratis gegeben werden.

Jesus war Zimmermann (Markusevangelium 6, 3). Er hat eine wesentlich längere Zeit seines Lebens damit zugebracht, körperlich zu arbeiten, als zu predigen. Damit ist eine gesunde Verhältnismäßigkeit zum Ausdruck gebracht worden.

Paulus war Zeltmacher (Apostelgeschichte 18, 3). Er ließ sich nicht von der Gemeinde unterhalten, um dem Evangelium kein Hindernis zu bereiten (1. Korintherbrief 9, 12). Er wollte das Evangelium unentgeltlich verkündigen (1. Korintherbrief 9, 19). Die Urkirche wehrte sich ja dagegen, Geistliches für Geld zu verkaufen („Simonie“: Apostelgeschichte 8, 18).

Die Wüstenväter gingen dann wieder auf urchristliche Ideale zurück: „Als Abbas Antonius einmal in verdrießlicher Stimmung und mit düsteren Gedanken in der Wüste saß, […] sah er einen, der ihm glich. Er saß da und arbeitete, stand dann von der Arbeit auf und betete, setzte sich wieder und flocht an einem Seil, erhob sich dann abermals zum Beten.“ (Apophthegmata Patrum, Aussprüche der Väter 1).

Die Wüstenväter entwickelten geradezu eine Theologie der Arbeit: Die körperliche Arbeit führt zu Gott.

Die Strapazen der Arbeit lassen den Menschen seine Grenzen erfahren. Der abendländische Mönchsvater Benedikt gibt dieser Erfahrung eine geistliche Qualifikation, wenn er in seiner Regel schreibt, daß der Mönch schwierigen Arbeiten nicht ausweichen soll, sondern ihnen standhalten möge, gemäß den Worten: „Dein Herz sei stark und ertrage den Herrn!“ (Psalm 27, 14; Regula Benedicti 7, 37).

Die Reformbewegung der Zisterzienser führte auch für Priester wieder körperliche Arbeit ein.

Bernhard von Clairvaux schrieb an einen Freund: „Ich habe es erfahren, glaube es mir, in den Wäldern findest du mehr als in den Büchern, Holz und Steine werden dich über Dinge belehren, von denen du bei den Lehrern nichts hören kannst.“ (Brief 106). Bernhard meint damit die Arbeit, die in die Nähe Gottes führt.

In der Reformationszeit ist Sebastian Franck (1499-1542) zu nennen. Er war katholischer Priester, der sich zunächst Luther, dann den Wiedertäufern anschloß und schließlich jedes dogmatisch geprägte Christentum ablehnte, das er als Sekte bezeichnete: „Ich will und mag nicht zwinglisch sein, kein Wiedertäufer will ich sein. […] Christum sie gemeinlich hassen. […] Wer nun in Gottes Reich will gahn, der flieh darvon, nach Christo soll er trachten.“ (Sebastian Franck, Von vier zwieträchtigen Kirchen, deren jede die andere hasset und verdammet, in: Daniel Sudermann, Liedersammlung, 1596, Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, Signatur: Cod. Guelf. Aug./ Liederhandschrift, Blatt 256).

Sebaqstian Franck arbeitete als Seifensieder und später als Drucker. Er verfaßte theologische und mystische Schriften.

Charles de Foucauld war einige Jahre Mitglied der Trappisten. Dies ist sicher kein Zufall; denn die Trappisten, eine weitere Reform des Benediktinerordens, legen großen Wert auf körperliche Arbeit. Charles näherte sich immer mehr dem verborgenen Leben Jesu in Nazareth. Er arbeitete körperlich, war für die Menschen der Umgebung da und hielt eucharistische Anbetung in Stille.

1933 wurde die Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu und 1939 die der Kleinen Schwestern Jesu gegründet, welche die Ideale Charlesʼ aufgriffen und seither zu verwirklichen suchen.

1941 begann der Dominikaner Jacques Loew seinen Einsatz bei den Hafenarbeitern in Marseille. Er schrieb: „Die einzige Möglichkeit, mit der Masse des Volkes Kontakt aufzunehmen, ist, ihr Leben zu teilen, auch die Arbeit.“ Damit begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Arbeiterpriestertums.

Zwei Dinge wurden in dieser kurzen Übersicht deutlich: Das Arbeiterpriestertum ist so alt wie das Christentum. Die Motivation aber, die zur Aufnahme einer körperlichen Arbeit führt, ist verschieden. Jacques Loew sprach von der Schicksalsgemeinschaft. Dem liegt eine bewußte Entscheidung für die Ärmeren unserer Gesellschaft zugrunde. Dies wurde erst in neuerer Zeit so deutlich formuliert und gelebt.

Die Würzburger Synode schrieb im Jahre 1975: Die Arbeiterinnen und Arbeiter „verrichten wenig geschätzte und niedrig entlohnte Arbeit, sie haben die geringsten Aufstiegschancen, sie werden am ehesten von wirtschaftlichen Krisen betroffen.“

Diese Feststellung ist zugleich eine Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Wer mit diesen Menschen arbeitet, tritt auch für ihre Rechte ein.

Die Altkatholische Kirche fordert den Einsatz von Angestellten- und Beamtenpriestern, wie es D. Emmerling nennt, also nebenberuflichen Priestern.

Wo gibt es heute Arbeiterpriester?

In Frankreich gibt es 700, in Italien 249, in Spanien 200, in Belgien 37, in der Bundesrepublik 25, in Portugal 20, in Japan 10. in Chile, Brasilien und Mittelamerika jeweils zehn bis dreißig, in der Schweiz, in Österreich und in Kanada jeweils fünf.

In anderen als den genannten Ländern Lateinamerikas, in den Vereinigten Staaten von Amerika, in den Niederlanden, in der Deutschen Demokratischen Republik und in der Tschechoslowakei gibt es auch Arbeiterpriester, aber mir liegen keine Zahlenangaben dafür vor.

Die Einstellung der Kirchenleitung zu den Arbeiterpriestern ist meist ablehnend. Hermann Volk sagte in den 1960er Jahren, als er noch Bischof war: „Priester für die Arbeiter, aber nicht Arbeiterpriester.“ Heute ist er Kardinal.

Achille Kardinal Liénart setzte sich jedoch für die Aufhebung des Verbots der Handarbeit für Priester ein, das 1953 erlassen und 1959 verschärft worden war. Er konnte erreichen, daß in der 9. Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Konstitution Presbyterorum ordinis am 7. Dezember 1965 bestimmt wurde:

„Trotz ihrer verschiedenen Ämter leisten sie für den Menschen den einen priesterlichen Dienst. Alle werden gesandt, an demselben Werk gemeinsam zu arbeiten, ob sie nun ein Pfarramt oder ein überpfarrliches Amt ausüben, ob sie sich der Wissenschaft widmen oder ein Lehramt versehen, ob sie – wo dies bei Gutheißung durch die zuständige Autorität angebracht erscheint – sogar Handarbeit verrichten und damit selbst am Los der Arbeiter teilhaben oder sich anderen apostolischen oder auf das Apostolat ausgerichteten Werken widmen.“ (Presbyterorum ordinis, Nr. 8, Conciliorum Œcumenicorum decreta, Giuseppe Alberigo, Band 3, Paderborn, München, Wien und Zürich 31973, 1052f).

Achille Kardinal Liénart sagte: „Die Arbeiterpriester sind der Testfall für den missionarischen Ernst der Kirche.“

Wo treffen sich Arbeiterpriester?

In der Bundesrepublik gibt es regionale Treffen in Berlin, im Ruhrgebiet, in Köln sowie in Mannheim.

Die deutschsprachigen Arbeiterpriester finden sich zweimal jährlich zu einem überregionalen Treffen zusammen in Ilbenstadt bei Frankfurt. Jede Konferenz steht unter einem bestimmten Thema, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Frauenarbeit, vom christlichen Glauben Zeugnis geben, prekäre Arbeitsverhältnisse oder das Verhältnis zwischen individuellem und gesellschaftlichem Engagement. Jedes Treffen beginnt mit einem Bericht jedes einzelnen. Gerade diese persönlichen Zeugnisse geben mir viel. Ich erfahre dadurch Ermutigung, Trost, aber erhalte auch viele Informationen aus Bereichen, in denen ich nicht selbst arbeite.

Seit 1987 findet jährlich eine internationale Arbeiterpriesterkonferenz in Lyon statt. Beim letzten Treffen setzten wir uns mit den Wirkungen neuer Technologien auf die menschliche Arbeit auseinander.

Alle drei Jahre treffen sich die französischen Arbeiterpriester in Melun bei Paris. Auch dort sind ausländische Arbeiterpriester zu Gast. In diesem Jahr wurde eine Ausbildungsgruppe für Arbeiterpriester vorgestellt.

Die verschiedenen Zweige der geistlichen Familie Charlesʼ de Foucauld treffen sich ebenfalls regelmäßig.

Die weitere Entwicklung

Seit einigen Jahren treffen sich nicht nur Arbeiterpriester, sondern Ordensschwestern, evangelische und katholische Christinnern und Christen. Der neue Name für dieses Treffen lautet: Arbeitergeschwister. Alle kommen aus der kirchlichen Arbeit, können aber eine Pastoral oder karitative Tätigkeit in großen Institutionen nicht mehr mittragen. Alle arbeiten in einem Betrieb oder verrichten eine Tätigkeit, die gering entlohnt und gesellschaftlich wenig geschätzt wird.

Einige sind arbeitslos geworden, andere sind schon Rentner. Die meisten wirken bei neuen sozialen Bewegungen mit oder sind gewerkschaftlich tätig.

Mir macht Mut, daß unser Treffen zahlenmäßig ständig wächst.

 

Heinrich Michael Knechten, Arbeiterpriester: Ungeliebte Kinder der Kirche, Erstveröffentlichung in: Christenrechte in der Kirche, 14. Rundbrief, November 1988, 58-60.

Der einzige Arbeiterpriester

 

Recklinghäuser Zeitung, Nr. 49, 27. Februar 1989

Schadstoffe

Mit den folgenden Stoffen arbeitete ich an fünf Tagen in der Woche in den Jahren 1984-1989:

Allmählich wurden asbesthaltige Bremsbeläge durch asbestfreie ersetzt. Ich hatte die Aufgabe, die Probebeläge zu pressen. Die Mischung dafür enthielt ungelöschten Kalk und ich zog mir durch den Staub eine chronische Zwölffingerdarmentzündung zu. Dies war der eine Grund, warum ich 1989 aus dem Betrieb ausschied. Der andere Grund war, daß ich gefragt worden war, ob ich in der Russischen Gemeinde Horneburg als Pfarrer mitarbeiten wollte. Ich dachte darüber ein Jahr lang nach und sagte dann zu.

Bibliographie

·     Arbeiterpfarrer. Vor Ort in Betrieb und Gemeinde in der DDR. Perspektiven des Pfarrberufs angesichts einer „Volkskirche“ als Auslaufmodell, Willibald Jacob und Johannes Bruckmann, Berlin 1996.

·     Arbeiterpriester. Symbol für eine andere Kirche, herausgegeben von Eva Pipan und Franz Sieder, Amstetten (Mostviertel, Niederösterreich) 2024.

·     Aus den Quellen der Wüste. Die Bedeutung der frühen Mönchsväter für eine Spiritualität heute, Michael Schneider, Koinonia, Band 24, Köln 1987; 1989; Edition Cardo, Band 91, Köln 2002; 2007.

·     Brücke sein. Vom Arbeiterpriester zum Bruder, Christian Herwartz, interviewt von Sabine Wollowski, Vorwort von Klaus Mertes, Berlin 2013.

·     Die Arbeiterpriester. Geschichte und Entwicklungstendenzen einer in Vergessenheit geratenen Bewegung, Veit Straßner, Frankfurter Arbeitspapiere zur gesellschaftsethischen und sozialwissenschaftlichen Forschung, Band 43, Frankfurt am Main 2005.

·     Die Utopie eines radikalen Ortswechsels der Kirche. Vom Calama-Projekt zur Projektgruppe Industriearbeit Mannheim-Ludwigshafen (1968-1998), Martin Janik, Dissertation, Mainz 2014; Stuttgart 2017.

·     Katholische Arbeiterpriester in Frankreich. Ordensfrauen und die Christliche Arbeiterinnenjugend, Hans Rosenberg, Heilbronmn 1984.

 

 

© Dr. Heinrich Michael Knechten, Stockum 2026

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